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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 5. Jahrg.Heft 7/8 Juli/Aug. 1954
ADOLF VON GROLMAN
Tragödie und Trauerspiel
Seit längerer Zeit hat sich der Volksmund in einem durchaus falschen
Sinne " des Wortes ,,tragisch" bemächtigt; dort wird von einem
tragischen Auto-unfall geredet, irgendein fatales und vielleicht
unausweichbares Familienunglück heißt ,,tragisch", eine Verwechslung
oder dergleichen mehr, dazu tragische Irrtümer und anderes. Der
Volksmund mochte mit der Vokabel Tragisch ohne viel Nachdenken etwas
bezeichnen, das überraschend, peinlich und offenbar unerwartet und kaum
vermeidlich in menschliche Beziehungen samt Folgen eingetreten ist.
Dieser Gebrauch des Worts ,,tragisch" ist nicht nur falsch, er führt
auch in Gebiete, wo der Begriff ,,tragisch" entscheidend ist, alle jene
vollig irre, die sich erst im Sinne des Volksmunds der Vokabel
bedienten und jetzt angesichts der echten „Tragödie" um das Wort in
Verlegenheit kommen.
Es ist der Philosoph Georg Simmel, der wohl als erster deutlich darauf
hingewiesen hat, daß ganz und gar nicht alle Umstande, die man
,,tragisch" nennt, dies auch sind, sein wollen oder sein können: Simmel
weist darauf hin, daß zumeist solche Umstande bloß t r a u r i g sind,
bedauerlich, beklagenswert, womöglich ,,fatal" (fatum aber heißt
,,Schicksal" — und wird wiederum mißverständlich, da Schicksal bei der
Tragödie zuzeiten entscheidend mitbestimmt).
Die Schwierigkeit wird nicht geringer, wenn man bedenkt, daß sehr oft
die deutsche Bezeichnung ,,Trauerspiel" der „ Tragödie" gleichgesetzt
wird, in dem Sinne, als sei Tragödie ein übersetzbares Fremdwort, das
man mit Trauerspiel wiedergibt. Gewiß sprach man schon vor Goethe vom
Lesen eines ,,griechischen Trauerspiels" — man tut aber gut, das
Bisherige nicht als ein Spielen mit Worten und Begriffen zu nehmen,
sondern sich um die ernsten Gründe und Hintergründe all dieser Worte
oder Vokabeln zu kümmern; tut man das nicht, so beraubt man sich des
Einblicks in seelische Gefilde, deren Großartigkeit nicht zu bestreiten
sind, und deren Pfade der reife Mensch begehen m u 6 , gerade dann,
wenn er — als Christ — für das Wesen der Tragödie nicht mehr, als
Interesse, doch keine Teilnahme aufzubringen gewillt wäre.
I.
,,Tragisch" ist ein menschlicher Charakter oder eine ihm zustoßende
Situation, welche ihm ohne Verschulden und in ein e r unausweichlichen
Art und Weise die Möglichkeiten des Lebens beschrankt oder wegnimmt. —
Man bewahre: es mufi ein herankommendes Etwas sein, welches nicht den
Charakter oder die Situation bloß schafft, sondern umbiegt, mit
unheimlicher und schweigender Gewalt umgestaltet, und zwar so: dafi der
tragische Charakter oder die tragische Situation ,,zwangsläufig" wird
(es wird darinnen im Zwang gelaufen, gesprungen, von dem Dräuenden weg
oder ihm todesmutig entgegen.). Daß dieses Etwas herankommt und
jedesmal obsiegt, muß der Zuschauer der Tragödie viel früher merken,
als die Personen auf der Buhne; zur ,,tragischen" Bühnenverwicklung
gehört, daß dort die Leute ganz ahnungslos sind, oft sogar schuldlos,
jedenfalls ohne wissentliches oder böswilliger Verschulden. ..
