Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 3. Jahrg.Heft 4, Jan. 1952
ADOLF von GROLMAN
Vom Erleben des Meeres in Der Dichtung
Loti: Islandfischer — Melville: Moby Dick
thalassa klycei panta t'anthropon kaka
Das Meer schwemmt aller Menschen Böses
weg Sophokles
Der meisten Europäer Meereserlebnis ist
begrenzt: wenn sie das Meer überhaupt sehen, dann ist es Ost- und
Nordsee, ist es der Küstenstreifen des Atlantik und ist es das
Mittelländische Meer; von ihrem Festland schauen sie auf diese
Möglichkeit hinaus, und nur wenige befahren die Ozeane, am wenigsten
den Großen oder Stillen Ozean. Die meisten Europäer schauen von ihrem
Festland auf solche Meeresmöglichkeiten hinaus; wenn sie das Meer
befahren, so begeben sie sich in ein Fremdes hinaus, in em Neues, ihnen
zunächst völlig Unbekanntes.
Inselbewohner aber, Personen, die stets vom Meere
umgeben waren und sind, schauen, wenn sie das Meer befahren, auf das
Land bin; sie entstammen sozusagen dem Meere selbst; für sie ist das
grofie Festland das Unbekannte, das Andere, das Rätselvolle. Europäer
haben solche Inselgruppen eigentlich nur zwischen Griechenland und
Kleinasien, alle anderen Inseln, selbst Kreta, haben Festlandcharakter;
von dort stammt keiner der europäischen Dichter, nicht einer, selbst
der sagenumwobene Homer nicht.
Aber Nordamerika hat jenen einzigen Dichter,
welcher, zwar dem Kontinent entstammend, ihn früh verließ, die Meere
früh befuhr, in den Inseln der Sudsee Fuß faßte, dort lebte, wirkte,
schuf — um alsdann, aufs Festland zurückgekehrt, unter anderem e i n
Werk zu dichten und zu schreiben, welches durchaus insularen, man kann
auch sagen, marinen Charakter hat, und damit sich von den Dichtungen,
welche mit ihren Dichtern auf das Meer hinausblicken, ein f'ür allemal
unterscheidet: ,,Moby Dick". Um die Besonderheiten insular-mariner
Dichtung zu verspüren, ist es nötig, sie mit einer — an Bedeutung
mindestens gleichrangigen — festländischen Dichtung zu vergleichen, und
da ,,Moby Dick" eine Walfischfängergeschichte ist, bietet sich dazu des
Franzosen Pierre Loti Fischfängergeschichte, ,,Die Islandfischer".
Wenn es uns gelingt, das Besondere des
insular-marinen vom terrestrischen abzuheben und damit das seelische
Klima des einen vom seelischen Klima des anderen genügend spürbar
abzuheben: dann wird man die beiden Möglichkeiten des Meereserlebnisses
nicht mehr wagend oder gar wertend gegenüberstellen, sondern das
Einzigartige jeder von beiden in sich tragen.
Um sich zu diesem Unternehmen zu üben, mögen zunächst zwei ganz andere
Dichter uns yorbereitendes Anschauungsmaterial geben: Hölderlin und
Stifter. Hölderlin, der erst spät, bei Bordeaux das Meer, und zwar den
Atlantik sah, hat, viele Jahre vorher, in seinem ,,Hyperion" und
insbesondere in den Vorstufen zu dessen Endfassung den Blick des
griechischen Inselmenschen auf das Festland h in als erster Europäer
erkannt und dichterisch geschaffen: denn die Handlung des “Hyperion"
begibt sich zu erheblichen Teilen auf der Insel Salamis, die angeredet
wird:
,,voll Ruhms, voll guten Geistes, o Salamis!
draußen schwimmst du, von Meereswogen umrauscht!"
das will dort besagen: die Inselleute haben das Göttlich-Reine in
Leben, Werk und Tod tiefer, und vor allem anders als die Festlandleute,
welche aufs Wasser hinausschauen, wie von einem Balkon hinaus in eine
Landschaft. S t i f t e r hat den Atlantik nie gesehen, sondern nur das
Mittelmeer, welches im Letzten nicht mehr und nicht weniger 1st, als
ein gigantisch aufgeschwollener Nil, und davon hat er wiederum nur das
Nordende der Adria gesehen, vom Lande aus, von der Gebirgshöhe herab;
so — verhältnismäßig — bescheiden dieser Anlaß auch war, er genügte, um
nachher, wieder zu Hause in Linz, am 20. Juli 1857 Stifter an seinen —
ach so spröden und fragwürdigen — Verleger scbreiben zu heißen:
,,ich habe das Meer gesehen . . . ich hatte nicht
geahnt, da8 das Meer so lieblich sein könne. Jeden Tag, jede Stunde war
es anders und immer herrlich. In Farben, wie lichter Smaragd, wie
leuchtender Azur, wie tiefes Ultramarin, ja wie ein Panzer mit lauter
Silberschuppen spielte es vor mir, je nachdem es die Sonne streifte, .
