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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, 4. Jahrg. Heft 1, Okt. 1952
ADOLF VON GROLMAN
DIE NOVELLE
Die musikalische Formenspracbe und ihr System der Benennungen ist sehr
yiel exakter und von den Komponisten strenger ausgeübt als die
dichterische. Gesetzt den Fall, ein Musikbeflissener oder gar ein
Meister lieBe in einem scheinbaren Kontrapunkt einige Stimmen im Kanon
hintereinander laufen und schriebe als Titel darüber: Fuga — so würde
er sich lächerlich machen, und der Fluch der Lächerlichkeit ist der
schlimmste. Wenn aber jemand, der zufällig das Schreiben gelernt hat,
etwas erfindet und ausarbeitet, und schreibt darüber: Novelle — so
findet kein Mensch etwas dabei, dies um so weniger, als viele
anerkannte und große Dichter öfters oder gelegentlich sich mit einiger
Willkür der Bezeichnung Novelle zu allen Zeiten bedient haben, ferner,
weil es als pedantisch gilt, der ,,sch6pferischen Willkür des Dichters
Gesetze vorzuschreiben", ferner, weil es den meisten Lesern unbekannt
und daher uninteressant ist, was eigentlich eine ,,Novelle" als K u n s
t form wirklich s e i : man steht seit 200 jahren vor der Tatsache, daß
Erzählungen, Anekdoten, Schnurren, Kurzgeschichten, kleine und größere
Romane wahllos ,,Novellen" heißen, einerlei, ob sie es sind, einerlei,
ob der Dichter eine ,,Novelle" schaffen wollte oder nicht, das geht
alles gleichmütig geduldet dahin, zumindest in der deutschen Literatur;
die lateinischen Sprachen und Dichtungen, insbesonders das Italienische
und das Franzosische, haben zwar dann und wann ,,Novellisten" bei der
Arbeit gesehen, welche sich vom Begriff der Novelle stark losten, aber
als Gattung, als Begriff und insbesonders als schönste, herrlichste und
überaus interessante, aber schwierige Dichtungsform bleibt insbesonders
im Französischen ,,Die Novelle" streng von anderen, ähnlichen
Möglichkeiten getrennt: kein Wunder, denn die franzosische Dichtung hat
in Guy de Maupassant einen bewundernswert formsicheren Meister, und
dessen beinahe 300 Novellen, welche aucb. fast ausnahmslos ,,Novellen"
sind, bieten ein Beispiel, wie andere Literaturen es nicht aufzuweisen
vermögen.
Wenn wir es unternehmen, im Folgenden über Wesen und
Geschichte der ,,Novelle" im formsicheren und strengen Sinne des
Begriffes zu arbeiten, so wissen wir, da6 sehr bald ironische Blicke
kommen werden, vielleicht allerlei Söttliches dazu: wieso kann die
Theorie dem Schöpferischen Gleise vorschreiben? Mit welchem Recht kann
man selbst bei großen Meistern der Dichtung sagen, dafi Gebilde, die
sie Novelle nannten, solche keineswegs sind, und anderes, das sie
schufen und anders benannten, in den Bezirk der exakten Novelle
einbeziehen? Was erlaubt sich die Poetik? Bei dem allen vergesse man
aber eines nicht: w e n n man die Bezeichnung ,,Novelle" an sich
anerkennt, dann muß man auch folgerichtig bleiben und dem Begriff seine
Rechte zukommen lassen: es gehört zum Wesen und zur Grenze alles
Formalen, da6 es nicht die Sache selbst ist, sondern deren schützende
und fordernde Bezeichnung; weil aber das Bezeichnende ein Wert ist, muß
das zu Bezeichnende diesen Wert in und über sich anerkennen, oder es
benenne sich anders! In der heute üblichen Verwirrung aller Gefühle und
Umstande hat die Form die rettende Aufgabe, den entstehenden Mischmasch
vor der völligen Entwertung dadurch zu retten, daB wenigstens im
Begrifflichen Klarheit und Folgerichtigkeit gewahrt bleibt, ganz
einerlei, ob es den Exaltierten, den Freibeutern und den ,,Revoluzzern
um jeden Preis" nun in ihrer journalistischen Verlotterung aller
Anschauungen pafit oder nicht. Alle K u n s t ist exakt und streng,
sonst dient sie nicht dem Leben, wie sie es allein soll, sondern
Tagesmächten und allerlei fadenscheiniger oder schmutziger ,,Existenz"
— und die Novelle ist in der Dichtkunst eines der edelsten, heikelsten
und wirksamsten Gebilde, welches nicht ,,vermasselt" werden darf.
Der Leser sieht schon jetzt: bei den Erörterungen
uber die Novelle geht es nicht urn Geringes, sondern ein entscheidendes
Stück Lebensphilosophie wird von der ,,novella = Neuigkeit" mit
umschlossen.
2.
