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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg. Heft 4 Jan. 1953
ADOLF VON GROLMAN
DIE ANEKDOTE
Anekdote" ist etwas, das ,,noch nicht herausgegeben worden und daher
unbekannt und neu ist." Der byzantinische Jurist Prokopius aus
Caesarea, ein Rat Belisars, der sich gern in Geschichtsschreibung
bemühte, hielt es für richtig, ,,Anekdota" über den Kaiser Justinian,
die Kaiserin Theodora und andere Erscheinungen seiner Umwelt zu
sammeln, böswillige Geschichtlein ink allerlei Schmähung —, und von
dorther hat vermutlich ein gewisses Etwas, eben die Anekdote, ihren
Namen; nicht ihren Ausgangspunkt. Denn bösartige, auch schmähende,
sogenannte gesellschaftskritische kleine Geschichten gab es immer und
überall —, und es ist eines der sogleich zu prüfenden Probleme der
Anekdote, inwieweit sie ein erhebliches und auch wertvolles Mittel
jeder Geschichtsschreibung ist und bleibt, und wo die Grenzen dabei zu
setzen sein werden. Denn wenn auch historisch-juristisch das Wesen der
Anekdote ist, und wenn der Vater der Geschichtsschreibung, Herodot,
wundersam tiefsinnige und beziehungsreiche (ganz gewiß niemand
schmähende) Anekdoten in seinem Werk an jeweils entscheidender Stelle
einflicht: die Anekdote wurde außerdem zu einem höchst literarischen
Mitteilungsmittel, und die Kunst, eine Anekdote zu erzählen oder als
dichterisches Denkmal aufzuschreiben, ist schwer, sehr schwer
erlernbar, und wenn diese Kunst ausgeübt wird, dann bewegt sich ihr
Erzeugnis nur allzu oft an Grenzgebieten, am Histörchen, am Schwank, an
pointenmörderischer Seiltanzerei der Wortspiele, Spaß und letzten Ernst
sekundenschnell vermischend, auswechselnd, tauschend.
Somit wird die Anekdote, man sieht es sogleich, zum aller
entgegengesetzten der Novelle. Denn alles, was zum Wesen der Novelle
gehört, wird bei der Anekdote ganz oder beinahe ganz geschwunden sein,
insbesondere aber kennt die Anekdote keine sittliche Verantwortung, wie
das Kunstwerk der echten Novelle sie kennen muß, . . . und was die
Pointe anlangt, so kommt diese bei der Anekdote im Inhaltlichen oder
bloß im Sprachlichen stets bald —, eine Anekdote ist unter allen
Umstanden kurz, die Beschreibung der Umstände, der Zusammenhänge, des
Milieus und alles Persönlichsten fällt weg: im Gegenteil: zum Wesen der
Anekdote gehört, daß sie es ist, die blitzschnell Dinge und
Zusammenhänge erhellt, blitzschnell, wo alles andere sich Zeit lassen
und umständlich werden müßte: es gehört zum Wesen der Anekdote eine
gewisse Unbefangenheit, eine Rasanz des Intellekts, die immer
geistreich sein muß, ohne daß aus einer Anekdote stets tiefe
Erkenntnisse zu schöpfen wären, . . . Schließlich wird bei jeder
Anekdote wichtig, ob sie in einer Epoche, Zeit und historisch
umrissenen Ursachenfolge drinnen steht —, oder ob sie das nicht tut,
alleinstehend, sozusagen grundsätzlich die Torheit der Leute so ganz im
allgemeinen züchtigend mit böser Wahrheit und mit grellem, jähem Licht,
das sofort wieder erlischt, unbekümmert um etwa angerichteten Schaden
an gutem Ruf, geschichtlicher Wahrheit und solider Berichterstattung.
Darin nähert sich (n a h e r t sich.') die Anekdote dem Witz,
insbesonders dem politischen Witz, und Schlagfertigkeit ist zwar auch
eine große Kunst, jedoch ganz gewiß keine literarisch oder dichterisch
belangreiche.