. . nachts kam Sturm und das Gewitter war über unseren Häuptern. Leider
konnte ich der Finsternis halber das Schäumen des Meeres nicht sehen,
sondern nur horen . . ."
Beide Dichter haben sich damit begnügen müssen;
deutlich wird dennoch die doppelte
Möglichkeit des seelischen
Standpunktes, des inwendigen Schauens:
Hölderlin erahnt etwas von dem Draußen, das nach dem Drinnen blickt,
Stifter verzeichnet Ausblicke, deren Gewalt ihm unvergeßlich blieb.
Denn die Insel 1st, wie ein Schiff ist. Die Insel bleibt ein kleiner
Raum im Meer, und dort ist die Welt anders, sie ist sozusagen umgekehrt
in den Werten, und das Meer wird dieses Traum-, Mond- und
Sehnsuchtsschiff zwar nicht bewegen oder verschlingen, wohl aber anders
sein, als ein Schauspiel, das der Festländer von der „ terra ferma" her
anstaunt, genießt und künstlerisch in sich einbezieht, anstatt vom
Meere beschlossen zu sein und des fernen Festlands kaum zu achten.
In seinen ,,Islandfischern" (1886) gibt Pierre Loti
(heißt eigentlich Julien Viaud) — 1850—1923 — ein tiefschwermutiges,
sehr ergreifendes Gesamtbild des Lebens und Sterbens der bretonischen
Islandfahrer, die dort allsommerlich die Heringsschwarme suchen und
finden, und — (Damals! Heute gibt es diese Art von Fischerei nicht
mehr) — vielleicht heimbringen, vielleicht aber in den entsetzlichen
und jäh aufretenden Stürmen um Island herum früher oder später den Tod
im Meere finden. So vollzog es sich von alters her, die Leute wissen es
nicht anders, erst die Dampfschif'fahrt und vollends
die Motorisierung werden all dieses Unausweichliche einmal andern, ...
so ziehen die Männer hinaus und die Frauen und die Gedenksteine auf den
Friedhöfen schauen ihnen nach: das bißchen Freude und Fröhlichkeit des
Landlebens mit Liebe, Werbung, Ehe und Ende ist und bleibt gedämpft,
ganz so, wie die Farben des Kanals und der Nordsee zumeist gedampft
bleiben, duster, klagend und ini Letzten entsetzlich, weil unabdingbar
und unausweichlich. Noch größer wird diese Schwermut, wenn ein junger
Bretone zur Kriegsmarine kommt und dann die Meere befahrt, den
Indischen, den Großen Ozean, das Gelbe Meer und was immer sonst noch, .
. . wenn er — kn Kampf mit den gelben Volkern tödlich verwundet — am
Äquator die Hitze, die Qual, das Fieber und den schweren Tod erleidet,
hilflos im Sterben sich sehnend nach der heimatlichen Bretagne, nach
dem Nordmeer, nach Luft, nach frischer, kühler Luft . . . ,,vom Meere
besiegt" — der Festlandmensch außerhalb seiner Ausgangspunkte, der
Abenteurer in fremdem Gebiet, der Mensch des Landes in der Wuste des
Ozeans. Loti, welcher selbst lange Zeit Marinearzt gewesen war und die
Meere befahren hatte, kannte das Meereserlebnis des Matrosen ebenso,
wie jenes der Islandfahrer. Er war mit dabeigewesen, und zwar auch mit
seinem empfindungsvollen Künstlerherzen, das die geheime Melodie des
Herzens hort, ohne vom klagendsten Wehlaut des Meeres darin gestört zu
werden. Loti, dem wir eines der tiefsinnigsten Bücher der neueren Zeit
verdanken, jene ,,Letzten Tage von Peking", darinnen sich eine
Erlebnistiefe und eine Geschichtsphilosopihie zueinander finden, wie
seit Tacitus 6tellenweise und bei Jacob Burckhardt hier und dort nicht
mehr. Aber Loti sowohl wie seine dichterischen Gestalten sind zwar
Seeleute, sie sind und bleiben Festlandmenschen und wissen das ebenso,
wie die of'fenen und die geheimen Grunde dazu. Für sie alle ist das
Meer keineswegs die selbstverständliche Heimat, sondern das schlechthin
Andere, das im Kampf fast ausnahmslos den Menschen besiegt, und das
zwar vom Menschen bedrängt wird, jedoch nur ,,vorüber - g e h end". So,
wie man auf dem Festland kommt und geht, geht, schreitet und stürzt.