Der Begriff Novelle stammt aus dem Juristischen, und
es wäre gut, wenn man dessen eingedenk bliebe. ,,Novella" heißt jede
der zahlreichen Ergänzungsvorschriften, welche die byzantinische
Juristenwelt des Justinian den Institutionen und den Digesten
nachsandte, Verordnungen kurzer Art mit Gesetzeskraft und immer nur e i
n e n Tatbestand betreffend, also Neuigkeiten, welche zu einer an sich
bekannten Rechtsnorm und deren Geistesgebiet hinzukommen. Das ist etwas
völlig Unliterariscbes, wie ja auch die antike Literatur etwas, wie die
Novelle, weder kennt noch nennt; denn kurze Geschichten, Anekdoten und
allerlei moralische und auch unmoralische Späße und Geschichtchen
bleiben, was sie sind und denken nicht daran, irgendwelchen Kunstwert
zu beanspruchen; sie werden erzahlt, bisweilen auch aufgeschrieben und
können als Satiren und Verwandtes auch literarischen Rang erreichen —
müssen und wollen das aber an sich durchaus nicht. Man wird gut tun,
sich dieses großen und in aller Praxis wichtigen Unterschieds zu
erinnern.
Mit dem Ende von Byzanz verbreiten sich die
dortigen, geistigen Menschen schnell über das von ihnen als eine Art
von Emigration aufgesuchte Europa, und plötzlich ist in allen
lateinischen Ländern und darüber hinaus die Modeleistung der ,,Novelle"
als einer besonderen Erzahlform vorhanden, und zwar sogleich in
formstrengen Meisterbeispielen: der Decamerone des Boccaccio
(1313—1375), der Heptameron der Margarete von Navarra (1492—1549), die
Novellen des Cervantes (1547—1616) und auch jene von
Chaucer/iCanterbury tales (1340—1400), um nur einiges zu nennen.
Darinnen ward e i n irgendwie belangreicher Vorfall knapp erzählt, weil
er n e u ist, weil es sich in aller Kürze mit oder ohne ,,Rahmen"
lohnt, ihn in ,,Gesellschaft", einerlei welcher Art, zu erzahlen. An
die Kunst form dachte man dabei so gut wie nicht, man hatte sie in
sich, denn man war durch die Kunstformen der Terzine, der Canzone, des
Sonnetts, der Ottaverime und vieler anderer s o sicher aller
Ausdrucksformen, daß man ganz von selbst die Novelle von anderer
Erzahlung in Prosa, insbesondere vom Roman in Vers oder Prosa,
unterschied: ganz ebenso sicher, wie es zu Bachs Zeiten eine glatte
Selbstverständlichkeit war, dafi man vierstimmige Satze vom Blatt
wegsang ohne jede Probe oder Üben, was alles mitsammen seit dem großen
Zeitenwechsel zwischen 1700—1750 aus dem europäischen Bewußtsein fast
völlig geschwunden ist.
Dies ist das zweite, an das man sich immer erinnern
mufi, will man die Mühe und Plage verstehen, welche alsbald, das Wesen
und den Begriff der Novelle betreffend, einsetzte, ganz zu schweigen
vom Verständnis der heutigen Meinungsverschiedenheiten eben darüber.
In Deutschland hört man von der ,,Novelle" im Laufe
des 18. Jahrhunderts wenig. In den ästhetischen Werken und
Wörterbüchern, weder in Sulzers Theorie der schonen Künste noch bei
Adelung wird sie erwähnt; erst 1796 geschieht dies nebenbei in
Blankenburgs Nachträgen zu Sulzers Werk; statt dessen macht
gelegentlich einmal Wieland eine Bemerkung, 1772, im ,,Don Sylvio de
Rosalva": ,,Novellen" werden vorzüglich eine Art von Erzahlungen
genannt, welche sich von den großen Romanen durch die Simplizität des
Plans und den kleinen Umfang der Fabel unterscheiden oder sich zu
demselben verhalten, wie die kleinen Schauspiele zu der großen Tragödie
oder Komödie. Das ist nicht viel, zumal in Wielands Munde, der selten
schwieg und sonst so viel Kluges, Heiteres und Liebenswürdiges aussagte.
3.
Das alles wird durchaus anders in Theorie und Praxis
mit der Jahrhundertwende um 1800 herum, also im Zusammenwirken von
Schiller und Goethe einerseits und der romantischen Bewegung
andererseits, und beide angesichts der dahinsiechenden, aber noch
langst nicht verstorbenen Aufklärung, welcher ein gewaltiger
literarischer Apparat und großer Kredit beim Publikum zur Seite stand.
Bei diesen Dingen muß man aber, will man nicht jede Übersicht
verlieren, sich deutlich an die zeitlichen Ablaufe und an die
Chronologie halten, um so mehr, als wesentliche Teile der Äußerungen
einander geradezu bedingen oder irgendwie einander (keineswegs
freundlich) grüßen.
