Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 4. Jahrg.Heft 7 April 1953


ADOLF VON GROLMAN
,,Von dem Wesen und den Arten der Lyrik"

ile Lyrik, zahllos, wie sie ist, entstammt einer oder mehreren S t i m mungen: hier gilt es, wohl aufzuachten: denn ,,Stimmung", welche hier gemeint ist, ist keineswegs jene mehr oder weniger kontrollierbare Laune, welche der Sprachgebrauch mit diesem Wort zu verbinden pflegt, — sondern Stimmung = Gestimmtheit von Herz, Seele und G e -m ü t. Um Lyrik zu schaffen oder aufzunehmen, muß man (vom Dichter her gesehen) in einer lyrischen Stimmung sein und eine solche beim Hörer oder Leser hervorrufen können; vom Hörer her gesehen, muß eine Bereitschaft vorhanden sein oder erzeugt werden, Lyrik und außerdem gerade d i e s e Art von Lyrik aufzunehmen.
    Denn die Möglichkeiten aller Lyrik sind ebenso zahllos, wie die Gedichte es sind, welche bekannt werden, ganz zu schweigen von der ungedruckt und unbekannt gebliebenen Lyrik, die den Menschenherzen aller Zeiten und Zonen entströmt. Es gibt sehr viele dichterische Menschen, die große und berühmte Dichter geworden waren, hätten sie die Fähigkeit gehabt, den Gedanken ihres Herzens in eine Kunstform zu bringen! Hätten sie fernerhin die Gelegenheit gehabt, Dritte mit ihrem Gedicht auch anzusprechen. Die Legion der ,,verkannten" Dichter steht anklagend, jetzt stumm geworden, da ... und die Dichter, welche bekannt und womöglich berühmt geworden sind, unterliegen sehr stark den Moden, d. h. die Gestimmtheit der Leser und Hörer ändert sich . . . und nur selten schaffen große Dichter Lebenswerte mit ihren Gedichten, welche die Generationen und die Epochen überdauern: es ist keineswegs so selbstverständlich, dafi Lyrik für alle Zeiten gültig bliebe; denn wenn auch die Grundmöglichkeiten des Herzens, der Seele und des Gemüts an sich konstant bleiben . . . , nicht konstant bleibt der Mensch selbst, und die innigsten Primanerverse sind voll unfreiwilliger Komik ebenso wie die geschwollensten Hymnen berühmter Leute, über welche die Zeiten hinweggegangen sind. Wenn irgendwo, so kann man an dem Wandel alles Lyrischen ablesen, wie unbeständig das menschliche Herz mit seinen Gefühlsausdrücken ist, und man kann erkennen, welche Werte die bleibenden sind und dem Wandel nicht unterliegen; deshalb ist das Studium aller Lyrik sehr fesselnd; es führt vom schonen Moment, von der hohen Stimmung des Dichters weit, sehr weit hinweg durch Weltmöglichkeiten hindurch, und endet mit dem einzig bleibenden: mit Gott und den hohen Zinnen seiner ewigen Stadt. Denn die irdische Liebe, so gewaltig sie alles Irdische bestimmt, hat ihre Grenze, denn sie hat Dauer, Anfang, Hochzeit = hohe Zeit und Vergehen. Einzig die unbegreifliche Liebe Gottes zu seiner Schöpfung besteht.
    Es ist also die Unzahlbarkeit der lyrischen Möglichkeiten und Äußerungen, welche zunächst beobachtet werden muß. Schließlich steckt ja in jedem Menschen, sicherlich in jedem Kinde, ein ,,Dichter", mit seinen Traumen, Umwertungen des Vordergrunds und mit seinen Süchten und Sehnsüchten, die ihn plagen und dann geläutert werden können. Daß dieses Dichterische im Menschen an sich meistens bald verkümmert, ist logisch: denn jeder Dichter hat einen gewissen Grad von E i g e n - Willen, welcher ihn qualifiziert, etwas hoher zu bleiben wie seine Umwelt. Und damit beginnt die reizvolle Arbeit, sich ordnend und sichtend der Lyrik zu nähern:
    Inhalt des Gedichtes : Der A n l a ß des Gedichtes ist meist das Ich des Dichters selbst: dieses sagt aus, was es erlebte, wünschte, hoffte, duldete, es spricht von seinem Jubel, seiner Wonne, seiner Pein. Die Erschütterungen des lyrischen Ich werden direkt oder indirekt dargeboten, samt allem dem, was d a b e i auf den Dichter mit eingewirkt hat, also die Umwelt im moralischen, im sittlichen Sinn, die Natur, das Klima, das Kunstwerk, die Musik, das Göttliche. Hier ist der Scheitelpunkt; denn außer dem Ich des Dichters besteht auch des Dichters S c h a u : was empfindet der lyrisch gestimmte Mensch? Was ist ihm bedeutsam genug, davon in gehobener Sprache und Form auszusagen? Was drängt den Dichter zum Gedicht? Denn mit dem banalen Wort ,,Gelegenheit" ist gar nichts gesagt. Wer sich einen Gelegenheitsdichter nennt und behauptet, daß die jeweilige Gelegenheit ihn künstlerisch veranlaßt habe, erhebt den (un-billigen) Anspruch, daß man ihn und seine möglichen Gelegenheiten wichtig nähme; dazu liegt nur selten Anlaß vor; denn die Gelegenheit macht es nicht, sondern der Mann, welcher oberhalb der Gelegenheiten lebt. Dann und wann ein bißchen Reimerei, einige spitze Scherze, einige Impressionen — das ist es nicht. Das sind feine Augenblicke, um so besser, wenn sie sich aussprechen lassen und anderen Freude machen: aber Lyrik kommt aus der Ganzheit eines völlig gehobenen Schauens in sich und in die Welt.
