Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg, Heft 12/13 Sept./Okt. 1953
ADOLF VON GROLMAN
Sentenz, Spruchdichtung, Epigramm
und Verwandtes
Es gibt in jedem Dichterwerk Augenblicke, wo der Dichter
zusammenfassend sich außern möchte und mit stärkerer Wirksamkeit, mit
besonderem Nachdruck in Wort und Ton. Nicht, als ob nicht eine jede
Dichtung, das als Ganzes so-wieso tun und leisten mochte, sondern der
besondere Augenblick ist es, der besondere Anlaß, die — sozusagen —
einmalige Gelegenheit, die Erfahrung eines langen und schweren
Arbeitslebens zusammenzufassen und mit unüberhörbarer Deutlichkeit an
vorhandene oder für später wenigstens erhoffte Hörer und Leser zu
äußern; um Fremdwörter zu gebrauchen: emphatisch mochte der Sprecher
sein, prägnant und dabei effektvoll. E i n Buch steht hier außerhalb,
die Bibel nämlich, deren Inhalt, in ,,Sprüche" aufgeteilt, diese
Steigerung nicht kennt und nicht braucht. Die Bibel, ganz einerlei, wie
einer sie nun nähme, tragt ihre Autorität als Urheberschaft und Wirkung
in sich selbst. Die anderen aber haben ,,Meinungen" (lat.) =
sententiae, und so hat die S e n t e n z die künstlerische und
erziehliche Absicht. Das 18. Jahrhundert hat im größten Ernst, Hebel
hat mit feinem Spott vielen seiner lehrhaften Gedichte ein ,,Merke"
angefugt. Das ist es eben nicht, von dem hier die Rede sein wird! Das
,,Merke" mit dem erhobenen Zeigefinger bringt bestenfalls Erfahrungen,
auch Lehrsätze, deren ,,Beweis" voranging oder folgt, aber die S e n t
e n z ist ganz etwas anderes: die Sentenz ist selber nicht nur ein
Stückchen Dichtung an ihr selber, sondern sie ist zur gleichen Zeit
eine Zusammenfassung mit aller Verantwortung. Denn was geschrieben und
gedruckt wurde, das steht da, und der Verfasser muß Rechenschaft geben
für ein jedes Wort, es sei gut oder böse. Also hat die Sentenz einen
heimlichen Blick in die ewigen Bezirke, von denen sie, und sei es noch
so bescheiden, indirekt irgendwie aussagen mochte . . . gleichzeitig in
den großen Maßstab des Ewigen und Gültigen gestellt. Der allgemeine
Gedanke, den die Sentenz verlautbart, und zwar meist in Versform, etwa
im Hexameter oder gleich in Distichen oder in einer Mehrzahl von
solchen ... — der allgemeine Gedanke also ist etwas vollig anderes, als
ein blofies Zitat!
Das Zitat eines Satzes oder Spruches ist ein Hinweis, die Sentenz
jedoch blickt in die Lebensweisheit, oft aber blickt sie auch höher und
kann zitiert werden. Das ist der große Unterschied. Denn da die Sentenz
steigert, zusammenfaßt und irgendwie abschließt, hat sie in ihr selber
einen geistigen und künstlerischen Rang, welchen ein Zitat allenfalls
auch hat, aber niemals haben muß. Sehr bezeichnend sind die Sentenzen,
mit denen antike Tragödien oder darinnen einzelne Chorgesange
schließen, sozusagen lange nachhallend in der Seele der Hörer. Schiller
hat das mit dem wohlbekannten Schluß der ,,Braut von Messina" sehr
wirksam und unvergeßlich nachgeahmt:
Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
der Übel großtes aber ist die S chul d.
und an dieser Sentenz, welche dem Christentum diametral entgegengesetzt
ist, erkennt man auch gleich die Gefahr nicht nur Schillers, sondern
der Sentenz überhaupt: jener, dafi sie mit Pathos auch einen offenbaren
Unsinn, auch Unlogik aussagen kann, ohne daC ihr erwidert wird: denn
die Sentenz will abschliefiend sein. So auch in diesem Beispiel: nichts
ist mit diesen zwei Zeilen gesagt, eine allgemeine Feststellung, blickt
mehr in die Tragödie zurück als aus ihr hinaus.