Goethe veröffentlichte 1795 in Schillers Zeitschrift
,,Die Horen" seine große Rahmenerzahlung: ,,Erzahlungen deutscher
Ausgewanderten", wobei — eben in der eigentlichen Rahmenerzahlung
selbst — sich eine kleine Ästhetik der Novelle findet: denn es wird
dort von dem ,,Neuen" gesprochen, das gewöhnlich wichtig zu sein
scheint, well es ohne Zusammenhang Verwunderung erregt und unsere
Einbildungskraft einen Augenblick in Bewegung setzt, unser Gefühl nur
leicht berührt und unsern Verstand völlig in Ruhe läßt; eine der
Personen wünscht sich die zu erzahlenden Geschichten ,,mit einiger
Zierlichkeit" vorgetragen, und ganz bald nachher erörtert man (immer
noch im Rahmen) die Frage, ,,ob eine Geschichte wahr sein müsse, wenn
sie interessant sein soll, denn für eine erfundene Geschichte bestehe
wenig Verdienst". Soviel geschah durch Goethe 1795, und viel später,
1827, griff er das immer wichtiger werdende Thema nochmals auf (siehe
nachher).
Fast gleichzeitig rückte der junge Friedrich
Schlegel in seinen ,,Nachrichten über die poetischen Werke des
Boccaccio" und damit dem Novellenproblem energisch zu Leibe: unter
anderem wird die Novelle ,,als sehr geeignet bezeichnet, eine
subjective Stimmung und Ansicht, und zwar die tiefsten und
eigentümlichsten derselben, indirekt und gleichsam sinnbildlich
darzustellen ... die Novelle ist zu dieser indirecten und verborgenen
Subjekttivität vielleicht darum besonders geschickt, weil sie sich sehr
zum Objektiven neigt, und wiewohl sie das Lokale und das Kostüm gem mit
Genauigkeit bestimmt, es dennoch gerne im Allgemeinen halt, den
Gesetzen und Gesinnungen der feinen Gesellschaft gemäß, wo sie ihren
Ursprung und ihre Heimat hat . . . es ist die Novelle eine noch
unbekannte Geschichte, die an und für sich schon einzeln interessieren
können muß, ohne irgend auf den Zusammenhang der Nationen oder der
Zeiten oder auch die Fortschritte der Menschheit und das Verhältnis der
Bildung derselben zu sehen. Eine Geschichte also, die streng genommen
nicht zu der Geschichte gehört und die Anlage zur Ironie schon in der
Geburtsstunde mit auf die Welt bringt.. . aber da man es selbst in .der
besten, feinsten Gesellschaft mit dem, was erzahlt wird, wenn nur die
Art anständig, fein und bedeutend ist, nicht eben so genau zu nehmen
pflegt, so liegt der Keim zu diesem Auswuchs schon in dem Ursprung der
Novelle überhaupt . . ." Begnügen wir uns mit diesen wenigen Sätzen aus
einer recht umfangreichen und tiefsinnigen Darstellung.
Was nun zeitlich folgt, ist jene Flut von Dichtung
und Literatur, welche sich damals von echten und von unechten Dichtern
aller Arten und ,,Richtungen" über das Lesepublikum ergoß; dabei sind
unsere bedeutendsten Namen, unsere besten Kleinschöpfungen aus jener
lebendigen Zeit. Aber die Theorie und Praxis der Novelle? 30 Jahre
später, als alle Beteiligten alt oder erheblich alter geworden waren,
glänzt beides unerwartet wieder hell auf: Der ganz alte Goethe äußerte
sich im Gespräch zu Eckermann am 21. 1. 1827 zum Wesen der Novelle.,
mit Äußerungen, die oft nachgedacht und in ihrer Unklarheit oft
kritisch geprüft worden sind, und er dichtete selbst zwischen dem
Oktober 1826 und dem März 1828 jenes schone und geheimnisvolle Gebilde,
das er wortkarg mit ,,Novelle" betitelte . . . eine Dichtung, deren
geheime Schönheit erst bei ausgiebigem Studium dem Leser aufgehen kann,
ein herbstliches Werk. In den Jahrzehnten dazwischen aber war T i e c k
der kaum bestrittene Meister der darnaligen ,,Novelle" geworden, und
zweifelsohne unter dem Eindruck von Goethes ..Novelle" äußerte er,
Tieck, sich nun selbst zum Wesen dieses Gebildes, im 11. Band seiner
Schriften, Berlin, 1829; zwar nennt er Goethes ,,Novelle" nicht, aber
für jede ,,echte" Novelle fordert er einen Wendepunkt: ,,eine
Begebenheit sollte anders vorgetragen werden als eine Erzählung, diese
sich von der Geschichte unterscheiden, und die Novelle sich nach jenen
Mustern dadurch aus allen andern Aufgaben hervorheben, daß sie einen
großen oder kleinen Vorfall ins hellste Licht stelle, der — so leicht
er sich ereignen kann —, doch wunderbar, vielleicht einzig ist. Diese
Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich völlig
umkehrt, und doch natürlich, dem Charakter und den Umständen
angemessen, die Folge entwickelt, wird sich der Phantasie des Lesers um
so fester einprägen, als die Sache, selbst im Wunderbaren, unter andern
Umstanden wieder alltäglich sein konnte." Ergebnis also: man sollte
