Beitrag aus "Die neue Literatur, Herausgeber Will Vesper, Ed. Avwnarius Verlag Leipzig, Oktoner 1938 Heft 10
Adolf von Grolman
Arbeit und Amt
Ad. V. Grolman wird am
6. Okt. 50 Jahr alt
Der
Aufforderung, mich über mein Wollen und Schaffen zu äußern. Möchte ich dadurch
entsprechen, dass ich mich nicht zu meiner Person, sondern zu meiner Sache
äußere; d. h. zu einem Teil über meine literaturwissenschaftliche Methode, zu
einem anderen über das besondere „Amt“. Welches derjenige hat, der sich über
die Massen und Fragen des „seelischen Erbgutes der Nation“ äußert, und dann
schließlich über gewisse, sehr bedenkliche Schwierigkeiten. Welche solcher Mühe
und Arbeit leider da und dort im Wege stehen.
1.
Die
Grundlage für jedes exakte wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der
Deutschen Literatur- und Geisteswissenschaft ist nach meiner Überzeugung und
praktischen Erfahrung der Begriff. Damit ist gemeint die herbe und klar
umschriebene Unterscheidung (Kritik – vom griechischen krinein –
Unterscheidung) der Dinge, Ausdrucksformen und Meinungen. Die Philosophie und
deutsche Sprachwissenschaft haben ihre Sprach- und Maßgesetze, welche i,
wesentlichen, die Methode anlangend, feststehen und schwerlich erhebliche
Erweiterungen zeugen werden. Die Literatur und Geisteswissenschaft ist eine
jüngere Disziplin als die Philologie und ist schon deshalb, außerdem aber aus
ihrer Besonderheit, ganz gewiß nicht in besagter methodischer Lage der
Philologie. Sie ist erst seit drei Jahrzehnten etwa bereit und willens, sich
einen methodischen Rahmen zu schaffen; an Versuchen dazu fehlt es nicht, an
widersprechenden Meinungen erst recht nicht; also ist diese Lage günstig, denn
sie ist des Kommenden trächtig. Nun haben sich in Dichtung und geistiger
Äußerung seit mehreren Jahrtausenden viele tausende von Menschen schöpferisch
geäußert, und der Literaturhistoriker steht also tatsächlich meist vor einem
Chaos von Sprüchen und Widersprüchen. Um hier zu einem Überblick und zu einer
Unterscheidung (Kritik) zu kommen, bedarf man also in erster Linie des
Begriffes, Mich selbst hat das Leben so geführt, dass ich, ungeachtet aller
künstlerischen und literarischen Interessen, zunächst (1907) als Jurist in die
harte, damals obligatorische Schulung der römisch-rechtlichen
Begriffsjurisprudenz genommen wurde; das belehrt in seiner gnadenlosen
Verpflichtung zur Scheidung und Unterscheidung. Es kam im Laufe der Jahrzehnte
hinzu, dass außer der Jurisprudenz auch das Gefühl für die Gerechtigkeit
gegenüber den verkannten, totgeschwiegenen oder missdeuteten Autoren mich
entscheidend bestimmte. So konnte ich für eine Reihe von Geistern (Sebastian
Franck, Kleist, Hölderlin, Eichendorff, Stifter u. a. m.) geradezu zu einer Art
von seelischem Anwalt gegen den Strom gegnerischer, entstellender und
fälschender Vorurteile werden. Jenseits der Begriffe aber steht die
Sinnenhaftigkeit des literaturhistorischen Menschen, seine künstlerische und
ästhetische Ahnung, seine sittliche Überzeugung. Sie erweist sich schöpferisch
in der „Literarischen BVetrachtung“, d. h. in der Anschauung, im Schauen. Alles
was nicht aus Begriff und Schauen stammt, mag sein und werden, was es will, -
aber Literaturwissenschaft ist es nicht. Wer keinen Willen zum bisweilen
schmerzenden, Begriff und seine Fähigkeit zu solcher Anschauung hat, mag ein
ausgezeichneter Philologe sein, aber doch wohl kein Literarhistoriker. Die
Begriffe und das Schauen, die „literarische Betrachtung“ finden sich ganz
selbstverständlich zueinander, wenn man sich nur nicht dagegen sträubt. Damit
beginnt das, was ich in diesem Zusammenhang „Arbeit“ nenne, also eine rein
seelische Tätigkeit von allergrößter Verantwortung gegenüber dem Material,
gegenüber jedem Leser, gegenüber, wie gesagt, dem „seelischen Erbgut der
Nation“. –
2.
Aber wie?