Dies ist die Besonderheit des sentenzenreichsten Dichters (Schiller),
welcher damit aber keineswegs ,,sentenziös" wird, und ist die
Bedenklichkeit, ja, die Fragwürdigkeit einer jeden Sentenz: halt sie
mit ihrer Begrenzung einer tieferen weltanschaulichen Kritik stand oder
nicht? anders gesagt: ist sie, wenn sie standhält, ebenso ein Kunst-
und Dichtwerk, wie wenn sie das nicht vollbringt? Jetzt wird erst
deutlich, welchen hohen Dichterrang die Sentenz einnehmen k a n
n. Denn sie hat nicht die Autorität des Lehrwortes oder der
Verheißung der Bibel, welche — um dieses ja nicht zu unterschlagen —
für viele ganz und gar keine Autorität hat. Das Problem des
sentenzenfreudigen Schiller wird am besten erhellt durch Grillparzer;
dort hort man in ,,Weh dem, der lügt" (5. Akt) den
Aufschrei: Ein Menschenleben — ach, es ist so
wenig.
Ein Menschenschicksal aber ist so viel!
die erschütternde Zusammenfassung dieses ,,Lustspieles" . . . oder —
noch gro(5-artiger am Schluß des 4. Aktes vom ,,Bruderzwist in
Habsburg"
Siehst du, so lohnt die Weltfür unsere Sorge . . .
sie saugt uns aus und findet uns dann welk,
indes sie prangt mil unseren besten Kräften. (Vers 2402)
Grillparzers Kraft, das Leid und die Leiden zu überwinden, schenkte
ihm, Dinge auszusagen, welche allgemein-menschlich sind und es auch
angesichts jeder etwa möglichen Kritik bleiben.
Unerschöpflich jedoch ist und bleibt die Bibel, in allen ihren Teilen,
einerlei, ob man sie für inspiriert nimmt oder höher schätzt, denn
andere Teile:
Kain, wo ist dein Bruder Abel?
Unser Leben wahret 70 Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre
und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Muhe und Arbeit gewesen.
Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.
Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.
*
*
*
Aus dem Vorstehenden hat man bereits entnommen, dafi eine Sentenz kein
,,geflügeltes Wort" ist; das geflügelte Wort ist auch ganz etwas
anderes als ein Zitat; das ,,geflügelte Wort" ist in den Sprachgebrauch
übernommen worden, die Sentenz aber hat den Willen und das Ziel, von
den Herzen übernommen zu werden. Ob sie dann auch noch ausgesprochen
wird, kommt in zweiter Linie, das ist auch nicht entscheidend. Denn so
manche Sentenz ist der kaum je ausgesprochene Wahlspruch des Menschen,
nach dem er sein Verhalten zu Menschen und Umstanden einrichtet, nach
dem er handelt, von dem er aber keineswegs oft spricht, weil ja der
Wahlspruch unfehlbar das anzeigt, was eben jenem Menschen abgeht oder
fehlt.
Und nun ist es gut und an der Zeit, einiges an Sentenzen erklingen zu
lassen und gegeneinander abzuwagen. Mit Absicht stellen wir Triviales
dem ganz Erhabenen dabei gegenüber, und billig scheinende Satze dem
schwer zu erkämpfenden Gut der Gedanken; es ist ja gerade die
Verschiedenartigkeit der Aussagen und erreichbaren Möglichkeiten,
welche die Sentenz erst dazu macht und erhebt.
1. Friedrich von Logau — von dem später noch zu sprechen sein wird
(1606 bis 1655) — sagte einmal:
Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken,
well sie, was durch 30 Jahre Krieg verübt, soil alles decken.
2. Goethe, Faust I, von dem Tor:
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.
3. Schiller, Wallensteins Tod, II, 2:
Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit.
Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.
4. Schiller, Jungfrau von Orleans I, 5 :
Nichtswürdig ist die Nation, die nicht
ihr alles freudig setzt an ihre Ehre.
5. Schiller, Tell III, 1:
Früh übt sich, was ein Meister werden will und
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
(Sentenzen, die gerade zu Sprichwörtern geworden sind, und damit den
besonders bei Schiller zu beobachtenden Gestaltwandel vornehmen.) Im
Gegensatz dazu nun ein sentenzenartiges Epigramm einsamer, aber
treffender Natur, bei Grillparzer, gegen Richard Wagner gerichtet:
6. Ein Tor, wer der Torheit entgegenstrebt,
man muß es der Zeit
übergeben;
habe die Hegelsche Philosophie überlebt,
werd' auch die
Zukunftsmusik überleben . . .
