Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 5. Jahrg.Heft 7/8 Juli/Aug. 1954

ADOLF VON GROLMAN
Tragödie und Trauerspiel

Seit längerer Zeit hat sich der Volksmund in einem durchaus falschen Sinne " des Wortes ,,tragisch" bemächtigt; dort wird von einem tragischen Auto-unfall geredet, irgendein fatales und vielleicht unausweichbares Familienunglück heißt ,,tragisch", eine Verwechslung oder dergleichen mehr, dazu tragische Irrtümer und anderes. Der Volksmund mochte mit der Vokabel Tragisch ohne viel Nachdenken etwas bezeichnen, das überraschend, peinlich und offenbar unerwartet und kaum vermeidlich in menschliche Beziehungen samt Folgen eingetreten ist. Dieser Gebrauch des Worts ,,tragisch" ist nicht nur falsch, er führt auch in Gebiete, wo der Begriff ,,tragisch" entscheidend ist, alle jene vollig irre, die sich erst im Sinne des Volksmunds der Vokabel bedienten und jetzt angesichts der echten „Tragödie" um das Wort in Verlegenheit kommen.
Es ist der Philosoph Georg Simmel, der wohl als erster deutlich darauf hingewiesen hat, daß ganz und gar nicht alle Umstande, die man ,,tragisch" nennt, dies auch sind, sein wollen oder sein können: Simmel weist darauf hin, daß zumeist solche Umstande bloß t r a u r i g sind, bedauerlich, beklagenswert, womöglich ,,fatal" (fatum aber heißt ,,Schicksal" — und wird wiederum mißverständlich, da Schicksal bei der Tragödie zuzeiten entscheidend mitbestimmt).
Die Schwierigkeit wird nicht geringer, wenn man bedenkt, daß sehr oft die deutsche Bezeichnung ,,Trauerspiel" der „ Tragödie" gleichgesetzt wird, in dem Sinne, als sei Tragödie ein übersetzbares Fremdwort, das man mit Trauerspiel wiedergibt. Gewiß sprach man schon vor Goethe vom Lesen eines ,,griechischen Trauerspiels" — man tut aber gut, das Bisherige nicht als ein Spielen mit Worten und Begriffen zu nehmen, sondern sich um die ernsten Gründe und Hintergründe all dieser Worte oder Vokabeln zu kümmern; tut man das nicht, so beraubt man sich des Einblicks in seelische Gefilde, deren Großartigkeit nicht zu bestreiten sind, und deren Pfade der reife Mensch begehen m u 6 , gerade dann, wenn er — als Christ — für das Wesen der Tragödie nicht mehr, als Interesse, doch keine Teilnahme aufzubringen gewillt wäre.

I.

,,Tragisch" ist ein menschlicher Charakter oder eine ihm zustoßende Situation, welche ihm ohne Verschulden und in ein e r unausweichlichen Art und Weise die Möglichkeiten des Lebens beschrankt oder wegnimmt. — Man bewahre: es mufi ein herankommendes Etwas sein, welches nicht den Charakter oder die Situation bloß schafft, sondern umbiegt, mit unheimlicher und schweigender Gewalt umgestaltet, und zwar so: dafi der tragische Charakter oder die tragische Situation ,,zwangsläufig" wird (es wird darinnen im Zwang gelaufen, gesprungen, von dem Dräuenden weg oder ihm todesmutig entgegen.). Daß dieses Etwas herankommt und jedesmal obsiegt, muß der Zuschauer der Tragödie viel früher merken, als die Personen auf der Buhne; zur ,,tragischen" Bühnenverwicklung gehört, daß dort die Leute ganz ahnungslos sind, oft sogar schuldlos, jedenfalls ohne wissentliches oder böswilliger Verschulden. .. all-mählich aber wird Dämmerung um sie herum und in ihnen: damit erhebt das Tragische sein ernstes Haupt, und zeigt dem Menschen die Unausweglichkeit der Lage. Jetzt, wo alles still steht und eine Änderung nach menschlischem Ermessen nicht mehr möglich ist, kommt der ,,deus ex machina", d. h. eine göttliche Erscheinung, die auf einer Bühnenmaschinerie steht (daher der Name) haut ohne Begründung und mit göttlichen Rechten das Unausweichbare in Stücke, so, wie Alexander der Große den ,,gordischen Knoten", der als unauflösbar galt, dadurch löste, daß er ihn in Stucke hieb. Dieser ,,deus ex machina" handelt dabei entweder auf Geheiß völlig verborgener höchster Mächte, oder er handelt aus eigener Willkür, jedenfalls handelt er nie und nimmer aus irgendeiner irdischen ,,Gerechtigkeit" heraus; es gehört zum Wesen des Tragischen, daß es nach Ursache, Verlauf und Ende mit aller irdischen Gerechtigkeit — eine solche einmal vorausgesetzt — nichts, gar nichts zu tun hat. Das Tragische ist souverän, so wie die Götter es sind, die es herankommen und wüten lassen, bis sie es vielleicht beenden, zu ihrer Zeit.
