Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg, Heft 12/13 Sept./Okt. 1953

ADOLF  VON   GROLMAN

Sentenz, Spruchdichtung, Epigramm
und Verwandtes


Es gibt in jedem Dichterwerk Augenblicke, wo der Dichter zusammenfassend sich außern möchte und mit stärkerer Wirksamkeit, mit besonderem Nachdruck in Wort und Ton. Nicht, als ob nicht eine jede Dichtung, das als Ganzes so-wieso tun und leisten mochte, sondern der besondere Augenblick ist es, der besondere Anlaß, die — sozusagen — einmalige Gelegenheit, die Erfahrung eines langen und schweren Arbeitslebens zusammenzufassen und mit unüberhörbarer Deutlichkeit an vorhandene oder für später wenigstens erhoffte Hörer und Leser zu äußern; um Fremdwörter zu gebrauchen: emphatisch mochte der Sprecher sein, prägnant und dabei effektvoll. E i n Buch steht hier außerhalb, die Bibel nämlich, deren Inhalt, in ,,Sprüche" aufgeteilt, diese Steigerung nicht kennt und nicht braucht. Die Bibel, ganz einerlei, wie einer sie nun nähme, tragt ihre Autorität als Urheberschaft und Wirkung in sich selbst. Die anderen aber haben ,,Meinungen" (lat.) = sententiae, und so hat die S e n t e n z die künstlerische und erziehliche Absicht. Das 18. Jahrhundert hat im größten Ernst, Hebel hat mit feinem Spott vielen seiner lehrhaften Gedichte ein ,,Merke" angefugt. Das ist es eben nicht, von dem hier die Rede sein wird! Das ,,Merke" mit dem erhobenen Zeigefinger bringt bestenfalls Erfahrungen, auch Lehrsätze, deren ,,Beweis" voranging oder folgt, aber die S e n t e n z ist ganz etwas anderes: die Sentenz ist selber nicht nur ein Stückchen Dichtung an ihr selber, sondern sie ist zur gleichen Zeit eine Zusammenfassung mit aller Verantwortung. Denn was geschrieben und gedruckt wurde, das steht da, und der Verfasser muß Rechenschaft geben für ein jedes Wort, es sei gut oder böse. Also hat die Sentenz einen heimlichen Blick in die ewigen Bezirke, von denen sie, und sei es noch so bescheiden, indirekt irgendwie aussagen mochte . . . gleichzeitig in den großen Maßstab des Ewigen und Gültigen gestellt. Der allgemeine Gedanke, den die Sentenz verlautbart, und zwar meist in Versform, etwa im Hexameter oder gleich in Distichen oder in einer Mehrzahl von solchen ... — der allgemeine Gedanke also ist etwas vollig anderes, als ein blofies Zitat!
Das Zitat eines Satzes oder Spruches ist ein Hinweis, die Sentenz jedoch blickt in die Lebensweisheit, oft aber blickt sie auch höher und kann zitiert werden. Das ist der große Unterschied. Denn da die Sentenz steigert, zusammenfaßt und irgendwie abschließt, hat sie in ihr selber einen geistigen und künstlerischen Rang, welchen ein Zitat allenfalls auch hat, aber niemals haben muß. Sehr bezeichnend sind die Sentenzen, mit denen antike Tragödien oder darinnen einzelne Chorgesange schließen, sozusagen lange nachhallend in der Seele der Hörer. Schiller hat das mit dem wohlbekannten Schluß der ,,Braut von Messina" sehr wirksam und unvergeßlich nachgeahmt:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
der Übel großtes aber ist die S chul d.