Diese wenigen Beispiele müssen genügen, um zu zeigen, wie elastisch die
Sentenz sich aussprechen mufi, soil sie in das Bewußtsein weiterer
Kreise dringen. Ferner, wie gefahrenvoll jede Sentenz sein kann: man
bedenke nur einmal die verhängnisvollen Folgen von Goethes
Zwei-Seelen-Theorie, welche jedem Mißbrauch und jeder
Disziplinlosigkeit geradezu mit Autorität freien Lauf, völligen
Irregang ermöglicht.
Schon hier wird nicht nur auf die Verbindung und Verwandtschaft
zwischen Sentenz und Epigramm allein hingewiesen, sondern auch mit
jenen kämpferischen Distichen, welche ,,Tabulae votivae" Schiller bei
den einen Bewunderung, bei den andern unversöhnliche Feindschaft
eintrugen:
7. Pflicht für jeden,
Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden,
als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.
8. Der Schlüssel.
Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben,
willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz.
9. Geschwindschreiber.
Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren.
Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedarm . . .
Ein gegen die hastigen Frühromantiker gerichtetes Wort, das ins Herz
traf, Schiller jedoch auch hier von der dichterischen Jugend seiner
Zeitgenossen böse trennte.
Absichtlich haben wir hier uns zeitlich auf Sentenzen aus der Zeit nach
dem Dreißigjährigen Kriege beschrankt. Die Sentenz aber ist alter, bei
Sophokles steht — um nur ein Beispiel zu nennen — das herrliche Wort:
Das Meer wascht aller Menschen Böses wieder ab . ..
— die höchste Weisheit der seefahrenden Griechen des Altertums. Das
deutsche Mittelalter hat sich mit Leidenschaft in der sog.
Spruchdichtung hervorgetan, und zwar zunächst im Gegensatz zu dem
,,Lied", später in engerer Verbindung beider; da werden Dinge der
eigenen oder fremden Lebenshaltung betrachtet, Conner werden belobt,
Gott gepriesen und die Haltung von Papst und Klerus deutlich untersucht
und kritisiert. Es ist Walter von der Vogelweide, dem die Verbindung
von Spruch und Lied ganz bewußt im Sinne einer aktuellen,
wirkungsvollen, ja schlagenden K u n s t dichtung zuerst gelang.
Schwieriger ist es mit den Sprichwörtern und dem Widersinn, der in
jedem Sprichwort stecken m u ß .! Sebastian Franck gewann seine
Einsicht in die Verhältnismaßigkeit der Paradoxie des Seins — Luthern
entgegen — dadurch, daß er zunächst Sprichwörter sammelte und prüfte:
das Sprichwort ist trügerische, seelische Landschaft, gerade weil sie
hausbacken und allzu treuherzig sich zu geben versteht; denn die
billige Volksweisheit ist ganz und gar keine ,,Weisheit", wohl aber
treffend geäußerter Mutterwitz, welcher auch der entgegengesetzten
seelischen Lage gerecht werden muß. Schillers groBe dichterische Gefahr
war — unter anderem — jene, daß er dem Sprichwort und der Sentenz mehr
erziehliche Kraft beimaß, als sie haben konnten, wenn also die Sentenz,
insbesondere die Sentenz Schillers, mühelos ins Komische gezogen wird,
so ist das etwas völlig anderes, als eine Wahrheit umdrehen. Es ware
unbegreiflich, an dieser wichtigen methodischen Stelle das Krasseste,
was es gibt, zu unterdrücken, nämlich Herweghs Parodie auf Schillers
Worte des Glaubens (Neue Gedichte, Zürich, 1877, die Parodie selbst
stammt schon aus dem Jahr 1863), von der wir die erste und letzte
Strophe in Gegenüberstellung darbieten:
Schiller
Drei Worte nenri ich euch, inhalts- Die drei Worte bewahret euch
schwer, inhaltsschwei,
sie gehen von Munde zu Munde; sie pilanzet von Munde zu Munde,
doch stammen sie nicht von und stammen sie gleich nicht von
auBen her auBen her,
das Herz nur gibt davon Kunde. euer Inneres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Wert Dem Menschen ist nimmer sein
geraubt, Wert geraubt,
wenn er nicht mehr an die drei so lang er noch an die drei Worte
Worte glaubt. glaubt.