Alles, was die Novelle hat und haben muß, hat die Anekdote nicht! Und
umgekehrt: d a s ist auch der Grund, warum von diesem sonderbaren,
zwitterhaften und unechten Kind des Geistes gesprochen werden muß,
wobei man
sich nur hüten sollte, das eigentliche W e s e n der Anekdote mit dem
,,Unwesen", das sie oft treibt, zu verwechseln. Denn von der Anekdote
zur Zote, zur Verleumdung, zur Ehrabschneiderei ist nur ein Schritt,
ebenso, wie es zahlIose Anekdoten gibt, die mehr Weisheit enthalten,
als viele Bande und zahllose Menschenleben, die nichts davon wußten.
Wenn der eingangs erwähnte Jurist Prokopius mittels Anekdoten
erfolgreich ,,historia arcana = Geheimgeschichte" geschrieben hat, so
blieb er keineswegs in Mittel und Methode allein —, die ,,geheime
Geschichte" ist meist viel interessanter und beliebter als die
offiziös-amtliche, von der jedermann ja sowieso weiß, daß vieles oder
das meiste darin eben die offizielle Lesart vorstellt, die über kurz
oder lang widerlegt werden wird: deshalb ist die Anekdote als heftig
reizendes Forderungsmittel der nichtamtlichen Geschichtsschreibung
ebenso beliebt wie gefährlich, denn — nett erzählt — haftet auch die
widersinnigste Anekdote beinahe unvergeßlich, während die amtlichen
Geschichtsschreiber vergeblich nun auch ihrerseits nach wirksamen
Anekdoten suchen, . . . und wenn's nicht wahr ist, so ist's doch gut
erfunden, sagen die Italiener, die davon ja mancherlei verstehen.
Deshalb ist es, weil praktische Beispiele von Anekdoten gezeigt werden
müssen, nicht zu verhindern, daß sich das Folgende überaus kurzweilig
liest, obgleich ein todernster Hintergrund b l e i b t, ein
Hintergrund, der so unerbittlich und so grauenhaft ist, wie wenn bei
einer Revolution im Vordergrund getanzt und im Hintergrund gemartert,
geköpft und gehangt wird. Und auf den todernsten Hintergrund kommt es
ganz allein an!
1.
Eine Anekdote kann eine durchaus allgemeine Geistreichigkeit
entwickeln, einerlei, ob die Äußerung auf bestimmte geschichtliche
Personen oder Persönlichkeiten zugerichtet ist oder nicht. Beispiel:
Die nachher mitgeteilten Anekdoten, außer jenen von Heinrich von
Kleist, stammen aus dem sehr köstlichen Büchlein ,,Kleine Geschichten
aus Frankreich", hg. v. Hermann List, Verlag Klett, Stuttgart, 1940. Als Präsident Deschanel einen Unfall erlitt — er fiel, als er sich aus
dem Fenster beugte, aus dem Zug —, sagte Clemenceau: ,,Unsinn! so
schwer wiegt sein Kopf nicht!" Man muß bedenken, daß oft prominente Köpfe nicht viel wiegen, mu6
wissen, daß Clemenceau neben Richelieu und Talleyrand wohl der
bedeutendste französische Politiker war . . . diese Anekdote gilt aber
ganz allgemein. Es ist der heiter oder bösartig überlegene Intellekt,
der blitzt. Das kann sich nun, fast am häufigsten, auf sprachliches
Gebiet zuruckziehen; köstliches Beispiel: Martainville wurde vor das
Revolutionstribunal geschleift. Fouquier-Tinville, der sehr gefürchtete
öffentliche Ankläger, rief ihn auf: de Martainville . . . Verzeihurig,
rief der Aufgerufene, nur Martainville! ich bin hier um verkürzt, nicht
um verlängert zu werden! — Diese Außerung rettete ihn vor der
Guillotine, denn der Präsident, durch den Witz an-geregt, wollte nicht
zurückstehen: alors, qu'on 1'elargisse! rief er zurück (läßt ihn frei!