    Der poetische Rang: Mittels des Rangs, welcher einem Gedicht und seinem Anlaß gegeben wird, entscheidet sich der Lyriker, ob er Umstande bewertet, positiv oder negativ, — und wenn er sie bewertet, entscheidet die Form über den Grad der Echtheit und Verbindlichkeit solchen Rangs. Das ist eine sehr wichtige Entscheidung. Wenn ein Mensch reimen kann und außer-
dem eine vordringliche Feder führt, dann sind seine ,,Gedichte" o h n e solchen Rang, so sehr sie sich vielleicht bemühen, Rang vorzutauschen. Die Fixigkeit macht es nicht, und die literarische Routine noch viel weniger, und am allerwenigsten die leicht den Leuten eingängige Andringlichkeit von Wort und Reim. Es ist durchaus nicht ein Beweis großen Ranges, wenn Gedichte von Heine oder Wilhelm Busch populär wurden, . . . populär wurde dabei ganz etwas anderes, das fatale Tremolo, dem Heine bisweilen wirksam erliegt, und die in ihrer Galligkeit wirkende Hilflosigkeit einer halbgaren Scheinmelancholie, welche Wilhelm Busch vielen Leuten sogar ,,philosophisch" erscheinen läßt. — Der poetische Rang wird gefährdet, wenn ein hochgespannter und schließlich überstiegener Idealismus die Werte überblendet, so da6 sie unerträglich werden, entweder hausbacken oder lächerlich: der große Schiller ist dieser Gefahr immer wieder erlegen, weil Schillers enormes Idealistengefühl im Widerstreit steht zum instinktiven Rangeinordnen des Lyrikers; mit der entschuldigenden Redensart: ,,Gedankenlyrik" ist dabei wenig geholfen. Die ,,Ideale an sich" dürfen die Ge-danken des Menschen nicht gängeln, soil der Mensch noch ein lyrisch rangentscheidendes Kunstwerk und Gedicht erschaffen: denn die Ideale und die Realitäten sind wie das Wasser in kommunizierenden Rohren: an sich bleiben sie einander gleich, aber ihre Hohe und Bedeutung wechselt, ohne da6 Substanz und Existenz beeinträcbtigt wurden, s o hat Gott die Welt geschaffen, und anders hat Er es nicht haben wollen.
    DieLiebe: Eros und Agape: Einerlei, was dabei geschah, von dem Eros, der irdischen Liebe, hat der Heiland das erlosende Wort gesprochen (Lucas 7, V. 47): ,,Ihr sind viele Sünden vergeben, d e n n sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der liebet wenig." Der Eros bewegt die Menschen zueinander und widereinander. Es ist gänzlich einerlei, ob er anerkannt oder verfehmt ist, ob er Grenzen setzt oder durchbricht, ob er das Maß von Glück und Unglück erzittern läßt oder nicht.. . aller Eros endet in der Agape, d. h. in der Gottesliebe und der Liebe zum Nächsten ,,um Gottes willen". Daran ändert kein Mensch das geringste; aber der Lyriker weiß es genauer als jene Personen, welche vom Eros nur den einen Teil kennen, das mehr oder weniger Sexuelle: die Bezeichnung ,,erotisch" hat zu allen Zeiten einen mehr oder weniger stark wirkenden Beigeschmack bekommen, und der erschütterte Mensch, dem ,,ein Gott zu sagen gab, was er leidet", ist nur reicher als jene Dritten, welche sich über das Allgemeine und das Gemeine nicht zu erheben vermögen. Die Liebeslyrik aller Zungen und Zeiten beweist, wie vergänglich das Körperlich-Geschlechtliche ist, wenn man ihm gegenüber nur die große Geduld aufbringt, es gelten zu lassen, w e i 1 es sich erheben wird; der Künstler ist und bleibt Gottes bevorzugtes Sorgenkind; aber die Menschen sollten sich emporreißen lassen und nicht hinabstarren in Abgründe, die ihnen nicht zugemessen sind. Liebesleid und Liebesfreud sind allemal auf dem Wege zur Agape, ,,denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur des Menschen Geist, der selber drinnen ist". Vor der Kraft und der Gewalt des Eros hat der
Mensch nur die eine Möglichkeit, beide unerschüttert tragen zu lernen: das ist, wie Fontane sagt, ein weites Feld, aber je weiter das Feld ist, desto frischer der Wind, der darüber hinwegbläst und den Menschen zur Agape erhebt.
    Die Natur, das Klima, das Wetter und alle Jahreszeit sind die den Lyriker bewegenden Dinge, Sonne, Mond und die Sterne, dazu Feldeinsamkeit in der tiefsten Bedeutung des Worts, und das Wasser, die Zeiten und die Gezeiten, . . . und das alles samt Heimat, Heimweh und Fernensehnsucht in Wäldern und auf Ozeanen fuhren zum Traumkönigreich des Dichters, für den „die Welt weggegeben ist". Eichendorff sagt das (Taugenichts, Kap. 10) so:

                            Schweigt der Menschen laute Lust:
                            lauscht die Erde wie in Traumen
                            wunderbar mit allen Bäumen,
                            was dem Herzen kaum bewußt,
                            alte Zeiten, linde Trauer,
                            und es schweilen leise Schauer
                            wetterleuchtend dutch die Brust ...

