Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, DBB, Düsseldorf 3.Jahrgang Heft 6 März 1952, S.179-185

ADOLF VON GROLMAN
Jugend und Alter in der Dichtung

Aus Anlaß von Fontanes ,,D e r S t e c h 1 i n"

                                                                                                                              ,Reinen Herzens . . . das ist viel"

                                                                                                                                            Fontane, ,,Der Stechlin"

Wo Menschen leben, müssen sie mit den Wechselwirkungen ihrer Lebensalter rechnen; sie müssen oder sollten bedenken, daß es nicht nur die Generationen sind, welche nebeneinanderstehen, sondern daß das Alter eines Menschen etwas höchst Besonderes ist; die Menschen altern bekanntlich verschieden rasch . . . viele sind ,,früh alt und bleich", manche bewahren sich die leise leuchtende Glorie des Junggebliebenseins bis in den Sarg,
 
    Wo Menschen leben, stehen Meinungen und allerlei Krafte widereinander, auch wenn es zu keinem Kampfe kommt, sie schauen einander an, bisweilen prüfend, meist aber allzu oberflächlich. Jene gewisse Entsagung, Personen anderen Alters ein wenig — ach
— ein klein wenig, eben aus den Folgen der Altersunterschiede zu verstehen . . . diese Entsagung üben die Älteren bisweilen, die Jüngeren so gut wie kaum, es sei denn, da8 liebende altere Menschen und harte Geschicke sie belehrt hatten.
    Weil dem so ist, entstehen die bittersten Konflikte und die schmerzlichsten Situationen aus jener Oberflächlichkeit. Zwar verstehen die Älteren meist jene gewisse Schönheit junger Menschen, die Jungen aber nehmen ,selten sich die Zeit, der Schönheit des Alters und alter Leute eingedenk zu bleiben.
    Die Dichtung aller Zeiten zieht aus diesem Tatbestand ausgiebige Folgen, zu einem großen Teil besteht sie ja eben aus Konflikten, welche dem Lebensalter entstammen, ein unerschöpfliches Thema, wenn auch nicht so grell beleuchtet wie alles, was mit dem Thema Liebe zusammenhängt.
    Die Jungen klagen oft, dafi sie und ihre, dem Vernehmen nach bestehende, junge Dichtung wenig beachtet werde; sie kamen nicht zu Wort, noch weniger zur Wirkung, hort man da sagen . . . und ,,junge Dichtung" wird seit langen Zeiten immer wieder mit Freude gesammelt, ohne daß man sich gern dabei erinnerte, da6 das Lebensalter dieser ,,jungen" Dichter meist ein ganz beträchtliches ist. Was es auch sein m u ß : denn Sensationen hat man früh genug, es dauert aber lange, vielleicht ein Menschenleben lang, bis aus all diesen Erlebnissen ein erster Vers, ein letztes Buch wird; darüber hat Rilke im ersten Teil seines ,,Malte Laurids Brigge" ernsteste Worte gefunden, denen man in Kreisen jüngerer Schreibbeflissener alle Beachtung wünschte.
Die große Dichtung aller Zeiten jedoch geht sehr viel tiefer, als diese einleitenden Sätze anheben dürfen: Große Dichtung zeigt jung und alt nebeneinander, dann m i t einander .... und sie zeigt das Lichteste: das Alleinbleiben e i n e r Person, die aber durchaus mit dem Alleinsein und mit dem Einsamwerden fertig wird! Theodor Fontanes später letzter, 16. Roman von 1898, wenige Monate vor des Dichters Tod beendet, und noch von ihm bei ganz klarem Schaffen zum Drucke befordert, — ,,Der Stechlin" also greift, ein Alterswerk, ein Schlußwerk, aber kein Greisenwerk, das Problem ,Jugend und Alter" in einer solch herrlichen Weise auf, daß es sich ziemt, diesem Werk eine kleine Art von Prolog voranzustellen, — nicht etwa ins Buch selbst hinein, sondern ganz allgemein ins Bewußtsein der möglichen Leser: Wo Menschen leben, altern sie von Hauch zu Hauch, das heißt, sie reifen, denn was ist Alter im höheren Sinne des Begriffs denn anderes als reifen? ,,Saat von Gott gesät, dem Tag der Garben zu reifen", steht auf Klopstocks Grabstein, und das gilt auch für den Major a. D. Dubslav v. Stechlin, einen alien Edelmann, welcher zu gleichen Jahren etwa kommt, wie sein Dichter, Fontane, wie Klopstock; der Mann, welcher die weisen Worte sagt: ,,Aber ich bin dem Tage nahe, der mich ahnen lafit, dafi unsere Prüfungen auch unsere Segnungen sind, und dafi mir alles Leid nur kam, urn den Stab, der tragt und stützt, fester zu umklammern."
I.
    Bevor wir jedoch uns Herrn v. Stechlin nähern, möge der eingangs kurz beschriebene, edle Vortritt einigen Dichtwerken gegönnt sein, und da erhebt sich vor unseren Blicken die llias des Homer, alte griechische Frühzeit, Kampf, Belagerung, Waffen und Wehr. Worum geht es in der Ilias? Es geht um den ,,Zorn des Achill", dessen Freund Patroklos der Königssohn Trojas, Hector, ältester Sohn des greisen Trojanerkönigs Priamus, getötet hat. Das kommt in jedem Kriege vor, und so jung Achill im Sinne Homers auch ist,
Homer läßt ihn berserkenhaft gegen sich, seine Umwelt und alle Gefühle wüten. Dieser Z o r n des Achill ist es, Homers Thema in der Ilias, damit hebt das Epos im ersten Gesang an, es ist ,,Zorn" das erste Wort der Dichtung. Jedoch, die Zeit vergeht, und es kommt der letzte, der vierundzwanzigste Gesang: Schlachten sind geschlagen, die antiken Götter haben sich betätigt, haben zugeschaut, haben vieles treiben lassen. Achill hat den Hector getötet, der Leichnam ist in seiner Hand, und Achill schändet den wehrlosen Leichnam Hectors Tag für Tag. Da greifen die Götter in dieses Jugendtreiben ein, der Greis Priamus erhält Impulse und Kraft, bei Nacht durch die Linien hindurch in Achills Zelt zu fahren, und siehe: der ,,Zorn" hat sich erledigt, der Knabe und der Greis erkennen sich, Achill schämt sich insgeheim, er bewirtet den Greis, der Leichnam wird geehrt, gepflegt, zurückgegeben, der Vater Hectors wird bewirtet, — und heimlich, von den Göttern unerkannt gemacht, fahrt Priamus mit der Leiche seines Sohns durch die Linien zurück zur Bestattung des Toten (in der Übersetzung von Voss):