,,Moby Dick" jedoch ist gar kein Mensch, und kein
Meer und keine Gewißheit, sondern es ist ein Prinzip, d. h. ein
,,principium", zu deutsch: ein Anfang: denn Moby Dick ist ein beinahe
schon sagenhaft gewordener, weißer Riesenwal, der alien Jagdversuchen
bisher wütend und fast über-natürlich entwich, ein Gegner und ein
Grundsatz: ein Anbeginn: Moby Didk ist schließlich das Böse
schlechthin, der Teufel, der Satan, der ungeheuerliche
Gotteswidersacher, der Leviathan des alten Testaments, das Böse
schlechthin. Wer auf den Gedanken verfällt, trotz böser früherer
Erfahrungen dabei nochmals Moby Dick zu jagen, der sagt sich von Gott
los, weil er Unmögliches erzwingen will. Nicht ohne Grand hat Herman
Melville (1819—1891), der 1851 diesen Roman veröffentlichte, jenem
besessenen Schiffskapitän, der um jeden Preis den Moby Dick erjagen
will, um sich an ihm zu rächen, den doppelsinnigen Namen aus der Bibel,
Ahab, gegeben. Melville war Puritaner und kannte seine Bibel, er wußte
als Glaubensgrundsatz, daß Gott nur dem Erfolgreichen gnädig gesinnt
sei; als er in seinem schweren Leben in dessen Lebensmitte erfolglos zu
bleiben anhub, da ersann der Dichter diesen manisch besessenen Kapitän
und der Gläubige nannte ihn Ahab. Man muß im ersten und zweiten Buch
der Könige, insbesondere im ersten Buch der Könige, Kapitel 16—22,
selbst nachlesen, wie dieser jüdische König Ahab mit Gott und seinem
Propheten Elia rang (es ist jener Ahab, der die Untat mit Naboths
Weinberg tat!) . . . wie er alles tat, um Gott zu erzürnen, und wie er
endlich fertig ward und starb. Melvilles Ahab, gewissermaßen auch ein
König auf seinem Schiff mit dessen sonderbarer Disziplin, zeigt ganz
die biblischen Züge seines gewalttätigen und unseligen königlichen
Namensvetters. Mehr als dies: Melville steigert seine Geschichte völlig
anders; Festland, Kontinente, Bindungen und alle Ordnung des
bürgerlichen Lebens gelten nicht mehr, denn was sich hier vollzieht,
das ist der gewaltige Versuch eines Inselmenschen, ist der
insular-marine Versuch: den Gewaltigen des Meeres prinzipiell zu
widerlegen; langst ist die ertragreiche Walfischjagd samt deren Mühen
und Gefahren vergessen; es kommt längst nicht mehr auf das Geld des
Festlandmenschen an, auch nicht mehr auf Ruhm und Erfolg, am
allerwenigsten auf den Glauben und Gehorsam vor Gott: sondern :so, wie
eine Meeresflut sich ganz ohne Besinnung hinschiebt, hoch und sinnlos,
zerstörend und freiflutend, Inseln wegwischend, Küsten überrennend, so
lange es geht . . . ganz ebenso wird man dem ,,Moby Dick" auf der Spur
sein, bis das Element den Inselmenschen einfach und wie
selbstverständlich den Menschen samt seinem Schiff vernichtet. Denn
Moby Dick ist zwar nicht das Meer, er repräsentiert es aber, e r . . .
