Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 2
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Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes, Düsseldorf, 3. Jahrg.Heft 12 Juli/Aug. 1952

ADOLF VON GROLMAN
Von allerlei Erzählgut und seinen Formen

Das Märchen:

Zu allen Zeiten, bei allen Völkern und in allen Zungen ist ,,Märchen" das, was ein geliebter, oder doch liebenswerter, meist greiser Mund in Weisheit, Stille und verzichtender und schenkender Güte — auf Wunsch, Bitten und Verlangen bin — zu erzahlen anhebt mit den allen Worten: Es war einmal . . . Märchen wenden sich durchaus nicht bloß an kleine, sondern insbesonders (zum Weitererzahlen) an große Kinder; das dumme und billige Vergnügen, welches sich törichte Leute zu alien Zeiten machten, das Märchen zu persiflieren, es lächerlich zu machen, es als albern hinzustellen, gehört sozusagen mit zum Märchen: denn das Märchen ist immer naiv, d. h. ein-faltig, nur einmal gefaltet, also ohne, Verwicklungen eines billigen und müßigen Gescheitseins, das alles besser weiß. Schon bei Kindern beobachtet man regelmäßig, daß ein Teil der kleinen Hörer nur unter Bedingungen mit bei der Sache ist, wobei er vielleicht auf kleinere Geschwister Rucksicht nimmt, oder des lieben Friedens willen tut, als glaube er noch immer . . . denn zur Einfalt der Weisheit des Märchens gehört der Glaube und nicht der Verstand. Das Märchen, unverwüstlich und unwiderleglich wie es ist, kann zwar den krittelnden Verstand nicht widerlegen, aber wenn es bleibt was es ist, dann dauert es nicht lange, und jener Verstand ist am Ende seines Lateins und legt sich schlafen. Dann aber, dann erst kommt der Augenblick, welchen Eichendorff meint, wenn er singt:
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus . . .
Das Märchen ist ganz und gar nicht eine ,,romantische" Sache; das eben nicht. Wohl aber haben romantisch gesinnte Menschen allen Alters ihre ganz besondere Freude am Märchen auf ihre besondere Weise und nach individuellem Gesetze ausgesprochen; wahrend klassisches Wesen seinerseits ebenfalls dem Märchen Schönheiten, beinahe unaussprechbare Scbönheiten geschenkt hat: denn der Vordergrund des Märchens möge realistisch sein so viel wie nur immer, im Eigentlichen jedoch (das nicht dieser Vordergrund bleibt) hebt das Märchen die wirkliche Zeit durchaus auf; ferner hebt die Bedingtheit des Menschen in Ursache und Wirkung nach Belieben auf, dazu sehr oft die Gesetze der Logik und der Folgerichtigkeit (Konsequenz genannt); das Märchen tut dies deshalb, weil es vom mütterlichen Fabulieren ausgeht, vom Fortspinnen, das sehr bald sich um Beginn und Ausgangspunkt nicht mehr viel kümmert . . . das Märchen tanzt seine eigenen Schritte nach seiner, eigenen Weise und Musik. Nach eigenem Belieben spinnt es sich in Fortsetzungen weiter oder bricht jah ab, und weil es lehrhaft ist, erlaubt es sich, unbekümmert sich aller möglichen und unmöglichen Dinge zu bedienen, als verstünde sich das ganz von selbst. Ob es dabei etwa vor kritischen Hörern bisweilen ins Gedränge käme, kümmert das Märchen wenig; seine Autorität liegt auf einem völlig anderen Gebiet weit schwingender, seelischer Erinnerungen und Weissagungen: denn das Märchen lebt dort, wo es Verantwortung, Rechenschaft und Kritik gar nicht gibt, oder allenfalls andeutungsweise: das Märchen darf sich viel, ja sozusagen alles erlauben, und das ist sein Vorrecht, welches von vielen durchaus miBverstanden und mißbraucht wird. Denn sehr leicht läßt sich etwas Märchenhaft tarnen, wird in den Volksmund übernommen, wächst als Verfälschung unerkannt weiter und gedeiht zur bösen Hexe, dem unentbehrlichen Requisit des echten Märchens selbst. Und dann kommen Geschäftstüchtige und Schreibtechniker und erlauben es ihrer völlig unmärchenhaften Technik des Schreibens, Märchen fast tauschend nachzuahmen, als waren es Kunstwerke und sittliche Werte.