        ,,Hector!  Drum  nun  komm' ich herab zu den Schilfen Achaias,
        ihn zu erkaufen von Dir, und bring' unendliche Lösung.
        Scheue die Götter demnach, o Peleid'. und erbarme dich meiner
        denkend des eigenen Vaters . . ."                    (24. Vers, 501 it)

Es gehört zum Herrlichsten, wie der Greis mutig in die abenteuerlichste Nacht hinausfährt zwischen die Linien, wie ihm ein Gott den Riegel vor Achills Sonderlager weglüpft, welchen sonst drei starke Männer nur heben können, und wie Achill, der Rasende, von der Raserei zur Vaterliebe rasche Obergange findet und mit jugendlichem Eifer beschreitet . . .

        „. . . hinfort ist Muße, den lieben Sohn zu beweinen,
        wann du zur Stadt ihn gebracht: denn viel der Tränen verdient er."
    Bald nach diesem Höhepunkt des Lebens endet das Leben Achills, es endet auch Priamos' Leben.                        ",Jugend und Alter" bindet, womöglich noch genialer, Shakespeare in seinem Schlußbühnenwerk: ,,D e r Sturm" . . . , denn der greise, zauber-kundige und leidtragende vertriebene König Prospero hat zwei junge Menschen um sich, und e i h e n knabenhaften, jungen G e i s t, den Ariel. Ariel hat keinen Körper und keine Seele; das körperlich Scheinende ist Sinnbild, das Seelenhafte erwirbt er sich allmählich im Umgang mit Prospero, der ihn rettete und sozusagen lebendig machte. Aber Ferdinand und Miranda (Prosperos Tochter), dieses Gespielen-, Liebes- und Brautpaar, sie sind Menschen, und zwar sehr junge Leute, sie haben Geschlecht und werden eine Familie gründen, indessen Ariel in die Elemente zurückkehren darf, ungebunden, ein echter Freier, und Prospero sich entschlossen dem Christentum zuwendet, das ihm sein Alter machen wird, wie seine Jugend (5. Moses 33, V. 25), wie auch geschrieben steht (Jesus .Sirach 25, V. 8): ,,!Das ist der Alten Krone, wenn sie
viel erfahren haben, und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten." Und wie abermals geschrieben steht (Jesaias 46, V. 4): ,Ja, ich will euch tragen bis ins; Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und; erretten." Dies weiß Prospero ganz genau, ebenso, wie es Shakespeare weiß, :.   und damit stehen Jugend, Alter und Zeitlosigkeit an sich einander liebe- •;
voll gegenüber und erfüllen Gottes Gesetz.    I
    Das Romanwunderwerk des italienischen Grafen Alessandro Manzoni: ,,Die Verlobten", führt uns in andere Zeiten, welche — obwohl die Handlung dieses geschichtlichen Romans 1628 in der Lombardei nahe ;Mailand spielt — sehr zeitnahe, völlig gegenwärtig genommen werden dürfen: denn es ist Krieg, Nachkrieg, Irregang, Revolution, Hungersnot mit amtlicher :
Verteilung der Lebensmittel und allem Greuel: gebeugtes Recht, käufliche ;Beamte, sündigende Machthaber, geplagtes Volk . . . aber aus den Niederungen der Laien erhebt sich ein verlobtes Paar, welchem alles Unrecht so lange geschieht, bis es Recht wurde, und aus den Allgemeinheiten des katholischen Klerus von damals erhebt sich der Kardinal Borromeo, Neffe des ;
