Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Lesewelt DBB, Düsseldorf, 4. Jahrg. Heft 14/15 Nov./Dez. S. 420-428

ADOLF  VON  GROLMAN
Das Epos

Große, sehr große denkerische Schwierigkeiten stellen sich ein, wenn man es unternimmt, über Wesen, Sinn und Fortdauer des Epos Klarheiten zu schaffen: Einfach scheint zunächst die Überlegung zu sein, da6 der moderne Mensch nach 1900 und ganz besonders nach 1950 durchaus keine Möglichkeit und auch keinen Willen mehr habe, sich der Ruhe, dem breiten Flufi und der gewichtigen Geradheit eines gelesenen oder ihm vorgetragenen Epos zu unterwerfen; es scheint so auszusehen, als ob niemand mehr die Fassungskraft samt der Selbstbeherrschung habe, sich einem solch großen Gebilde zu übergeben, es anzuhören und gerade in seiner epischen Breite in sich schwingen zu lassen.
Diese Oberlegung ist — zumindest im Seelenkundlichen — offensichtlich falsch. Gerade der moderne Mensch überläßt sich staunenswert weit Gebilden, wie der langen Folge der Karl-May-Bande und der Abenteuerheftchen in der Jugend, den Kinodramen in ihrer geschäftsbewußten Breite nachher, ebenso wie den Musikdramen Richard Wagners, die nicht unter fünf Stunden zu geben sind . . . Der moderne Mensch liebt es, sich an langen Reden der Parlamentarier zu verlieren, an Romanungetüme, eben weil sie dick und endlos sind . . . Daran kann es also nicht liegen, daß das Epos als Kunst- oder Volksdichtung zunächst verschwunden zu sein scheint.
Dieses Dilemma wird noch größer, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr Kurzgeschichte und Einzelfilmstreifen samt Reklame in Kino und Radio zwar knapp sind, die Geduld des Publikums jedoch genau so in Anspruch nehmen wie die Kreuzworträtsel oder das mehr und mehr beliebte Schachspiel. Solche Gebilde auf der einen Seite, auf der anderen aber die Wettrennen, Boxkampfe und gesteigerter Verkehr aller Vehikel.
Absichtlich nennen wir dieses Dilemma zuerst; denn bereits zeigen sich jene Voraussetzungen, die zum Epos gehört haben und wieder gehören werden, wenn — und dies mochte es sein, um das es geht; Das Epos, nur ganz ausnahmsweise in Prosa (Stifter, Witiko), verlangt Verzicht des Hörers oder Lesers, es heischt Selbstpreisgabe, damit das Epos zuletzt den Wanderer, der treu blieb, um so reicher belohnen könne; darauf aber läßt sich der moderne Mensch nicht gerne ein; es reizt ihn nicht, einer großen Dichtung — falls sie nicht durch Reklame berühmt gemacht worden ist — moralischen Vorschuß, Kredit an Zeit und Aufmerksamkeit zu geben: vibrierende Nerven schwanken zwischen Extremen nach eigener Laune, die von allem Gesetz sehr weit entfernt sind.
Gleich zu Beginn dieser ,,kleinen Poetik" war es einleitend nötig gewesen, das Epos von allen Möglichkeiten des Romanes abzugrenzen; auf diese Stellen dort wird hier verwiesen, sie werden als bekannt vorausgesetzt. Im vollen Gegensatz zum Roman ist das Epos ein Werk der Verskunst, es ist zeitlos, erhoben und erhaben über manchen belebten Vordergrund, deshalb aber in nichts weltweggewendet: im Gegenteil, es spiegelt eine sehr große Welt voller Bewegungen, nur mit Abstand, sozusagen ,,bedingt" und der ,,Held" des Epos, falls vorhanden, repräsentiert eine vergangene Epoche, damit ganz anders, als der Held im Roman. Das Epos lebt aus seiner eigenen Weite, anders als der Roman, und es steht jenseits von Beginn und Ende, deshalb beim Epos stets ,medias in res', zu deutsch: mitten in die Tatsächlichkeiten hinein (res' ist sehr viel mehr, als ,Sache' allein), vom Dichter gesprungen wird. Jedes Epos ist für den mündlichen Vortrag gedacht, der Leser sollte es laut lesen und nicht am Buchstaben kleben; denn das Epos hat Schwung, sogar sehr großen Schwung. Liest man z. B. Klopstocks ,,Der Messias" laut, so staunt man über die Lebendigkeit, die Bewegtheit und die Musikalität dieser Dichtung, welche von den meisten ,,Lesern" als unerträglich langweilig getadelt wird; und dies auch noch in allen seinen Teilen, da bekanntlich Klopstock angesichts des unerhört großen Anfangserfolges an den restlichen Gesängen immer gleichzeitig arbeitete. Was da sich an Hymnischem, an Chorkraft und an Beredsamkeit beim lauten Vortrag auftut, überrascht immer wieder. Das gleiche gilt für Stifters letzte, abschließende Prosadichtung ,,Witiko"; gewiß, ein historischer Roman, gleichzeitig aber ein Epos, das — laut gelesen — zum Spannendsten gehört, das man sich denken kann, dahinjagende Politik in Menschenleben, welche ruhig scheinen und heißbewegt sind.
