Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg. Heft 6, März 1953

ADOLF VON GROLMAN
Vers-Dichtung

,,Von Rhythmus, Vers und Reim"

Die bisherigen sieben Kapitel dieser kleinen Poetik beschäftigten sich aus vielen, eingangs dargestellten Gründen mit der Prosa als dichterischer Ausdrucksmöglichkeit. Dabei wurde unter anderem deutlich, daß die Sprachkunst des Prosaisten keineswegs das gleiche ist wie die dichterische Prosa eines Dichters. Es gibt gewaltige Prosaisten, Personen also, welche ihre Sprache bis zum letzten meistern, die aber durchaus keine ,,Dichter" sind, also, um Beispiele zu nennen, Friedrich von Gentz, Moltke, Gregorovius, Jakob Burckhardt; ein ,,Dichter" aber, der sich der Prosa bedient, ist davon seinem Wesen nach und in allem Grundsätzlichen unterschieden, z. B. Hölderlin in seinem Hyperion,, Gottfried Keller und Adalbert Stifter.
    Früher, wo die Prosa noch lange nicht so hoch im ästhetischen Kurs stand wie heute, gab es Zeiten, darinnen man sich den ,,Dichter" n u r im Reim, im, Vers, im Bühnenwerk, in Versen und im Epos vorstellen konnte oder vorstellen wollte. Damals hatten sich die Zeiten nicht s o verlagert, wie es mit der aufkommenden Hochschätzung aller dichterischen Prosa begann und bis zum heutigen Tage sich steigert. Heutzutage sieht man einen ,,Dichter" ganz überwiegend in seiner Lebensweisheit und d e r e n Äußerung, einerlei, ob in Prosa oder im Vers. Den heutigen kommt es mehr und mehr auf den Inhalt, auf die Spannung, auf die Problematik an, ... die Kunst f o r m e n traten seit längerer Zeit etwas zurück. Das ist aber kein Grund, über sie zu schweigen; ganz im Gegenteil: tauscht nicht alles, so werden wieder Zeiten aufziehen, darinnen man die Dichtformen wieder wichtiger nimmt, als dies heute geschieht, aus dem einfachen Grunde, weil die Prosa übermächtig als Ausdrucksform geworden ist, und weil zweifelsohne das menschliche Gemüt das Besondere der Versdichtung sich wieder wünschen wird.
    Es ist nicht ganz leicht und einfach, sich über Versdichtung zu verständigen; teils ist dem Menschen von heute die Prosadichtung geläufiger, sie liegt ihm mehr und spricht ihn kürzer, deutlicher und wirkungsvoller an, . . . teils hat sich der Geist der Epoche abgewendet von Gegenständen und Anlassen, welche auf die Kraft, Wurde und Einseitigkeit des Verses schon innerlich abheben: der modernen Sachlichkeit kommt die Prosa in ihrer Enge und ihrer Weite, ihrem Telegrammstil und ihrer möglichen Uferlosigkeit entgegen, alle Lyrik aber tut dies nicht. Denn Lyrik, Drama, Epos, Tragödie beanspruchen Z e i t von ihrem Leser und Hörer, bei der Prosa kann man leicht abbrechen und später das Buch dort wieder aufnehmen, wo man es einst liegen ließ; ein Werk der Lyrik, des Verses, der Bühne, des Tragödischen kann man zwar abbrechen, damit aber ist es zunächst tot. Denn all diese Werke, insoweit sie K u n s t - werke sind, stehen da aus e i n e m Guß, aus einer Energie des künstlerischen oder sittlichen Wollens, aus einer Gesinnung des Sittlichen. Alle Prosa tut dies zwar, wenn sie es will und vermag, ebenfalls, aber bei der Prosa dosiert sich der Leser seine Portion, bei aller Vers- und Bühnendichtung aber vermag er das nicht, sondern das Werk und der Dichter dosieren: sollte der Leser/Hörer nicht mitmachen, . . . — um so schlimmer für ihn, denn dann scheidet er aus und kommt wahrscheinlich nicht mehr wieder ,,herein" . . . und dieser Anspruch von Dichter und Dichtwerk ist groß, er ist dem Menschen von heute oft auch unbequem: daher die vollig andere Lage, von welcher ausgegangen werden muß.
    Auch die allerkleinste ,,Poetik" muß hier darauf hinweisen, wie tief die beiden Welten der Prosa und der Nicht-Prosa voneinander geschieden sind . . . und dies gerade dann, wenn sich — gar nicht selten — die sogenannte gehobene Prosa gebärdet, als sei sie Lyrik (z. B. bei Nietzsche, etwa in dessen Zarathustra) oder eine mehr oder weniger verschwommene Lyrik sich mehr und mehr einer zerstückelten Prosa nähert (etwa im Phantasus da und dort, von Arno Holz): diese beiden Welten sind weder einander feindlich, noch heben sie einander auf, sie sind nur einander entgegengesetzt: der dichterische Anlaß der Prosa ist, wie es auch dargestellt wurde, fast grenzenlos, aber der Vers und alle Versdichtung gehen von einem anderen Erleben der Welt aus, denn die Prosa und das Wie der Form gehören sehr zwangsläufig zu dem Was der künstlerischen Aussage.