heiligen Carlo Borromeo . . ., dem es gelingt, einiges dieser aus allen Fugen |
geratenen Welt wieder zurechtzurücken und die ewigen Ordnungen wieder- herzustellen, mitten in Verzweiflungen, Ausschreitungen und aller Sunde. Die beiden jungen Menschen, an denen sich nicht nur die Bosheit der Älteren, sondern auch die Trägheit des Herzens vieler scheinbar hemmungslos vollzieht; diese beiden jungen Menschen bewahren ihre Würde, ihren Glauben, '
sie gedenken ihrer Lehrer, die ühnen ,,das Wort Gottes gesagt haben" '(Hebraer 13, V. 7), und der Sieg wird ihnen zuteil.    ]
    Überall in diesen Beispielen sind mehrere, sind viele Menschen beieinander ; und können sich ihr Alter samt den Erfahrungen gegenseitig zeigen. Wie } aber, wenn der Mensch a 11 e i n ist, ganz allein oder doch sozusagen allein? ;
Adalbert von Cihamisso hat sein bewundernswertes Terzinenwerk   ', ,,Salas y Gomez" diesem besonderen Falle gewidmet: es handelt sich um   \ einen jungen Schiffbrüchigen, welcher allein Rettung auf einer kleinen Felseninsel Salas y Gomez mitten im Stillen Ozean findet, . *. . er ist dort völlig   \ allein, nur einmal in vielen Jahrzehnten fährt unweit ein Schiff vorüber, das   ihn aber nicht seihen und nicht rettend aufnehmen wird, und so macht der   ; Gepeinigte Kreuz nach Kreuz alle Jahr, es in den Schiefer kratzend, und seine    : Erfahrungen schreibt er, kratzt er, auf drei steinerne Tafeln, um das Gesetz Gottes, das am Sinai auf steinerne Tafeln gegeben wurde, zu erfüllen. Dieser   j Gott   nahegekommene   Gottesknecht  e r l e r n t  die   Geduld,  er  erlebt  sie    : nicht etwa, nein — er l e r n t daran und er e r l e r n t sie! Man ist vielleicht allzusehr geneigt, das Beispiel schon als Lehre zu nehmen .... die Dichtkunst Clhamissos ist stark genug, um von diesem Irrtum zu befreien. Geduld wird er - 1 e r n t,   muhsam   in   täglicher  Wiederholung,  bis   das   Gedächtnis   des Lernenden stark genug wurde, Beispiel und Lehre sich anzu e i g n e n. Solches aber ist Alter, denn hierbei sind die vielen Jahre, die oft so wertlos, so inhaltslos schienen, gesegnet, daß in ihnen die ewige Weisheit g e l e r n t wurde, ohne Bücher, ohne Mitmenschen, ohne Beispiele, lediglich aus dem großen Leben vor Gott und i n Gott g e l e r n t : keine Ehre, keine Ansprache durch Menschen, kein irdisch.es Wort, sondern (Martin Luther):

                ,,Das ewig' Licht scheint da herein,
                gibt der Welt den neuen Schein:
                es scheinet mitten in der Nacht
                und uns zu Lichtes Kindern macht.
                Halleluja! . . ."

    Wie aber kommen wir von hier zu Theodor Fontane und dem Herrn Major a. D. Dubslav v. Stechlin?
II.