Jedoch: Ilias und Odyssee Homers sind für den Europäer die Epen! Wohl dem, der sie griechisch lesen kann! Beide Werke eilen mit Weisheit und Erhabenheit auf ihrer eigenen Sternenbahn, beide haben keinen ,,Helden", sondern in der Ilias ist es der Zorn des Achill, auf den allein es allen ankommt, und bei der Odyssee ist es die Heimkehr, wobei sich 10 Jahre in 24 Tagen vollziehen . . . Die in ihrer Art klassische Übersetzung von Voß hat den Homer ebenso eingedeutscht, wie die Schlegel-Tiecksche Übersetzung den Shakespeare. Aber: welch en Homer? es ist in den Hexametern von Voß, bestimmend, wie sie waren und sein durften, etwas völlig anderes entstanden, als es sich, zum Teil in kleineren Heldenliedern, zum Teil als einheitliche Konzeption, die Griechen hatten vorsingen lassen!! Das Dilemma des Epos vor den Menschen des 19. und 20. Jahrhunderts liegt darin, daß die Übersetzung durch Vo8 Dinge um 1800 herum festlegte, die ästhetisch vergänglich sind, wie der ganze Weimarer Klassizismus. Folglich konnten die Epen anderer Volker tmd anderer Zungen andere Wege beschreiten, — wahrend in Deutschland der Voßsche Homer lebendig ist, aber nur er! Dies ist das Dilemma, ist auch der Grund, warum ganz besonders ausführlich und eindringlich gerade hier an' dieser Stelle vom Wesen des Epos gesprochen wird: deshalb — weil das Epos ganz und gar nicht tot ist, es gar nicht sein kann, sondern weil die deutsche Leserlage angesichts der Epik überhaupt einseitig durch die Glanz- und Musterleistung der Voßschen Homerübersetzungen festergelegt ist, als gut ware.
Man muß es verstehen, Ilias und Odyssee zu lesen, mit allen Unter- und Zwischentonen; da handelt es sich nur im Vordergrund um den Trojanischen Krieg oder um des Odysseus Gattin Penelope, die sich der habgierigen Freier erwehrt; es handelt sich vielmehr um die untergehende männlich-ritterliche Kultur angesichts des lykischen Mutterrechts, angesichts der aufkommenden Demokratien, angesichts der Vermassung durch das asiatische Volkstum . . . und es handelt sich um die Stellung der Frau und Herrscherin allgemein in der Odyssee, und um die Zerbrechlichkeit aller Familienmöglichkeiten, und urns Heimkehrertum ganz im allgemeinen, und um die Frage nach dem Wesen der Ehe angesichts des Hetärismus, d. h. des Dirnentums einer Weiberregierung: schwiergste Fragen; bloß die köstliche Naivität von Voß' Übersetzung läßt die deutschen Leser irrigerweise immer wieder glauben, daß es sich um Gattentreue handele und um seinen treuen Hund, oder um Streitigkeiten der Heerfuhrer vor der belagerten Stadt. Das sieht nur so aus; deshalb gehorf es zum Wesen. des Epos, daß es im Vordergrund breit und ausgiebig Dinge und Möglichkeiten bietet, welche dem Kenner nur der Zugang sind zum Eigentlichen, d. h. zur Fragestellung der Weisheit, die sich ihre Antworten bereits durch die Fragestellung selbst schafft.