Man muß sich vergegenwärtigen, daß es Kindermärchen gibt, Volksmärchen und Kunstmärchen; längst sind die Zeiten vorbei, wo das Märchengut sich mündlich weitergab; es ist heute alles gedruckt und gesammelt, voran die ,,Kinder- und Hausmärchen" der Bruder Grimm (1812), denen sie 1816 die ,,Deutschen Sagen" folgen ließen. Gegen die maßlose Überschatzung der Grimmschen Märchen wird von vielen Seiten und mit guten Gründen und wohl auch mit vollem Recht eingewendet, daß diese Sammlung verschiedenwertigsten Guts so ziemlich alle unschönen, bösen und verwerflichen Charak-terzüge der Deutschen mit- enthalte (nicht bloß enthalte!), weshalb es verderblich sei, Kindern diese Häufung von Mord, Greuel, 'Grausen, Untreue, Streit und Haß zu erzählen. Die Bruder Grimm rechneten, als sie das alles sammelten, gewiß nicht mit Kleinkindern als Hörern, und seither haben sich die Zeiten samt der seelischen Lage verändert; das bloß ,,Gruselige" vieler Märchen, etwa bei Musäus (Volksmärchen der Deutschen, 1782/86) oder bei E. Th. A. Hoffmann (in den ,,Märchen" der Serapionsbrüder, 1819/21) darf ja nicht mit dem Krassen bei den Grimmschen Märchen verwechselt werden. Das Märchen kann und braucht nicht auf das kindliche Alter und Gemüt Rucksicht zu nehmen, wohl aber sollte der Erzähler und der Vorleser wissen, was er von Fall zu Fall seinen ,,kleinen" Hörern zumuten d a r f. Trotzdem und trotz häufiger und entsetzlicher Momente darinnen, bleibt das ,,Märchen" frei vom Gräßlichen, das nur bisweilen gestreift und sogleich wieder verlassen wird: denn die Quintessenz (d. h. das geheime höchste Leuchten der Seele) des Märchens ist nicht die Furcht, sondern die Liebe, die Gerechtigkeit, der Fleiß, die Sauberkeit, die Geduld, kurzum — alle Kardinaltugenden mitsammen. Das Märchen ist eine Essenz der Selbsterziehung eines Volks in ihm selber, wie Gottfried Kellers Märchen ,,Spiegel, das Katzchen" beweist; deshalb wird auch, je moderner die Zeitläufte werden und jene Selbsterziehung des Volks aufhört, das Märchen urn so seltener; Grotesken und allerlei verzerrter Kram und Lausbüberei sollen ersetzen, was unersetzlich an Inhalt und Kunst der Erzählform war. Die Folgen daraus sind ebenso katastrophenhaft wie der bittere Vorgang selbst.
Verwirrend und das Wesen des Märchens stark verändernd, oft un-kenntlich machend, sind die ,,Kunstmärchen"; Gebilde also, darinnen ein Dichter mit viel Kunst und Symbolik, mit allerlei Zeichen und Rätselgaben in ein mehr oder weniger erkennbares Märchen Geheimnisse einrätselt, deren Enthüllung nun das Wesen des Märchens ausmacht . . ., also Märchenhafte Verschlüsselungen, welche der Neugier und der bisweilen pedantischen Freude am Enträtseln Vorschub leisten: in Goethes ,,Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter (1795/96) bildet ,,das Mährchen" mit seinen Allegorien den von vielen bewunderten Abschluß, und ihm nicht allzu ferne steht des Novalis" (Frh. v. Hardenberg, 1772—1801) etwa 1798 entstandenes ,,Märchen von Hyazinth und Rosenblüte", das in den ,,Lehrlingen zu Sais" eingereiht ist. Beide Dichtungen stehen innerhalb einer anderen Dichtung; diese jedoch ist nicht eine ,,Rahmenerzählung" für das Märchen. Märchendichtungen innerhalb eines besonders dafür geschaffenen Rahmens sind die Märchen aus 1001 Nacht und sind die Märchen von Wilhelm Hauff (1802/27), einmal im Rahmen Die Karavane, dann der Scheik von Alessandria und seine Sklaven und schließlich im Wirtshaus im Spessart (in den Märchenalmanachen von J826, 1827 und 1828). Diese Rahmenerzahlungen (siehe nächste Seite) geben den Märchen ein wundersames, überzeugendes Piedestal, eine Art von Bühne, darauf sie sich bewegen, wobei die Rahmengeschichte und dies oder das aus den Märchen selbst einander von fern oder nah grüßen dürfen, gedacht für ,,Söhne und Töchter gebildeter Stande".