,,echte" Novellen von Unechtem, aber Ähnlichem unterscheiden, und zwar
.mittels besagten Wendepunktes, den zu finden und zu zeigen des
Dichters ganze Kunst erfordert. Denn mit diesem Gesetz der formalen
Komposition des Kunstwerks der echten Novelle wird vom Dichter eine
gewaltige Leistung der Seele und des formalen Könnens verlangt; damit
ist es zu Ende mit all dem verantwortungslosen Drauflosfabulieren,
welches mit oder ohne Bezeichnung ,,Novelle" dieser Kunstgattung immer
wieder Abbruch tut und sie geradezu im künstlerischen und im sittlichen
Niveau druckt. Denn mittels des Wendepunktes innerhalb der echten
Novelle wird das bloß Fabulierende, wird das Oberflächlich-Flache
gezwungen, seinen möglichen Rang zu beweisen . . . der Dichter der
echten Novelle tra'gt eine menschliche Verantwortung hohen Stils, und
wenn er der Forderung in der Form nicht Genüge leistet, verliert er das
Recht, sich einen Dichter von echten Novellen zu nennen. Ferner merkt
der Leser alsbald, w o der Wendepunkt ist, und was in seinem Weltbild
der Dichter und in ihrer Gestalt die Novelle aus diesem Wendepunkt
heraus erzeugt. Damit bekommt das Ganze endlich ein klares Gesicht,
eine anständige, weil leistende und arbeitende Physiognomie. Ob nun
dabei die sogenannte Exposition der echten Novelle, also das
Heranführen des Lesers an sein künstlerisches und sittliches Problem
darinnen lang oder kurz gerät, ist angesichts der Hauptsache nur mehr
noch eine Frage des guten Geschmacks im Erzahlen, sowie eine Frage der
künstlerischen Herausarbeitung von Effekten und deren tieferen
Voraussetzungen.
Soweit war man 1828! Die „Novelle" aber ist damit
noch längst nicht bis zum Kern ihres Wesens erhellt, wenn auch die
Hauptsache nunmehr feststeht. Es ist sehr reizvoll, nunmehr weiterhin
zu verfolgen, was man über das Wesen der Novelle im Anschluß ans
Bisherige noch entdeckte, woraus sich mehr und mehr zeigt, w i e fein
und delikat eine ,,echte Novelle" angelegt und vom Künstler ausgeführt
werden muß, will er sich nicht vor den Kennern blamieren.
Einen „Wendepunkt" zu haben, nehmen sich viele
Erscheinungen das Recht. Die sogenannte ,,Peripetie" = Umschwung im
Buhnenwerk, insbesonders in der Tragödie, ist, nimmt man es alles in
allem ebenfalls ein „Wendepunkt", der allerdings nicht zu handgreiflich
spürbar dem Zuschauer vorkommen darf! Gilt das nun nicht auch für den
Wendepunkt in der echten Novelle? Inwieweit und wie stark soll und darf
es spürbar sein? Und was geschieht, wenn die Technik des Dichters
versagt, und der ..Wendepunkt" ungewiß, undeutlich oder unwirksam
bleibt? — Die Dichter Hermann Kurz und Paul Heyse haben nach 1870 einen
umfangreichen ,,deutschen Novellenschatz" herausgegeben und dem Ganzen
eine große Einleitung vorangestellt, ebenso auch jeder einzelnen
Novelle: Paul Heyse sieht dort (Bd. 1 S. 17ff.) als das Wesen der
Novelle das an, ,,da6 in einem einzigen Kreis nur ein einziger Konflikt
ist"; damit wird die Poetik ,,radikal", d. h. sie greift an die Wurzel:
denn dem Dichter der Novelle vorschreiben, nur jeweils einen einzigen
Konflikt zu dulden, das geht weit. Man sieht, welche Welten Heyse von
Goethe und Tieck hier trennen. Das ,,Einzige"?? Was soll der Dichter
darunter je nach Sachlage verstehen? Und woher nimmt er, dem großen
Leben, ganz im allgemeinen gesehen, gegenüber die Berechtigung, von dem
oder jenem als ,,einzigem" zu sprechen? Heyse jedoch hat den sehr
folgerichtigen Instinkt, um jeden Preis den Begriff der echten Novelle
zu ver einheitlichen ... in seinem ,,Novellenschatz" sah er allzu
vielerlei musisches Strandgut herumliegen. Heyse aber fährt fort:
,,Eine starke Silhouette . . . dürfte dem, was wir Novelle nennen,
nicht fehlen" . . . eine starke Silhouette? Aber es ist ja gerade das
Wesen der Silhouette, d. h. des Scherenschnitts, daß es darin weder
stark noch schwach gibt, sondern Schwarz und Weiß, samt einer
Umrißlinie, welche so ,,nervigt" sein muß, daß der Beschauer das ganze
Leben des Silhouettierten erblickt: also meint Heyse, daß die echte
Novelle scharf umrissen sein muß! Und damit ist Heyse auch zu seiner
berühmten sogenann-ten Falkentheorie gekommen; sie heißt deshalb so,
weil im Boccaccio eine Novelle zwischen Menschen durchaus abhängig ist
von der Existenz und der Körperlichkeit eines Falken; wurde dieser
Vogel fehlen, das ganze konnte sich nicht ereignen; also weder
Wendepunkt allein, nodi scharfe Silhouette, allein, sondern (5. Tag, 9.