    Man übersehe es nicht: ,,wetterleuchtend" geschieht dieses. Die Gewalt, welche auch hinter scheinbar harmlosen Gedichten stehen k a n n , ist unheimlich und groß; unheimlich, weil das Poetische und das Nur- Bürgerliche einander ausschließen, groß, weil kein Mensch weiß und wissen kann, w o ein lyrisches Kunstwerk einem anderen Menschen die Seele lost und ihn vielleicht hinversetzt, wohin er nicht will.
    Deshalb ist das Höchste zu bedenken, nämlich Gott und das Gott-1 i c h e : aller weltlichen Dichtung steht die geistliche Dichtung gegenüber, weder feindlich noch freundlich, sondern sie bildet ihre eigene Welt. Die geistliche Dichtung wird in religiöse und in konfessionelle Dichtung übergehen, denn das ist ihr Weg; sie wird auch einen Blick auf die rein weltanschauliche Dichtung werfen, ohne sich zu beteiligen, denn mancherlei philosophische Gedanken haben sich schon in Vers- und in Spruchdichtung darbieten lassen. Darüber wird nachher in einem besonderen Abschnitt zu reden sein.

                               *                                 *                                     *

Das lyrische Gedicht vermag die verschiedensten Formen anzunehmen, je nachdem sein Anlaß, seine Sanglichkeit und das ihm zugrunde liegende Menschenschicksal es tunlich erscheinen lassen. Also aufgelöste, freie hymnische Rhythmen, Liedformen, Odenformen, streng und strenger werdende Ausdrucksformen, wie es etwa Terzine oder Sonett sind. Einerlei: Erst, wenn die Form vom Künstler gewählt worden ist, hat er sich gebunden; vorher bewegt er das werdende Gebilde in seinem Herzen und erlebt es immer wieder, wie aus dem Schweifenden ein Festes wird, fest, auch wenn es noch so zart anmutet. Bedenklicher wird diese Sache, wenn ein Mensch mit seinem Kunstverstand und dazugehörigen Willen Gedichte schafft, womöglich noch mit Hilfe von Reimlexiken, wenn er z. B. Sonette nach dem Schema baut, und anderen Widersinn betreibt. Es gibt viel gefälschte Gedichte, nach- und anempfundenes Zeug, mit allem Zubehör, sogar oft solcher Art geschickt in Szene gesetzt, daß der arglose Leser nachsinnt, wo gar kein Sinn gegeben wurde. Reimschmiede, Gelegenheitsdichter und Poetaster haben zu allen Zeiten das Wesen der Lyrik disqualifiziert. So kommen immer wieder Zeiten, darinnen Sonette geschmiedet werden, zahllos, und fern von dem wonnigen Schweben in dieser schwierigen Form; diese künstelnden Spielereien sind oft schwer von wahren Künstlerwerken zu unterscheiden. Jedenfalls sind sie un-musisch, — und mit diesem Worte nähern wir uns einem ganz besonders wichtigen Punkt der ganzen Betrachtung: alles Musische ist irgendwie offen oder heimlich s a n g b a r , zur Lyrik gehört Gesang, so wie man in der Architektur von harmonischen Räumen spricht und vom gesanglich-edlen Umriß der zeichnerischen Linie und von ähnlichen Dingen, welche zum .Bereich des Musisch-Musikalischen gehören.
    Man unterscheidet in weiten Teilen aller Lyrik den K u n s t - Gesang vom V o l k s - Gesang; ferner gibt es Dichter hohen Rangs, welche ihre Kunst, die einmalig sein kann, gern ,,im Volkston" darboten, . . . d. h. sich ganz bewußt auf eine künstlerische Ebene begaben, deren ästhetische und ethische Ansprüche anders liegen. Und was nun den Volksgesang anlangt, so trennt er sich gern in ein Solistentum, das Strophen vorträgt und dann den Refrain der Zuhörer abwartet, der sich anschließt und sehr oft nur einen Gedanken mit den gleichen Worten wiederholt. Beide Male wird gesungen! Der Dichter schafft insgeheim die Melodie mit dem ,,Tondichter", der ein ganz anderer Mensch sein wird: es gibt Gedichte, insbesondere von Goethe, die vielmals vertont wurden, zu allerlei Zeiten; und es gibt Vertonungen, die s o einmalig sind, da6 .es wohl kaum je wieder einem Komponisten beikommen wird, das Gewordene zu übertreffen. Hierher gehören Brahms und Hugo Wolf: wenn einer dieser beiden ein Lied von Mörike oder Eichendorff singen läßt, oder die Feldeinsamkeit oder aus dem italienischen Liederbuch von Heyse, dann ist der Gesang vorhanden und einfach d a. Und es gibt Kunstgedichte, die volkstümlich wurden, s o sehr, daß zumeist der Dichter mit seinem persönlichen Namen geradezu in Vergessenheit geriet.
    Hier erhebt sich, vielleicht als einzig Unbestrittenes der Deutschen, das ,,L i e d"; schon dies Wort ist nicht übersetzbar. ,,Chanson" ist so ziemlich das Entgegengesetzte vom ,,Lied". Das deutsche Lied ist uralt und kann nicht nachgeahmt werden. Alle deutschen Dichter, insofern sie solche waren, haben ,,Lieder" gedichtet, und das Volkslied verstummt zwar vor der Technik des Films, des Rundfunks und aller sonstigen Maschinen, besteht aber nichtsdestoweniger . . . das schmerzlich süße, herb wehmutige, etwas eintonige Volkslied, mit seiner eigenen Moral, mit seiner inneren Sprunghaftigkeit und seinem großen Herzeleid . . . Morgenrot, Morgenrot . . . und hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben ... in einem kühlen Grunde: ob Hauff, ob Burger, ob Eichendorff: das ist das weltliche deutsche Volkslied, welches die Jugend von heute kaum mehr kennt, ganz zu schweigen vom geistlichen Volkslied, das die Deutschen sich haben nehmen lassen. Beim ,,Lied" als lyrischer Ausdrucksform kommt es auf die Sanglichkeit an, auf jenes inwendige Klingen einer Melodie, welche aus dem Text selber entströmt. Des Knaben Wunderhorn und der Zupfgeigenhansl sind wohl die bekanntesten Sammlungen von Volksliedern, und viele hundert andere gehören dazu. Der moderne Gassenhauer aber war kräftiger als seine Vorgänger in früheren Jahrhunderten; denn der moderne Gassenhauer seit den 80er Jahren und seither die veränderte Empfänglichkeit für den Rhythmus haben das Volk sein S i n g e n beinahe völlig verlernen lassen. Er und die Entseelung der modernen Reimerei können spürbar stören, wo ein ganzes Volk durch Jahrhunderte hindurch sich seine Lyrik geschaffen und sie dann gesungen hatte. Studentenlieder sind selten geworden, Müllerlieder gibt es nicht mehr, aber die Schwermut der Soldatenlieder klang immer wieder auf, und zwar vollig anders als die Maschine der Propaganda es hatte stanzen wollen.
                                                                                                                                                    (Fortsetzung folgt)



Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, . Jahrg.Heft 8 Juli/Aug. 1953


ADOLFJ VON   GROLMAN:

"Von dem Wesen und den Arten der Lyrik"


A11 e s kann Anlaß für ein lyrisches Gebilde werden, der heiterste und ernsteste Blick in die Vergangenheit, der Scherz, die Trauer, die Politik, die grenzenlose Dummheit der Leute, einerlei: die Ballade singt vom geschichtlichen Ereignis, die Sinngedichte, die Epigramme treiben eine Seelenkunde, deren Große z. B. Gottfried Keller in seinem ,,Sinngedicht" gemächlich vor dem erstaunten Leser praktisch vorweist. Die Satire, das Lehrgedicht, die Elegie (Beispiel: Schiller, der Spaziergang) — und, das geistliche Gebiet anlangend, der unerschöpfliche Liederschatz der Gesangbuchlieder samt dem Choral. Dieses ,,a 11 e s" ist es, was Wesen und Arten der Lyrik bestimmt. Deshalb ist es gut, wenn jetzt erst einige Beispiele dem Leser diese Weltweite wieder ins Bewußtsein rufen.

1. Jakob Wassermann stellt seinem Roman: ,,Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens" 1908 folgendes Gedicht voran:

                    Es ist noch dieselbe Sonne,
                    die derselben Erde lacht,
                    aus demselben Schleim und Blute
                    sind Gott, Mann und Kind gemacht.

                    Nichts geblieben, nichts geschwunden,
                    alles jung und alles alt,
                    Tod und Leben sind verbunden,
                    zum Symbol wird die Gestalt.

2. Georg Büchner Iäßt in dem Lustspiel ,,Leonce und Lena" (1838) die kleine Rosetta singen:

                    O meine müden FüBe, ihi müßt tanzen
                    in bunten Schuhen,
                    und möchtet lieber tief
                    im Boden ruhen.

                    O meine heißen Wangen, ihr müßt glühn
                    im wilden Kosen,
                    und möchtet lieber blühn —
                    zwei weiße Rosen.

                    O meine armen Augen, ihr müßt blitzen
                    im Strahl der Kerzen,
                    und schließt im Dunkel lieber aus
                     von euren Schmerzen.