Alles, was nicht sämtliche Teile dieses umfangreichen Verzeichnisses hat, ist nicht ,,tragisch", sondern nur nodi traurig. Deshalb spricht man auch immer und mit viel Recht von der herzbezwingenden Traurigkeit aller echten, d. h. griechischen Antike, man spricht aber mit ebensolchem Rechte niemals davon mit dem Ausdruck: tragisch. Denn die griechische Tragödie ist ein gewaltiges Kapitel der Weltliteratur, einzig in ihrer Art, von den Römern, den Volkern der Renaissance und bis heute immer wieder studiert, oft nachgemacht und nie wieder geschaffen: denn mit dem Moment, da das Christliche in die Welt kam, kann es keine Tragödie mehr geben:
Das Christentum und die Herrenworte des Heilands kennen weder besagtes Herankommen einer übergöttlichen tragischen Macht in Charakter oder Situation, noch kennen und anerkennen sie das Schicksal, den ,,deus ex machina" und die gewaltsame Beendigung der tragischen Person oder Situation ... — sondern das Wort des Heilands kennt etwas anderes: die Erlösung des Menschen aus lauter Gnade durch das Blut Jesu Christi, und zwar die Erlösung jeden Menschens, der guten Willens ist, ob früh oder spät. Damit ist jeder Tragödie und allem etwa Tragischen der Boden ein für allemal und endgültig entzogen, und ist es auch dann, wenn ,,Christen" sich in mehr oder weniger kargem Verständnis der Worte Christi anschicken, trotzdem Tragödien zu schaffen oder zu erblicken; sie treiben dann mit ihrer eigenen Seligkeit und Erlosung Spott, und sei es in fahrlässiger Weise.
Diese Tatsachen sind im Laufe der Zeit beinahe völlig in Vergessenheit geraten, sie sind aber nichtsdestoweniger nach wie vor vorhanden und entscheidend; es ist belanglos, was die Nichtchristen dagegen vorbringen, denn, um es im Sinne der diese Dinge genau erkennenden Spatantike zu sagen: der alte Pan ist tot! Und hier erheben sich gewaltige Dinge, die das bisher schon schwierige Problem erst recht vertiefen:

II.

,,traurig", . . eminent traurig, ist die, aus Irrtum oft ,,heiter" genommene Welt der grechischen Antike, und noch viel trauriger ist die ganze römische Welt der Spatantike: es ist die ,,Traurigkeit der Welt", von der sich die Kinder des Lichts nicht übermannen lassen sollen. Und „ Traurigkeit" bezwingt auch die griechische Hochantike; man hat sich immer wieder darüber gewundert, wie kurz die Epoche der griechischen, d. h. der attischen Tragödie in Athen gewesen ist, wie tieffromm, wie Gottbewußt, wie grandios; und dann ist das jäb. vorbei. Es bleibt, was vorher war, die Traurigkeit, jene des frühsterbenden Achill, jene des Spätheimkehrers Odysseus, jene der alten Sagen und Mythen; es bleibt die Traurigkeit des entschwundenen Goldenen Vlieses, es bleibt die Traurigkeit, wenn Apollon den Hyakinthos wider Willen tötet, es bleibt die Traurigkeit der Sappho und ihrer Mädchen, der Knaben- und Männerfreundschaften. . . kein Wort mehr von ,,tragisch!" Denn ,,Schuld" ist eingerückt, Schuld und Unrecht. . . die Tragödie kennt keine Schuld; der Täter handelte in bestem oder doch gutem Glauben, und das Tragische, jenes Etwas, trat heran, weil er das tat, weil er guten Glaubens war.' das sollte man nie vergessen: die Schwierigkeit der tragischen Person kommt eben daher, daB paradoxerweise der Schuldlose vor jenem Etwas doch schuldig ist, — und davon hat das Wort Christi den verzweifelnden Menschen erlost, und zwar nicht wegen frommer Werke, sondern allein durch den Glauben.