all-mählich aber wird Dämmerung um sie herum und in ihnen: damit erhebt
das Tragische sein ernstes Haupt, und zeigt dem Menschen die
Unausweglichkeit der Lage. Jetzt, wo alles still steht und eine
Änderung nach menschlischem Ermessen nicht mehr möglich ist, kommt der
,,deus ex machina", d. h. eine göttliche Erscheinung, die auf einer
Bühnenmaschinerie steht (daher der Name) haut ohne Begründung und mit
göttlichen Rechten das Unausweichbare in Stücke, so, wie Alexander der
Große den ,,gordischen Knoten", der als unauflösbar galt, dadurch
löste, daß er ihn in Stucke hieb. Dieser ,,deus ex machina" handelt
dabei entweder auf Geheiß völlig verborgener höchster Mächte, oder er
handelt aus eigener Willkür, jedenfalls handelt er nie und nimmer aus
irgendeiner irdischen ,,Gerechtigkeit" heraus; es gehört zum Wesen des
Tragischen, daß es nach Ursache, Verlauf und Ende mit aller irdischen
Gerechtigkeit — eine solche einmal vorausgesetzt — nichts, gar nichts
zu tun hat. Das Tragische ist souverän, so wie die Götter es sind, die
es herankommen und wüten lassen, bis sie es vielleicht beenden, zu
ihrer Zeit.
Alles, was nicht sämtliche Teile dieses umfangreichen Verzeichnisses
hat, ist nicht ,,tragisch", sondern nur nodi traurig. Deshalb spricht
man auch immer und mit viel Recht von der herzbezwingenden Traurigkeit
aller echten, d. h. griechischen Antike, man spricht aber mit
ebensolchem Rechte niemals davon mit dem Ausdruck: tragisch. Denn die
griechische Tragödie ist ein gewaltiges Kapitel der Weltliteratur,
einzig in ihrer Art, von den Römern, den Volkern der Renaissance und
bis heute immer wieder studiert, oft nachgemacht und nie wieder
geschaffen: denn mit dem Moment, da das Christliche in die Welt kam,
kann es keine Tragödie mehr geben:
Das Christentum und die Herrenworte des Heilands kennen weder besagtes
Herankommen einer übergöttlichen tragischen Macht in Charakter oder
Situation, noch kennen und anerkennen sie das Schicksal, den ,,deus ex
machina" und die gewaltsame Beendigung der tragischen Person oder
Situation ... — sondern das Wort des Heilands kennt etwas anderes: die
Erlösung des Menschen aus lauter Gnade durch das Blut Jesu Christi, und
zwar die Erlösung jeden Menschens, der guten Willens ist, ob früh oder
spät. Damit ist jeder Tragödie und allem etwa Tragischen der Boden ein
für allemal und endgültig entzogen, und ist es auch dann, wenn
,,Christen" sich in mehr oder weniger kargem Verständnis der Worte
Christi anschicken, trotzdem Tragödien zu schaffen oder zu erblicken;
sie treiben dann mit ihrer eigenen Seligkeit und Erlosung Spott, und
sei es in fahrlässiger Weise.
Diese Tatsachen sind im Laufe der Zeit beinahe völlig in Vergessenheit
geraten, sie sind aber nichtsdestoweniger nach wie vor vorhanden und
entscheidend; es ist belanglos, was die Nichtchristen dagegen
vorbringen, denn, um es im Sinne der diese Dinge genau erkennenden
Spatantike zu sagen: der alte Pan ist tot! Und hier erheben sich
gewaltige Dinge, die das bisher schon schwierige Problem erst recht
vertiefen:
II.
,,traurig", . . eminent traurig, ist die, aus Irrtum oft ,,heiter"
genommene Welt der grechischen Antike, und noch viel trauriger ist die
ganze römische Welt der Spatantike: es ist die ,,Traurigkeit der Welt",
von der sich die Kinder des Lichts nicht übermannen lassen sollen. Und
„ Traurigkeit" bezwingt auch die griechische Hochantike; man hat sich
immer wieder darüber gewundert, wie kurz die Epoche der griechischen,
d. h. der attischen Tragödie in Athen gewesen ist, wie tieffromm, wie
Gottbewußt, wie grandios; und dann ist das jäb. vorbei. Es bleibt, was
vorher war, die Traurigkeit, jene des frühsterbenden Achill, jene des
Spätheimkehrers Odysseus, jene der alten Sagen und Mythen; es bleibt
die Traurigkeit des entschwundenen Goldenen Vlieses, es bleibt die
Traurigkeit, wenn Apollon den Hyakinthos wider Willen tötet, es bleibt
die Traurigkeit der Sappho und ihrer Mädchen, der Knaben- und
Männerfreundschaften. . . kein Wort mehr von ,,tragisch!" Denn
,,Schuld" ist eingerückt, Schuld und Unrecht. . . die Tragödie kennt
keine Schuld; der Täter handelte in bestem oder doch gutem Glauben, und
das Tragische, jenes Etwas, trat heran, weil er das tat, weil er guten
Glaubens war.' das sollte man nie vergessen: die Schwierigkeit der
tragischen Person kommt eben daher, daB paradoxerweise der Schuldlose
vor jenem Etwas doch schuldig ist, — und davon hat das Wort Christi den
verzweifelnden Menschen erlost, und zwar nicht wegen frommer Werke,
sondern allein durch den Glauben.