3. Hugo von Hofmannsthal erhöht seine ,,Komödie für Musik", den ,,Rosenkavalier", zum  Zweigesang zwischen Octavian und Sophie:

                      Octavian      Spür nur dich, spür nur dich allein
                                          und daß wir beieinander sein!
                                          Geht all's sonst wie ein Traum dahin
                                          vor meinem Sinn.
                       Sophie        1st ein Traum, kann nicht wirklich sein,
                                          daß wir zwei beieinander sein,
                                          beieinand' für alle Zeit
                                          und Ewigkeit.
4. Heinrich Heine sagt:
                                    Der Tod, das ist die kühle Nacht,
                                    das Leben ist der schwüle Tag,
                                    es dunkelt schon, mich schläfert:
                                    der Tag hat mich so mild gemacht.

                                    Über mein Belt erhebt sich ein Baum,
                                    drin singt die junge Nachtigall,
                                    sie singt von lauter Liebe —
                                    ich hör es sogar im Traum.

5. Joseph Weinheber in ,,Einsamstes Selbstgespräch:

                                    Einer, wie du, steht immer am Rand.
                                    Du hast alles getan;
                                    getrotzt und gebettelt. Aber dein Land
                                    nahm dich nicht an.

                                    Warst du zu wenig Mann, zu schwach
                                    für eine große Zeit?
                                    Aber die Zeit war klein, und ach,
                                    groß nur das Leid — — —

                                    Gürte dich so: du hast zu gehn
                                    zeitlos durch Unrecht und Recht,
                                    und, wenn der Gott ruft, ja, aulzustehn
                                    wider ein ganzes Geschlecht.

6. Hans Pfitzner, der Dichter des Textes zum ..Palestrina", den er nachher vertonte, schuf folgendes strenge, aber gerechte Sonett auf Gottfried August Burger, den Dichter der ,,Lenore":

                                War deine Liebestragik halbe Mythe
                                und du ein Spanier aus dem Mittelalter,
                                wie dann voll Lob der deutsche Ruhmespsalter
                                und voll von Mitleid alle Nachwelt glühte!   ,

                                Doch du warsi nur ein Deutscher. Und voll Güte
                                dein warmes Herz. Bahnbrechender Gestalter
                                als Dichter. Drum verkümmerte in kalter
                                maltherz'ger Menschen Welt dein reich Gemüte.

                                Bin Führer war in dir mit deiner derben
                                Volkstümlichkeit; du tratest nicht nur Spuren
                                den alien Griechen nach und dem Franzos;

                                und mußtest, tiefverletzt, in Armut sterben,
                                doch jene zwei humanen Dioskuren
                                versetzten dir den schwersten Herzensstoß.

7. Und schließlich der Text für den Eingangschor zu Bachs 27. Kantate:

                         Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
                                das weiB der liebe Gott allein,
                                ob meine Wallfahrt auf der Erde kurz
                                oder länger möge sein.
                         Hingeht die Zeit, herkommt der Tod.
                                und endlich kommt es doch so weit,
                                daB sie zusammentreffen werden.
                                Ach, wie geschwinde und behende
                                kann kommen meine Todesnot.
                                Wer weiB, ob heute nicht
                                mein Mund die letzten Worte spricht?
                                drum bet' alle Zeit:
                          Mein Gott, ich bitt' durch Christ! Blut,
                                mach's nur mit meinem Ende gut,
Diese sieben Beispiele genügen, um zu zeigen, wie weit sich Lyrik und mit welchen Ausdrucksmitteln bewegen kann. Die eigene Erziehung muß den Lyriker befähigen, daß er mit seinem Talent wuchert, d. h. es nicht verkauft und geschäftlich ausnützt, sondern daß er mit aller Strenge das Nötige allein sagt, und sich davor hütet, faul Geschwätz aus seinem Munde gehen zu lassen. Zu gewissen Zeiten haben die lyrischen ,,Ergüsse" einen Umfang angenommen, mit sehr, sehr vielen Strophen, der alles zerstörte. Je größer die Fähigkeit eines Lyrikers ist, wegzulassen, um so sicherer ist er im Zeichen der Kunst; denn es sind immer die nicht aussprechbaren, dennoch sanglichen Zwischentöne, die das lyrische Gebilde aller Art zum Kunstwerk erheben, wobei allerdings die Ausdrucks f o r m e n den Dichter bedeutend tragen und stutzen können, wie es, in mannigfachem Sinne, der größte aller weltlichen Dichter, Hölderlin, so unvergeßlich sagt:

                        Denn selbstvergessen, allzu bereit den Wunsch
                        der Goiter zu erfüllen, ergreft zu gern,
                        was sterblich ist und einmal offenen
                        Auges auf eigenem Pfade wandelt,
                        ins All zurück die kürzeste Bahn ... — —