Der übernationale Großmeister der edelsten Märchen aber ist der Dane Hans Christian Andersen (1805—1875), der seit 1842 und 1848 allerlei Skizzen, echte Märchen für groß und klein zu erscheinen beginnen ließ; 1855 gesammelt. Der unvergängliche Zauber dieser Märchen liegt in ihrer Unbefangenheit, in der naiv überzeugenden Einfalt, in der Schlichtheit, in dem Ja-Sagen zu Leben und Tod, im tiefen Doppelsinne, den die Kinder kaum ahnen und der die Erwachsenen immer wieder erfreut. Andersen will nicht mehr zu sein scheinen als er i s t, zumindest in den Märchen, und das schafft ihnen das unverblümt Traumselige und das Heiter-Wache bis in des Todes Blumengarten hinein.
Die Höchstleistung deutscher Märchenerzahlung aber sind die ,,Träumereien an franzosischen Kaminen" von Richard v. Volkmann-Leander, 1870 während der Belagerung von Paris geschrieben und mit Recht ein deutsches Volksbuch geworden: der Dichter, der nur dieses eine Werk veröffentlicht hat, war Arzt und junger Vater, und was allen andern deutschen Märchendichtern solcher Art nicht gelang, ihm ward es zu Teil: dem Kinde schon von Leid und Schmerz, von Buße, Reue und Gnade zu erzahlen, ohne da8 dieses Kind gewahr würde, wie sehr es dabei schon früh für das inwendige geheime Leben der Seele auf dieser Welt lerne. Denn das Märchen hat sein lautes oder leises: ,,Merke ..." — wovon das Kind aber nichts spüren soll, wiewohl es gut wäre, es nähme davon früh etwas in seine Seele auf. Volkmann-Leander wollte weder Dichter, noch Künder, noch Künstler sein, an abendlich-winterlichen Kaminen im fremden Land sann er etwas nach, schrieb ein klein bißchen, und daraus ward tatsächlich eine Art von künstlicher Orgel, welche von selbst anfängt zu spielen, wenn gottgefällige Menschen in diese heimliche Kirche eintreten.
Tausende von Märchen aller Art wurden seither geschrieben, sehr entzückende Dinge, so von dem einst überschätzten, heute vergessenen Dichter Rudolf Baumbach (1840—1905) das Märchen: ,,Meine liebe Mutter", die Kunst-Märchen von Oscar Wilde, solche von Strindberg, von Rilke (Geschichten vom lieben Gott), zuletzt ,,Hans Immergut und andere Märchen" von Martha Kropp (Karlsruhe, Badenia, 1951). Aber an Volkmann-Leander und Andersen kommen sie alle nicht ganz heran, denn es geschieht nur einmal, daß einer ein Märchen schreibt, wie Volkmann-Leander jenes von der künstlichen Orgel oder Andersen das von der kleinen Seejungfrau oder vollends: die Geschichte einer Mutter. Darin ist jenes, was Nathan der Weise mit der Ringparabel dem Sultan Saladin erzahlen wird, und jenes, das Prospero seinem geliebten Luftgeist Ariel mitgibt, wenn er ihn in die ewige Freiheit der Elemente entlassen wird.

Die Rahmenerzählung

Die Märchen aus 1001 Nacht und die 3 Märchenkreise von Wilhelm Hauff waren oben als ,,Rahmenerzahlungen" genannt worden. Sie waren ,,Piedestal" genannt worden — jetzt ist es an der Zeit, die Kunstgattung der Rahmenerzahlung genauer zu betrachten:
Der Rahmen ,,hebt" ein Bild, will heißen: durch den Rahmen bekommt das Bild einen besonderen Zusammenhang, es wird gegen eine ungeeignete Umgebung abgegrenzt und auch geschützt, es wird durch den Rahmen sinnfälliger, wesensbestimmter . . . Wieso? Die einzelne Geschichte steht doch da! Sie spricht von selbst! Sie beweist ihr Vorhandensein! Sehr wohl, jedoch bestehen da große Unterschiede, im Kunstwollen und im Erzählerwillen: der Rahmen umschließt nicht nur die Einzelerzählungen, die bisweilen Novellen sind, er hat außerdem sein eigenes künstlerisches und erzählerisches Ziel. Bei 1001 Nacht will die Erzählerin ihr Leben, das verwirkt ist, dadurch retten, daß sie den Sultan mit ihren Geschichten jeweils s o lange unterhalt, bis die Nacht vorüber und es zu spät geworden ist, noch zu verurteilen und zu toten. Es gelingt ihr dieses Kunststuck über 1000 Nachte hinweg, und damit ist sie befreit. Das ist ein ganz einfaches Motiv, welches den Zweck hat, die Erzählerin zum Sprechen zu bringen; es ist ein geselliges, auch ein gesellschaftliches Motiv; Hauff hat in seinen 3 Rahmen sehr andersartige Motive gefunden, gesellig aber sind sie ebenfalls; denn bisweilen reden die Personen des Rahmens in die eben erzählte Geschichte mit hinein. Wenn letzteres nur ein wenig gesteigert wird, dann entstehen Wechselbezüge, welche das Ganze vermittels der Teile und ihres Rahmens wechselseitig künstlerisch unterstreichen. Damit aber kommt der Künstler zu seinen tiefsten Gründen, eines Rahmens sich zu bedienen; denn er kann in den Rahmen alles das ablagern, was die Einzelerzahlungen belasten mußte, ferner erläutern sich Zeitumstande, allerlei Privates da und dort, schließlich werden grundsätzliche Dinge von ganz verschiedenen Möglichkeiten her erörtert, ohne daß des Lesers oder Hörers Interesse erlahmt: denn der Leser oder Hörer tritt selbst in den Chor jener Leute, mit denen sich der Rahmen befaßt, er nimmt auch dort seinen Anteil und wird sich nachher mit gesteigerter Hingabe weiteren Einzelteilen überlassen. Das ist der Fall, wenn innerhalb eines Rahmens eine Anzahl von mehreren Einzelerzahlungen, die keineswegs immer Märchen zu sein brauchen, zusammengeschlossen sind.