Das beweist die Geschichte des Epos. Schon die Aeneis des Vergil hat mit den Epen des Homer gerade noch die Namen gemeinsam und einige kleine Verbeugungen, so etwa den Anruf an die Musen zu Beginn; sonst aber hat Vergil mit seiner geheimnisvollen Aeneis ein Werk geschaffen, das uns Heutigen kaum mehr fafibar ist; denn darinnen ist alles Angesprochene Maske, Gleichnis und Vorwand; das Eigentliche dahinter sind die unentratselten Geheimnisse des Etruskertums, dem Vergil zugehorte, und deshalb heiBt Vergil logischerweise für das ganze mittelalterliche Abendland, das ihn bewunderte, der ,,Zauberer"; Vergil ist der Trager der Geheimnisse der Alten Welt, — Homer ist es nicht. Denn Homer grenzt zwei Epochen voneinander ab, eine hodlzivilisierte Epoche des Rittertums gegen eine aufkommende, halbasiatische Menge und Dicke, vor welcher nachher Platon und die Tragiker vergeblich zu entfliehen trach-ten. . . Vergil aber ist die Vollkommenheit des absolut Wissenden, bei dem es heute keine Kommentare mehr gibt, versunkene Welten.
Die Epik Europas stammt wesenhaft aus Vergil, vorab Dante mit seinen Terzinen, deren Sinngebung ungeklärt ist, auch Tasso mit seinen Stanzen, welche sich von den Terzinen emanzipieren. Homers Einfluß kommt erst wieder nach der Renaissance, zunächst in Miltons ,,Verlorenem Paradies" und seinen Blankversen, dann bei Klopstock. Nicht damit zu verwechseln sind die epischen Verserzahlungen, von den Strophen -des Nibelungenlieds und der Gudrun her bis zum Parzifal und Wolframs ,,Tristan und Isolde" hin: diese Kunstwerke wollen vollig anderes: sie sind, bei unbestreitbar epischer Gewalt, Lehrdichtungen, TeiledesintereuropaischenVersguts, international auch dort, wo sie sehr nationale Epen sein wollen, dem Abendland verbunden, von welchem sie auch dann aussagen, wenn die Handlung in frühere Sagenzeiten hinabreicht.
Es wird niemals auszumachen sein, wann und womit die epische dichterische Möglichkeit beginnt, denn die anderen Erdteile haben ihre Epik, die Inder und die Chinesen voran, und Gilgamesch oder Hildebrandslied stehen streng und verschlossen als uns letzthin erkennbarer Beginn, nicht aber als erkennbare ästhetische Kunstwerke im Sinne einer Poetik.
Es gehört zu den schweren Verhängnissen des Abendlandes, daß über seinen Generalnenner, die alteuropäische Ependichtung, nichts auszumachen ist, deshalb — weil niemand weiß, was und wie und wo und warum Epos und Teil daraus gesungen worden ist? Das uns Überlieferte ist gewaltig, ist aber völlig etwas anderes, als jenes gewesen war, was Alteuropa seine Dichtung nannte, von der man bei Äschylos etwas "ahnt, und da und dort bei Pindar, ohne es aber greifen oder gar benennen zu können. Selbst Bachofen ist das im Laufe seines gewaltigen Lebens nur in Ahnungen gelungen, über welche er sich aber zumeist ausgeschwiegen hat.
Man sieht also: sich mit Epik und den Epen beschäftigen, ist ganz eine andere Art von ,,Lektüre", als sich die gegenwärtige europäische Schulweisheit träumen läßt. Und deshalb ist es leicht irreführend, spätere dichterische Gebilde, weil sie epische Formen nachahmen (wie bei Goethe, Wieland, Spitteler, Paul Ernst, Gerhart Hauptmann), den wenigen Resten echter, alter und großer Epik allzu nahe zu stellen, wie es die Literaturgeschichten tun, ohne zu bedenken, welche Verwirrung zwischen wirklich und nachgeahmt entsteht, und welche falsche Spannung zwischen epischer Breite und epischer Weisheit, die von den uralten Müttern stammt, sybillinisch, wenn man so will, mit dem Größten aller Dichter, mit Vergil, als verschwiegenem jedoch absolut zuversichtlichem Pförtner und Wachter zwischen dem christlichen und dem vor-christlichen Aeon, zwischen Vaterrecht und Mutterrecht, der voradventliche Heide, die liebenswerteste Persönlichkeit zwischen Pindar und Hölderlin.