H e r w e g h
Drei Juden, die merke dir, actien- Die drei Jnden, die merke dir,
schwer, actienschwer,
so geht es dir wohl aui
Erden,
van wegen deines Papieres,
entweder bist du schon
Actionär
den Rothschild merke,den Isaak
Oder willst noch närrisch
werden.
Peüeire
Und dem Menschen ist aller Kredit und merke dir auch den Mires.
geraubt,
Und merke dir, Schwindler, über-
wen.n er nicht an die drei Juden haupt,
glaubt. der Schwindel dauert, so lang man
dran glaubt.
Es ist die kaum vorstellbare Bitterkeit, welche Schillers Sentenzfreude
hervorruft, nicht der Antisemitismus: das Aufreizende jeder Sentenz
gehort mit zum Sinn und Wesen dieser Kunstäußerung, und auch bei der
Sentenz wird der Dichter der Gefahr gewahr, welches Unheil sein Wort,
kaum entlassen, anrichten wird. Dies gilt nicht nur bei polemischer,
womöglich gehässiger oder hämischer Absicht, das gilt auch bei den
frommsten Anlassen, wie man an dem in seiner Art einzigartigen Dichter
und Konvertiten Johann Scheffler (Angelus Silesius, 1624—1677) sieht;
denn diese Schlußreime, zwischen den Konfessionen stehend, sind eine
edle Gabe der schlesischen Mystik; nicht immer, aber oft — gerade in
ihrer Schönheit und in ihrem Weitblick solcher Art können sie, beiden
Hälften ganz und gar; nicht entsprechen. Immer und je bleibt der
Sentenz, dem Epigramm, dem Schlußreim nicht erspart, Seiltanzen zu
müssen und dadurch der alten Frage des Pilatus: was ist Wahrheit?
erneut Berechtigung zu verschaffen. Johann Scheffler nun greift ohne
Zögern zu:
Die Bonn' bewegt das All, laBt alle Sternlein tanzen:
wirst du nicht auch bewegt, so g'horst
du nicht zum Ganzen.
*
Die Seel ist ein Kristall, die Gottheit ist ihr Schein;
der Leib, in dem du lebst, ist ihrer beider Schrein.
*
Nimm, was der Herr dir gibt, er gibt es groB im kleinen,
in schlechten
Schlacken Gold, ob wir's zwar nicht vermeinen.
*
Du selber machst die Zeit: das Uhrwerk sind die Sinnen.
Hemmst du die Unruh' nur, so ist die Zeit von hinnen.
Interessant ist der Übergang hei jeder Sentenz von der bloßen Aussage
hinüber zur Grübelei, die an sich noch gar nicht aussagen mochte, und
es dennoch — wie wenn sie zerstreut wäre — dennoch tut.
Das gilt ganz besonders vom Epigramm, das nun aus vielen Gründen her
unsere methodische Aufmerksamkeit beanspruchen wird; denn das Epigramm
ist sehr oft ganz und gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht, so
sehr insgeheim der Dichter wünschte, daß dies Epigramm bekannt wäre und
,,süße". Wenn die einsame Grübelei in Gehässigkeit auswachst, und wenn
in geschliffener Form Rache genommen werden soll, dann verwischt sich
der betrachtende Charakter, welcher zunächst dem Epigramm das Leben
gibt. Denn das Epigramm ist zuerst Grabschrift, ist eine Aufschrift,
und die Antike verstand es, griechisch und lateinisch Kürze und Inhalt
zu vereinigen. Wie leicht das in allerlei Ungewolltes umschlagen kann,
zeigt aber die bekannte Grabschrift:
Hier ruhet der Magistei Krug,
der Orgel, Weib und Kinder schlug ...
gar nicht zu reden von den Marterln und anderen Votivtafeln, deren
Inhalt zwischen Grabinschrift und Kritik schwankt. Erst langsam ringt
sich das Epigramm zu seiner Würde durch, deren Höhepunkt wohl in
Schillers ,,Naenie" gefunden werden wird.