    Die Vers-Dichtung beruht auf Rhythmus, Vers und Reim. Auch alle Prosadichtung hat ihren Sprachrhythmus, ohne welchen sie nicht stark wäre, aber dieser beherrscht das Ganze der Satzgefüge, meistert das G a n z e des Aussagewillens und — laut oder leise — schwebt untergründig. In aller Versdichtung
jedoch glänzt zunächst der Rhythmus als Beginn, und wenn er sich Steigerungen gestattet, dann geschieht dies karg und meist zum Schlusse des Kunstwerks, wahrend alle Steigerung des Rhythmus in der Prosa anschwillen läßt, damit nachher es wieder abschwelle*). Ein ganz herrliches Beispiel für diese wichtigen, schonen und fordernden Übergänge findet man in Hölderlins ,,Hyperion"
    . . . ,,daß dem Herzen eine neue Seligkeit aufgeht, wenn es aushält, und die Mitternacht des Grames durchduldet, und da6, wie Nachtigallengesang im Dunkeln, göttlich erst im tiefen Leid das Lebenslied der Welt uns tönt"
oder
    ,,und ich weiß nicht, Salamis hat doch eigene Reize und die Gefährten des Aiax hatten Recht, im Vaterlandsweh auf der fernen Küste zu rufen: Voll Ruhms, voll guten Geistes, o Salamis, draußen schwimmst du, von Meereswogen umrauscht."
    Liest man diese beiden Stellen laut, mit gewollt starkem Skandieren des Rhythmus, so verspurt man die Gewalt der Versdichtung, welche durch alle, schönste Prosa hindurchpocht, unüberhörbar, unabweisbar. Und dieses P o c h e n des Rhythmus i s t es gerade, das man verspurt haben muß, will man sich mit den Dingen aller Versdichtung beschäftigen. Es ist das gleiche, naturnahe P o c h e n , wie es im Jazz geboten wird. Es gibt den Walzerrhythmus, den ,,süßen, trivalen D r e i takt des Lebens" (Th. Mann, Tonio Kröger) — — aber es gibt auch den Z w e i takt, und das ist das leise, unermüdliche Schlagen des Jazz, das ist das Unausweichliche aller Feme, aller Sehnsucht, aller Klage der unerlösten Kreatur, die in Lust und Leid das Pochen des unerlösten Herzens hört bis an ihren leiblichen Tod. Stellt man sich den 3-takt und den 2-takt des Lebens hart und schonungslos einmal vor und gegenüber, dann bekommen diese Dinge den Ernst von Totenrichtern: es geht dabei um letzte Dinge, und nur die Kleingläubigkeit der Menschen und ihre Schwäche läßt es allzuoft zu, daß verniedlicht wird, was ganz und gar nicht niedlich ist, sondern die letzten Entscheidungen schon vorweggenommen hat.
    Nun kommt ein Gesichtspunkt hinzu, der diese Erscheinungen noch mehr erhebt: es ist d i e M u s i k. Denn Lyrik kann der Tondichter komponieren, . . . und die Prosa kann er auch komponieren. Damit begann Bach in der Komposition der Rezitative in den Kantaten und Passionen, dann aber komponierte Mozart die Musik für Beaumarchais' Prosa von ,,Die Hochzeit des Figaro" . . . und es blieb Richard Straufi vorbehalten, Wildes Salome-prosa durchzukomponieren und schließlich den unvergleichlichen Komödientext Hofmannsthals im ,,Rosenkavalier" (um von der Arabella und anderem zu schweigen) . . . es ist
') Alle Beispiele, die nunmehr kommen, müssen, um als Beispiele zu wirken, laut gelesen werden und mit eindringlicher Betonung der lauten gegen die schwachen Silben, damit sich im Lautlesen das Ohr des Lesers an die vollig neue Situation dem Dichtwerk gegenüber wieder mehr gewöhne.
zweierlei, ob Hugo Wolf ein Gedicht von Mörike vertont oder Richard Strauß den in Prosa gestellten Monolog der Marschallin. Alle Musik steigert des Dichters Wort, es ist aber ein großer Unterschied, ob sie Prosa zum Klingen bringt oder eine Versdichtung.
    Die Musik aber besitzt den Rhythmus schlechthin und den Takt, . . . und aller Vers setzt sich wiederum aus Takten zusammen, aus — lang-lang . . . lang-kurz . . . kurz-lang . . . kurz-kurz, was alsbald zu den Rhythmen führt: Daktylus = lang-kurz-kurz, Anapast = kurz-kurz-lang.