Und, um ehrlich zu sein, wovon? Es heißt zwar, die Nachtigall sänge am besten,
wenn sie hungert, alleine derjenige, der sich um deutsche Literatur- und
Geisteswissenschaft kümmert, d.h. Kummer und Sorge und Mühe und Plahe schafft,
sitzt zwar gewiß bei Tag und bei Nacht auf dem „Baume der Erkenntnis“, … dieser
steht nicht mehr in einem Paradiese, sondern man befindet sich in den
wirtschaftlichen Schwierigkeiten des 20. Jahrhunderts, d. h. man muß sein
Auskommen suchen und finden und auch der stärkste Mensch muß angesichts der
Ermüdungen dieser Welt dann und wann auch einmal ausruhen. Bevor hier (zu 3.)
fortgefahren wird, kommt die sehr grundlegende Frage nach dem Amt; wer sein
Leben der Wissenschaft opfert, und dies aus reinen und lauteren Motiven tut,
ergreift damit ein Amt, das mit Beamtentum, mit Stellung und Position im
Beamtenleben zunächst noch ganz und gar nichts zu tun hat; der Gelehrte, der
seine Wissenschaft dem Volke zu Liebe und zu Nutz und Frommen ausübt, hat vor
den ewigen Mächten ein sehr besonderes Amt. Achtet man dessen? Ist man sich der
Wesenhaftigkeit solchen Amts auch bewußt? Fördert man es nach Kräften? Denn, um
es zu wiederholen, es handelt sich um das „seelische Erbgut der Nation“! Weiß
man um die ungeheure Verantwortung? Weiß man um das Ringen um die
Gerechtigkeit, wenn es um Leben un Werk längst Verstorbener geht, die sich
nicht wehren können, deren Schicksal und Werk mehr oder weniger enthüllt und
begrifflich fassbar, einem in die Hände, die dabei so wenig zittern dürfen, wie
die Hände des Operateurs, der an einer ähnlichen physischen Herzoperation
arbeitet?? Wer achtet dessen? Und wie ist zu entscheiden, wenn solcher Mann, der
eben in Gottes Namen nun einmal über eine besondere, vielleicht einzigartige
Begabung verfügt, nicht in einer Staatsstellung, in einem Beamtenverhältnis
steht und zu seiner Altersversorgung heranreift??
3.
Es gibt
Fälle, dass zu solchem „Amt“ Männer von Schicksal berufen werden, die außerhalb
amtlicher Staatsstellung stehen: die also ganz oder im wesentlichen freiwillig,
geschenkweise und aus Idealismus sich Aufgaben unterziehen, deren Wichtigkeit
einleuchtet, und deren Vollzug durchaus nicht immer mit Beamtenposten fest
besoldeter Art einig geht.
Mit allem Nachdruck möchte ich aus Anlaß meines 50.
Geburtstags als einer, der in seinem Leben diese Dinge erfahren hat, auf diese
Lage sog. „privater“ Gelehrter hinweisen; für sie blühen keine „Dichterpreise“,
sie haben mit ihrer Arbeit keine ocer nur sehr geringe publizistische
Möglichkeiten samt einer etwaigen Einnahme daraus; sie können vom Ertrag ihrer
„Bücher“ auch beim besten Willen des Verlegers nicht leben. Wer achtet ihrer?
Der mehr oder weniger sorgenlos gestellte Festbesoldete, der seine regelmäßigen
Einnahmen, seine Ferien, seine Pension und Altersversorgung hat – vergißt er
nicht allzu leicht, was es heißt, dies alles Jahrzehnt um Jahrzehnt nicht zu
haben? Denn ein Unterschlüpfen in ein Verlagslektorat, in irgendeine kleine
Dozentur oder sonstige Scheinform macht ja gerade die ganz große Aufgabe des
Amts vor der Nation unmöglich! Weil sie Kräfte bindet (und aus ihrer Lage auch
binden muß), die eben gerade anderweitig nötig sind! Und es sei doch auch darauf
hingewiesen, daß solche Gratisarbeit höchsten Niveaus sehr nervenzerreißend und
geradezu bestürzend ist; somit sei es einmal für alle, in solcher schweren Lage
Stehende, die schon sind oder sein werden, öffentlich aus diesem Anlaß
ausgesprochen, wie diese Dinge sind! Und dazu hinzugefügt: Das Amt eines
freien, sog. Privaten Gelehrten ist ein unbekanntes und unerkanntes Ehrenamt,
das von allen möglichen Menschen in seinen Ergebnissen ziemlich
selbstverständlich hingenommen wird. Obwohl es keineswegs selbstverständlich
ist, sonst bestünde mehr, viel mehr Verständnis für solche Fälle und ihre
Leistungen.
Angesichts der Wichtigkeit der noch
jungen deutschen Literatur und Geisteswissenschaft hielt ich es für richtig,
diesen besonderen Anlaß einmal zu einem klaren und deutlichen Weckruf zu
Methode, Amt und Schwierigkeiten als eine Art Geburtstagswunsch zu benützen.
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