— und nicht der Mensch; denn es handelt sich dieses Mal urns Meer und
nicht um Nordsee oder Mittelmeer; diese mögen ihre Gefahren haben,
Ozean sind sie nicht; und Moby Dick ist ganz etwas anderes, als bloß
ein abenteuerlicher Walfisch, weiß und gigantisch, auch schlauer, als
seine Jäger . . . er ist die elementare Gewalt des Meeres schlechthin,
und nur der Mensch der Insel versteht die triebhafte Glut, dieses
Prinzip zu widerlegen, wissend, daß er in dem ungleichen Kampfe
untergehen mu6; denn die Insel ist ein Teil des Meeres, das Festland
hingegen ist das Andere! Das Andere wird immer bestehen, das Festland
nämlich, obgleich es nachgewiesen ist, dafi die Erde als Festland nur
ein Siebtel der Meeresoberflache begreift . . . der Festlandmensch wird
sich nicht mit dem Element und seinem Prinzip schlagen, der
marin-insulare Mensch jedoch sieht eben d a r i n die höchste
Möglichkeit seines gottfernen, schnell vergehenden, weil leicht
verschlun-genen Daseins.
Melville hat diese seine künstlerische Besonderheit
nur ganz von Feme geahnt; er meinte, Reisebeschreibungen in den Text
seiner eigentlichen Dichtung einarbeiten zu müssen; er war der irrigen
Annahme, da6 um 1850, als es weder Flugzeug noch Überwindung des Raumes
durch die Elektrizität samt der Atomwissenschaft gab, — daß also um
1850 die Menschen seiner Umgebung das Ungeheuerliche seines Moby Dick
begreifen konnten! Melville hat die ganze Bitterkeit des Lebens solcher
Menschen ertragen müssen, die ihrer Zeit um 100 Jahre voraus sind;
Erfolg ward ihm durchaus nicht, denn seine Zeitgenossen, zumal in den
USA, konnten aus ihrem damaligen Man-chestertum heraus nicht begreifen,
daß es noch ganz andere W e r t e gab, als an den Börsen und Markten.
Melvilles Kapitän Ahab ist wertefrei, d. h. er kennt nur seinen
phantastischen Trieb, der König der Ozeane zu sein: Nein
entgegenzuschmettern, und stürbe er auch darüber samt Mannschaft und
Schiff. Es ist jene Art der Monomanie, welche jenseits des nur
Klinischen sich erhebt, well der Sohn des Meeres je länger, desto
flüchtiger auf das Festland blickt; man hat fein und klug von der
,,Echolosigkeit" Melvilles gesprochen, indem seine Umwelt ihm und
seinen Dichtungen kein Echo ver-lieh. Es gibt aber noch eine ganz
andere Echolosigkeit, jene nämlich des großen Ozeanmeeres an sich, denn
dort hallt es nicht und insbesonders hallt es auch nicht wieder zurück.
Sondern die Wasser sind gottesunmittelbar, will sagen: sie wogen ohne
Land und ohne Grenze. Der Mensch aber hat Grenzen und darf die
Grenzenlosigkeit des Meeres nicht waghalsig widerlegen wollen. Kapitän
Ahab unternimmt dies, weil er kein Mensch des Festlandes ist, . . .
sondern eine Meereswelle neben allen andern, exakt ebenso, wie sein
Moby Dick schließlich weder Walfisch noch Phantom ist, sondern wiederum
eine Welle neben allen anderen.
Um aber zum Abschluß für das Erleben des Meeres
einen tiefen Schritt - weiter zu tun, als es bisher geschah, wäre zu
prüfen, welche Möglichkeit oberhalb des Genannten sich noch zeige. Und
sie zeigt sich tatsächlich:
Einer der genialsten Deutschen ist Winckelmann, der
Schöpfer kritischen Sehens überhaupt, der Begründer einer von
künstlerischer Seele gefuhrten wissenschaftlichen Denkens, mit Luther
der Schöpfer unserer neueren deutschen Prosa. Winckelmann also
(1717—1768) und Lessing ist es, der in tiefer geistiger Verneigung
seinen Laokoon "mit einem Winckelmannzitat beginnen läßt. Was aber ist
für Lessings kritischen Geist das Beste und das Schönste, das er aus
Winckelmanns Schriften zitieren wird, um seinen von ihm als wichtigstes
erkannten Laokoon gleich zu Beginn auf die möglichste Höhe zu beben? Es
ist ein Wort Winckelmanns über das Meer; ein Wort, das nur einer der
erhabensten europäischen Geister sprechen konnte, ein Wort, das
oberhalb alles Getriebenseins des Irdischen steht, und Lessing zitiert
es aus Winckelmanns Schrift ,,von der Nachahmung der griechischen Werke
in der Malerei und der Bildhauerkunst". Es heißt, alles Vorstehende
überlegen zusammenfassend: ,,So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig
bleibt, die Oberflache mag auch noch so sehr wüten, ebenso zeigt der
Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine
grofie und gesetzte Seele."
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