Es ist traurig, daß Troja fiel und alle Helden ebenso; es ist traurig, daß das tiefste altgriechische Sprichwort es sagen muß: Erst hat der Mensch den Wein und keinen Becher, und später hat er den Becher, aber keinen Wein. Tragisch aber ist Ödipus, der den Vater tötet, den er nicht kennt und die Mutter heiratet, die so viel alter ist, als er, und der sich blendet, als ob die irdische Gerechtigkeit mit alledem auch nur Geringstes zu tun habe; und tragisch ist das Herrlichste, was die attische Tragödie hervorbrachte, den ,,Ödipus auf Kolonos", dem das Asyl und der Tod im Asyl verweigert wird, weil das Nichtvoneinanderwissen der Menschen größer ist, als ihr guter Willen, (jetzt aber kommt der deus ex machina, und erledigt das Ausweglose mit einem Hauch) . . . und tragisch ist der Kriegsversehrte Philoktet, und tragisch ist der von dem Schicksal geschlagene Aias . . . tragisch sind die Personen und die Umstände im Atridenhaus,. . . alles deshalb: weil das Etwas herangekommen ist; nun sitzt es da und brütet über den Menschen, der Sphinx ähnlich, von welcher auch dann und wann die Rede ist. Schicksal wird das genannt, fatum nennen es die Römer, und deren gewaltigster Dichter, der ,,Zauberer" Vergil hat ,,amor fati" gelebt und gelehrt. Aber das hat schon mit der Tragik in der attischen Antike nichts mehr zu tun.
Es ist unsäglich schwer, all diese Dinge klar und reinlich auseinander zu halten; tut man das aber nicht, versucht man es nicht wenigstens, so ballt sich das ganze künstlerische Altertum Europas zu einem Rätsel zusammen: Strafe für jene, die sich die Zeit nicht mehr nehmen, das Wesen des Tragischen langsam und ein Leben lang kennenzulernen. Die trostlose Traurigkeit der modernen Zivilisation einschließlich des Amerikanismus kommt daher, weil kaum einer Ehrfurcht hat vor demTragischen, das für jeden Nichtchristen ungemindert bleibt; nur die Worte des Heilands aber machen frei von der Traurigkeit, jene, die sich den Frieden Christi von ihm haben schenken lassen. Die Traurigkeit aber der Welt wirket den Tod. Die zahlreichen ,,Erlösungsbühnenwerke", die ,,christlichen Tragödien" seit dem Mittelalter, die ,,Passionen" als Bühnenwerk, kurzum: das Mißverständnis einer ,,Tragödie am Kreuz" sind die letzte und aussichtslose Folge der Verkennung der Ausgangspunkte und aller gedanklichen, :so grundverschiedenen Grundlagen. —

III.

Die attische Tragödie (wörtliche Übersetzung von Tragödie = Bocksgesang) kommt aus den ländlichen Kulten her. Die naturnahen Fruchtbarkeitsopfer und die dabei sich vollziehenden Vorgange und Riten setzen den Menschen vor die Unausweichlichkeit des Wechsels der Jahreszeiten, der Lebensalter und der Geschlechter der Menschen samt aller Kreatur. Das Tragische ist immer auch das Geschlechtliche, nur darf es nicht in jenen banalen Bezirken gefunden werden, darin sich Freud und seine Schiller psychoanalytisch ergingen, gefolgt von Massen Hilfloser und Ahnungsloser, die sich nun an allerlei Scheinbegriffe und Etikettierungen klammern. Die Tragödie sieht einen Altar vor, einen Chor und einen Solisten, den Priester der Land- und Fruchtbarkeitsgötter, der angesichts des Wechsels der Jahreszeiten und der Altersgruppen vermitteln und ausgleichen mochte. Das aber ist eben das Unmögliche, und wenn nun die Mythen und Sagen, wenn die Charaktere und Situationen da hinzukommen, dann ist der Boden für die einmalige attische Tragödie vorhanden; nicht für lange! denn auch damals versank die Frömmigkeit des Menschen, so groß sie war, in die Versuchungen des Verstandes, womit das Tragische dem bloß Traurigen mehr oder weniger rasch, aber endgültig weicht. Denn erst ein Spieler gegen den Chor, dann zwei oder drei Schauspieler gegen den Doppelchor bringen die schöpferische Weite, als dann aber das Ende dieser Kraft, die den Späteren die Fülle des Materials brachte, daran der Verstand die Seele töten wird.