Nach diesen einleitenden Feststellungen bleibt nun nur noch übrig, Verwechslungen und Vertauschungen zu vermeiden und vermeiden zu helfen; stets mu6 man sich vergegenwärtigen, da6 für Europa a 11 e s , außer Ilias, Odyssee und Aeneis den Namen ,,Epos" nur g a n z bedingt verdient, trotz unbestreitbarer Größe an seinem anderen Orte. Alles, was nunmehr noch zu sagen ist, wird ohne Ausnahme mit diesem ernsten Vorbehalt gesagt:
Vom Wesen des Epos:
Darüber besteht Einigkeit, daß das Epos in unendlicher Wiederkehr seiner Verse und gewisser, den Personen und Dingen zugehörender Bezeichnungen zum Gleichnis für das Fortschreiten des Lebensprozesses überhaupt wird. So wie das Leben in allen Wiederholungen stets anders sich zeigt, anders auch gesehen und erlebt wird, — also auch das Epos; dies gilt keineswegs nur fur den Festcharakter der Verse, also insbesonders der Hexameter des Altertums, sondern es gilt ebenso für die Terzinen bei Dante, für die Stanzen bei Tasso, Ariost und Wieland. Indem scheinbar eintonig das Versmaß sich wiederholt, gedeiht es, blühen mit ihm die Funktionen des Lebensprozesses, welcher an sich unverändert fortlebt. Das christlich-religiöse Epos, also bei Milton, nimmt den Blankvers, Klopstock nimmt einen scheinbaren Hexameter; es gehört aber zu den reizvollen Dingen in Klopstocks Messias, zu erleben, wie diese Hexameter gar keine sind, sondern freie Rhythmen, die man auflosen wird, wenn man sie spricht, und die die Musik von Klopstocks Freund, Gluck, wieder zueinander biegt. Die Voßsche Homerübersetzung gestattet sich den fix gewordenen deutschen Hexameter, ein folgenschweres Ereignis (vergloben).
Das Epos selbst durchziehen die ,,schmückenden Beiwörter" (epitheta ornantia); das sind feststehende Bezeichnungen, nicht immer gerade ein ,,Schmuck", jedenfalls aber abgekürzte Benennungen, die von Richard Wagner mit einem ganz ähnlichen Kunstwillen als ..Leitmotiv" in den Weiten seiner Partituren den Hörer am Entweichen verhindern: denn indem immer wieder, in Verschlingungen, die das exakte Gegenteil des Kontrapunktes sind, solche Leitmotiv (schmückende Beiwörter) sich wiederholen, stellt der Leser und Hörer des Epos diese Tatsache insofern befriedigt fest, als er sie merkt. Die im Hörer vorhandene Pedanterie wird durchs Leitmotiv immer wieder gekitzelt und bestätigt; so konnte es einst kommen, daß Wagners Musikwerke einen Siegeszug begannen, welcher langst zu Ende ist. Die schmückenden Beiwörter genügen nicht; bisweilen sind es ganze Verse, die immer wiederkehren, und dadurch jene selbstverständliche Wiederholung aller Vorgänge im Leben schlechthin darstellen. Das sind Formeln als Stilelemente, sind Formulierungen, welche zuletzt eine ganze Psychologie ersetzen, und sie dem Ependichter abnehmen; - denn dessen Aufgabe liegt nicht etwa in der Seelenkunde! ganz und gar nicht! Der epische Dichter leitet sein Werk bedachtsam, wie ein Weltenschöpfer, es darf nie zu rasch gehen, es muß auch in Länge und Breite, in Inhalt und ganz besonders in der Versform aufgehen : Die Unberechenbarkeit des individuellen Lebens ist eingebettet in die Berechenbarkeit der lebensmöglichen Funktionen dieses selben Lebens! das ist das Allerwichtigste, was man in jahrelanger Lesung und in eben so langem Hören von Epen allmählich erlernt. Es ist, mit wenig Abstand, das gleiche, was der fromme Christ ,,Das Ruhen in Gott" nennt, der Paradoxie dabei wohl bewußt, aber des Blickes in die Ewigkeit gewiß. Denn das Epos hat etwas von tiefer Frömmigkeit in sich, auch wenn es weltliche Stoffe bearbeitet, — ja, wenn es frivole und fatale Dinge zum Gegenstand nimmt. Es ist besagtes Aufgehen aller menschlichen Rechnungen innerhalb der Gesange des Epos samt ihren Versen oder Strophen.