Es ist traurig, daß Troja fiel und alle Helden ebenso; es ist traurig,
daß das tiefste altgriechische Sprichwort es sagen muß: Erst hat der
Mensch den Wein und keinen Becher, und später hat er den Becher, aber
keinen Wein. Tragisch aber ist Ödipus, der den Vater tötet, den er
nicht kennt und die Mutter heiratet, die so viel alter ist, als er, und
der sich blendet, als ob die irdische Gerechtigkeit mit alledem auch
nur Geringstes zu tun habe; und tragisch ist das Herrlichste, was die
attische Tragödie hervorbrachte, den ,,Ödipus auf Kolonos", dem das
Asyl und der Tod im Asyl verweigert wird, weil das
Nichtvoneinanderwissen der Menschen größer ist, als ihr guter Willen,
(jetzt aber kommt der deus ex machina, und erledigt das Ausweglose mit
einem Hauch) . . . und tragisch ist der Kriegsversehrte Philoktet, und
tragisch ist der von dem Schicksal geschlagene Aias . . . tragisch sind
die Personen und die Umstände im Atridenhaus,. . . alles deshalb: weil
das Etwas herangekommen ist; nun sitzt es da und brütet über den
Menschen, der Sphinx ähnlich, von welcher auch dann und wann die Rede
ist. Schicksal wird das genannt, fatum nennen es die Römer, und deren
gewaltigster Dichter, der ,,Zauberer" Vergil hat ,,amor fati" gelebt
und gelehrt. Aber das hat schon mit der Tragik in der attischen Antike
nichts mehr zu tun.
Es ist unsäglich schwer, all diese Dinge klar und reinlich auseinander
zu halten; tut man das aber nicht, versucht man es nicht wenigstens, so
ballt sich das ganze künstlerische Altertum Europas zu einem Rätsel
zusammen: Strafe für jene, die sich die Zeit nicht mehr nehmen, das
Wesen des Tragischen langsam und ein Leben lang kennenzulernen. Die
trostlose Traurigkeit der modernen Zivilisation einschließlich des
Amerikanismus kommt daher, weil kaum einer Ehrfurcht hat vor
demTragischen, das für jeden Nichtchristen ungemindert bleibt; nur die
Worte des Heilands aber machen frei von der Traurigkeit, jene, die sich
den Frieden Christi von ihm haben schenken lassen. Die Traurigkeit aber
der Welt wirket den Tod. Die zahlreichen ,,Erlösungsbühnenwerke", die
,,christlichen Tragödien" seit dem Mittelalter, die ,,Passionen" als
Bühnenwerk, kurzum: das Mißverständnis einer ,,Tragödie am Kreuz" sind
die letzte und aussichtslose Folge der Verkennung der Ausgangspunkte
und aller gedanklichen, :so grundverschiedenen Grundlagen. —
III.
Die attische Tragödie (wörtliche Übersetzung von Tragödie =
Bocksgesang) kommt aus den ländlichen Kulten her. Die naturnahen
Fruchtbarkeitsopfer und die dabei sich vollziehenden Vorgange und Riten
setzen den Menschen vor die Unausweichlichkeit des Wechsels der
Jahreszeiten, der Lebensalter und der Geschlechter der Menschen samt
aller Kreatur. Das Tragische ist immer auch das Geschlechtliche, nur
darf es nicht in jenen banalen Bezirken gefunden werden, darin sich
Freud und seine Schiller psychoanalytisch ergingen, gefolgt von Massen
Hilfloser und Ahnungsloser, die sich nun an allerlei Scheinbegriffe und
Etikettierungen klammern. Die Tragödie sieht einen Altar vor, einen
Chor und einen Solisten, den Priester der Land- und
Fruchtbarkeitsgötter, der angesichts des Wechsels der Jahreszeiten und
der Altersgruppen vermitteln und ausgleichen mochte. Das aber ist eben
das Unmögliche, und wenn nun die Mythen und Sagen, wenn die Charaktere
und Situationen da hinzukommen, dann ist der Boden für die einmalige
attische Tragödie vorhanden; nicht für lange! denn auch damals versank
die Frömmigkeit des Menschen, so groß sie war, in die Versuchungen des
Verstandes, womit das Tragische dem bloß Traurigen mehr oder weniger
rasch, aber endgültig weicht. Denn erst ein Spieler gegen den Chor,
dann zwei oder drei Schauspieler gegen den Doppelchor bringen die
schöpferische Weite, als dann aber das Ende dieser Kraft, die den
Späteren die Fülle des Materials brachte, daran der Verstand die Seele
töten wird.