Anders liegt der Fall, wenn nur eine Erzahlung an sich noch einen Rahmen bekommt; das Zyklische fällt damit weg, es ist kein Kreis von Personen und Ideen mehr, sondern die Einzelerzahlung spricht allein aus einem Rahmen heraus; sie bleibt für sich allein, ist es aber nur bedingt. War bei einer Mehrzahl von Einzelerzahlungen der Wechselreigen samt der Vielfalt seiner Beziehungen maßgebend und die Wege weisend, so ist es jetzt wohl eher eine geheime Verkettung von Umstanden, was leicht dahin fuhren kann, daß der Rahmen eben doch das Wichtigere ist, auch wenn der Titel des Ganzen nicht den Rahmen nennt, sondern das gelegentlich von ihm Umschlossene. Dabei mögen da und dort, hier und jenseits Gespräche möglich, ja unvermeidlich, Dialoge vielleicht oder Wechselgespräche zwischen mehreren entstehen . . . einerlei: der Kunstwille des Dichters hat, wie leicht einzusehen ist, eine völlig andere Richtung, und es kann vorkommen, daß der Rahmen geradezu kunstgewerblich wird, übersteigert, gedrechselt, vergoldet, überladen, anspruchsvoll — mancher Dichter sah hier die Grenzen nicht genügend deutlich, irrte in der Intensität der Eindrücke und Ausmaße . . . sehr zum Schaden eines Ganzen, das womöglich des Rahmens hatte gern entbehren konnen. Dies zu verfolgen, gewahrt großen Reiz und fuhrt zu förderlichem Nachdenken.
Giovanni Boccaccio (1313 in Paris geboren und 1375 in Certaldo nächst Florenz gestorben) umgibt seine 100 ,,Novellen" mit einem komplizierten Rahmen: eine Anzahl junger Menschen flieht vor der Pest, schließt sich in einem Landgut völlig von der Welt ab, lebt dort in einer völligen Unbefangenheit in erotischer und sexueller Hinsicht, wobei nach einem bestimmten Plan diese Gesellschaft einander Geschichten mannigfachster Art erzählt, meist mit anschließenden Diskussionen und Kritiken: Boccaccio zeigt das vollständige Weltbild seiner Generation, überlegen, ohne Hemmungen und Rücksichten; die einzelnen Novellen sind ihm dazu Mittel zum Zweck, und niemals Selbstzweck (so aber wird von lüsternen Lesern dieses Werk und seine Teile nur allzu oft mißbraucht); das 1st ein Schema, welches sich von den schematischen Teilen in Dantes Weltbild in seiner ,,divina commedia" nur graduell, nicht virtuell unterscheidet. Es ist im Ganzen und in den (novellistischen) Teilen oft, selten mit Glück nachgeahmt worden.