Aus diesem Künstlerereignis stammt Ilias, Odyssee und insbesondere: die Aeneis! Dort wird, ganz anders, als später, das Ereignis mitten in eine Kleinzeit gestellt, weil es innerhalb der Großzeit selbstverständlich, d. h. unsichtbar bliebe. Es ist das Problem der Z e i t, das man erfassen muß, um das Epos zu erfassen. Die ,,epische Breite" solcher Dichtungen, oft seufzend überstanden, ist das Äußerlichste; wenn ein Epos zu ermüden beginnt, liegt es zwar gewiß nicht immer am Kunstwerk, es k a n n aber sein, daß die Relation des Dichters zur großen Z e i t schlechthin an dieser Stelle unsicher ward; denn das strömt breit und selbstverständlich; nie begründet Epos und Epiker das, was geschehen wird: es geschieht. Im Roman ist es gerade umgekehrt! Und weil es ,,geschieht", sagte Jakob Grimm ahnungsschwer vom Epos, daß es sich selbst dichte, nicht aber gedichtet werde! Man muß die melancholische Einsicht dieses Wortes erst erlebt haben, um nachher zu ermessen, daß die maßlos überschätzten späteren Epen, also insbesondere Dantes ,,divina commedia", sich eben ganz und gar nicht selbst dichten, sondern daß dabei ein ressentimentschwerer Virtuose des Reimes und Verses sich in Konstruktionen von Paradies, Fegfeuer und Holle stürzt, die nach ihm Piranesi noch sehr viel bedruckender und grafi-licher in seinen Kupfern vor Augen stellt. Dorés Bilder sind Staffage, verkennen •das Epos der ,,divina commedia" durchaus, und was den Leser in Kommentaren noch nicht erdrückt hat, das wird die E n g e tun, darinnen Dantes Preisungen und Verdammungen sich zwangsläufig bewegen müssen. Um so mehr, als die Tagespolitik zu Dantes Lebzeiten ins Grundsätzliche erhoben werden soll, — ein gigantischer Trugschluß; denn es kann niemand interessieren, was als Politik einst gait oder nicht gait. Das antike Epos übergeht solche Kloaken mit Schweigen; darin liegt seine Größe, denn je mehr Politik bei Odyssee, Ilias und Aeneis tatsächlich mit im Spiel der Dichtung stand, um so weniger wird sie erwähnt. Denn alle Politik dreht sich zwangsläufig immer wieder im Kreise, wie man bei Plato nachlesen kann, der sich bemühte, seinen Zeitgenossen in die Politik ein Etwas von Denkertum und innerer Gehobenheit zu bringen — vergeblich, wie nicht anders zu erwarten stund.
Zum Wesen des Epos gehört auch, dafi es unter keinen Umstanden ,,ab ovo" (vom Urbeginn an) beginnt, sondern daß es immer ein, wenn auch gewaltiger Ausschnitt ist, in welchen der Dichter ,,medias in res" hineinspringt. Der Zweck der epischen Breite ist. daß der Hörer befriedigt sei, daß er durch die epische R u h e oberhalb aller Begebenheiten selber den Frieden erhalte, welchen der Blick in die W e i t e der Welt gewahrt. Deshalb sind auch die Reden, welche im Epos von den Menschen gehalten werden, ,,gebunden"; sie tragen eine gewisse Freiheit in sich, sind zu Teilen gänzlich unberührbar geworden und mischen sich nicht ins Sprechtempo! Dies ist das andere Extrem zum Wort, das von der Buhne her klingt! Das Epos verneint die Bühne durchaus, die Buhne ist ihm antipodisch. Deshalb macht das Epos auch keine ,,Sprünge", wie es Bühnenhandlung und -dialog dürfen; auf der Bühne kommt die Kraft der Maske des Schauspielers, samt den Betrachtungen des Chores oder des sonstigen Umstandes hinzu . . . das Epos kennt das alles nicht. Die Menschen sprechen ruhig und in völliger formaler Bindung, und je mehr sie das tun, um so leidenschaftlicher rollen die Verse ab; dies gilt insbesondere fur die politischen Reden, die in Stifters Prosaepos ,,Witiko" von Spannung zu Spannung des Lesers vorschreiten, als ob das so ganz und gar selbstverständlich wäre.