Von der Menge der Tragödien ist uns heute nur ein verschwindend kleiner
Teil überliefert. Von den Werken des Aschylos kennen wir 79 Titel,
erhalten sind sieben Tragödien; von Sophokles kennen wir 111 Titel,
erhalten sind sieben Werke, von 75 Werken des Euripides sind 19
erhalten; man bewegt sich also vor kleinen Resten; so gewaltig sie
sind, zwingende Schlüsse gestattet dieses Material nur bedingterweise;
deshalb kommt es auch im Für und Wider darüber zu keinem zwingenden
Resultat: denn das eine liegt auf der Hand — das Tragische selbst ist
ja eben Werden, Sein und Vergehen der attischen Tragödie an sich, von
dem wir nur ahnen konnen. Dies urn so mehr, als die antiken Komödien
(siehe unten) mit ähnlichen Verhältnissen dienen, was die Erhellung der
Spannung: Tragödie/Komödie keineswegs erleichtert.
Die grundverschiedenen klimatischen Bedingungen und die durch die
Christenheit, nicht das Christliche, total gewandelten Auffassungen der
Menschen vom Geschlechtlichen verhüllen diesen kleinen, vorhandenen
Rest zudem noch in einer kaum vorstellbaren Weise. Da aber — und hierin
ist Sigmund Freud bedingterweise beizupflichten — das Wesen der
attischen Tragödie und der antiken Komödie sozusagen absolut bestimmt,
hat die endende Antike, haben Mittelalter, Renaissance und vollends
moderner Klassizismus lange vor den Franzosen und vor Schiller und
Grillparzer ein unentwirrbares Chaos von Meinungen und Kunstwerken
geschaffen, auf das — um die Verwirrung noch größer zu machen —
,,Begriffe" angewendet werden, die längst dafür keine mehr sind oder
sein können.
Denn schon in die Werke des Euripides dringt statt der Frömmigkeit die
Psychologie ein, und die antike Form aller Aufklarung. . ., nachher
haben die Römer zu verschiedensten Zeiten das ihrige getan; bewußt
entfernte sich das Rom der Kaiserzeit von allem, was einst griechische
Sitte und Kraft gewesen war; das Christentum in allen den vielen
Schattierungen seiner widerspruchsvollen Entwicklung vor der
Reformationszeit samt allen Moden dabei tat das seinige. Der Einbruch
des asiatischen Südens und Ostens ins Mittelmeergebiet wurde durch den
Einbruch aller nordischen Möglichkeiten mehr als nur einmal abgelost:
Trümmerfeld und Schuttmassen werden immer undurchdringlicher. Die
einmalige kritische Kraft des Entdeckers Bachofen hat sich nur bedingt
durchsetzen können, blieb auch ohne Schule und nachfolgende
Mitarbeiter. Denn Bachofens Forschungen zum Mutterrecht der Vor- und
Frühantike sind bislang das einzige, das geeignet gewesen war, zu den
alten Grundlagen des Ganzen vorzudringen, — aber fast niemand hat dort
weiterzuarbeiten vermocht.
Das Wesen der Tragödie aber ist viel mehr denn ihre Begriffsbestimmung;
eingangs gab ein kleiner Satz den Ausgangspunkt ins Tragische hinein.
Was aber schafft die Tragödie im Menschen?, das nämlich ist die
Hauptsache!