Von der Menge der Tragödien ist uns heute nur ein verschwindend kleiner Teil überliefert. Von den Werken des Aschylos kennen wir 79 Titel, erhalten sind sieben Tragödien; von Sophokles kennen wir 111 Titel, erhalten sind sieben Werke, von 75 Werken des Euripides sind 19 erhalten; man bewegt sich also vor kleinen Resten; so gewaltig sie sind, zwingende Schlüsse gestattet dieses Material nur bedingterweise; deshalb kommt es auch im Für und Wider darüber zu keinem zwingenden Resultat: denn das eine liegt auf der Hand — das Tragische selbst ist ja eben Werden, Sein und Vergehen der attischen Tragödie an sich, von dem wir nur ahnen konnen. Dies urn so mehr, als die antiken Komödien (siehe unten) mit ähnlichen Verhältnissen dienen, was die Erhellung der Spannung: Tragödie/Komödie keineswegs erleichtert.
Die grundverschiedenen klimatischen Bedingungen und die durch die Christenheit, nicht das Christliche, total gewandelten Auffassungen der Menschen vom Geschlechtlichen verhüllen diesen kleinen, vorhandenen Rest zudem noch in einer kaum vorstellbaren Weise. Da aber — und hierin ist Sigmund Freud bedingterweise beizupflichten — das Wesen der attischen Tragödie und der antiken Komödie sozusagen absolut bestimmt, hat die endende Antike, haben Mittelalter, Renaissance und vollends moderner Klassizismus lange vor den Franzosen und vor Schiller und Grillparzer ein unentwirrbares Chaos von Meinungen und Kunstwerken geschaffen, auf das — um die Verwirrung noch größer zu machen — ,,Begriffe" angewendet werden, die längst dafür keine mehr sind oder sein können.
Denn schon in die Werke des Euripides dringt statt der Frömmigkeit die Psychologie ein, und die antike Form aller Aufklarung. . ., nachher haben die Römer zu verschiedensten Zeiten das ihrige getan; bewußt entfernte sich das Rom der Kaiserzeit von allem, was einst griechische Sitte und Kraft gewesen war; das Christentum in allen den vielen Schattierungen seiner widerspruchsvollen Entwicklung vor der Reformationszeit samt allen Moden dabei tat das seinige. Der Einbruch des asiatischen Südens und Ostens ins Mittelmeergebiet wurde durch den Einbruch aller nordischen Möglichkeiten mehr als nur einmal abgelost: Trümmerfeld und Schuttmassen werden immer undurchdringlicher. Die einmalige kritische Kraft des Entdeckers Bachofen hat sich nur bedingt durchsetzen können, blieb auch ohne Schule und nachfolgende Mitarbeiter. Denn Bachofens Forschungen zum Mutterrecht der Vor- und Frühantike sind bislang das einzige, das geeignet gewesen war, zu den alten Grundlagen des Ganzen vorzudringen, — aber fast niemand hat dort weiterzuarbeiten vermocht.
Das Wesen der Tragödie aber ist viel mehr denn ihre Begriffsbestimmung; eingangs gab ein kleiner Satz den Ausgangspunkt ins Tragische hinein. Was aber schafft die Tragödie im Menschen?, das nämlich ist die Hauptsache!