wortlich genommen: verlangert ihn!) Diese Anekdote spielt mit der
sprachlichen Beweglichkeit, wobei es ganz einerlei bleibt, wo und zu
welcher Epoche sich der Vorfall ereignete. Dies kann bitterböse
weiterentwickelt werden, wenn das Sprachliche nicht mehr entscheidend
bleibt, sondern die .malice' das böse Maul — Dritter. Beispiel: König Karl X, pflegte sonntags beim Verlassen der Kirche den Höflingen
am Wege einige freundliche Worte zu sagen. Der alte Marquis de B.,
einer der anhänglichsten, an chronischen Katarrhen leidend, bekam die
regelmäßige Frage: Nun, wie geht es mit der Bronchitis? Einmal aber
fragte der König nach der Marquise; der Marquis, der fast taub war, gab
die gewohnte Antwort: Majestät, bei Tag ist sie erträglich, — aber bei
Nacht . . . -
Das sind alles Harmlosigkeiten; der Fall der Anekdote wird aber
verwickelter, wenn diese sich in bezug setzt zu bestimmten Personen
oder Standesgruppen oder Einrichtungen beider oder des Staates; denn
dann schwingt das Pendel jeder Anekdote hinüber in die unfehlbare
Kritik des politischen Witzes, und was die Gruppen anlangt, so kann
Konfessionelles berührt werden — , bewußte oder unbewußte Irrtümer,
Schiefheiten beim Tatsachlichen und anderes schaffen Erschwerungen.
Beispiel:
Als der zum Präsidenten des Appellationshofs ernannte Jurist Seguier
dem Kaiser Napoleon vorgestellt wurde, sagte dieser: ,,Sie sind aber
noch sehr jung" . . . worauf Seguier: ,,Sire, ebenso alt, wie Eure
Majestät vor der Schlacht von Marengo" (31 Jahre nämlich). Beispiel:
Der König Ludwig I. von Bayern, der viele Gedichte schrieb und öfters
Personen auf der Straße ansprach und an krankenden Bemerkungen nicht
kargte, begegnete dem wegen seines Geizes berüchtigten
Journalisten Saphir und rief ihm zu: ,,Filz . . ." ,,Wasserdichter"
rief jener laut zurück . . . Hier freut sich die Anekdote an der
Erwiderung, jedoch kann es zu anderen Möglichkeiten kommen. Beispiel:
Bernadotte, König von Schweden geworden, sollte zur; Ader gelassen
werden, weigerte sich, und gab schließlich sehr zögernd nach; der
Leibarzt mußte schwören, nie zu verraten, was er bei der Prozedur sehen
werde, und da, als der Ärmel heruntergestreift wurde, auf dem Oberarm
des Königs die Tätowierung: eine phrygische Revolutionsmütze
nebst Unterschrift ,,Mort aux rois" (Tod den Königen) . . . denn der
König war vorher Soldat der franzosischen Revolutionsarmee von 1793
gewesen. Und jetzt kommen die nicht auszurottenden Irrtümer, welche
anekdotisch weitergegeben werden. Heinrich von Kleist ist es, der gern
,,Anekdoten" (wie er sie ausdrücklich nannte) erzählte,
besonders, als er für seine ,,Berliner
Abendblatter" um ihm passend erscheinenden Stoff verlegen war.