Das Erlebnis einer echten Tragödie schafft im Hörer, sogar beim
Christen, Fürcht und Mitleid. Jenes Etwas, das an den Ahnungs- und
Schuldlosen herankommt, das ,,Schicksal" oft genannt wird —, jenes
Etwas droht; es läßt sich Zeit; es hat keine Mächte über sich; zwar
versuchen die Tragiker, Gewalten zu zeigen, die größer sind als
Schicksal, Götter und die Gewalt. Aber die Angst des Menschen in der
Antike laßt ihn hier stammeln, ganz so, wie die gleiche Angst unsere
Gegenwart zu ihren qualvollen Ausgeburten veranlaßt. Die Tragödie rollt
ab, der Zuschauer ist daran gebunden, und wenn er auch weiß, das der
deus ex machina kommen wird: bis er kommt, vergeht er beinahe. Die
verwilderten Umstande drangen gebieterisch nach einer Reinigung
(Katharsis), und auf diese kommt es der Tragödie eigentlich an, die
Läuterung der Affekte, von der Aristoteles erstmals berichtet, und die
bis heute im Gedränge der Meinungen steht. Das dräuende Etwas bringt
die Zuschauer in eine so bedrohliche Spannung außerhalb aller Vernunft,
daß irgendwann die Zügel wieder ergriffen werden müssen, daß die weise
Besonnenheit wiederhergestellt wird, und zwar, das ist ihr Sinn (siehe
unten), durch die Komödie! Das Tragische muß den Menschen zerreiben, es
sei denn, daß sie wieder in die Schranken zurücktritt; bis es aber
soweit ist, soil der Mensch der Antike gerüttelt und geschüttelt
werden, daß es nur eine Art hat. Dafür aber hat die Lehre des Heilands
keine Möglichkeit; deshalb kennt der Christ die Tragödie allenfalls als
ein merkwürdiges Phänomen, als etwas Gewaltiges; nicht aber hat sein
Leben Raum für dieselbe. Bergpredigt, Golgatha und Johannes-Evangelium
haben alle Antike beendet; das Christentum und die Christenheit nachher
aber haben das in solchem Ausmaß keineswegs immer gewünscht. Deshalb
besitzen wir heute noch zwar keine ,,Tragödien" mehr, wohl aber
Trauerspiele, gewaltige Leistungen der Dichtkunst, Shakespeare voran;
gleichzeitig aber haben wir die Verwirrung der ästhetischen Begriffe,
deren Ausweglosigkeit zwar gewiß nicht ,,tragisch", wohl aber
tieftraurig ist und bleibt.
Das Wesen der attischen Tragödie ist Frömmigkeit, je früher, desto
mehr, am meisten bei Aschylos, etwas begrenzter bei Sophokles, weniger
bei Euripides: eine Frömmigkeit, die mit dem Wesen und Wort Christi
nicht viel gemeinsam hat, außer dem einen: daß es d i e Frömmigkeit
ist, welche den Menschen von dem dräuenden Etwas des Schicksals
befreit, mit Hilfe der Götter, die im späten, aber richtigen Augenblick
das Tragische wieder auf den ihm gebührenden Platz außerhalb der
Menschenkraft zurückweisen. Das Vertrauen, daß (!) dem so ist und auch
in jedem besonderen Falle wieder so sein wird, macht solche Frömmigkeit
wissend, geradezu hellsehend (wie beim erblindeten Ödipus) und wirksam.
Derb ist die attische Tragödie, ebenso derb, wie die Komödie es
ebenfalls, nur an anderem Orte ist. Die Dichter besitzen die ungemeine
Kunst, solche Frömmigkeit in einer tragischen Handlung zu zeigen, wobei
der feierlich einziehende, dann verweilende, zuletzt wieder wegziehende
Chor sehr viel mehr ist, als bloß ein Partner der Gespräche oder ein
Kommentator: der Chor ist zu weiten Teilen ein Gespräch des Göttlichen
mit ihm selbst, auch ein Dialog; die Betrachtungen des Chores sind ganz
und gar nicht so allgemeiner Art, wie sie zuerst beim Übersetzen zu
sein scheinen. Im Chor erhellt die gleichsam abstrakte Stimme der
höchsten Machte das, was zwischen den Menschen passiert, läßt es zu,
macht es verständlich, indem der besondere Fall ins Grundsätzliche
erhoben wird; der Chor sagt aus von des Menschen Angst und
Hilflosigkeit. Alsdann kommt die Katharsis bei den dargestellten
Personen und bei dem zuhörenden Volk, und gleichzeitig damit kommt der
sehr sichtbare ,,deus ex machina" und halt das Verhängnis, das
hereinstürzen will, im letzten Augenblick nicht nur zurück, mehr noch,
es widerlegt dieses Verhängnis und zwingt es, das Schöne und Gute im
Menschen (die ,,kalokagathia"), die sich im Verlauf der Handlung
bewiesen hat, grundsätzlich anzuerkennen und von hinnen zu weichen.