Der Rahmen von Goethes ,,Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter" (siehe oben) ist in den Graden einfacher, in den Möglichkeiten raffinierter, als beim ,,Decamerone": denn die franzosische Revolution und ihre zunächst sichtbaren Folgen beschäftigte Goethe, der deutlich sah, daß Emigration einerlei welcher Art, sei es nun von Westen her oder von Osten her (Hermann und Dorothea) das Gleichgewicht eines Volkes empfindlich störe. Es ist höhere Politik, welche den Dichter ebensowenig zur Ruhe kommen läßt, wie jenes gestörte Gleichgewicht seit 1789 je wieder hergestellt werden konnte. Schwankende Gewichtsverhältnisse aber sind der Ruin von Kontinenten, wie die tägliche Erfahrung heute mehr denn je zeigt: Goethe versucht nun, das Schwanken seiner Epoche begrifflich zu erfassen, zu vergegenständlichen im Gespräch des Rahmens und seiner Personen, zu mildern durch eingereihte Erzahlungen und ins Überzeitliche zu erheben durch das abschließende ,,Mährchen". Sonderbarerweise hat sich diese Arbeit Goethes nicht in weiteren Kreisen durchsetzen können.
Zu alien Zeiten des 19. Jahrhunderts haben die Franzosen die ganz übermäßig große Rahmenerzählung aus ähnlichen politischen, nicht künstlerischen Gründen wie Goethe, bevorzugt und so stehen sie alle da, um nur einiges zu nennen, Balzacs ,,comedie humaine" und Emile Zolas (1840—1902) ,,Les Rougon-Macquart" (1871—1893) und ,,Les Hommes de bonne volonte" von Jules Romains-Farigoule (geb. 1885), der es unternimmt, in gleichzeitiger Lebens- und Seelenschau (Unanimisme) der verschiedensten Volksgruppen das Leben des ganzen franzosischen Volkes etwa seit 1908 zu zeigen, eine ganz besondere Art Steigerung des ,,Rahmens", die sich vom Ursprunglichen sehr weit entfernt. Aber Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer pflegen in mannigfachster Art die Rahmenerzählung in Werken, deren Kunst dem Wechsel zeitlich gebundener Umstände überlegen bleibt. In den beiden Teilen seiner ,,Leute von Seldwyla" sind die Seldwyler längst kein ,,Rahmen" für die Einzelerzählungen, sondern deren Welt; Seldwyla ist ein lebensvoller und sehr heißblütiger Begriff, eine Abstraktion zunächst, die alsbald sich wieder in lebende Welt auflost. Dabei kann man nun wirklich nicht von ,,Rahmen" sprechen, . . . wohl aber im ,,Landvogt von Greifensee" (erschienen 1877), der als eine vorbildliche Rahmenerzahlung den Hauptbestandteil der ,,Züricher Novellen" ausmacht (die beiden für sich stehenden Züricher Novellen ,,Das Fähnlein der 7 Aufrechten" und ..Ursula" zeigen deutlich, wie genau Gottfried Keller innerhalb eines Werkes hinsichtlich der Form unterschieden wissen wollte). Wenn dieser Landvogt seine noch lebenden, geliebten Erinnerungen um sich sammelt, und wenn dabei jeweils die Geschichte der einzelnen Freundinnen für sich säuberlich abgeschildert wird, so leuchtet das alles in einem weiteren Rahmen, darinnen die Erziehung des jungen Jacques zur Männlichkeit die andere Erziehung des Landvogtes zum gleichen Ziele herrlich umrahmt, ohne daß auch nur einen Augenblick lang die Möglichkeit der Verschachtelung von Vielerlei zur Diskussion stünde. Nochmals, später, 1882, mit stellenweise schon uninteressierter Meisterschaft, hat Gottfried Keller im ,,Sinngedicht" einen Vierzeiler Friedrichs von Logau als, wie er selbst sagt, Thema von Variationen, in ein Gewirk von Erzählungen und Novellen hineinsingen lassen, wie nur ganz musikalische Menschen es auszukosten vermögen, indessen die übrigen sich an der erotischen Stofflichkeit des Reims und des Lebens darum rundherum genügen lassen müssen. Gottfried Keller, dessen »ganz unglaublich große. dichterische Musikalität in Lied, Vers, Reim und insbesonders in Prosa nur ein großer Musiker erfassen und darstellen konnte, hat sein ,,Thema" oft weit für sich allein schweifen lassen, nimmt es aber mit sicherer Hand immer wieder beim Zügel, insbesondere dann, wenn eigenes Erinnern an das Schwere in aller Liebe des Menschen und ein wehmutiger Mollklang das urfröhliche ,,dur" des Ganzen schmerzhaft überschatten konnte, wozu der Dichter, diskret wie er war, es nicht kommen läßt.