und an dieser Sentenz, welche dem Christentum diametral entgegengesetzt ist, erkennt man auch gleich die Gefahr nicht nur Schillers, sondern der Sentenz überhaupt: jener, dafi sie mit Pathos auch einen offenbaren Unsinn, auch Unlogik aussagen kann, ohne daC ihr erwidert wird: denn die Sentenz will abschliefiend sein. So auch in diesem Beispiel: nichts ist mit diesen zwei Zeilen gesagt, eine allgemeine Feststellung, blickt mehr in die Tragödie zurück als aus ihr hinaus.
Dies ist die Besonderheit des sentenzenreichsten Dichters (Schiller), welcher damit aber keineswegs ,,sentenziös" wird, und ist die Bedenklichkeit, ja, die Fragwürdigkeit einer jeden Sentenz: halt sie mit ihrer Begrenzung einer tieferen weltanschaulichen Kritik stand oder nicht? anders gesagt: ist sie, wenn sie standhält, ebenso ein Kunst- und Dichtwerk, wie wenn sie das nicht vollbringt? Jetzt wird erst deutlich, welchen hohen Dichterrang die Sentenz einnehmen k a n n.   Denn sie hat nicht die Autorität des Lehrwortes oder der Verheißung der Bibel, welche — um dieses ja nicht zu unterschlagen — für viele ganz und gar keine Autorität hat. Das Problem des sentenzenfreudigen Schiller wird am besten erhellt durch Grillparzer; dort hort man in ,,Weh dem, der lügt" (5. Akt) den Aufschrei:     Ein Menschenleben — ach, es ist so wenig.
Ein Menschenschicksal aber ist so viel!
die erschütternde Zusammenfassung dieses ,,Lustspieles" . . . oder — noch gro(5-artiger am Schluß des 4. Aktes vom ,,Bruderzwist in Habsburg"

Siehst du, so lohnt die Weltfür unsere Sorge . . .
sie saugt uns aus und findet uns dann welk,
 indes sie prangt mil unseren besten Kräften. (Vers 2402)

Grillparzers Kraft, das Leid und die Leiden zu überwinden, schenkte ihm, Dinge auszusagen, welche allgemein-menschlich sind und es auch angesichts jeder etwa möglichen Kritik bleiben.
Unerschöpflich jedoch ist und bleibt die Bibel, in allen ihren Teilen, einerlei, ob man sie für inspiriert nimmt oder höher schätzt, denn andere Teile:
Kain, wo ist dein Bruder Abel?
Unser Leben wahret 70 Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Muhe und Arbeit gewesen.
Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.
Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.

                                    *                                    *                                *

Aus dem Vorstehenden hat man bereits entnommen, dafi eine Sentenz kein ,,geflügeltes Wort" ist; das geflügelte Wort ist auch ganz etwas anderes als ein Zitat; das ,,geflügelte Wort" ist in den Sprachgebrauch übernommen worden, die Sentenz aber hat den Willen und das Ziel, von den Herzen übernommen zu werden. Ob sie dann auch noch ausgesprochen wird, kommt in zweiter Linie, das ist auch nicht entscheidend. Denn so manche Sentenz ist der kaum je ausgesprochene Wahlspruch des Menschen, nach dem er sein Verhalten zu Menschen und Umstanden einrichtet, nach dem er handelt, von dem er aber keineswegs oft spricht, weil ja der Wahlspruch unfehlbar das anzeigt, was eben jenem Menschen abgeht oder fehlt.
Und nun ist es gut und an der Zeit, einiges an Sentenzen erklingen zu lassen und gegeneinander abzuwagen. Mit Absicht stellen wir Triviales dem ganz Erhabenen dabei gegenüber, und billig scheinende Satze dem schwer zu erkämpfenden Gut der Gedanken; es ist ja gerade die Verschiedenartigkeit der Aussagen und erreichbaren Möglichkeiten, welche die Sentenz erst dazu macht und erhebt.


1. Friedrich von Logau — von dem später noch zu sprechen sein wird
(1606 bis 1655) — sagte einmal:
Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken,
well sie, was durch 30 Jahre Krieg verübt, soil alles decken.

2. Goethe, Faust I, von dem Tor:
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.

3. Schiller, Wallensteins Tod, II, 2:
Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit.
Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.

4. Schiller, Jungfrau von Orleans I, 5 :
Nichtswürdig ist die Nation, die nicht
ihr alles freudig setzt an ihre Ehre.

5. Schiller, Tell III, 1:
Früh übt sich, was ein Meister werden will und
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

(Sentenzen, die gerade zu Sprichwörtern geworden sind, und damit den besonders bei Schiller zu beobachtenden Gestaltwandel vornehmen.) Im Gegensatz dazu nun ein sentenzenartiges Epigramm einsamer, aber treffender Natur, bei Grillparzer, gegen Richard Wagner gerichtet:
6. Ein Tor, wer der Torheit entgegenstrebt,
man muß es der Zeit übergeben;
habe die Hegelsche Philosophie überlebt,
werd' auch die Zukunftsmusik überleben . . .