Das 18. Jahrhundert besann sich auf das Epigramm und sein Wesen.
Lessing war es, der 1771 in seinen zerstreuten Anmerkungen über das
Epigramm auf Logau hinwies, jenen Epigrammatiker, den Gottfried Keller
dadurch unsterblich machte, daB er, mit viel Kunst und gelegentlicher
umständlicher Künstelei, sein ,,Sinngedicht" nach dem Epigramm
komponierte:
Wie willst du weiBe Lilien zu roten Rosen machen
Küß eine weiBe Galathee; sie wird errotend lachen . . ,
Aber Lessing war kein so leichtzunehmender Mann; inm kam es darauf an,
in Logau zu zeigen, dafi auch dieser Vorgänger im Epigramm es nicht an
der Stichelei hatte fehlen lassen, an der Kritik, in Kürze und stets
mit irgendeiner Spitze gegen eine Person, eine Untugend, ein
Mißverhaltnis des Lebens. Modetorheiten und Personen allerlei Standes,
das war es, was man treffen wollte. Herders Abhandlung über das
Epigramm von 1785 zeigt nicht nur Herders völlig anderen Charakter, es
zeigt auch, daß man sich mit Riesenschritten aus den Voraussetzungen
des 18. Jahrhunderts entfernte. Die Zeiten wurden ernster, Goethe und
Schiller ließen sich viel mehr in ihren Epigrammen durch Herder als
durch Lessing bestimmen; um so mehr, als ja in Göttingen gleich zwei
Gesellschaftskritiker saßen und wirkten, von denen der bedeutendere,
Lichtenberg, das Epigramm meist mied, der andere aber, Kästner, es
leicht und leichthin massenweise produzierte. Als aber Schiller tot
war, sah der übriggebliebene Goethe sich mit zunehmendem Alter mehr und
mehr ins Epigramm gedrängt; er gab diesem Druck nur allzu gerne nach,
insbesondere, wenn es möglich war, in feierlicher Art und Weise
,,Altersweisheit" zu sagen, worin ihn nachher Rückert noch
übertrumpfte. Den gemeinsamen ,,Xenien" Schillers und Goethes wußten
weder die Aufklärer noch gar die auch bisweilen mitbetroffenen
Früh-romantiker etwas zu erwidern, jedenfalls nicht in der gleichen
Dichtungsgattung. Die Sentenz aber wehrte ihre Kraft. Wir wollen dies
zum Schluß an drei bedeutenden Einsamen und ihren Epigrammen zeigen, an
Morike, an Grillparzer und an Schopenhauer (welcher sich gelegentlich
einmal ,,Einige Verse" abrang). Mörike ist der vielseitigste,
Grillparzer der ernsteste, Schopenhauer der einsamste dieser drei.
Durch Schillers ,,Naenie" angeregt und ein eifriger Leser des Angelus
Silesius, "vermochte Mörike, das Epigramm aus der Zweizeilenumgrenzung
des Distichons zu entbinden, indem ,,das Kunstbild der echten Art" (Auf
eine Lampe) sich heiter an Situationen und ernst an Ereignisse
anschmiegte wie eine Ranke an der Mauer; stets der Antike gewiß, aber
immer mitten im Schwabischen (der alten Art!) daheim, gelang es Mörike,
eine Würde goetheferner Art mit etwas von der Geselligkeit des endenden
18. Jahrhunderts zu verbinden, ohne in Polemik und Kampfwort zu
verfallen. Das Grämliche und Gehemmte seiner Natur endet, wenn die
Distichen aufblühen und von Christentum und gar von der Christenheit
nicht mehr die Rede ist, nur dann! Das eminent Heidnische bei Mörike —
absolut unschwabisch im Lande der Bengel, Fricker, Flattich, Oetinger,
Rieger, Ph. M. Hahn und Michael Hahn —, das absolut Unschwäbische bei
Mörike, das nur noch von Hölderlin früh und spät übertroffen wird, ließ
ihn das Leben im epigrammatisch-sentenzenhaften Sinne überblicken, bis
zu dem in deutschem Dichttum nie wieder erreichten Gipfel der Elegie
,,An Hermann", die neben den Fragmenten der Sappho steht:
Oh, wie tobte mein Herz! Du lülltest wieder den Busen
mir, wie kein Bruder vermag, wie die Geliebte nicht kann!