Das Erlebnis einer echten Tragödie schafft im Hörer, sogar beim Christen, Fürcht und Mitleid. Jenes Etwas, das an den Ahnungs- und Schuldlosen herankommt, das ,,Schicksal" oft genannt wird —, jenes Etwas droht; es läßt sich Zeit; es hat keine Mächte über sich; zwar versuchen die Tragiker, Gewalten zu zeigen, die größer sind als Schicksal, Götter und die Gewalt. Aber die Angst des Menschen in der Antike laßt ihn hier stammeln, ganz so, wie die gleiche Angst unsere Gegenwart zu ihren qualvollen Ausgeburten veranlaßt. Die Tragödie rollt ab, der Zuschauer ist daran gebunden, und wenn er auch weiß, das der deus ex machina kommen wird: bis er kommt, vergeht er beinahe. Die verwilderten Umstande drangen gebieterisch nach einer Reinigung (Katharsis), und auf diese kommt es der Tragödie eigentlich an, die Läuterung der Affekte, von der Aristoteles erstmals berichtet, und die bis heute im Gedränge der Meinungen steht. Das dräuende Etwas bringt die Zuschauer in eine so bedrohliche Spannung außerhalb aller Vernunft, daß irgendwann die Zügel wieder ergriffen werden müssen, daß die weise Besonnenheit wiederhergestellt wird, und zwar, das ist ihr Sinn (siehe unten), durch die Komödie! Das Tragische muß den Menschen zerreiben, es sei denn, daß sie wieder in die Schranken zurücktritt; bis es aber soweit ist, soil der Mensch der Antike gerüttelt und geschüttelt werden, daß es nur eine Art hat. Dafür aber hat die Lehre des Heilands keine Möglichkeit; deshalb kennt der Christ die Tragödie allenfalls als ein merkwürdiges Phänomen, als etwas Gewaltiges; nicht aber hat sein Leben Raum für dieselbe. Bergpredigt, Golgatha und Johannes-Evangelium haben alle Antike beendet; das Christentum und die Christenheit nachher aber haben das in solchem Ausmaß keineswegs immer gewünscht. Deshalb besitzen wir heute noch zwar keine ,,Tragödien" mehr, wohl aber Trauerspiele, gewaltige Leistungen der Dichtkunst, Shakespeare voran; gleichzeitig aber haben wir die Verwirrung der ästhetischen Begriffe, deren Ausweglosigkeit zwar gewiß nicht ,,tragisch", wohl aber tieftraurig ist und bleibt.
Das Wesen der attischen Tragödie ist Frömmigkeit, je früher, desto mehr, am meisten bei Aschylos, etwas begrenzter bei Sophokles, weniger bei Euripides: eine Frömmigkeit, die mit dem Wesen und Wort Christi nicht viel gemeinsam hat, außer dem einen: daß es d i e Frömmigkeit ist, welche den Menschen von dem dräuenden Etwas des Schicksals befreit, mit Hilfe der Götter, die im späten, aber richtigen Augenblick das Tragische wieder auf den ihm gebührenden Platz außerhalb der Menschenkraft zurückweisen. Das Vertrauen, daß (!) dem so ist und auch in jedem besonderen Falle wieder so sein wird, macht solche Frömmigkeit wissend, geradezu hellsehend (wie beim erblindeten Ödipus) und wirksam. Derb ist die attische Tragödie, ebenso derb, wie die Komödie es ebenfalls, nur an anderem Orte ist. Die Dichter besitzen die ungemeine Kunst, solche Frömmigkeit in einer tragischen Handlung zu zeigen, wobei der feierlich einziehende, dann verweilende, zuletzt wieder wegziehende Chor sehr viel mehr ist, als bloß ein Partner der Gespräche oder ein Kommentator: der Chor ist zu weiten Teilen ein Gespräch des Göttlichen mit ihm selbst, auch ein Dialog; die Betrachtungen des Chores sind ganz und gar nicht so allgemeiner Art, wie sie zuerst beim Übersetzen zu sein scheinen. Im Chor erhellt die gleichsam abstrakte Stimme der höchsten Machte das, was zwischen den Menschen passiert, läßt es zu, macht es verständlich, indem der besondere Fall ins Grundsätzliche erhoben wird; der Chor sagt aus von des Menschen Angst und Hilflosigkeit. Alsdann kommt die Katharsis bei den dargestellten Personen und bei dem zuhörenden Volk, und gleichzeitig damit kommt der sehr sichtbare ,,deus ex machina" und halt das Verhängnis, das hereinstürzen will, im letzten Augenblick nicht nur zurück, mehr noch, es widerlegt dieses Verhängnis und zwingt es, das Schöne und Gute im Menschen (die ,,kalokagathia"), die sich im Verlauf der Handlung bewiesen hat, grundsätzlich anzuerkennen und von hinnen zu weichen. Dann schließt sich ,,für alle" die befreiende Wirkung des Lachens in der nun folgenden Komödie an.