Religiöse Lyrik und geistliche Dichtung

Die geistliche Dichtung steht als eine stille, weisere und ältere Schwester neben der weltlichen Lyrik, aus der des Menschenherzens jahe und diesseitige Freude samt dem Leid, welches die. Freude erst zur Freude macht, spricht. Die weltliche Dichtung, samt der vaterländischen, politischen, lehrhaften usw. Gemütsäußerung, hat, dem Anlaß nach, keine Begrenztheit, die geistliche Dichtung aber schaut in die Ewigkeit; damit wird sie durchaus nicht das Zeitliche verneinen, schon deshalb nicht, well ihre Ausdrucksmittel aus der Zeitlichkeit stammen; aber je gieriger sich Menschen der Irdischkeit hingeben und außer ihr von nichts mehr wissen wollen, um so leiser aber eindringlicher steht die geistliche Dichtung, die nach wie vor ungemindert von den Wenigen gehegt und gepflegt wird, da. Sie s t e h t, sie braucht keine Sensation und keine Dynamik, sie macht vielleicht dann und wann — etwas umständlich, weil gewissenhaft — etwas mehr Worte wie nötig wären . . . das macht es nicht aus; die weltliche Dichtung faßt sich kurz und kürzer; die Menschen sind durch ihre Motorisierung samt aller Industrie, Technik und Maschine bereits meistens s o abstrakt geworden, daß das Lyrische sie nicht mehr erreicht. Das Lyrische hat nicht die Fähigkeit, sich abstrahieren zu lassen, und der Stimme der Lyrik fehlt jeglicher Verstärker: wer sie nicht mehr hört, der bleibt taub und knattert taub mit seiner Maschine durch seine sinnentleerte Gegenwart, der keine Zukunft folgt. Und was für die weltliche Lyrik gilt, das gilt in erhöhtem Maße für die geistliche Dichtung. Dies ist der Grund, sich um so ausführlicher mit i h r zu befassen. Denn wenn eines Tages alle Motoren stille stehen werden, wenn es wieder ruhig wird in den Waldresten auf dieser Erde und wenn die Geschäftigkeit und der inhaltlose Betrieb enden — dann wird man die geistliche Lyrik, für die es nie zu spat ist, wieder hören.
Innerhalb der geistlichen Dichtung im allgemeinen sind zwei höchst verschiedene Gruppen zu unterscheiden, nämlich erstens die religiöse Lyrik, zweitens die geistliche Dichtung an sich.
Hier sollte man mit größter Gründlichkeit unterscheiden, was leider nicht immer geschieht: denn wenn ein Dichter von Rang sich gelegentlich einmal ein ,,religiöses Motiv" vornimmt oder sich religiös, womöglich bloß konfessionell, ,,ergriffen" fühlt, und dieser Tatsache in Form eines Kunstgebildes Äußerung schafft (man beachte die vielen einschränkenden ,,wenn"), dann ist das, was dabei ,,entsteht", vielleicht ein Kunstgebilde der religiösen Lyrik, ist aber ganz bestimmt keine geistliche Dichtung! Warum nicht?

Wesen der religiösen Lyrik

Religiöse Lyrik hat ein oder mehrere Motive, seelischer oder artistischer Art. Ein Gemälde kann mitbestimmen, eine jähe Sehnsucht, eine Stimmung, das Motiv religiöser Art wird ausgearbeitet, wird vielleicht nur hingegossen, jedenfalls aber ist der Dichter im Rahmen seiner subjektiv privaten Frömmigkeit ,,orientiert", d. h. er schafft ein Etwas, das sonst er nicht zu schaffen pflegt. Kollektiverlebnisse, Naturgefühl, Andacht mannigfacher Art, soziale Dinge, Bibelworte und vieles andere mehr werden dabei mitsprechen: immer aber ist es eine Orientierung des Gemütes, und d a s ist wichtig. Denn es handelt sich dabei um ein Kunstprodukt, um eine Gestaltung eines Motivs, sei es nun Ostern, Advent, Kreuzigung, einsames Kirchlein auf der Hohe, Katastrophe. Religiöse Lyrik steht innerhalb eines sonstigen ,,oeuvres", mehr oder weniger bestimmend, ein Anlaß.
Das Göttliche, die antike Frömmigkeit, ein schöner seelischer Zug und ähnliches gibt dabei den Anstoß. Die Andringlichkeit des Dichters ist eine Frage seiner persönlichen Zivilisation, seines Taktes, seines Geschmacks; gerade in der religiösen Lyrik spurt man mit Genuß und Respekt öfters eine Schamhaftigkeit, welche den Wert des Kunstwerks mitbestimmt. Die Agape, oder das, was nach der subjektiven Meinung des Dichters ihm und Dritten als Agape gelten soll, wird sich von alien biblischen, konfessionellen und kindlich-frommen Erinnerungen möglichst frei halten. D e n n es soll ja ein Kunstwerk entstehen.
Wenn Novalis (Freiherr von Hardenberg, 1772—1801) mitten in seiner sonstigen, hochromantischen Weltverbundenheit anhebt:

                                Wenn ich ihn nur habe,
                                wenn er mein nur ist,
                                wenn mein Herz bis hin zum Grade
                                seime Treue nie vergißt:
                                weiß ich nichts von Leide:
                                füihle nichts als Andacht, Lieb und Freude . . .

so ist mitten im Sonstigen, was wir Novalis verdanken, eine Ausnahme.
Wenn Mörike, wiewohl zeitenweise im protestantischen Kirchendienst stehend, sein ,,Gebet" singt (1832):

                                            Herr, schicke was Du wills t,
                                            ein Liebes oder Leides!
                                            Jch bin vergnügt, daß beides
                                            aus Deinen Händen quillt . . .

so ist das in jeder Hinsicht etwas Einmaliges in der deutschen Lyrik, aber ein geistliches Lied ist es ebensowenig.
Rilke kommt in seinem umfangreichen, maßlos überschätzten lyrischen Werk öfters lange nicht von religiösen oder konfessionellen Motiven weg. In seinem ,,Stundenbuch" häufen sich die Gebete, eines nach dem anderen, immer inbrünstiger: O Herr . . ., O Herr . . ., aber dabei bestimmt der Wille zur Gestaltung, und sei sie in Technik des Reimes, in Verschlingung und Merkwürdigkeit aller Art noch so raffiniert:

                                O Herr, gib j&dem seinen eigenen Tod,
                                das Sterben, das aus jenem Leben geht:
                                darin er Liebe hatte, Sinn und Not ...