Geschichte): Ein Ritter lebt, ohne geliebt zu werden und verschwendet
im Aufwand dafür sein ganzes Vermögen, so daß ihm nur noch ein Falke
bleibt. Diesen setzt er, da er sonst nichts hat, seiner Dame als Speise
vor; als sie das erfährt, ändert sie ihren Sinn, macht ihn zu ihrem
Gatten und zum Herrn ihres Reichtums . . . das ist die
Novellenüberschrift; Heyse meint nun, daß es entscheidend auf die
Überschrift ankäme, d. h. auf den Falken, denn ,,Der Leser wird sich
überall fragen, wo der Falke sei, also das Spezifische, das diese
Geschichte von tausend anderen unterscheidet." Das ist vielleicht
praktisch gesehen, aber tief ist es nicht, und entscheidend ist es
ebensowenig. Dafür ist es charakteristisch für die effektbewußte Zeit,
darinnen eine solche Theorie entstehen und Erfolg haben konnte.
In einem geistigen Aufsatz von 1916, als Büchlein
1920 erschienen, ,,Die Theorie des Romans" betitelt, macht Georg Lukacs
zur Novelle eine beachtenswerte Bemerkung: ,,In der Form der
Isoliertheit und Fragwürdigkeit des Lebens,in der Novelle muß sich die
Lyrik noch ganz hinter den harten Linien der vereinzelt
herausgemeißelten Begebenheit verstecken; die Lyrik ist hier noch reine
Auswahl; die schreiende Willkür des begluckenden und vernichtenden,
aber immer grundlos darniederfahrenden Zufalls kann nur durch sein
klares, kommentarloses, rein gegenständliches .Erfassen balanciert
werden. Die Novelle ist die am reinsten artistiscbe Form; der letzte
Sinn alles künstlerischen Formens
wird von ihr als Stimmung, als inhaltlicher Sinn des Gestaltens, wenn
auch eben deshalb abstrakt, ausgesprochen. Indem die Sinnlosigkeit in
unverschleierter, nichts beschönigender Nacktheit erblickt wird, gibt
ihr die bannende Macht dieses furchtlosen und hoffnungslosen Blicks die
Weihe der Form: die Sinnlosigkeit wird, als Sinnlosigkeit, zur Gestalt;
sie ist ewig geworden, von der Form bejaht, aufgehoben und erlöst.
Zwischen der Novelle und den lyrisch- epischen Formen ist ein Sprung.
Sobald das von der Form zum Sinn Erhobene auch seinem Inhalt nach, wenn
auch nur relativ, sinnvoll ist, muß das stumm gewordene Subjekt nach
einigen Worten ringen, die vom relativen Sinn der gestalteten
Begebenheit eine Brücke zum Absoluten bauen". Das ist vortrefflich
gesagt, aber leider hat sidi spa'ter gezeigt, dafi immer wieder
Menschen die Novelle nicht als das gelten lassen wollen, was sie i s t,
und damit stehen die bisherigen Möglichkeiten immer wieder vor weiteren
,,Zertrümmerungen". Gewissermaßen wird jetzt die Angelegenheit der
editen Novelle selbst ,,novellistisch"..
(Fortsetzung folgt)
Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, 4. Jahrg. Heft 2, Nov. 1952
ADOLF VON GROLMAN
DIE NOVELLE
(SchluB)
4.
Denn 1928 wies Arnold Hirsch in seiner Dissertation
über den Gestaltungsbegriff Novelle auf Schleiermacher, den Theologen
der Berliner Frühromantik, bin, für den die Eigentümlichkeit der
Novelle in der Schilderung realer Verhältnisse der bürgerlichen Welt
besteht: damit tritt sowohl das ,,Neue" völlig zurück wie auch ,,die
Gesellschaft" von einst, heran kommt start dessen das Reale, also das
vordergründlich Gegenständliche, des Bürgertums nämlich, also jener
Kreise, die das Biedermeier tragen werden, die das 19. Jahrhundert
bestimmen werden. Im gleichen Jahr 1928 weist ein großer Aufsatz von
Hans Bruch (in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine
Kunstwissenschaft) darauf hin, daß Novelle und Tragödie es sind, die im
19. Jahrhundert einander gegenüberstehen. Dabei nimmt Bruch nur moderne
,,Novellen" zum Gegenstand seiner Betrachtung, was logischerweise zu
Verwirrungen führen muß; er sieht, unter Verwerfung der Gesellschaft
früherer Zeiten, das Kunstformgebilde nur als ,,tragische Novelle", als
ein ,,Mehr, denn bloße Anekdoten" und bahnt damit einer noch
weitergehenden Verallgemeinerung den Weg: Hermann Pongs tätigt diese in
einem Aufsatz (in der Zeitschrift für deutsche Bildung, 1929), der eine
,,Großform der deutschen Schicksalsnovelle" annimmt und ganz allgemein
von einem ,,Wagnis des Geistes" bei jeder ,,Novelle" spricht. Damit
verläßt man die Grundlage, ,j e n e , da6 es sich in der Novelle um
eine Dichtungsform handelt, und begibt sich auf ein fremdes Gebiet,
jenes: daß man sich an den schicksalsbestimmten Inhalt der
Novellenerzahlung hinwendet. Ob solche Argumentationen richtig sind?