Sofort aber tritt diese erwünschte Wirkung nicht ein, denn das vertrüge sich nicht mit dem Rang des vorangegangenen: nur allmählich klingt das rein Tragische ab, denn der fromme Mensch der Antike weiß, daß jenes Etwas wiederkehren wird: es hangt über ihm und seinen Möglichkeiten wie das Schwert des Damokles, das ganze Leben der Antike wird durch die drohende Möglichkeit des immer wieder hereinbrechenden Schicksals bestimmt. Gewiß ist die anschließende, sich ebenfalls wiederholende Komödie die Brücke zum entspannteren Dasein — mehr aber ist auch sie nicht. Der Übermut der Komödie, besonders in sexueller Derbheit, befreit auch die Komödie niemals von der ,,Angst aller Kreatur", über welche der Apostel Paulus mehr, als nur einmal bewegliche Worte gefunden hat, die gerade in diesem Zusammenhang von ganz besonderer Wichtigkeit bleiben. Das ist Voraussetzung, Ziel und Grenze des Menschen, welcher nach der Doktrin des Altertums ,,das Ma6 aller Dinge" ist! Alle ,,Katharsis" ist dazu da, jenes ,,Maß des Menschen" wiederherzustellen.
Oben ward von der Ahnungslosigkeit des Menschen, das herandräuende Schicksal betr., gesprochen; das ist so wichtig, daß es hier nochmals wiederholt sei. Dazu gehört auch die individuelle Freiheit von aller ,,Schuld" eben dieses Menschen; die echte Tragödie hat mit der irdischen Justiz oder gar irgendeiner irdischen Hoffnung auf Gerechtigkeit zwischen den Menschen gar nichts zu tun. Hier kreischt das entsetzliche Mißverständnis auf, welches seither der attischen Tragödie widerfahrt. Jenes: seit der Antike bringen alle Dichter von Trauerspielen, die sie meist „ Tragödie" nennen, die irdische Gerechtigkeit in ihr Werk mit hinein; damit aber vermengen sie zwei Räume der Kunst, die an sich getrennt gewesen waren. Sie vermengen sie bis zur Unerkennbarkeit. Die irdische Schuld der Menschen zwischeneinander ist nie und nimmer ,,tragisch"; sie ist traurig genug; tragisch aber ist die nur von den Göttern zu lösende Gewalt des Unbegreiflichen, das viel zu gewaltig ist, als daß es sich um Maße irdischer sog. Gerechtigkeit kümmerte. Hier haben die ,,Christen" das Wesen der Antike ausnahmslos verkannt, auch die Dichter und Künstler, indem sie nicht unterschieden ihre eigenen Vorstellungen vom Christlichen von der herben, außerweltlichen Gewalt der langst wieder untergegangenen attischen Tragödie.

IV.

Um diese Diskrepanz zu verstehen, ist es am besten, Adalbert Stifters edlen Geist sprechen zu lassen. Er ist — besonderer Künstler, auch Liebhaber Schillers, Grillparzers und Shakespeares, dazu solide im Wesen der Antike erzogen — mit seiner Klarheit am besten in der Lage, in eine Art von Formel das zu bringen, was seit dem Ende der Antike aus Tragödie und aus ,,tragisch" wurde. Stifter sagte das, als er sich gegen würdelose und törichte Angriffe des Buhnendichters Friedrich Hebbel zu wehren hatte, Angriffe, deren Kurzsichtigkeit sie lächerlich macht. Dies geschah in der mit Recht berühmten ,,Vorrede" zu dem Erzählungenband ,,Bunte Steine" (Herbst 1852), wo es heißt:
,Ja, wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze hSher steht, als der Teil, weil das Gute größer ist, als der Tod, wir sagen da: wir empfinden das Tragische und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben..."
Dies ist, im ersten Satz gebracht, die Fülle der künstlerischen Ergebnisse, das Tragische betr., welches die Menschheit seit dem Ende der Antike erreicht hat. Es ist auch das totale Gegenteil der attischen Auffassung vom Tragischen: denn die Christenheit und mit und in ihr Stifter haben etwas völlig anderes zum Axiom ihrer ,,Tragödie" erhoben, nämlich das Sittengesetz, verletzt und wiederhergestellt, also etwas, das die Antike echter Provenienz in der Art überhaupt nicht kennt. Indem insbesondere die Franzosen, aber auch Shakespeare seit der Hohe der Renaissance im Norden das christliche Sittengesetz (das nicht mit den Worten des Heilands verwechselt werden darf) und Probleme der irdischen Gerechtigkeit in ihre Bühnenwelt einbezogen und die ernsten Werke dabei ,,Tragödien" nannten, vollzogen sie eine Wegwendung von der Antike, welche kein Dichter, auch Schiller oder Hölderlin nicht, wieder hat ruckgängig machen können.