Beispiel:
Anekdote
Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbnis Anstalten treffen. Der
arme Mann aber war gewohnt, alles durch seine Frau besorgen zu lassen;
dergestalt, daß, da ein alter Bedienter kam und ihm fur Trauerflor, den
er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Tränen, den Kopf
auf den Tisch gestützt, antwortete: ,,Sagt's meiner Frau ..." Hier ist
alles falsch, denn Bachs erste Frau war, als Bach von einer Reise ins
Karlsbad zurückkam, schon mehrere Tage begraben, und seine zweite Frau
überlebte ihn, im Armenhaus lebend, um zehn Jahre. Aber der Irrtum des
zerstreuten Bach ist unausrottbar. Solcher Art drängt sich die Anekdote
allzu leicht ins Gebiet der Geschichte ein, wirkt glaubhaft und ist das
genaue Gegenteil einer geschichtlich belangreichen Einzeltatsache. Und
j e t z t erhebt sich die Gefahr jeder Anekdote solcher
Art, jene: daß viele Menschen immer wieder glauben, Geschichte mittels
Anekdoten schreiben oder doch erhellen zu können, während tatsächlich
nur allzu oft die Anekdote das Historische undeutlich macht oder
fälscht. Es erhebt sich damit also eine F r a g e , die nicht ungeprüft
bleiben darf: Inwieweit hat die Anekdote geschichtlichen Quellenwert,
d. h. inwieweit kann die Anekdote, deren Kräfte bereits deutlich
wurden, den Wert von Urkunden, Briefen, Vertragen, Dokumenten ersetzen
in einer beschreibenden und bewertenden Darstellung historischer
Art? * Diese Frage ist, wie sich bereits von selbst versteht, nur auBerst
schwer zu beantworten. Um so mehr, als sich — das
dichterisch-künstlerisch-literarische Gebiet anlangend — sofort eine
zweite Frage nicht minderen Gewichts stellt: nicht jeder Witz, nicht
jede Geistreichigkeit, nicht jedes Flüstern und Raunen ist eine
,,Anekdote", und dies um so weniger, als sich Schlagfertigkeit allein
noch lange nicht als ein ,,künstlerisch Wichtiges" ausgeben kann. Gewiß
— und das wird zu bedenken sein, ist manche Anekdote ein
geschichtliches Destillat von hohen Graden, z. B. für das
nach-napoleonische Frankreich. Beispiel dafür:
Ein neureicher Bankier spielte eines Abends mit Talleyrand,
wobei ihm ein Geldstück unter den Tisch fiel; kurz entschlossen kroch
er unter den Spieltisch, es zu suchen.
Talleyrand besah den artigen Vorgang, nahm eine
500-Frank-Note, entzündete sie an der Kerze und fragte: Darf ich beim
Suchen Ihnen etwas leuchten? Besser sind Mann, Umstande und Zustande zu ganz bestimmter Zeit, die
Balzac uns immer wieder in ihrer ganzen Verworfenheit zeigt, nicht zu
schildern. Oder, mehr der Gegenwart nahe. Beispiel:
Als Clemenceau zum erstenmal Minister geworden war (1906 als
Innenminister), wollte er sich in dem Ministerium umsehen und machte
einen unvermuteten Rundgang; er fand fast alle Euros leer, im letzten
derselben sah er einen Beamten schlafend. Der Begleiter, in tödlicher
Verlegenheit, wollte diesen wecken, aber Clemenceau sagte: Nur nicht
aufwecken! sonst geht uns der auch noch fort . . .
(Fortsetzung folgt)
Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg. Heft 5, Febr. 1953
ADOLF VON GROLMAN
DIE ANEKDOTE
(Schluß)
Sie ist aber kein ,,Ersatz", wiewohl dieser mehr und mehr beliebt wird.
Ersatz ist Besudelung, ist Betrug am Leben, ist das Schändliche
schlechthin. Die Anekdote darf nicht zum Ersatz für Historie werden,
sonst ist die Falschmünzerei — von der anderen Seite her — wiederum
hereingekommen, schwer erkennbar. Die Anekdote gehört dazu! Und das ist
etwas anderes. Ihr Destillat schafft jene geheime Atmosphäre des
Lebens, ohne welche alle geistige Bemühung wertlos bliebe. Beispiel,
darinnen man die europäische Aufklarung verspürt:
,,Wenn es keinen Gott gäbe, rnüßte man ihn erfinden", sagte Voltaire . . . ,,Was man denn auch tat", fugte Diderot hinzu.