Die Geschichte der deutschen Dichtung strahlt nur so von Namen religiöser Lyrik und ihrer Dichter, Paul Gerhardt, und Friedrich von Spee und Angelus Silesius, Klopstock, . . . um nur noch dazu Anette von Droste zu nennen und Clemens Brentano. — Nun aber wird es Zeit, sich der geistlichen Dichtung zu erinnern, samt den Grenzgebieten zwischen beiden, und den anderen Grundlagen, welche geistliche Dichtung von der ,,religiösen Lyrik" trennt. Dabei bilden die zarten Übergänge zwischen beiden die größte Freude für den Freund dieser ganzen Kunstgattung.    .                                                                                                                       (Fortsetzung folgt).

Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 4. Jahrg.Heft 9  Juni 1953

ADOLF VON  GROLMAN:

"Von dem Wesen und den Arten der Lyrik"

Wesen der geistlichen Dichtung

    Geistliche Dichtung hat nur .ein Motiv, d. h. einen Beweggrund, jenen des Wandels und Dienstes vor Gott, nicht vor den Menschen. Es ist also einzig und allein die Frömmigkeit. welche den Dichter bestimmt ob es nun das Ruhen in Gott ist, oder das Ringen um den strengen, richtenden Gott, oder die Nachahmung Christi, oder das Mitschwingen in den Zügen des heiligen Geistes — immer kommt die geistliche Dichtung nicht aus einem dichterischen Motiv, sondern einer allgemeinen Haltung der Seele und ihres Glaubens. Letzterer wird zumeist konfessionell gerichtet, ja gebunden sein, und wenn er es nicht sein sollte, so steht er dieser Gebundenheit ans Konfessionelle insgeheim vielleicht erst recht nahe: nur wird dann das geistliche Lied nicht an Zwecke eines Kultes denken, sondern sich um einen Zweck überhaupt nicht weiter kümmern. Dabei verläßt der Schaffende diesen Bezirk nie — und wenn, dann ausnahmsweise und selten für lange, wie man es z. B. bei Matthias Claudius deutlich studieren kann. Audi Paul Gerhardt ist hier zu nennen: in einem Teil seiner geistlichen Dichtung macht er dem Geschmack seiner Epoche Konzessionen, indem er die Anfangsworte seiner (vielen) Strophen in besonderem Sinne n e b e n dem Liedinhalt besonders schreiten läßt (z. B. in: Befiehl du deine Wege . . .); man hat dies mit dem Wort ,,künstelnde Spielereien" dann und wann abtun oder erklären wollen; wahrscheinlich handelt es sich aber doch um keine Spielerei, sondern um das gelegentliche Aufblinken eines artistisch schaffenden Formwillens, wie man solches bei Bach in seinen Besonderheiten seines späteren Kontrapunkts wie selbstverständlich vorfindet und anerkennt. Es sind also Worte des Glaubens . . . und deshalb werten sie dichterische Motive anders, als es in der religiösen Lyrik geschieht: Kollektiverlebnisse (Tersteegen):

                        Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten,

 Naturgefühle (Paul Gerhardt):
                            Ich lechze wie ein Land,
                            dem Deine milde Hand
                            den Regen lang entzeucht,
                            bis Saft und Kraft entweicht
                            und alles verdorret

Andacht aller Art (Klopstock):
                            Herr, Du wollst sie vollbereiten
                            zu Deines Mahles Seligkeiten,
                            Sei mitten unter ihnen, Gott!

soziale Dinge und Bibelwort (reformatorisch, anonym):
                            Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ
                            well es nun Abend worden ist,
                            Dein göttlich Wort, das helle Licht,
                            laß ja bei uns auslöschen nicht ...

Der gewaltige Unterschied springt in die Augen.

    Da es sich um kein Kunstprodukt handelt, ist für die geistliche Dichtung oft eine deutlich hervortretende, schlichte Naivität charakteristisch; bis zum In- Verruf- kommen übertrieben wurde die sogenannte ,Jesulein-Lyrik", welche bezeichnenderweise auch nach sehr langen Pausen immer wiederkommt . . . Reim und Strophenbau sind oft mehr, als nur breit und kunstlos, und vieles, was einem gepflegten Geschmack nur schwer ertragbar vorkommt, wird für jene, die es noch hören können, an Innigkeit ersetzt, welche nicht von dieser Welt sein will und es auch tatsächlich nicht mehr ist.
    Bei alledem ist nun aber noch eines zu bedenken, jenes: daß (siehe später) die ,,geistliche Dichtung" noch zwei Schwestern hat, nämlich das religiöse Volkslied und den evangelischen Choral.
    Es blieb Gerhart Tersteegen (1697—1769) vorbehalten, durchaus unauffällig Rhythmen neuer Versarten zu schaffen, und damit die ,,geistliche Dichtung" — unbetont — als eine Kunstform zu bereichern. Man vergegenwartige sich doch nur einmal die Schwingungen, welche in Vers und Rhythmus offen und heimlich im folgenden miteinander zusammenklingen:

                           Nun schläfet man
                            und wer nicht schlafen kann,
                            der bete mit mir an
                            den grcßen Namen
                            dem Tag und Nacht
                            wird von der Himmelswacht
                            Preis, Lob und Ehr gebracht;
                            O Jesu, Amen

dazu der Schlußvers voller Steigerungen:
                            Es leuchte dir
                            der Himmelslichter Zier;
                            ich sei Dein Sternlein,
                            hier und dort zu funkeln:
                            Nun kehr ich ein; Herr, rede Du allein
                            beim liefsten Stillesein
                            zu mir im Dunkeln.

                                        *                     *                          *
    Im Laufe des 19. Jahrhunderts und seither hat die Teilnahme des Publikums an der geistlichen Dichtung stark abgenommen. Wenn überhaupt, hat man sich mit gelegentlicher religiöser Lyrik begnügt, und daher die Kenntnis der geistlichen Dichtung eingebüßt: deshalb wird es zur besseren Verdeutlichung wichtig sein, mittels einiger weiterer Beispiele allerlei ins Gedächtnis zurückzurufen, Dies urn so mehr, als nachher vom religiösen Volkslied die Rede sein wird, samt Choral und Hymnus — Vergleichsmöglichkeiten zur Unterscheidung dürfen also nicht fehlen.
    Dem Hymnischen sehr nahe kommt, was Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689) singt:

                            1.   Morgenglanz der Ewigkeit!
                                  Licht von unerschöpftem Lichte!
                                  schick uns diese Morgenzeit
                                  deine Strahlen zu Gesichte
                                  und. vertreib durch deine Macht
                                        unsere Nacht.

                            3.    Gib, daß deiner Liebe Glut
                                   unsre kalten Werke töte und
                                   erweck uns Herz und Mut
                                   bei erstandner Morgenröte.
                                   daß wir, eh' wir gar vergehn
                                        recht aufstehn.
    Hierher gehören die beiden Abendlieder, welche Paul Gerhardt und Matthias Claudius, ihm folgend, gedichtet haben. Der Vergleich beider Abendlieder, die man allenthalben abgedruckt findet, ist höchst lohnend, mehr, er ist segensreich; denn Paul Gerhardt (1607—1667) beginnt mit einer Weihe, welche Gluck ihm nachfühlen und komponieren konnte:

                                    Nun ruhen alle Wälder .. .

und Matthias Claudius (1740—1815) setzt gewissermaßen in Gerhardts dritter Strophe ein, wie eine kontrapunktisch außergewöhnlich sichere zweite Stimme. Wahrend Gerhardt dort sagt:

                                    Der Tag ist nun vergangen,
                                    die goldenen Sternlein prangen
                                    am blauen Himmelssaal:
                                    also werd ich auch stehen,
                                    wenn mich wird heiBen gehen
                                    mein Gott aus diesem Jammertal . . .

währenddessen hebt Matthias Claudius an:

                                    Der Mond ist aufgegangen,
                                    die goldenen Sternlein prangen
                                    am Himmel hell und klar ...

und er verweilt langer als Gerhardt bei der Beschreibung des Zustands am Abend, bis erst später es heißt:

                                   Gott, laß Dein Heil mich schauen,
                                    auf nichts Vergänglich's bauen .. .

    Ein feines Ohr hort hier, wie sehr die Not des Dreißigjährigen Krieges schon abgeklungen ist, wie sehr ferner die intellektuelle Welt mit ihrer Aufklarung Abstand genommen hat von des Menschen Unterwerfung unter den Willen Gottes, der kein ,,Warum?" kennt.
    Der Professor der Theologie, Johann Timotheus Hermes (1738—1821) in Breslau, der 1769 ff den einst beruhmten Roman ,,Sophiens Reise von Memel nach Sachsen" schrieb, hat eine Art von Hymnus geschrieben, der folgendermaßen schließt:

                            Ich bin zuirieden,
                            daB ich die Stadt gesehen
                            und ohn Ermüden
                            will ich ihr näher gehn
                            und ihre hellen goldenen Gassen
                            lebenslang nicht aus den Augen lassen ...

    Gemeint ist damit das himmlische Jerusalem, das droben ist ... ein Blick und Aufblick, der immer wieder in der geistlichen Dichtung neu aufgenommen wird.
    Diese Beispiele sind nun sehr geeignet, unsere Betrachtung hinüberzuleiten zu einem ganz besonderen Gebiet, namlich zum ..geistlichen Volkslied", und dem, was eng damit zusammenhangt, dem evangelisch-protestantischen Choral, welcher die von den wenigsten beobachtete und bedachte edelste Perl der deutschen Dichtung überhaupt ist, vergessen, entstellt, bei Seite gedrangt
und gleich Nichts geachtet.                                                                                                    



































































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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2