Diese wenigen Beispiele müssen genügen, um zu zeigen, wie elastisch die Sentenz sich aussprechen mufi, soil sie in das Bewußtsein weiterer Kreise dringen. Ferner, wie gefahrenvoll jede Sentenz sein kann: man bedenke nur einmal die verhängnisvollen Folgen von Goethes Zwei-Seelen-Theorie, welche jedem Mißbrauch und jeder Disziplinlosigkeit geradezu mit Autorität freien Lauf, völligen Irregang ermöglicht.
Schon hier wird nicht nur auf die Verbindung und Verwandtschaft zwischen Sentenz und Epigramm allein hingewiesen, sondern auch mit jenen kämpferischen Distichen, welche ,,Tabulae votivae" Schiller bei den einen Bewunderung, bei den andern unversöhnliche Feindschaft eintrugen:

7. Pflicht für jeden,

Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden,
als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

8. Der Schlüssel.
Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben,
 willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz.

9. Geschwindschreiber.
Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren.
Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedarm . . .

Ein gegen die hastigen Frühromantiker gerichtetes Wort, das ins Herz traf, Schiller jedoch auch hier von der dichterischen Jugend seiner Zeitgenossen böse trennte.
Absichtlich haben wir hier uns zeitlich auf Sentenzen aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege beschrankt. Die Sentenz aber ist alter, bei Sophokles steht — um nur ein Beispiel zu nennen — das herrliche Wort: Das Meer wascht aller Menschen Böses wieder ab . ..
— die höchste Weisheit der seefahrenden Griechen des Altertums. Das deutsche Mittelalter hat sich mit Leidenschaft in der sog. Spruchdichtung hervorgetan, und zwar zunächst im Gegensatz zu dem ,,Lied", später in engerer Verbindung beider; da werden Dinge der eigenen oder fremden Lebenshaltung betrachtet, Conner werden belobt, Gott gepriesen und die Haltung von Papst und Klerus deutlich untersucht und kritisiert. Es ist Walter von der Vogelweide, dem die Verbindung von Spruch und Lied ganz bewußt im Sinne einer aktuellen, wirkungsvollen, ja schlagenden K u n s t dichtung zuerst gelang. Schwieriger ist es mit den Sprichwörtern und dem Widersinn, der in jedem Sprichwort stecken m u ß .! Sebastian Franck gewann seine Einsicht in die Verhältnismaßigkeit der Paradoxie des Seins — Luthern entgegen — dadurch, daß er zunächst Sprichwörter sammelte und prüfte: das Sprichwort ist trügerische, seelische Landschaft, gerade weil sie hausbacken und allzu treuherzig sich zu geben versteht; denn die billige Volksweisheit ist ganz und gar keine ,,Weisheit", wohl aber treffend geäußerter Mutterwitz, welcher auch der entgegengesetzten seelischen Lage gerecht werden muß. Schillers groBe dichterische Gefahr war — unter anderem — jene, daß er dem Sprichwort und der Sentenz mehr erziehliche Kraft beimaß, als sie haben konnten, wenn also die Sentenz, insbesondere die Sentenz Schillers, mühelos ins Komische gezogen wird, so ist das etwas völlig anderes, als eine Wahrheit umdrehen. Es ware unbegreiflich, an dieser wichtigen methodischen Stelle das Krasseste, was es gibt, zu unterdrücken, nämlich Herweghs Parodie auf Schillers Worte des Glaubens (Neue Gedichte, Zürich, 1877, die Parodie selbst stammt schon aus dem Jahr 1863), von der wir die erste und letzte Strophe in Gegenüberstellung darbieten:

Schiller

Drei Worte nenri ich euch, inhalts-    Die drei Worte bewahret euch
schwer,    inhaltsschwei,
sie gehen von Munde zu Munde;    sie pilanzet von Munde zu Munde,
doch stammen sie nicht von    und stammen sie gleich nicht von
auBen her    auBen her,
das Herz nur gibt davon Kunde.    euer Inneres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Wert    Dem Menschen ist nimmer sein
geraubt,    Wert geraubt,
wenn er nicht mehr an die drei    so lang er noch an die drei Worte
Worte glaubt.    glaubt.
H e r w e g h
Drei Juden, die merke dir, actien-    Die drei Jnden, die merke dir,
schwer,    actienschwer,
so geht es dir wohl aui Erden,                    van wegen deines Papieres,
entweder bist du schon Actionär               den Rothschild merke,den Isaak
Oder willst noch närrisch werden.                   Peüeire
Und dem Menschen ist aller Kredit        und merke dir auch den Mires.
    geraubt,                                               Und merke  dir, Schwindler,  über-
wen.n er nicht an die drei Juden               haupt,
glaubt.    der Schwindel dauert, so lang man
dran glaubt.
Es ist die kaum vorstellbare Bitterkeit, welche Schillers Sentenzfreude hervorruft, nicht der Antisemitismus: das Aufreizende jeder Sentenz gehort mit zum Sinn und Wesen dieser Kunstäußerung, und auch bei der Sentenz wird der Dichter der Gefahr gewahr, welches Unheil sein Wort, kaum entlassen, anrichten wird. Dies gilt nicht nur bei polemischer, womöglich gehässiger oder hämischer Absicht, das gilt auch bei den frommsten Anlassen, wie man an dem in seiner Art einzigartigen Dichter und Konvertiten Johann Scheffler (Angelus Silesius, 1624—1677) sieht; denn diese Schlußreime, zwischen den Konfessionen stehend, sind eine edle Gabe der schlesischen Mystik; nicht immer, aber oft — gerade in ihrer Schönheit und in ihrem Weitblick solcher Art können sie, beiden Hälften ganz und gar; nicht entsprechen. Immer und je bleibt der Sentenz, dem Epigramm, dem Schlußreim nicht erspart, Seiltanzen zu müssen und dadurch der alten Frage des Pilatus: was ist Wahrheit? erneut Berechtigung zu verschaffen. Johann Scheffler nun greift ohne Zögern zu:

Die Bonn' bewegt das All, laBt alle Sternlein tanzen:
               wirst du nicht auch bewegt, so g'horst du nicht zum Ganzen.
*
Die Seel ist ein Kristall, die Gottheit ist ihr Schein;

 der Leib, in dem du lebst, ist ihrer beider Schrein.
*
        Nimm, was der Herr dir gibt, er gibt es groB im kleinen,
                   in schlechten Schlacken Gold, ob wir's zwar nicht vermeinen.
*
            Du selber machst die Zeit: das Uhrwerk sind die Sinnen.
        Hemmst du die Unruh' nur, so ist die Zeit von hinnen.

Interessant ist der Übergang hei jeder Sentenz von der bloßen Aussage hinüber zur Grübelei, die an sich noch gar nicht aussagen mochte, und es dennoch — wie wenn sie zerstreut wäre — dennoch tut.
Das gilt ganz besonders vom Epigramm, das nun aus vielen Gründen her unsere methodische Aufmerksamkeit beanspruchen wird; denn das Epigramm ist sehr oft ganz und gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht, so sehr insgeheim der Dichter wünschte, daß dies Epigramm bekannt wäre und ,,süße". Wenn die einsame Grübelei in Gehässigkeit auswachst, und wenn in geschliffener Form Rache genommen werden soll, dann verwischt sich der betrachtende Charakter, welcher zunächst dem Epigramm das Leben gibt. Denn das Epigramm ist zuerst Grabschrift, ist eine Aufschrift, und die Antike verstand es, griechisch und lateinisch Kürze und Inhalt zu vereinigen. Wie leicht das in allerlei Ungewolltes umschlagen kann, zeigt aber die bekannte Grabschrift:

Hier ruhet der Magistei Krug,

der Orgel, Weib und Kinder schlug ...