Wer sich mit Versdichtung beschäftigen will, der muß sich diese Rhythmen laut vortaktieren (Takt!), und dann erhält er das Gefühl für den Schlag, den Taktschlag, welcher etwas ganz anderes ist als der ewige Gleichtakt einer Uhr oder der ewige Wechseltakt der Unruhe innerhalb der nämlichen Uhr. S o hart liegen die Dinge dieser Welt beieinander!
    Man hat einmal von der Musik behauptet, diese sei aus dem Rhythmus bei den körperlichen Arbeiten entstanden, und wahrscheinlich ist dem auch so; man bedenke nur einmal den Rhythmus des sog. Wolgaschifferlieds . . . indessen die K u n s t hat sich all dieser elementaren Dinge langst sehr eindringlich angenommen, und der Kunst des Prosaisten die Kunst des Versdichters, insbesonders des Lyrikers, gegenüberstellt.
    Denn was ist nun ein Vers? ,,versus" (lat.) heißt die ,,Wendung". Im Vers wendet sich Rhythmus und Takt im Sinne des dichterischen Erlebens und Wollens von dem einen Extrem zum anderen, und zwar in Takt und Rhythmus. Es k a n n (nicht muß) auch noch der Reim hinzutreten — damit erhebt sich der dichterische Gedanke zu eigenem Leben. Und leider nicht nur er allein! Denn sowohl Rhythmus wie Reim sind jedermann leicht zugänglich, sind ihm wehrlos ausgesetzt, und damit beginnen die Dichterlinge ihre Tätigkeit, schreckenerregend und anspruchsvoll zu allen Zeiten, die Dichterlinge schaffen alles, es gibt nichts, an das sie sich nicht wagen, Tragödien, Epen, Komödien, Lyrik ohne Ende, Sentenzen, . . . was bei der Prosa leichter aufgenommen und wieder beseitigt wird, also Lesefutter, das wiegt bei aller Versdichtung schwerer und bleibt und steht da, die Halbtalente klagen an, die Genies sind so rar, daß sie meist viel später, lange nach ihrem Tode, entdeckt werden, und damit ist alle Dichtung zur bloßen Literatur abgesunken. Ein trauriger Jammer, eine öde, endlose Traurigkeit. Denn alle echte Kunst ist einsam, materiell arm, meist nicht käuflich, nicht Gegenstand moderner Industrien, daher unbekannt, unpopulär, das war so seit Anbeginn und gehört mit dazu. Es ist das hohe Problem des Dichters und seiner Mission.
    Der Vers aber, die ,,Wendung" also, entsteht, indem sich mehrere einzelne Glieder aneinander an-bauen, also betonte und unbetonte, starke und schwache, lange und kurze, hohe und tiefe Glieder, mit Hebung und Senkung ... die Technik des Verses ist etwas vom Raffiniertesten, das man sich denken kann. Da gibt es in Theorie und Praxis gar kein Ende. Einst nahm man an, es könne mittels der M e t r i k , der Lehre von den Versmaßen eine Art von Grammatik, von Strukturlehre und von Beispielsammlung hingestellt werden; aber so oft auch, immer wieder zu allen Zeiten, versucht worden ist, die Zahllosigkeit sprachlicher Versmöglichkeiten in ein System zu bringen, . . . das Leben war allemal reicher als die Theorie.
    Der Vers hat aber noch sehr viel mehr als bloß eine Menge von Theorien, . . . der Vers hat auch, und das ist n a c h dem Formproblem wohl die Hauptsache — der Vers hat eine ethische und eine moralische Grundlage. Rilke hat einmal, im Malte Laurids Brigge, sich sehr ausführlich über den Vers geäußert, und über alles das, was zusammenkommen muß, bis der erste Vers entsteht; dabei meint er nun gerade nicht die rhythmischen Dinge samt Zahl, Maß und Reim, sondern die eigentliche Kraft des Dichters, welcher erst etwas sein muß, bevor er es unternimmt, Verse zu schreiben. Es wird gut sein, einige der vielen Gesichtspunkte, die Rilke dabei aufstellt, hier zu wiederholen, damit der Leser ahnen möge, welche Arbeit der echte Dichter leisten muß, bevor er nur beginnt, sich zu äußern:
    ,,Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug) — es sind Erfahrungen . . . Und es genugt auch nicht, daß man Erinnerungen hat. Man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große Geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht."
    Damit nun der Leser sich an einem Beispiel all diese, keineswegs einfachen Grundlagen vergegenwärtigen könne, möge er die erste Strophe von Mörikes: ,,Um Mitternacht" lesen, sprechen, skandieren, bedenken und zuletzt genießen, mit all ihrem Wechsel im Gleichbleiben und mit all ihrer Lebenserfahrung, welche durch die zweite Strophe, die absichtlich hier nicht mit abgedruckt, sondern dem spurenden Eifer des Lesers überlassen bleibt, noch gesteigert werden:

            Gelassen stieg die Nacht ans Land,
            lehnt träumend an der Berge Wand,
            Ihr Auge sieht die goldene Waage nun
            der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
            und kecker rauschen die Quellen hervor,
            sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
            vom Tage,
            vom heute gewesenen Tage ...

    Das sind nun Verse, die sich zu einem Meisterwerk reinster Lyrik zusammenfanden, zu einem Kunstgebilde, das wiederholt auch komponiert wurde, und dessen zwei Hälften einander zudem ergänzen, wie großartiger man es sich kaum vorstellen kann. Ganz zu schweigen von der Schönheit des Geschauten, von der Anmut des Gewußten und von der Reinheit aller Gesinnung.
    Das westeuropäische Abendland aber hat nun im Laufe der Jahrhunderte einen ganz gewaltigen Sonderprozeß vorgenommen; die nordische Dichtung von einst hatte durchaus andere Gesichtspunkte, als die antike Dichtung Griechenlands sie besaß. Der Norden wuchtete in Allitterationen und in der Kraft von Stabreimen und schichtete mit großer Gewalt schon recht früh Zaubersprüche,
Gebete, Beschwörungen, Heldensagen. Die Antike aber schuf, später von den Römern geschickt nachgeahmt und erweitert, aber nicht übertroffen, Verse und rhythmische Möglichkeiten aus Lebensgefühlen und Erlebnissen heraus, die denen des Nordens ewig frond, ja entgegengesetzt bleiben mußten. Dennoch unternahm es die schöpferische Kraft Europas, diese Antipoden einander zu nähern, und was ein griechischer Hexameter war, erklang schließlich auch im
nordischen Deutsch, und die Erlebnisse näherten sich so sehr, daß es Kunstwerke gibt, welche den Süden weitgehend verstanden haben. Es ist die eigentümlich bezaubernde, immer wieder aus ihr selbst sich erneuernde Dichterkraft Schillers, welcher wir ein Kunstgebilde verdanken, das in Form und Inhalt immer wieder die tiefsten Gründe des Menschlichen erreicht, der Klagegesang, die   

N ä n i e

                Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwingt,
                    nicht die eherne Brust rührt es dem stygischen Zeus.
                Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
                    und an der Schwelle noch, streng, lief er zurück sein Geschenk.
                Nicht stillt Aphrodite dem schonen Knaben die Wunde,
                    die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
                Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
                    wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
                Aber sie steigt aus dem Meer mit alien Tochtern des Nereusi
                    und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
                Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
                    daß das Schöne vergeht, daß das  Vollkommene stirbt.
                Auch ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
                    denn das Gemeine geht klaglos zum Orkus hinab.

    Diese reinen Distichen (erst ein Hexameter, dann ein Pentameter, und so weiter im Wechsel) stellen einen kaum je wieder erreichten Höhepunkt abendländischer Dichterkraft in Form und Inhalt: wohl dem, der beides versteht. Denn hier ist alles Gefühl in die höchste Ebene der Klarheit gehoben, ist auch gelost von jenen Alltäglichkeiten, die mit Dichtung nichts mehr zu tun haben. Um aber gleich von Beginn an dem Leser die weltenweiten Gegensätze zu zeigen, deren die Versdichtung fähig ist, möge zum eindringlichen Vergleichen
ein nicht minder edles, in seiner Besonderheit intimeres Gedicht folgen. Schillers Art fand in der Nänie den strengen, kargen, unwiderleglichen Inschriftencharakter: gewollt kühl, streng und einsam muß es dabei sein. Die Verschmelzung von Antike und Nordischem aber hat auch noch die schwermütige, intime, denkerische Möglichkeit, die Mörike erreichte ...