Dann schließt sich ,,für alle" die befreiende Wirkung des Lachens in
der nun folgenden Komödie an.
Sofort aber tritt diese erwünschte Wirkung nicht ein, denn das vertrüge
sich nicht mit dem Rang des vorangegangenen: nur allmählich klingt das
rein Tragische ab, denn der fromme Mensch der Antike weiß, daß jenes
Etwas wiederkehren wird: es hangt über ihm und seinen Möglichkeiten wie
das Schwert des Damokles, das ganze Leben der Antike wird durch die
drohende Möglichkeit des immer wieder hereinbrechenden Schicksals
bestimmt. Gewiß ist die anschließende, sich ebenfalls wiederholende
Komödie die Brücke zum entspannteren Dasein — mehr aber ist auch sie
nicht. Der Übermut der Komödie, besonders in sexueller Derbheit,
befreit auch die Komödie niemals von der ,,Angst aller Kreatur", über
welche der Apostel Paulus mehr, als nur einmal bewegliche Worte
gefunden hat, die gerade in diesem Zusammenhang von ganz besonderer
Wichtigkeit bleiben. Das ist Voraussetzung, Ziel und Grenze des
Menschen, welcher nach der Doktrin des Altertums ,,das Ma6 aller Dinge"
ist! Alle ,,Katharsis" ist dazu da, jenes ,,Maß des Menschen"
wiederherzustellen.
Oben ward von der Ahnungslosigkeit des Menschen, das herandräuende
Schicksal betr., gesprochen; das ist so wichtig, daß es hier nochmals
wiederholt sei. Dazu gehört auch die individuelle Freiheit von aller
,,Schuld" eben dieses Menschen; die echte Tragödie hat mit der
irdischen Justiz oder gar irgendeiner irdischen Hoffnung auf
Gerechtigkeit zwischen den Menschen gar nichts zu tun. Hier kreischt
das entsetzliche Mißverständnis auf, welches seither der attischen
Tragödie widerfahrt. Jenes: seit der Antike bringen alle Dichter von
Trauerspielen, die sie meist „ Tragödie" nennen, die irdische
Gerechtigkeit in ihr Werk mit hinein; damit aber vermengen sie zwei
Räume der Kunst, die an sich getrennt gewesen waren. Sie vermengen sie
bis zur Unerkennbarkeit. Die irdische Schuld der Menschen
zwischeneinander ist nie und nimmer ,,tragisch"; sie ist traurig genug;
tragisch aber ist die nur von den Göttern zu lösende Gewalt des
Unbegreiflichen, das viel zu gewaltig ist, als daß es sich um Maße
irdischer sog. Gerechtigkeit kümmerte. Hier haben die ,,Christen" das
Wesen der Antike ausnahmslos verkannt, auch die Dichter und Künstler,
indem sie nicht unterschieden ihre eigenen Vorstellungen vom
Christlichen von der herben, außerweltlichen Gewalt der langst wieder
untergegangenen attischen Tragödie.
IV.
Um diese Diskrepanz zu verstehen, ist es am besten, Adalbert Stifters
edlen Geist sprechen zu lassen. Er ist — besonderer Künstler, auch
Liebhaber Schillers, Grillparzers und Shakespeares, dazu solide im
Wesen der Antike erzogen — mit seiner Klarheit am besten in der Lage,
in eine Art von Formel das zu bringen, was seit dem Ende der Antike aus
Tragödie und aus ,,tragisch" wurde. Stifter sagte das, als er sich
gegen würdelose und törichte Angriffe des Buhnendichters Friedrich
Hebbel zu wehren hatte, Angriffe, deren Kurzsichtigkeit sie lächerlich
macht. Dies geschah in der mit Recht berühmten ,,Vorrede" zu dem
Erzählungenband ,,Bunte Steine" (Herbst 1852), wo es heißt:
,Ja, wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und
Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir
fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen
und Entzücken, weil das Ganze hSher steht, als der Teil, weil das Gute
größer ist, als der Tod, wir sagen da: wir empfinden das Tragische und
werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes
emporgehoben..."
Dies ist, im ersten Satz gebracht, die Fülle der künstlerischen
Ergebnisse, das Tragische betr., welches die Menschheit seit dem Ende
der Antike erreicht hat. Es ist auch das totale Gegenteil der attischen
Auffassung vom Tragischen: denn die Christenheit und mit und in ihr
Stifter haben etwas völlig anderes zum Axiom ihrer ,,Tragödie" erhoben,
nämlich das Sittengesetz, verletzt und wiederhergestellt, also etwas,
das die Antike echter Provenienz in der Art überhaupt nicht kennt.