Bejaht man das, so geht die lateinische Schönheit der Form verloren
samt ihrem juristisch klaren Eigenleben, ein unersetzlicher Verlust.
Verneint man das, so trägt man die Verantwortung dafür, daß sich
unausweichliche, wenig beliebte Sonderarten deutschen Denkens, Fühlens,
Handelns bis in eine Kunstform erstrecken und dort wirksam werden, wo
der Begriff etwas völlig^ anderes meint: also noch eine „ incertitude
allemande" (eine deutsche Unklarheit) rpehr . . . und d a s in der
Dicht k u n s t, also dort, wo jedes Volk sich instinktmäßig bemüht,
deutlich zu werden, sich zu verdeutlichen, um gelesen, verstanden,
geachtet zu werden.
Man sieht, das Problem der Novellen form ist sehr
weittragend, und alles andere, denn ein müßiger Streit um Liebhabereien
und um Rechthaberei: In der Novelle pulsiert viel Leben. Aber nicht
allein, sondern gebändigt, gekonnt, gewußt und geformt. Ob das Leben
schlechthin sich ausströmen lassen d ü r f e , unachtend der
künstlerischen Form dabei, das ist eine Frage, welche wiederum nur aus
dem Blick auf das ganze große Leben beantwortet werden d a r f . . .
Das Dürfen aber setzt Gebote und Gesetze voraus, die offensichtlich von
vielen modernen Novellentheoretikern gering geachtet werden? das ist
die Lage! Was nun?
Nun kommt die Hauptsache des Ganzen, nämlich der
Blick auf die Dichtungen selbst, auf die ,,Novellen", die so oft kerne
sind, gerade dann, wenn man sie so nennt . . . und auf jene Dichtungen,
die das obenbeschriebene Noyellenmäßige tragen, ohne daß es ihnen und
dem Leser eine Last sei, die aber — wo bleibt die Logik? — durchaus
nicht Novellen-heißen.
Um diesen Blick zu tun, steht man da wie einer,
welcher ,,die Alexanderschlacht" von Albrecht Altdorfer (1529)
beschauen will, und dessen Blick bald in die Weltentiefe dieses
Gemäldes gezogen wird, bald sich minutiös in den Heereshaufen der
Griechen und Perser zu orientieren trachtet, welche den Vorder- und den
Mittelgrund erdruckend, aber nie erstickend füllen, f ü 11 e n , eine
Unzahl, eine erschreckliche Menge von Phänomenen, Heereshaufen und
Einzelkrieger, Fürsten, Geführte, Generäle, Harems, Geschlagene . . .
Trachten aller Art, Roß und Wagen, Sonne und Mond, Wasser und Feste,
darüber ein Himmel voller atmosphärischer Wunder . . . das i s t
Altdorfer, und das ist der unendliche, endlose Novellenvorrat des
europäischen Abendlandes, wobei Deutschland eifrig mitschöpferisch war:
Wo anfangen, insbesondere in der Verwirrung des 19. Jahrhunderts in der
deutschen Erzahlproduktion, die sich keine Grenze und keine Schranke
und keine Selbstbeschrankung vorschrieb, als dürfe sie das?
Im folgenden ist es nun durchaus nicht möglich, eine
entwickelnde Darstellung oder einen Katalog zu entwerfen, es ist kaum
möglich, einem zuletzt nichtssagenden Verzeichnis von Dichtern und
Titeln auszuweichen; möglich ist etwas ganz anderes: ein Hinweis, der
sich nicht scheut, einiges Unbequeme anzumerken, jedoch etwas
leichthin, gewissermaßen novellistisch: denn das ist das Besondere
eines jeden Novellenkapitels einer Poetik: dafj es anders ist ak alle
anderen Kapitel: bei ihm darf man nicht liber dem
lieblich-sudländischen, halb- juristisch-halbästhetischen Thema etwa
schwer werden! Vielmehr muß man selber leicht bleiben und mit ganz
leichter Hand, wenn auch gründlich und sehr exakt, ,,halten und nehmen,
halten und lassen", ganz so, wie es die Marschallin in Hofmannsthals
,,Der Rosenkavalier", wenn auch in etwas anderem Zusammenhang, meint
und schließlich tut.
5.