C. F. Meyer ist weniger musikalisch, dafür kantilenenhafter, und exakter in der — lateinisch gesehenen — Dichtform, wenn er seine geschichtlichen, bisweilen kühl-brokatnen Erzahlungen, die keineswegs stets Novellen, sondern meist kleine Romane sind, mit einem mehr oder weniger prunkvollen ,,Rahmen" umgibt, darinnen sich keine Geringeren, als z. B. Ludwig XIV. in ,,Leiden eines Knaben" (1883) oder Dante in ,,Die Hochzeit des Mönchs" (1884) dem Leser ebenso vorstellen, wie der Fortgang der erzählten Geschichte überhaupt erst das Personal bietet. Dabei zeigen die ,,Leiden eines Knaben" deshalb die größere Kunst, weil hier das Größte und das Kleinste einer ganzen Epoche sich an einem kühlen Abend in Versailles zueinander findet, und weil die Ewigkeit hier viel gewaltiger in den Glanz irdischer Zeitlichkeit hineinleuchtet als anderwärts. Gerade weil Meyer, viel mehr denn Gottfried Keller, überall in seinen Rahmenerzählugen, formal gewollt wie sie sind, mit der Gefahr der Verschachtelung zu ringen hat, erkennt der Leser die unglaubliche Kunst, welche jede Rahmenerzahlung fordert; auch vom Leser, dem es nicht eilen darf, weil er der Wechselbezüge und des vielen Unausgesprochenen zu achten hat.
In unseren Tagen hat mit kaum faßbarer Genialität Ina Seidel das Wesen des, ganzen Protestantismus mit den meisten seiner Nebenströme in eine Rahmenerzählung zu fassen gewußt, die Bewunderung erregt und die viel zu wenig beachtet wird, in dem großen Roman ,,Lennacker", wo in einer Krankheitszeit von zwölf Nächten (Zwolfnachte), zwölf Generationen einer protestantischen Pfarrerfamilie vor dem letzten männlichen Träger des Namens erscheinen, zwischen 1500 bis 1900, und dabei eine Kritik des Luthertums, des Pietismus und insbesondere des ,,modernen" Treibens von Pfarrern, die sozusagen keine mehr sind, liefert, indessen drei Vierzeiler hochmystischen Inhalts oberhalb aller Konfession weisen, und ein Milieu von altgewordenen Frauen so recht zeigt, w i e sehr sich aller Protestantismus von seinen Quellen entfernte, ohne daß die Essenz desselben gemindert wäre, — das sind nun schon fast vier Rahmen, welche die Geschichte einer Seele umschließen, die ,,das Wort stahn" Iäßt:
Wenn die Sichel trifft,
  wenn der Leib zerfällt,
ist es nur die Schrift,
die zusammenhält ...
will heißen: das ewige Wort leuchtet hier herein, und erhebt das bloß Protestantische zum wesenhaft Evangelischen, zur frohen Botschaft des Heilands selbst. Tiefer und weiter zu greifen, ist bislang in deutscher Sprache niemanden mehr zugemessen worden.

Die Legende

,,Ein unendliches Seufzen rauschte durch den Himmel..."
Gottfried Keller, das Tanzlegendchen.
An sehr entlegener Stelle, bei Herder, in der sechsten Sammlung seiner ,,zerstreuten Blätter", Gotha 1797, findet man aus seiner Feder eine Abhandlung über die ,,Legende" samt einem Büchlein selbstverfaßter Legenden (Suphan XVI. 309 ff., 387 ff. - ÜXXX. 167ff., 559 ff.), ein fast völlig vergessenes, ganz vorzügliches Spatwerk des vielgenannten, meist unbekannt gebliebenen greisen Genies, Hölderlins einzigem, würdigem, reifem ,,Freund". Herder hat in einer Zeit, da Aufklärung und Klassizismus und romantische Gescheitheit das Christentum und seine Legende mit Spott oder mit Schweigen übergingen, den Mut gehabt, zwar keine .,,Rettung" der Legende zu schreiben, wohl aber eine Darstellung von deren künstlerischem und sittlichem Wert, die bis zur Stunde nicht überholt oder übertroffen worden ist. Hören wir Herder ein wenig zu, es lohnt sich: ,,Der Name Legende hat seit der Reformation seine Würde so sehr verloren, daß man ihn mit einem frostigen Wortspiel (Lügende) der Lüge für gleichlautend hält und nur ein einfaltiges, von Kindern und Weibern geglaubtes Märchen mit ihm bezeichnet. Legende hieß das Buch, das die Summe dessen umfaßte, was nicht nur durch das ganze Jahr hin dem Volk öffentlich