Indem insbesondere die Franzosen, aber auch Shakespeare seit der Hohe
der Renaissance im Norden das christliche Sittengesetz (das nicht mit
den Worten des Heilands verwechselt werden darf) und Probleme der
irdischen Gerechtigkeit in ihre Bühnenwelt einbezogen und die ernsten
Werke dabei ,,Tragödien" nannten, vollzogen sie eine Wegwendung von der
Antike, welche kein Dichter, auch Schiller oder Hölderlin nicht, wieder
hat ruckgängig machen können.
Im Gegenteil: Shakespeares Moral ist noch recht handgreiflich, weil
Shakespeare seinen Zeitgenossen, derb, wie sie waren, mit spätrömischer
Kost kommen mußte, und das allenfalls Griechische umromanisieren mußte.
Corneille geht den gleichen Weg, weil seine Auffassung der
französischen, feudalen Zustande des Spatmittelalters ihn zwang, mit
dürrster Moral eine Sitte einzuführen, die es gar nicht gab. Erst der
gewaltige Racine hat zwar das Wesen der attischen Tragödie nicht
neubilden, er hat es aber immerhin gelten lassen können; Racines feine
Seelenkunde braucht nicht so viel Sittengesetz, dafür spannt er sich
aber in die ästhetische Plage der sog. drei Einheiten ein, in die
Einheiten des Raums, der Zeit und der Handlung: dies will heißen: die
Bühnen-handlung wird — angeblich — dadurch der Größe der antiken
Tragödie angenähert, wenn sie in einem Zug zeitlich verrauscht, an
einem Ort sich vollzieht und alles Nebenwerk wegtut. Shakespeare ließ
die Dinge wuchern, wie sie im Leben wuchern, und ihm folgte später der
deutsche „ Sturm und Drang" der Geniebewegung um 1770, folgten dann
einige Romantiker, dazu Bücher und viele Moderne. Racine aber stellte
die drei Einheiten des Aristoteles höher, denn die sittlichen
Forderungen der attischen Tragödie, die in Frankreich kein Verständnis
gefunden hätten und mit diesen ,,Regeln" gängelte sich die Bühne der
Aufklärung ebenso, wie Lessing, die Weimarer Klassizisten samt
Nachfahren: alle Dinge waren nun an anderem Platz: ,,SchicksaI" gab es
mehr, als in der Antike, man verstieg sich sogar zu einem
,,Schicksalsdrama/" dieses war aber nicht im Sinne einer klassischen
Antike dräuend, sondern es war beinahe fatalistisch im Sinne der
Mohammedaner, jedenfalls war es sinnlos — und wo man einen Sinn in es
hineinlegen wollte oder konnte (wie z. B. Schiller in der ,,Braut von
Messina"), da entstand ein anderes Etwas (Stifter hat es im ersten Satz
benannt: „... weil das Ganze hoher steht, als der Teil, weil das Gute
größer ist als der Tod . . ."). das 1st christlich gesehen, gesprochen
—, hat aber mit der ,,Tragik" der Antike nur mehr noch den Namen
gemeinsam, aber keinen Inhalt. Sondern es ist das große Traurige, das
der Heiland meint, wenn er sagt: ,,Ihr habt nun Traurigkeit..."
Alles Trauerspiel seit der Renaissance, ob es sich nun Tragödie nennt
oder nicht, ist traurig, wie sein Namen sagt, aber ,,tragisch" kann es
nicht mehr sein. Sowenig der Honig der Bienen mit dem Seim in der Blüte
noch zu tun hat, sowenig haben die Dichter nach Christus irgend etwas
mit der Antike zu tun: aber das sahen sie nicht! Im Gegenteil! man rang
um die Antike! Schiller rang darum, den Chor der attischen Tragödie
wieder einzuführen und blieb, aus bekannten Gründen, auch damit allein.
Vor ihm haben die Stürmer und Dränger, insbesondere mit dem Motiv der
Kindesmörderin, des Ugolino im Hungerturm u. a. m. versucht, das
Traurige ,,tragisch" hinzustellen, was niemals aufgehen konnte. Und als
Goethe bekannte, er werde keine Tragödie schreiben, weil ihn das
vernichten müsse, so sprach er die Wahrheit: denn ein Christ, auch wenn
er es gar nicht sein will, kann nicht tragisch empfinden, weil
Golgatha, Bergpredigt und Johannes-Evangelium ihn davon ,,erlost" haben.