Oben wurde von den deutschen Romantikern gesprochen,
und Tieck, der Verschiedengewertete, wurde besonders genannt. Achim von
Arnim bringt gesellschaftlichen, geschichtlichen und geheimnisvollen
Reiz mühelos herbei, E. Th. A. Hoffmann weiß um Nachtseiten und
Grenzfalle des Lebens, Eichendorff verbindet Leichtigkeit mit
Schwermut, je heiterer im Vordergrund gesungen und im Hintergrund das
Waldhorn geblasen wird. Aber sein ,,Taugenichts" ist ein Roman, und
gewiß keine Novelle! Dafür hat es Hauff verstanden, etwa im ,,Bildnis
des Kaisers" großen Umfang des Apparates novellistisch bleiben zu
lassen. Gottfried Keller ist der Novelle — relativ — am fernsten, wenn
er sie gerade dichten will, seine Weisheit filtriert sich mit Vorliebe
durch Gerahmtes und Verschwiegenes hindurch, so daB ,,der Humor" nur
selten, dann aber gründlich, erzählerisch derb wird; eine feine Wehmut
ist immer wieder sein Schönstes, die ,,Figura Leu", sie ,,beglänzt, wie
in einer Glorie und sah einem Engel des Himmels gleich, der ein
Mysterium feiert". Mörikes Erzählungen, insbesonders ein ,,Mozart auf
der Reise nach Prag" läßt novellistische Züge in eine breitere
Erzahlung ausschweifen, und das berühmte Novellistenquartett: Storm,
Heyse, Keller, Meyer fordert diese Entwicklung. Im Europa von Mérimée
zu Loti, von Turgenjeff zu Jens Peter Jacobsen und Tolstoi steht einzig
Maupassant ,,le toreau triste", wie er genannt wurde, mit seiner
un-begreiflich großen Novellenenergie formsicher da. Da war Heinrich
von Kleist, der 6'fters ein Novellist genannt wird, ihm ähnlich, in der
Haltung nämich; denn er wollte seine beiden Bände ,,Erzählungen“ von
1810 und 1811 ursprünglich ,,moralische Erzahlungen" nennen, ließdas
,,Moralisch" aus deutlichen Gründen (Brief an Reimer vom August 1810)
weg und dachte gar nicht daran, ein Novellist zu sein, indessen er
diese' Kunstforrn meisterte wie der Reiter über den Bodensee.
Denn jetzt erst kommt das Wichtigste, das Heikelste
und das Schwierigste an der Novellenproblematik zur Sprache, nämlich
die F r a g e , welche jede Novelle erst zu einer solchen macht, die
Frage: ,,quid novi", was ist das N e u e , das in der ,,Novelle"
erzahlt wird? Das notwendigerweise Neue, jenes, das der Leser oder
Hörer bi jetzt eben nicht w e i ß! jenes, das er wissen soll um dessen
Willen überhaupt ,,in Gesellschaft" erzählt wird! Das Problem liegt s o
: wenn der Künstler, neu mit,aktuell" verwechselt, dann ist er im
Irregang; denn das Aktuelle ist nicht etwa ,,neu", es ist bloßmomentan
am Gespräch. Das Weltbild des Künstlers aber, wenn er ein Künstler ist,
hat mit dem Aktuellen eben ganz und gar nichts zu tun. Des Künstlers
,,Neuigkeiten" kommen aus einer anderen Welt, ihre Ebene ist
verschieden vom Tratsch und Klatsch des Aktuellen, insbesonders aller
Politik. Der Dichter ist kein „Agent" für ,,Aktuelles", sondern der
Dichter ist einer der Bestandteile des guten Gewissens eines Volks,
einer Nation, und das ist zweierlei.' Kleist wu?te, warum er angesichts
dieser Aufgabe des Dichters, welche erst Adalbert Stifter richtig
erkannte und formulierte, das Wörtlein ,,moralisch" wegließ. Denn das
gute Gewissen hat <mit der Moral der Spießbürger nichts zu tun.
Also konnten die Storm, Heyse, C. F. Meyer,
moralisch, wie sie sein wollten, das N e u e , das sie nicht brachten
noch bringen mochten, auch nur in die Erzählung gießen, keineswegs aber
in die Novelle. C. F. Meyers große Kunst, welche oft sich dem
,,Künstlichen" bedenklich nähert, liegt gerade in dem, was nicht
novellistisch war, ist, sein wird: Meyers Draperie in Inhalt und Form
darf nicht darüber hinwegtauschen, daß die Draperie, und sei sie noch
so edel oder noch so raffiniert, eben nicht der Inhalt ist. Und Meyer
und Gottfried Keller wußten ganz genau, warum ;sie einander höflichst
mieden, warum sie jede Differenz unterließen und warum Keller ,,neu"
ist, aber Meyer ein genialer Schöpfer historisierender Romane, und kein
Novellist, wiewohl er einen Teil (nicht alle!) seiner kürzeren
Erzahlungen ,,Novellen" benannte.
Die echten Dichter verschweigen viel, und das
Unausgesprochene ist nichtsdestoweniger vorhanden, auch dann, wenn es
dabei leise zugeht. ,,Was Neues?" — je rascher die Übermittlung von
Neuigkeiten im Sinne der Aktualität im Laufe des 19. und 20.