Im Gegenteil: Shakespeares Moral ist noch recht handgreiflich, weil Shakespeare seinen Zeitgenossen, derb, wie sie waren, mit spätrömischer Kost kommen mußte, und das allenfalls Griechische umromanisieren mußte. Corneille geht den gleichen Weg, weil seine Auffassung der französischen, feudalen Zustande des Spatmittelalters ihn zwang, mit dürrster Moral eine Sitte einzuführen, die es gar nicht gab. Erst der gewaltige Racine hat zwar das Wesen der attischen Tragödie nicht neubilden, er hat es aber immerhin gelten lassen können; Racines feine Seelenkunde braucht nicht so viel Sittengesetz, dafür spannt er sich aber in die ästhetische Plage der sog. drei Einheiten ein, in die Einheiten des Raums, der Zeit und der Handlung: dies will heißen: die Bühnen-handlung wird — angeblich — dadurch der Größe der antiken Tragödie angenähert, wenn sie in einem Zug zeitlich verrauscht, an einem Ort sich vollzieht und alles Nebenwerk wegtut. Shakespeare ließ die Dinge wuchern, wie sie im Leben wuchern, und ihm folgte später der deutsche „ Sturm und Drang" der Geniebewegung um 1770, folgten dann einige Romantiker, dazu Bücher und viele Moderne. Racine aber stellte die drei Einheiten des Aristoteles höher, denn die sittlichen Forderungen der attischen Tragödie, die in Frankreich kein Verständnis gefunden hätten und mit diesen ,,Regeln" gängelte sich die Bühne der Aufklärung ebenso, wie Lessing, die Weimarer Klassizisten samt Nachfahren: alle Dinge waren nun an anderem Platz: ,,SchicksaI" gab es mehr, als in der Antike, man verstieg sich sogar zu einem ,,Schicksalsdrama/" dieses war aber nicht im Sinne einer klassischen Antike dräuend, sondern es war beinahe fatalistisch im Sinne der Mohammedaner, jedenfalls war es sinnlos — und wo man einen Sinn in es hineinlegen wollte oder konnte (wie z. B. Schiller in der ,,Braut von Messina"), da entstand ein anderes Etwas (Stifter hat es im ersten Satz benannt: „... weil das Ganze hoher steht, als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod . . ."). das 1st christlich gesehen, gesprochen —, hat aber mit der ,,Tragik" der Antike nur mehr noch den Namen gemeinsam, aber keinen Inhalt. Sondern es ist das große Traurige, das der Heiland meint, wenn er sagt: ,,Ihr habt nun Traurigkeit..."
Alles Trauerspiel seit der Renaissance, ob es sich nun Tragödie nennt oder nicht, ist traurig, wie sein Namen sagt, aber ,,tragisch" kann es nicht mehr sein. Sowenig der Honig der Bienen mit dem Seim in der Blüte noch zu tun hat, sowenig haben die Dichter nach Christus irgend etwas mit der Antike zu tun: aber das sahen sie nicht! Im Gegenteil! man rang um die Antike! Schiller rang darum, den Chor der attischen Tragödie wieder einzuführen und blieb, aus bekannten Gründen, auch damit allein. Vor ihm haben die Stürmer und Dränger, insbesondere mit dem Motiv der Kindesmörderin, des Ugolino im Hungerturm u. a. m. versucht, das Traurige ,,tragisch" hinzustellen, was niemals aufgehen konnte. Und als Goethe bekannte, er werde keine Tragödie schreiben, weil ihn das vernichten müsse, so sprach er die Wahrheit: denn ein Christ, auch wenn er es gar nicht sein will, kann nicht tragisch empfinden, weil Golgatha, Bergpredigt und Johannes-Evangelium ihn davon ,,erlost" haben.