Man tut gut, diese wichtigen Dinge sehr genau zu lesen. Die Bühne, das
Theater, der Dialog zwischen Menschen nimmt seinen Fortgang. Die
Wegwendung des modernen Menschen vom Christentum weg braucht noch lange
keine Wegwendung von den Worten des Heilandes zu sein, auf welche
sowieso kaum noch jemand achtet. So sehr sind sie verhüllt. Alle Bühnen
aber stellen den Menschen in seinen Dialogen dar — der religiöse, nicht
der konfessionelle Dialog, steht, auch wenn man das nicht immer gleich
merkt, im Vordergrund, obgleich viele sich dessen schämen —, also muG
endlich mit dem ,,Sittengesetz in der Tragödie" als einem großen
Mißyerständnis, ja als eine oft bewußte Fälschung, Schluß gemacht
werden.
Schiller hatte in Lessing einen gewaltigen Vorgänger, denn Lessing
entband den Dialog der Deutschen erst um sich selbst, vorher konnte man
ja nicht sprechen, bevor Lessing das nicht gelehrt hatte, denn die
Luthersprache hatte der 30jahrige Krieg getötet. Also sah sich Lessings
Genie zunächst in sprach-bildnerischer Arbeit, die in Lust- und
Trauerspiel sich bewahrte, und in der Predigt (denn als solche ist
,,Nathan der Weise" als Antigötze XII eine ,,Predigt"). Lessings
Sentenzen sind karg gesät, dafür schneidend, Schillers Sentenzen sind
verschwenderisch hingestreut, daher volkstümlich und viel parodiert.
Schiller aber brachte noch ein Etwas, das sich nicht mit der Antike
vertragt, obwohl gerade es so ausschauen konnte: für Schiller muß in
die Fragwürdigkeit des Lebens hinein die Frage nach Recht und
Gerechtigkeit geworfen werden! das ist für Schiller logisch, für die
Antike ein Nonsens! Schiller ringt sein Leben lang um die irdische
Gerechtigkeit, vom Verbrecher aus verlorener Ehre an, bis zum Tell und
Demetrius, wobei in Wallenstein die tiefsinnigsten Fragen der
Jurisprudenz eine nach der anderen erörtert werden, ohne daß das
Publikum auch nur ahnte, was gespielt wird dabei: Schiller ringt stets
um das Recht, um das irdische Recht dieser brüchigen Welt. Seine
,,Braut von Messina" ahnt gar nicht, wie unantik sie in Form,
Darstellung und Problemstellung 1st, obwohl Maske, Faltenwurf, Chor 1
und 2 vorhanden sind, samt allem Zubehör: bloß der ,,deus ex machina"
fehlt, logischerweise: denn hier wird keine Tragödie geboten, ob man
das gleich will, sondern es ist das tief Traurige, das vor uns sich
wieder einmal vollzieht, hoffnungs- und aussichtslos: denn Schiller
rang zu fern und zu heimlich um das Christliche, trotz seiner Mutter
Gebeten und der Pfarrersgestalt am Schluß der Räuber, trotz der
Abendmahlszene, des Kapuziners und des von alien Menschen verlassenen,
heißgeliebten Wallenstein, welcher längst nicht mehr der tschechische
Bandenführer der Historie ist, sondern das Sinnbild von Schillers
Ringen um das irdische Recht!
Grillparzers Dicht- und Verskunst, sein herbes privates Leid und seine
große Entsagung bringen ihn der Antike nahe, einerlei, ob das Motiv nun
vom Altertum herkommt oder nicht. Eine ,,Tragödie" aber hat auch er nie
schreiben wollen, sondern Trauerspiele, ganz im Sinne der altspanischen
Buhne, welche mit dem spanischen Rigorismus der Tat Schluß machte, und
souverän sich ihre eigene Ästhetik aus Königsreverenz, Inquisition,
Zerknirschung und Hoffart baute und Trauer- und Lustspiel, das sie —
dem gesellschaftlichen Prozeß folgend — dort Tragödie und Komödie
benannte. Sie gab auch Grillparzer die Kraft, seinen Mann zu stellen,
wo er knicken wollte: so blieb ihm die Buhne der große Trost gerade
dann, wenn die Vorurteile der Menschen sie und die attische Tragödie
immer wieder verschütteten.
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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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