Grillparzer hatte früh merken müssen, daß politische' Dinge, wenn man
sie ethisch nimmt, den Sprecher vernichten, d. h. dafi die Politik
amoralisch ist und alle Ethik stets in Feindmoral umwerten mufi. Sein
,,Campo-vaccino" - Gedicht hatte alle späteren Katastrophen dieses
genialsten Dramatikers verursacht; dennoch schwieg Grillparzer insofern
nicht, als seine Epigramme — unveröffentlicht — an Treffsicherheit und
an Schärfe gewannen. Seine Denk -und Sendeblatter ebenso wie die
Einfalle und Inschriften bieten ein unausgeschöpftes Material der
Lebensweisheit.
Pfizers Vergleichung von Uhland und Rückert
Wie ähnlich beide, zeigt er wohlgesinnt,
und gieichen Beifall in die Hande klopit er:
sie sind auch ähnlich, wie zwei Adler sind:
ein lebender, ei, und ein ausgestoplter.
Auf den Zensor Rupprecht
Wälz' immer dich in Schlamm und Kot
und spritze, spritz' nur zu!
Wer weiB? du liebst mich endlich noch,
bin ich beschmutzt wie du.
Jubelfeier
Der Mann bracht es aui 70 gar;
das heiBt: von seinem siebenten Jahr
hat all sein Wirken von Kind bis jetzt
nur eine Null ihm zugesetzt.
Gebet
O Gott, laB dich herbei
und mach die Deutschen irei,
daB endlich das Geschrei .
darnach zu Ende sei.
Napoleon III.
Will er Minister sein, so mag er
nur ohne Bruder und ohne Schwager ...
Schopenhauer hatte seine ,,Einige Verse" grimmig belächelt, indessen er
sie zärtlich streichelte. Zwei Epigramme, gegenübergestellt, sind
geeignet, zu zeigen, wie sich Sentenz, äußerer Bildanlaß und Kritik
einsamster Art bei Schopenhauer verbinden.
Wundern darf es
mich nicht, daB manche die Hunde verleumden,
denn es beschämet zu oft leider den Menschen der
Hund.
oder
Auf dfe Sixtinische Madonna — 1815
Sie trägt zur Welt ihn — und er schaut entsetzt
in ihrer Gräu'l chaotische Verwirrung,
in ihres Tobens wilde Raserei,
in ihres Treibens nie geheilte Torheit,
• in ihrer Qualen nie gestillten Schmerz -—.
Entsetzt: doch strahlet Ruh und Zuversicht
und Siegesglanz sein Aug', verkündigend
schon der Erlosung ewige Gewißheit ...
Im Vorstehenden hat es sich keineswegs darum gehandelt, eine
,,Geschichte" der Sentenz oder des Epigrammes zu schreiben, sondern
darum, den Rang, die Würde und die Kunst des Dicht-Werkes bei Sentenz
und Epigramm zu beschauen. Es wäre leicht, mit Hilfe Heinrich Heines
nun noch die ganz eigentümliche Kunst des Wortspieles, das über den
Moment hinaus dauern k a n n , zu zeigen; denn etwas von Wortspiel muß
die Sentenz = die Meinung erst schmackhaft machen, soil der Denker mit
seinem Worte auf einen weiteren Kreis wirken; es ware ferner leicht
gewesen, mittels schlagender Drastik, zwischen Anarchie und
Melancholie, den ,,Humoristen" Wilhelm Busch dieser falschen
Charakteristik zu entledigen, ... an Personen, wie Otto Julius Bierbaum
etwa oder Erich Kästner in diese Gegenwart vorzustoßen: dies alles
gehört nicht hierher. Der Kunstwert der Sentenz steht oberhalb aller
Aktualität, und die Weisheit ist zeitlos. Es mußte genügen, in heutiger
Zeit nicht mehr zu zeigen als die Entwicklungslinien, keinesfalls aber
durch irgendwelche scheinbar oder tatsachlich aktuellen Dinge
abzulenken von dem Blick auf die Verantwortung, welche der Künstler des
Worts mit Sentenz und Epigramm insbesondere auf sich nimmt.
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