gar nicht zu reden von den Marterln und anderen Votivtafeln, deren Inhalt zwischen Grabinschrift und Kritik schwankt. Erst langsam ringt sich das Epigramm zu seiner Würde durch, deren Höhepunkt wohl in Schillers ,,Naenie" gefunden werden wird.
Das 18. Jahrhundert besann sich auf das Epigramm und sein Wesen. Lessing war es, der 1771 in seinen zerstreuten Anmerkungen über das Epigramm auf Logau hinwies, jenen Epigrammatiker, den Gottfried Keller dadurch unsterblich machte, daB er, mit viel Kunst und gelegentlicher umständlicher Künstelei, sein ,,Sinngedicht" nach dem Epigramm komponierte:
Wie willst du weiBe Lilien zu roten Rosen machen
 Küß eine weiBe Galathee; sie wird errotend lachen . . ,

Aber Lessing war kein so leichtzunehmender Mann; inm kam es darauf an, in Logau zu zeigen, dafi auch dieser Vorgänger im Epigramm es nicht an der Stichelei hatte fehlen lassen, an der Kritik, in Kürze und stets mit irgendeiner Spitze gegen eine Person, eine Untugend, ein Mißverhaltnis des Lebens. Modetorheiten und Personen allerlei Standes, das war es, was man treffen wollte. Herders Abhandlung über das Epigramm von 1785 zeigt nicht nur Herders völlig anderen Charakter, es zeigt auch, daß man sich mit Riesenschritten aus den Voraussetzungen des 18. Jahrhunderts entfernte. Die Zeiten wurden ernster, Goethe und Schiller ließen sich viel mehr in ihren Epigrammen durch Herder als durch Lessing bestimmen; um so mehr, als ja in Göttingen gleich zwei Gesellschaftskritiker saßen und wirkten, von denen der bedeutendere, Lichtenberg, das Epigramm meist mied, der andere aber, Kästner, es leicht und leichthin massenweise produzierte. Als aber Schiller tot war, sah der übriggebliebene Goethe sich mit zunehmendem Alter mehr und mehr ins Epigramm gedrängt; er gab diesem Druck nur allzu gerne nach, insbesondere, wenn es möglich war, in feierlicher Art und Weise ,,Altersweisheit" zu sagen, worin ihn nachher Rückert noch übertrumpfte. Den gemeinsamen ,,Xenien" Schillers und Goethes wußten weder die Aufklärer noch gar die auch bisweilen mitbetroffenen Früh-romantiker etwas zu erwidern, jedenfalls nicht in der gleichen Dichtungsgattung. Die Sentenz aber wehrte ihre Kraft. Wir wollen dies zum Schluß an drei bedeutenden Einsamen und ihren Epigrammen zeigen, an Morike, an Grillparzer und an Schopenhauer (welcher sich gelegentlich einmal ,,Einige Verse" abrang). Mörike ist der vielseitigste, Grillparzer der ernsteste, Schopenhauer der einsamste dieser drei.
Durch Schillers ,,Naenie" angeregt und ein eifriger Leser des Angelus Silesius, "vermochte Mörike, das Epigramm aus der Zweizeilenumgrenzung des Distichons zu entbinden, indem ,,das Kunstbild der echten Art" (Auf eine Lampe) sich heiter an Situationen und ernst an Ereignisse anschmiegte wie eine Ranke an der Mauer; stets der Antike gewiß, aber immer mitten im Schwabischen (der alten Art!) daheim, gelang es Mörike, eine Würde goetheferner Art mit etwas von der Geselligkeit des endenden 18. Jahrhunderts zu verbinden, ohne in Polemik und Kampfwort zu verfallen. Das Grämliche und Gehemmte seiner Natur endet, wenn die Distichen aufblühen und von Christentum und gar von der Christenheit nicht mehr die Rede ist, nur dann! Das eminent Heidnische bei Mörike — absolut unschwabisch im Lande der Bengel, Fricker, Flattich, Oetinger, Rieger, Ph. M. Hahn und Michael Hahn —, das absolut Unschwäbische bei Mörike, das nur noch von Hölderlin früh und spät übertroffen wird, ließ ihn das Leben im epigrammatisch-sentenzenhaften Sinne überblicken, bis zu dem in deutschem Dichttum nie wieder erreichten Gipfel der Elegie ,,An Hermann", die neben den Fragmenten der Sappho steht:

Oh, wie tobte mein Herz! Du lülltest wieder den Busen
mir, wie kein Bruder vermag, wie die Geliebte nicht kann!