Jahrhunderts wurde, um so mehr sah sich der Dichter veranlaßt, besagtes
,,Neues" immer starker zu differenzieren, ganz wie in der höheren
Mathematik die Differentialrechnung ihr besonderes Lebensgesetz hat.
Deshalb ist es auch zu verstehen, wenn auch nicht zu erklären, da6 die
Theorie der Novelle um so intensiver und um so raffinierter wird, je
schwerer es fallt, ,,etwas Neues" von künstlerischem Range zu wissen,
zu sagen, zu erzahlen.
Denn mit dem ,,Neuen" nähert sich der Novelle ihre
größte Gefahr, und das ist ihr künstlerisches und menschliches Ziel.
Alle Aktualität hat ihre ,,Pointe", der Witz hat die Pointe, die
Anekdote hat sie, der Spaß, die Kurzgeschichte, das Rätsel, das
Sinnbild — alle, bloB die ,,Novelle" hat k e i n e Pointe. Sie spitzt
sich nicht auf einen witzigen, d. h. verstandesvollen Moment, auf einen
Schlager, auf eine intellektuelle Knallerbse zu, sondern die Novelle
und das in i h r erzahlte N e u e meint den Sinn des Lebens; das Leben
aber ist ein Prozeß, ein Vorschreiten, und hat keine Pointe, keine
Spitze, keinen schlagkräftigen Moment: das Leben ist sehr viel größer
als der menschliche Witz, der es meistern mochte und atemlos neben dem
Leben herkeucht, anstatt selbst zu 1 e b e n ! Die echte Novelle aber
ist dem großen Atemzug des Lebens deshalb zutiefst verhaftet, w e i 1
das Leben selbst alle Tage n e u ist, und der Künstler, der es mit
Selbstkritik und Arbeit dahin gebracht hat, dieses große Leben zu leben
und darüber in Form Gültiges und Geltendes (das ist zweierlei.')
auszusagen, wird dazu längst nicht mehr den ,,Roman" nehmen, welcher
sich zum Wälzer, zum Ungetüm und zur Eitelkeit des Schwätzers
ausweitet, sondern — quid novi? — die Novelle.
Jetzt erst, vorher nicht, ist man in der Lage, das
Wesen der Novelle zu ahnen, samt der Fähigkeit, die angeblichen und
vermeintlichen Novellen der Literatur an ihre verdienten, anderweitigen
Platze zu stellen. Die Lebensweisheit eines Maupassant, eines Gottfried
Keller, eines Jens Peter Jacobsen rührt an die tiefen Geheimnisse des
,,Lebens schlechthin" . . . und ob es nun im leichteren oder
schwereren, durchaus nicht ,,moralischen" Gewande .geschieht — diese
Weisheit steht im großen Leben schlechthin, und sie steht nicht in den
Aktualitäten des Betriebs, der gar kein Leben ist, sondern bestenfalls
ein Leben nur vortäuscht.
Schon oben, eingangs, war von uns darauf hingewiesen
worden, daß die Problematik der Form der echten Novelle eines der
edelsten Themata sei, welche es in der Poetik, in der
Dichtungsgeschichte und im Blicke auf die Bemühungen der Dichter und
Schriftsteller gäbe. Jetzt sieht man, warum? — deshalb, weil die
,,Neuigkeit" und ,,das Neue" im ,,großen Leben schlechthin" völlig
etwas anderes ist als das, was nur zu oft, zu verantwortungs- und
mühelos gedruckt wird, wie wenn solche Dinge eine zureichende Antwort
waren auf die Frage an das Leben schlechthin: quid novi? — was Neues?
Versteht man den Existentialismus richtig, so ist
dessen gottleugnende Langeweile gar nichts anderes, als das ziemlich
ahnungslos vorgebrachte, aber hilflose Eingeständnis der Leute, da6 sie
auf besagte Menschenfrage an das große Leben schlechthin kerne Antwort
mehr wissen, keine Antwort geben können — leider aber nicht schweigen
und einer anderweitigen, jedoch geregelten Tagesarbeit nachgehen. Der
,,Künstler" w e i ß immer etwas Neues vor dem Leben, und er kann es
auch aussprechen.
Es ist die ganz besondere Gnade dichterischer F o r
m e n , daß sie rettende Aufgaben habe; die Novelle anlangend ist es
außer Zweifel, dafi eine Pflege ihrer Form den Dichter vor eine so
große Reihe von Sonderaufgaben stellt, daB das Erzahlen und die Antwort
auf die Frage: quid novi? ihn frei macht von angeblichen, aber
unberechtigten Forderungen sogenannter Aktualitäten, . . . dadurch wird
das ,,gro6e Leben schlechthin" mit seinem gewaltigen Strom ihm Text und
Melodie schenken, weil nichts im Wege steht, das Neue unter Gottes
Sonne zu sehen und davon in Gesellschaft zu erzahlen.
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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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