Mit dieser Replik sind auch die beiden Denker ganz köstlich in ihrer
grundverschiedenen Wesenheit umrissen. Noch ein drastischer Umriß, eine
gewaltige Persönlichkeit, Beispiel: Clemenceau, im Gespräch, im
Arbeitszimmer . . . es fallt ein Schuß, die Kugel pfeift an
Clemenceau vorbei: ,,Ein Narr . . .", sagt er. Der
Sekretär, erregt: ,,Das ist kein Narr, das ist ein gefährlicher
Anarchist." Eben nun wird der Täter vorbei- und weggeführt. Dabei ruft
er: ,,Es lebe die Gerechtigkeit" .. . und Clemenceau: ,,Was habe ich
gesagt? ein Narr!!"
Wer überhört die abgrundtiefe Schwermut Clemenceaus? Des Mannes, der es
unternahm, einen rasend gewordenen Kontinent — noch rechtzeitig — vor
dem zu retten, was wenige Jahre nachher dann eintreten mußte. Noch
greller, noch mehr die geistige Situation dieses Kontinents — vor
Einbruch der Katastrophe beleuchtend, ist folgende Anekdote (Badische
Presse vom 11. Juli 1944): Ein Pariser Bürger litt an Beschwerden
infolge einer Krankheit am Gesäß. Er ging zu einem Kurpfuscher, der ihm
Heilung versprach; er schob dem Kranken einen dünnen länglichen Apparat
ein, schaltete elektrischen Strom ein und wollte solcher Art lindern.
Dreimal glückte die Behandlung, beim vierten Mal kam der Patient ums
Leben: In jenem Apparatbildeten sich kleine Lichtbogen,
die, wie der Kurpfuscher versicherte, bislang niemand
geschadet hatten. Diesmal aber entzündeten sich die
Gase an den Lichtbogen, der Patient explodierte und starb. — Die Witwe
verklagte den Kurpfuscher, und dessen Anwalt warf die kesse Frage auf,
ob die Nahrung des Toten in den letzten Tagen gasbildend gewesen wäre.
Es stellte sich heraus, daß in der Tat in den letzten Tagen der Patient
stark Gasbildendes gegessen hatte; weil er dadurch der Explosion Vorschub geleistet hatte, kam der Kurpfuscher milder davon.
So lächerlich diese Geschichte an sich ist, so
gespenstisch wirkt der Hintergrund dieser Anekdote. Triumph der
Technik, Sieg der Gerissenheit!
2.
Nicht minder groß als die genannten Gefahren, welche jede Anekdote dem
Wesen nach in sich bergen kann, ist eine weitere Gefahr, jene: dafi die
Anekdote allzu leicht einer Halbbildung Vorschub leistet, welche
jeglicher Einsicht und Erkenntnis der Dinge und Ereignisse abträglich
ist, einer H a l b bildung, die sehr viel mehr vortauscht als sie
halten kann. Mit ihr Hand in Hand geht die Möglichkeit der oberfläch
lichen Betrachtung: denn es gehört zum Wesen der Anekdote, dafi sie es
dem Studierenden allzu bequem macht, zu-mal dann, wenn eine Häufung von
Anekdoten ein Vielwissen vortäuscht, das nirgends solide gegründet ist
und aus dem sich sehr bald Mißbildungen und Fehlurteile geradezu
zwangsläufig ergeben müssen. Mit dieser Feststellung sind wir an einer Grenze angekommen, wo das
Wesen der echten Anekdote als literarisch-künstlerischem Werk in Frage
gestellt wird: denn hier kommen die zahllosen Geschichten, die
Kalendererzählungen, die Beitrage zu Almanachen, Sammlungen, Kalendern,
die zahllosen, oft höchst verzeihlich gemeinten, moralisch gern
betonten Geschichten mit dem abschließenden ,,Merke:" . . . und damit