Auf  eine   Lampe

                                             Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
                                             an leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
                                             die Decke des nun fast vergess'nen Lustgemachs.
                                             Aul deiner weißen Marmorschale, deren Rand
                                             der Epheukranz von goldengrünem Erz umflicht,
                                             schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
                                             Wie reizend alles! lachend und ein sanlter Geist
                                             des Ernstes doch ergossen um die ganze Form —
                                             Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
                                             Was aber schon ist, selig scheint es in ihm selbst.

    Hier, an dieser Stelle, wo wir — sozusagen einleitend — nur von Rhythmus, Vers und Reim sprechen, wäre es irreführend, zu sehr der inhaltlichen und gedanklichen Schönheiten dieser Gedichte nachzusinnen. Die F o r m ist es, die zunächst erfaßt, erkannt und genossen sein will, damit sich nachher die Inhalte und die dichterischen Erlebnisse daran auferbauen. Und in beiden, streng vor-gehenden Gedichten spurt man den Rhythmus, man soll ihn hören, er darf nicht unterschlagen werden: denn aus diesen Rhythmen lebt sowohl der Klagegesang wie die Besinnung über das Schone. Aus diesem Rhythmus geht auf den Horer eine große Kraft über. Es ist nicht so, wie man bisweilen hort, dafi es überflüssig sei, sich um die Schönheit zu kümmern, Verse zu lesen und sich daran innerlich zu erbauen. Im Gegenteil: je elender der Alltag und seine kreischenden Forderungen sind, um so leichter werden beide weggescheucht und an den ihnen geziemenden Platz gestellt, je sicherer sich die Seele des Menschen weiß in der unerschütterlichen Kraft des dichterischen Wollens und des künstlerischen Rhythmus.
    Was aber den Vers anlangt, so sind zwei Dinge eingangs noch besonders zu erwähnen, nämlich der T a k t samt Auftakt und die S y n k o p e.
    Es wäre ein ganz philiströses Vorurteil, anzunehmen, als bestünde die Verskunst in einem sich frei Ergießen, in einem sich Gehenlassen, in Stammeln oder Gewaltsamkeit. Die Lyrik im weiteren Sinne, alle Hymnik und sonstige Erschütterung befreien sich für kurze Zeit von den festen Maßen der Taktierung. Was den Reim anlangt, so ist dessen Beweglichkeit in der neueren Dichtung, insbesonders durch die Reimkunst Rilkes, erstaunlich größer geworden, glänzender, sozusagen. Doch darf aller Glanz der Reime nicht darüber hinweg' tauschen, daß der Reim nicht entscheidend sein darf. Der Reim ist eine liebenswürdige Spielfreude, welche den Hörer des Gedichts, dem diese Reimschöpfung unmöglich ist, das Signal hißt, da6 hier der Künstler des Wort's tätig ist.
Die Versdichtung voller Reime möge ebenfalls ein Beispiel hier klingen lassen, aus dem zweiten Teil von Rilkes ,,neuen Gedichten":
Lied v o m Meer

Capri-piccola marina

                                                Uraltes Wehn vom Meer       welches weht
                                                Meerwind bei Nacht:             nur wie für Urgestein,
                                                du kommst zu keinem her;    lauter Raum
                                                wenn einer wacht,                reißend von weit herein.
                                               so muß er sehn, wie er          O, wie fühlt dich ein
                                               dich übersteht:                      Treibender Feigenbaum
                                               uraltes Wehn vom Meer         oben im Mondenschein

    Der Hörer dieses Gedichtes nimmt wohl Gelegenheit, sich zu fragen, mittels welcher Verschlingungen der Dichter sich den Rhythmus und die Reime herbeigebogen hat, so dafi eine ruhig-unruhige E i n h e i t entsteht, deren tiefer Orgelpunkt das e des Wehens bleibt, unterstützt von den adit ei am Schluß: solange das natürlich und frisch quillt, ist es noch keine Manier und bleibt daher eine große, das Naturbild unterstützende Kunst der Didchform.



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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2