vorgelesen, sondern auch zu seiner häuslichen Erbauung fast einzig in die Hand gegeben ward ... so ist der Name Legende vorzüglich der wunderbar-frommen Erzahlung — das ist Lebensbeschreibungen und Geschichten, die durch das, was Andacht vermöge, zur Nachfolge reizen sollten, geblieben . . . Vielen Legenden bricht man, wenn ich so sagen darf, den Rücken, wenn man sie zu historischen Dokumenten ängstlich gestaltet . . . Andacht, das ist ein Aufmerken aufs Göttliche ringsumher,, schrieb ja diese Legenden, Andacht sollte sie lesen. Andacht sollten sie einflößen und wirken . . . die geheime, innere Denkart der christlich gewordenen Volker, ihren Wahn, Aberglauben, Schwachheiten, kurz den dunklen Grund ihrer S e e 1 e lernt man aus mancher Legende mehr kennen als in diesen Zeiten aus ihrer sämtlichen Staatsgeschichte . . . Gewiß vermögen wir nicht, was die Männer der Legende vermochten, sonst brachten wir Wirkungen hervor, wie jene, aus deren Pflanzungen wir, über sie spottend, von ihren Fruchten zehren . . . Ware die Legende der mittleren Zeiten so gut genutzt als es die griechische war, hatte jede Stadt, jede Kirche, jede gute Stiftung i h r e m Heiligen die Muse erweckt, wie manches Gute wäre dadurch gefordert worden ..." Diese wenigen Sätze, da und dort aus Herders Abhandlungen entnommen, treffen die Sache der Legende gründlich und richtig. Weil das Wesen der Legende s o ist, darf es auch nicht wundern, wenn in der Literaturgeschichte, in deren Poetik und insbesonders in der neueren Literatur selbst so gut wie kaum mehr von der Legende die Rede ist, — noch seltener schreibt ein echter Dichter Legenden. Wir sind nicht mehr in den ,,mittleren Zeiten", dafür aber sind wir ohne Legenden, um so terminaler, zu deutsch: in der Endzeit selbst.
Schon die Karolingerzeit bietet lobende Geschichten der Heiligen. Aus der Reichenau stammt um 900 das Georgslied, die Legendenstoffe häufen sich, es wird lateinisch und dann überwiegend deutsch geschrieben, und es drangen sich die fabulierenden Geschichten von den Wundertaten der Heiligen, von ihren Martern, Reisen, von fernen Ländern, von ungeloster Sehnsucht; Hartmann von Aue schreibt seinen ,,Gregorius" und ihm kommt es dabei auf die Überwindung von Greuel und Sünde an, nicht etwa auf deren Abschilderung, auf die Überwindung nicht aus Menschenwitz, sondern aus der göttlichen Gnade heraus. Mariendichtung, Passional, Buch der Märtyrer, das alles wird immer zahlreicher, auch immer unübersichtlicher, und es halt schwer, das bloß Legendäre von der eigentlichen und erzahlten ,,Legende" zu scheiden. Aus dem 14. Jahrhundert stammt die entzückende Legend^ ,,vom zwölfjährigen Mönchlein", die Legende von der Nonne Beatrix, welche von der Madonna im Klosterdienst lange Erdenjahre hindurch abgelost wird, damit sie ein Weltleben fuhren und nachher zurückkehren dürfe, stammt von damals, wohlgekannt von Gottfried Keller und von Maeterlink, die Siebenschläferlegende, die Legende von den ,,Jakobsbrüdern", das Theophilusmirakel und alles andere mehr.
Humanismus, Zopfzeit und Aufklarung haben den europäischen Menschen von der Christlichkeit früherer Zeiten weit weggeführt, und damit hat die Legende ihren Ruckzug antreten müssen, so wie ähnlich etwa die Stadt Venedig mit der Umsegelung Afrikas und der Entdeckung Amerikas: neues Leben kommt nicht mehr von dort her, so sieht es aus — indessen ist der Legenden s t o f f zu allen Zeiten erneut wirksam geworden, z. B. für Lenz in der heiligen Katharina von Siena, für Goethe in der Rochuslegende, für Tieck in der Genoveva, für Fouque, der 1811 und 1817 je ein ,,Taschenbuch der Sagen und Legenden" sammelte . . . der Legendenstoff fuhrt bis in die Gegenwart, zu Hauptmanns „ arm em Heinrich", zu Vollmoller, Hofmannsthals und anderer Mirakelspiel, und zum fragwürdigsten von solchen Produkten, dem ,,Erwählten" von Thomas Mann.