ist der Augenblick gekommen, um an die Arbeit Heinrich von Kleists zu
denken, welcher für seine ..Berliner Abendblatter" nicht weniger als
acht — ausdrücklich so benannte — Anekdoten beisteuerte. Darinnen hat
er, Kleist, seinen Sprechstil belebtester, ja dramatischer Art frei
walten lassen, um nur an die ,,Anekdote aus dem letzten preußischen
Krieg" zu erinnern; außerdem hat es Kleist nicht verschmäht, eine
unüberhörbare, sozusagen populäre Deutlichkeit des Ausdrucks und der
Situation gelten zu lassen, in der unverkennbaren Absicht, erzieherisch
damit auf weitere Kreise zu wirken. Das liegt im Geiste jener Zeit, und
Kleist hat in Suddeutschland in Hebel einen ihm wohl kaum bekannten
Dichter, welcher von der Kalendergeschichte ähnliches erhoffte. Man
wird gut tun, sich Kleists Anekdoten prüfend zu vergegenwärtigen:
gerade die eben genannte „Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg" —
die muüdlich vorgetragen werden sollte — zeigt eine überwältigende
Spannung in der Steigerung der Sprache; wie jener Reiter, der Verfolger
ungeachtet, im Dorf sich labt, kommandiert, schließlich die Pfeife
stopft, anzündet und dennoch den nahenden Verfolgern entkommt . . . das
ist mit einem s o tiefen Blick in alle Gefahr und alle Fährlichkeit des
großen Lebens überhaupt erfaßt, gestaltet und gesagt, ja kommandiert —,
daß sich allein aus den einzelnen Teilen dieser kurzen Anekdote ohne
Bemühen eine Lebensphilosophie ablesen läßt: jene Gefahren erst
herankommen zu lassen, bis dahin jedoch das vorhandene Leben zu
meistern, einerlei, ob dabei Werte und Möglichkeiten von Verteidigung,
Flucht oder Rettung verlorengehen oder nicht, . . . also eine wachsame
Unbekümmertheit, ein fast lässiges Bändigen herannahender
Fährlichkeiten, ohne sich von ihnen aus Angst der Gegenwart berauben zu
lassen — der grausame Scherz des zum Tode Verurteilten, welcher auf dem
Weg zur Richtstätte den ihn begleitenden Kapuziner bedauert, daß er
nachher den bösen Heimweg machen müsse, welcher i h m erspart bleibe —
Kleists Lebensanschauung samt allen Unausgeglichenheiten und allem
verschwenderischen Mut treiben seine Anekdoten, wobei die Meisterschaft
des Erzählers darinnen insbesondere zu spüren bleibt, daß diese
Kunstgebilde den Anschein erwecken, als seien sie bloß so eben
hingeschrieben. Die Anekdote als ein Kunstwerk reiner Art und ihre
Betrachtung führt zu einem weiteren, nicht zu unterschatzenden Problem,
jenem der sogenannten .Kleinkunst". Der Umfang hat noch nie ein
Kunstwerk gemacht oder in seiner Bewertung bestimmt; wohl aber sind
Umfang und Dimension der Form wohl zu unterscheiden, nicht zu reden von
der Sparsamkeit des Schaffenden, welcher sich auf völlig andere Art
,,verschwendet", als seine Betrachter je nur ahnen konnten: Die
Anekdote ist dem Umfang nach gewiß sehr klein; wäre sie das nicht, wie
konnte sie knapp erzählt werden, so ganz am Rande; jedoch — die
Dimension ihrer heimlichen Kunstform kann unbegrenzt sein, um so mehr,
als sie meistens an das Grenzenlose heranfuhrt: denn die Anekdote
überläßt den Hörer oder Leser rasch, husch, husch, wieder sich selbst.