Grillparzer hatte früh merken müssen, daß politische' Dinge, wenn man sie ethisch nimmt, den Sprecher vernichten, d. h. dafi die Politik amoralisch ist und alle Ethik stets in Feindmoral umwerten mufi. Sein ,,Campo-vaccino" - Gedicht hatte alle späteren Katastrophen dieses genialsten Dramatikers verursacht; dennoch schwieg Grillparzer insofern nicht, als seine Epigramme — unveröffentlicht — an Treffsicherheit und an Schärfe gewannen. Seine Denk -und Sendeblatter ebenso wie die Einfalle und Inschriften bieten ein unausgeschöpftes Material der Lebensweisheit.

Pfizers Vergleichung von Uhland und Rückert

Wie ähnlich beide, zeigt er wohlgesinnt,
 und gieichen Beifall in die Hande klopit er:
 sie sind auch ähnlich, wie zwei Adler sind:
 ein lebender, ei, und ein ausgestoplter.

Auf den Zensor Rupprecht

Wälz' immer dich in Schlamm und Kot
und spritze, spritz' nur zu!
 Wer weiB? du liebst mich endlich noch,
 bin ich beschmutzt wie du.

Jubelfeier

Der Mann bracht es aui 70 gar;
 das heiBt: von seinem siebenten Jahr
hat all sein Wirken von Kind bis jetzt
nur eine Null ihm zugesetzt.

Gebet

O Gott, laB dich herbei
und mach die Deutschen irei,
daB endlich das Geschrei    .
darnach zu Ende sei.

Napoleon III.

Will er Minister sein, so mag er
               nur ohne Bruder und ohne Schwager ...

Schopenhauer hatte seine ,,Einige Verse" grimmig belächelt, indessen er sie zärtlich streichelte. Zwei Epigramme, gegenübergestellt, sind geeignet, zu zeigen, wie sich Sentenz, äußerer Bildanlaß und Kritik einsamster Art bei Schopenhauer verbinden.

                Wundern darf es mich nicht, daB manche die Hunde verleumden,
                denn es beschämet zu oft leider den Menschen der Hund.

oder

Auf dfe Sixtinische Madonna — 1815

                                                           Sie trägt zur Welt ihn — und er schaut entsetzt
                                                           in ihrer Gräu'l chaotische Verwirrung,
                                                           in ihres Tobens wilde Raserei,
                                                           in ihres Treibens nie geheilte Torheit,
                                                           • in ihrer Qualen nie gestillten Schmerz -—.
                                                           Entsetzt: doch strahlet Ruh und Zuversicht
                                                           und Siegesglanz sein Aug', verkündigend
                                                           schon der Erlosung ewige Gewißheit ...

Im Vorstehenden hat es sich keineswegs darum gehandelt, eine ,,Geschichte" der Sentenz oder des Epigrammes zu schreiben, sondern darum, den Rang, die Würde und die Kunst des Dicht-Werkes bei Sentenz und Epigramm zu beschauen. Es wäre leicht, mit Hilfe Heinrich Heines nun noch die ganz eigentümliche Kunst des Wortspieles, das über den Moment hinaus dauern k a n n , zu zeigen; denn etwas von Wortspiel muß die Sentenz = die Meinung erst schmackhaft machen, soil der Denker mit seinem Worte auf einen weiteren Kreis wirken; es ware ferner leicht gewesen, mittels schlagender Drastik, zwischen Anarchie und Melancholie, den ,,Humoristen" Wilhelm Busch dieser falschen Charakteristik zu entledigen, ... an Personen, wie Otto Julius Bierbaum etwa oder Erich Kästner in diese Gegenwart vorzustoßen: dies alles gehört nicht hierher. Der Kunstwert der Sentenz steht oberhalb aller Aktualität, und die Weisheit ist zeitlos. Es mußte genügen, in heutiger Zeit nicht mehr zu zeigen als die Entwicklungslinien, keinesfalls aber durch irgendwelche scheinbar oder tatsachlich aktuellen Dinge abzulenken von dem Blick auf die Verantwortung, welche der Künstler des Worts mit Sentenz und Epigramm insbesondere auf sich nimmt.
































































































































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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2