    Johann Peter H e b e 1 schließt eine seiner tiefsinnigsten Geschichten, jene vom ,,Kannitverstan" (1809) mit der unvergeßlichen Aufzählung: „. . .so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab", und Theodor Fontane hebt (als ob er es bei Hebel gelernt hatte) seine Schilderung der Umgebung des Herrn v. Stechlin im gleichen Rhythmus und in der gleichen Gesinnung an, wenn er zu erzahlen beginnt: ,,Das war Engelke, sein alter Diener, der alles mit seinem Herrn durchlebt hatte, seine glücklichen Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit." —

                ,,Das Leben ist kurz, aber die Sfunde ist lang."
                                                                                 Fontane, ,,Der Stechlin"

    Im hohen Alter hat Fontane den „ Stechlin" geschrieben, scheinbar mit leichter Hand, als ob es ebenfalls ,,eine Causerie" wäre, — da kommen viele Menschen in und um Berlin von 1880, insbesondere auch junge Herrschaften, welche den Herrn v. Stechlin verehren, so gut sie es verstehen, unterstützt durch des Greises Liebenswürdigkeit, mittels welcher er vieles gelten läßt, obgleich es so ganz und gar keine Gültigkeit hat. ,,Das Leben ist kurz", — das wissen sie alle. Aber ein jeder geht seiner Wege, einerlei, ob diese Wege gut und richtig und vornehm sind oder nicht . . . er geiht sie, und Herr v. Stechlin geht nicht mehr: er steht still an seinem erreichten Platz, bald wird er dort sitzen, und dann wird er dort liegen. ,,Aber die Stunde ist lang", das will gelernt sein, das muß gelernt werden und das ist hart, wie jegliche Prüfung hart sein muß, sie wäre denn keine.
    Im folgenden wollen wir uns damit begnügen, einige Worte des Herrn v. Stechlin aufzuschreiben .und einige Worte Fontanes über sich selbst. Diese Worte, die ganz und gar keine feierlichen Sentenzen sein wollen und im Texte des Romanes sowohl wie auch da und dort in den Aufzeichnungen Fontanes ganz unauffällig stehen, — diese Worte erläutern sich aus dem bisher
Gesagten ganz von .selbst, insoweit sie einer Erläuterung überhaupt bedürfen. Denn das ist das Leben, daß es immer wortkarger wird, nicht wortarmer! — nein, wort-karger; was aber gesagt wird, hat urn so mehr Gewicht, je mehr es nur so ganz nebenbei ..angemerkt" wird: welch schöner Doppelsinn der ,,Vokabel": ,,vox" d. h. die Stimme, wird als ,,Vokabel" nicht mehr laut gesagt, sondern 1. gemerkt und 2. an-gemerkt, d. h. als Anmerkung unten an den Haupttext hinzugeschrieben:

    „. . . g e m a c h t habe ich keine Schwierigkeiten, aber ge - h a b t hab' ich genug", meint Herr v. Stechlin einmal so nebenbei. Die beginnende Wassersucht anlangend, äußert er sich einmal unauffällig: ,,Wenn ich die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches" oder ,Ja, christliche Ehe, ganz .gut, kenn ich. Ist wie Schinken in Burgunder. Das eine ist immer da, aber das andere fehlt" . . . oder ,,Frei, aber nicht frech. Das ist so mein Satz". Deshalb heißt es auch von ihm: ,,Dubslav war nicht sehr für Freundschaften. Er sah zu sehr, ,,was jedem einzelnen fehlte". Nun sieht man sie alle drei, seine glücklichen Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit, . . . alle drei, aber die lange Einsamkeit ist die größte von ihnen (1. Kor. 13, V. 13): denn in der langen Einsamkeit wächst die wahre Liebe zu Gott und zu seiner Schöpfung, so ganz im allgemeinen.
    Würden wir damit schon schließen, so wäre viel gesagt, aber e i n e s bliebe undeutlich, nämlich des Herrn v. Stechlin behutsames Davongehen von seinem lieben Wald, von seinem stummen Land und von seinen vielen, vielen anvertrauten Leuten. Das ist ein langsamer, weil gründlicher Abschied, ganz im Sinne von reif werden und rein bleiben, wie es auch nachdenklich im „ Stechlin" heißt: ,,Reinen Herzens . . . das ist viel" . . . nicht, als ob Herr v. Stechlin ein Prediger wäre, womöglich mit Salbung, ach, nein: das eben nun gerade gar nicht. Dieser greisgewordene, im Innersten fröhliche Edelmann zie'ht seine Straße dahin, wie er es einmal sagt (ein Sommer in London): ,,Die Knabentage sind daihin. Ich habe seither anderes lieben gelernt: den Geist erst, dann das Recht und zuletzt die Muße, die Beschauung, die Vorbereitung auf das, was da kommt." — Man nennt das bisweilen da und dort ,,den heimlichen Advent des Herzens" . . . und jeder Advent, mit welchem das neue Kirchenjahr der Evangelischen anhebt, kommt v o r der Weihnacht und vor dem Christfest. Kein Wunder, daß das Irdische kleiner wird. Der alte Herr Major a. D. darf es sagen: ,,Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage" und: ,,Ich mache aber nicht Proselyten in Einsiedelei; ganz im Gegenteil, die Jug end gehört ins Leben, weil ihr das Leben gehört." Fontane schreibt am 3. 10. 93 an einen Bekannten: ,,Immer, als ich schon etwas war, ja, auf einem ganz bestimmten Gebiet an der Tete marschierte, sah ich mich beargwohnt und andere, oft wahre Jammerlappen, bevorzugt. Daß ich das alles gleichgültig hingenommen hatte, kann ich nicht
sagen. Ich habe darunter gelitten; aber andererseits darf ich doch wieder hinzusetzen: ich habe nicht sehr darunter gelitten. Und das hing und hängt doch damit zusammen, daß ich immer einen ganz ausgebildeten Sinn für Tatsächlichkeiten gehabt habe. Ich habe das Leben immer genommen wie ich's fand und mich ihm unterworfen. Das heißt, nach außen hin, in meinem Gemüte nicht" ... in meinem Gemüte nicht! Das ist eine herrliche Anmerkung, ist das Gegenteil zu aller Maske oder Schauspielerei vor dem Leben, sondern ein Protest der Noblesse gegen das Gemeine . . . Und eng hierher gefaort jene Stelle in einem Brief Fontanes an seine Frau vom 23. 8. 83: ,,Du sprichst von Vereinsamung. Ja, sie ist da. Aber wir müssen sie für den Rest unseres Lebens tragen. Ein Haus machen, können wir nicht, andern nachlaufen, dazu sind wir zu alt, und auf neutralem Boden sich mit aller Welt treffen, dazu sind wir zu kritisch und zu verwöhnt. Die Einsamkeit tut weh, aber doch nicht so weh, wie falsche Geselligkeit. Es ist wie mit der Ehe: Keine Frau (zu haben), ist schlimm, aber immer noch besser, als eine schlechte." Als Fontane, spät genug, den sogenannten Schillerpreis erhielt, schrieb er an seine Tochter Mete: ,,Die ganze Geschichte müßte mich ja sehr glücklich machen, aber es kommt ein bißchen zu spät und fallt in eine Stimmung hinein, die doch bei aller Heiterkeit schmerzlich ist, weil es ein Durchdrungensein ist von der Nichtigkeit alias Irdischen. Wer an ein Ewiges glaubt, dem wird in diesem Zustand erst recht wohl, aber zu den so Beglückten darf ich mich nicht zählen." Man sieht daraus, welcher Behutsamkeit es bedarf, Fontane mit religiösen Dingen in (auch nur lockere) Bezüge zu setzen. Dieser Greis • schämt sich sogar vor seiner Tochter, seiner Frömmigkeit . . . ,,Reinen Herzens . . . das ist viel" . . ..' — — Er schreibt aber (,,Vor dem Sturm"): ,,Was entscheidet, ist doch immer die Gnade Gottes. Und diese Gnade Gottes, sie geht ihre eigenen Wege. Es bindet sie keine Regel, sie ist sich selbst Gesetz. Sie baut, wie die Schwalben, an allerlei Häusern, an guten und schlechten, und wenn sie an den schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser mehr. Ein neues Leben hat Einzug gehalten."
    Es war Fontane zugemessen, die heißesten und jugendlichsten Konflikte, insbesonders auch Liebeskonflikte, zu sehen und so zu beschreiben, daß in einem entscheidenden Falle alles gesagt wird, indem kein einziges Wort darüber verloren wird. Wir meinen damit den Fall der ,,Effi Briest". Wie alle großen Wissenden, welche Jugend und Alter in sich vereinigen und wechselseitig produktiv machen, war es dem Genie Fontanes zugemessen, ohne Wort und ohne Andeutung das Leben der Kreatur sichtbar zu machen. Ganz so, wie auf einem berühmten früheren Gemälde Menzels der leichte Gazevorhang ins Zimmer hereinweht, duftig, luftig, leicht unbeschwert, und dennoch ein Vorhang, ein Schmuck bisweilen, ein Schutz dann und wann, und leise rauschend in einem Winde, den man nicht malen kann, und den man spürt, je weniger man urn ihn weiß.




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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2