Schade, wenn Leser oder Hörer geistig nicht in der Lage sein sollten,
aus diesem raschen Fürsichsein den Nutzen aller Einsamkeit zu genießen,
im Blick auf die Weltweite der echten Anekdote so ganz im allgemeinen.
Beispiel: Bei der Marquise de D. sprach man über das Wunder bei der Enthauptung
des heiligen Dionysius in Paris, welcher, seinen Kopf unterm Arm, bis
nach St. Denis hinausgewandert ist. Als einige zweifelten, meinte die
Marquise: ,,Nun, hier wie überall ist der erste Schritt der schwerste
..." Und als kleiner Kontrapunkt ein anderes Beispiel:
Balzac wachte eines Nachts auf, gestört durch einen Einbrecher, der
sich an seinem Schreibtisch zu schaffen machte. Balzac lachte laut auf
. . . ,,Was suchen Sie bei Nacht mit einem falschen Schlüssel dort, wo
ich am Tage mit dem rechten Schlüssel nichts finde . . ."
Man erkennt: die Fragwürdigkeit in der Paradoxie alles Seins laBt sich
in knappster Anekdote am besten benennen, am unvergleichlichsten
vorweisen. Noch radikaler, indem dabei auch Künstlertum, Ruhm, Historie
und aller mögliche Anstand als ein Paradox gezeigt werden, ist jene
Anekdote, deren Überlegenheit sozusagen klassisch anmutet. Beispiel:
Dumas der Jüngere war in einem Prozeß samt einer Schauspielerin nach
Rouen geladen. Der Vorsitzende fragt ihn bei den Personalien nach
seinem Beruf: ,,Wäre ich nicht in der Vaterstadt Corneilles, so würde
ich sagen: Schriftsteller" . . . Nachher wird die kleine Schauspielerin
yernommen; sie antwortet: ,,Wäre ich nicht in der Stadt, wo die
Jungfrau von Orleans verbrannt worden ist, würde ich sagen: Jungfrau"
(das Wortspiel gewinnt an Reiz, wenn man ,,pucelle", das Wort, das hier
gebraucht wurde, einsetzt). Dieser vollendete Skeptizismus, verbunden
mit melancholisch-genießerischer Gescheitheit, erhebt diese und.
ähnliche Anekdoten zu sehr hohem Rang.
Es ist des Künstlers Vorrecht, dem Publikum die Meinung zu sagen und
auch bei Gelegenheit dafür Geld zu nehmen; u n d es ist außerdem des
Künstlers Pflicht, banausische Fragen des Publikums derb abfahren zu
lassen, s o derb, daß die Antwort dem Publikum unter Umstanden völlig
unverständlich bleibt. Dafür abschließend zwei sehr lehrreiche
Beispiele, von denen das letzte zu-gleich die menschliche Hohe jeder
künstlerischen Überzeugung in sich schließt. Vorher das leichtere: Eine Amerikanerin wollte bei Picasso eine Zeichnung selbst im Atelier
erwerben, stand dort herum und schaute; bei einem Blatt endlich fragte
sie den Künstler, was diese Zeichnung vorstelle. Picasso sagte:
,,Ganz genau die 3000 Francs, die Sie mir dafür bezahlen werden . . ."
Und nun den Höhepunkt menschlicher Überlegenheit moderner
Art; es handelt sich dabei um den Dichter Stephane
Mallarme, eines der größten Genies und Vorbilder, welches das
echte Frankreich in die Welt des europäischen Abendlands gestellt hat:
Nach dem Bombenattentat des Anarchisten Vaillant (1840—1915)
veranstaltete eine Zeitung eine Rundfrage über den Vorfall hatte die
Unbefangenheit, damit Mallarme zu belästigen, und erhielt die geradezu
sakuläre, endgültig die ganze Moderne voll Technik und Verwandtem
verurteilende Antwort: ,,Es gibt keine Explosion, außer einem schönen
Buch." — —
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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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