Die europäische Dichtung hat aus alledem ein wundersam facettierendes Spiel von Kunstwerken geschaffen.
Beispiel und Besonderheiten.
Man pflegt zu unterscheiden Kunstepos/Volksepos — und man pflegt etwa folgende Gattungen zu erkennen:
a) Heldenlied (epos) — Nationales Epos — religiöses Epos,
b) Tierepos, kosmisches Epos — Lehrgedicht in epischer Form.
Die asiatischen Epen, insbesondere der Inder und Chinesen, bleiben dabei völlig außer Betracht, genau so, wie die indonesischen Götterlieder, 1001 Nacht, und anderes mehr. Zum Volksepos rechnet man das Nibelungenlied und die Kudrun, endlos sind die Erörterungen über die wechselseitige Übernahme von ,,Stoffen" und Einzelzügen, und was das deutsche Epos anlangt, so haben die großen Epiker des Mittelalters, insbesondere Wolfram, an entlehntem Gute nicht gespart. Viel tiefer greift wohl das zarte und grüblerische Genie des Hartmann von Aue, welcher über ein Jahrhundert Germanistik lang recht bescheiden zurückstand, obgleich er und sein Nachbar Gottfried von Straßburg den geheimnisvollen und sehr gefährlichen Gründen und Schlünden ,,großer" Epik viel näher sind, als die Hochgerühmten. Denn das Epos ist nie und nimmer vordergründig, . . . sosehr sich dort auch die H ö r e r des Werkes tummeln mögen; das echte Epos hat urtümliche und tiefsinnige Ahnungen von alledem, von ,,dem man nicht spricht". Das springt jedem, der es sehen will, bei Ilias, Odyssee und insbesondere bei der Aeneis ins Gesicht. Dies ist es, was das Epos immer und immer wieder vom Roman, und es sei der grüblerischste, trennt: ,,antiquam exquirite matrem . . .", ,,forscht nach der uralten Mutter . . .", heißt es bei Vergil. Das große Epos tut das auch! denn es h a t nicht nur Zeit oberhalb seiner ,,Handlung", — es i s t vielmehr ,,Zeit" selbst. Früh ward von alledem das Wesentliche vergessen, vorher — verschwiegen; wir können überzeugt sein, da6 Wolfram von Eschenbach außerst genau über die hart verfolgten und bald ausgerotteten Katharer im Languedoc Bescheid wußte — man hat eine Art Erziehungsroman aus dem Parzifal gemacht und einen Operntext. Das Nibelungenlied birgt ganz andre Untergange, als den der Burgunder (um von den Gesängen der Edda ganz zu schweigen), . . . aber es ward Nationalistisches darinnen erblickt und ward ebenfalls in Gestalt einer Tetralogie ein Operntext.
Man hat im Laufe der Jahrhunderte alles getan, um das Epos möglichst ins Harmlose und Effektvolle gleiten zu lassen. Man hat, die Dichter voran, das Aktuelle von heute in die Epen von einst hineinverlegt, anstatt das Ewige von einst dem Vergänglichen von heute als Hilfe und Trost zuzuführen; folglich hat das Epos mehr und mehr allen Zusammenhang mit den Seelen der Heutigen verloren, was nicht seine Schuld ist. Gewiß •. . . überall schimmert beim Epiker das"Kraftspendende der Ewigkeit hindurch — Milton schafft sein ,,Verlorenes Paradies", und Klopstock läßt in seinem ,,Messias" den Heiland schon im 10. Gesang am Kreuze sterben, damit er für die zweite Hälfte Raum habe für die Anbetung, den Lobpreis und die Ewigkeit in der Zeit. Goethe hat mit dem Epischen gerungen, in der ,,Achilles", in ,,Hermann und Dorothea", W i e 1 a n d folgte den italienischen Lockerungen des Tasso, und versuchte sich in komischen ,,Epen", die ganz etwas anderes sind, als Wielands wundersamer ,,Ritt ins alte, romantische Land". . . in Shakespeares „ O b e r o n " (1780). Vielleicht darf man ein sehr gewagtes Paradox riskieren, und leise am Rande vermerken, daß Schillers Epos gerade wegen der Prosa in seiner Geschichte des Dreißgjährigen Kriegs und nachher im Bühnenwerk,—daß sein Epos der Wallenstein ist, . . . wobei das bühnenmäßige Zögern Wallensteins in den schweren Linien des Epos gar kein Zögern mehr wäre, sondern Schillers Ahnen von der ,,Reinheit der Schwelle", davon wir den einmaligen Monolog Wallensteins, bevor der schwedische Oberst kommt, immer wieder nachsprechen.