Man tut gut, diese wichtigen Dinge sehr genau zu lesen. Die Bühne, das Theater, der Dialog zwischen Menschen nimmt seinen Fortgang. Die Wegwendung des modernen Menschen vom Christentum weg braucht noch lange keine Wegwendung von den Worten des Heilandes zu sein, auf welche sowieso kaum noch jemand achtet. So sehr sind sie verhüllt. Alle Bühnen aber stellen den Menschen in seinen Dialogen dar — der religiöse, nicht der konfessionelle Dialog, steht, auch wenn man das nicht immer gleich merkt, im Vordergrund, obgleich viele sich dessen schämen —, also muG endlich mit dem ,,Sittengesetz in der Tragödie" als einem großen Mißyerständnis, ja als eine oft bewußte Fälschung, Schluß gemacht werden.
Schiller hatte in Lessing einen gewaltigen Vorgänger, denn Lessing entband den Dialog der Deutschen erst um sich selbst, vorher konnte man ja nicht sprechen, bevor Lessing das nicht gelehrt hatte, denn die Luthersprache hatte der 30jahrige Krieg getötet. Also sah sich Lessings Genie zunächst in sprach-bildnerischer Arbeit, die in Lust- und Trauerspiel sich bewahrte, und in der Predigt (denn als solche ist ,,Nathan der Weise" als Antigötze XII eine ,,Predigt"). Lessings Sentenzen sind karg gesät, dafür schneidend, Schillers Sentenzen sind verschwenderisch hingestreut, daher volkstümlich und viel parodiert. Schiller aber brachte noch ein Etwas, das sich nicht mit der Antike vertragt, obwohl gerade es so ausschauen konnte: für Schiller muß in die Fragwürdigkeit des Lebens hinein die Frage nach Recht und Gerechtigkeit geworfen werden! das ist für Schiller logisch, für die Antike ein Nonsens! Schiller ringt sein Leben lang um die irdische Gerechtigkeit, vom Verbrecher aus verlorener Ehre an, bis zum Tell und Demetrius, wobei in Wallenstein die tiefsinnigsten Fragen der Jurisprudenz eine nach der anderen erörtert werden, ohne daß das Publikum auch nur ahnte, was gespielt wird dabei: Schiller ringt stets um das Recht, um das irdische Recht dieser brüchigen Welt. Seine ,,Braut von Messina" ahnt gar nicht, wie unantik sie in Form, Darstellung und Problemstellung 1st, obwohl Maske, Faltenwurf, Chor 1 und 2 vorhanden sind, samt allem Zubehör: bloß der ,,deus ex machina" fehlt, logischerweise: denn hier wird keine Tragödie geboten, ob man das gleich will, sondern es ist das tief Traurige, das vor uns sich wieder einmal vollzieht, hoffnungs- und aussichtslos: denn Schiller rang zu fern und zu heimlich um das Christliche, trotz seiner Mutter Gebeten und der Pfarrersgestalt am Schluß der Räuber, trotz der Abendmahlszene, des Kapuziners und des von alien Menschen verlassenen, heißgeliebten Wallenstein, welcher längst nicht mehr der tschechische Bandenführer der Historie ist, sondern das Sinnbild von Schillers Ringen um das irdische Recht!
Grillparzers Dicht- und Verskunst, sein herbes privates Leid und seine große Entsagung bringen ihn der Antike nahe, einerlei, ob das Motiv nun vom Altertum herkommt oder nicht. Eine ,,Tragödie" aber hat auch er nie schreiben wollen, sondern Trauerspiele, ganz im Sinne der altspanischen Buhne, welche mit dem spanischen Rigorismus der Tat Schluß machte, und souverän sich ihre eigene Ästhetik aus Königsreverenz, Inquisition, Zerknirschung und Hoffart baute und Trauer- und Lustspiel, das sie — dem gesellschaftlichen Prozeß folgend — dort Tragödie und Komödie benannte. Sie gab auch Grillparzer die Kraft, seinen Mann zu stellen, wo er knicken wollte: so blieb ihm die Buhne der große Trost gerade dann, wenn die Vorurteile der Menschen sie und die attische Tragödie immer wieder verschütteten.
































































































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