1872 hat Gottfried Keller, in einigen Motiven den heute verschollenen Legenden von Kosegarten (1758—1818) folgend, seine berühmten ,,Sieben Legenden" herausgegeben. In diesem kleinen Werk, das nach Gottfried Keller als ein Nebenwerk angesehen werden soil — und das dies auch zweifelsohne ist — läßt der insgeheim so fromme Dichter seiner Laune und allerlei wohlwollendem Schalk freie Bahn, indem er zugleich sich über allerlei ,,Fromme" in der Schweiz und draußen lustig macht, ohne dabei aber auch nur e i n e n Augenblick zu vergessen, dafi zwar ,,Andacht" nicht mehr aufzubringen ist, daß aber das Bewußtsein, mit Elementen des Christlichen und des Kirchlichen umzugehen, immerhin einige Grenzen und Schranken schafft. Indem Gottfried Keller solche Grenzen aus elementarem Anstand heraus achtet, kann er sich allerlei Neckerei erlauben, ja, er kann sogar das Problem im ,,Tanzlegendchen" herbeibemühen: wie verhalt sich das kirchliche Christentum und sein Himmel zur antiken Kunst, Poesie und Lebensauffassung? Und dabei ereignet sich das Einmalige, daß es Gottfried Keller wagen kann, in Gottes christlichen Himmel und seine ewige Seligkeit das schwere Seufzen aller Kreatur, von welchem schon Paulus (Römer 8. 26) spricht, den Himmel der Christen durchrauschen zu lassen! Das nie geloste, vielleicht unlösbare Problem von der Wechselwirkung der Antike griechischer Art und dem, was so bald aus Seligpreisungen, Bergpredigt und Abschiedsreden Christi von der ,,Gemeinde" g e m a c h t worden ist, — hier glänzt es tränenüberströmt und doch lächelnd in einer ,,Legende" des 19. Jahrhunderts auf, unvergessen, immer wieder zitiert und ein Mahnmal für kommende Zeiten.
Man sieht aus dem Vorstehenden, daß Herder ahnungsschwer mit seiner verschollenen kleinen Abhandlung über die Legende dort ebenso fruchtbar und zeugerisch gewesen ist, wie in allem, was er tat, nicht am wenigsten in seiner nie widerlegten, schneidenden Polemik gegen Kant, von welcher so ungern gesprochen wird. Die Legende aber hat Jahrhunderte der Läuterung und der Säuberung zu überstehen, um frei zu werden, vor allem von jenen Schlacken, welche aus Allzumenschlichem stammen, und ihr von alters her die Frische, das Freie und damit das Wirksame beeinträchtigten und dann wegnahmen. Wie sehr ein Schriftsteller sich in Ton und im Motiv und in den Begriffen tauschen kann, zeigt der e i n e Fall von Rudolf Bindings «Legende von der Keuschheit", darinnen zwar von allerlei Abstinenz die Rede ist, wahrend das Wesen der Keuschheit im Tiefsten mißverstanden, vielleicht sogar mißdeutet bleibt.
Herder schreibt ausdrücklich, daß er nicht daran denke, einer etwaigen Neu-Belebung der Legende Vorschub zu leisten. Das gilt auch für das Vorstehende; jedoch ist mit der Legende in aller Poetik ein Kreis von Tatsachen zum künstlerischen und ethischen Problem erhoben, der nicht wegzudenken ist, der sichtlich vorerst weder die Seelen der Künstler noch die Herzen der Leser bewegt: nichtsdestoweniger aber vorhanden, steht die Legende mitten im 20. Jahrhundert als eine langst nicht erfüllte Möglichkeit wartend da, ohne daß man bei ihr mit technischen Kennzeichen, artistischen ,,trics" und Fragen nach ihrem Wesen anheben konnte; denn die Legende ist etwas völlig anderes, als der Legendenstoff von einst: in seiner großen Phantasie für das Klavier in C-dur (opus 17) hat Robert Schumann aus feinsten Instinkten mitten im belebtesten Teil sich selbst unterbrochen und ein Zwischenspiel eingeschoben: ,,Im Legendenton" — eine Tatsache, die zu denken gibt: es ist also doch so, daß auch den Himmel der Poetik dann und wann ,,ein unendliches Seufzen durchrauscht", so wie es (Römer 8. v. 19) von Paulus formuliert worden ist: ,,Das ängstliche Harren der Kreatur wartet ..." So darf es beim Sonderfall der Legende nicht ,,Wunder" nehmen, wenn die moderne Dichtung in ihren mannigfachen Läuften und Umtrieben h i e r ein Etwas sich gegenübersieht, mit welchem fertig zu werden bislang niemand gelang und auch ihr schwerlich sobald gelingen dürfte.











































































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