Es ist nicht Sinn und Zweck des Epos, Charaktere zu zeigen und deren Entwicklung, sondern das Epos deckt mit seinem, den Vielen leicht eingänglichem ,,Inhalt" das Eigentliche vorsorglich zu: das Wissen um die Tiefen der Welt, um die Abgründe und um alle Paradoxie darinnen. Das Epos kann deshalb nur allzu leicfat nachgeahmt werden, bis zum heutigen Tage: Die .Jobsiade" Kortums zeigt krafi, was seit der Renaissance an Mißverständnissen auf alles Epische gelegt worden ist, und es brauchten nur noch Paul Ernst Kaisergedichte und Spitteler neutönende Phrasen aus mißverstandener Antike in Verse zu bringen, ganz zu schweigen von dem faden Duft engster Bürgerlichkeit, welchen uns mit vollem Wissen und Willen (!) absichtlich Goethe in,,Hermann und Dorothea" bescheren und Thomas Mann im ,,Gesang vom Kindchen": das ist eine Wirkung von Voß' Übersetzung: daß sie ermöglichte, allerlei Niedliches und Kleinbürgerliches mit anspruchsvollen, aber schlechten Hexametern in ein ,,Epos" abzulagern, ein Abgrund der Ahnungs- und Respektlosigkeit. Wenn vollends völlig nebensächliche und abgestandene Mutterwitzchen bei Reineke Fuchs oder Ulenspiegel (einschließlich de Costers Prosaerzählung) geboten werden, so muß dem entgegen auf die Würde und das uralte Wissen des echten Epos immer wieder hingewiesen werden.
Das Grandiose des echten Epos, welches mit aller Verserzählung nicht das geringste zu tun hat, besteht darin: daB das Epos aus den Tiefen der Weltweisheit kommt, und absolut frei ist von aller menschlichen Vordergründigkeit, gerade w e i 1 dieselbe scheinbar den Inhalt des Epos ausmacht. Damit ist der Hörer weder gefoppt noch betroffen, sondern einem jedem wird das Seine zu-
teil: die ewig Albernen hören ihre Hausbackenheit, auf die sie stolz sind, die
wenigen Wissenden aber trinken am Urquell der nicht aussprechbaren, deshalb aber gewaltig wirkenden Urweisheit Die letztere hat nicht das Allergeringste mit Sentenzenweisheit und allerlei ,,Gescheutsein" zu tun .sondern diese Urweisheit kreist schweigend, wie der Sternenhimmel kreist.    *
Solcher Art entschließt sich im Erhabensten, was uns an Epik erhalten ist, im letzten Gesang der Ilias der greise Vater Priamos, die geschändete Leiche seines Hektorsohnes vom Gegner selbst, vom Knaben Achill, nächtlicherweise zu e r b i 11 e n . . . die Götter heben ihm die Riegel des Tors zum griechischen Lager hinweg, und allein fährt der Greis zum Knaben, zum Gegner seines von ihm getöteten Sohnes und Familienvaters Hektor; was geschieht? Achill vergißt alles andere, außer der Ehrfurcht vor dem Alter und dem Schmerz, und beugt sich, wissend, ahnungsschwer und todesnah, dem Allerunwahrscheinlichsten, — er vollzieht den Ratschluß der Götter mit Freuden, und pflegt, was er schändete, und gibt her, was er zäh erstritt, . . . und liebt, wo es gar nichts mehr zu lieben gibt . . . Dinge, welche seinen ,,Zorn" enden lassen und dem Vergil Raum, Luft und Platz schaffen, welcher mit seiner Aeneis — adventlicher Heide — in der Fülle der Zeit die klassische Antike und das kommende Evangelium — nicht das Christentum! — miteinander verband: d a s ist Epos — und nur e s allein.











































































































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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2