
Gast - Texte
Vergangener Glockenklang
Langsam stieg die Sonne fern und rot aus dem Spiegel des Sees und grüßte schon bald, über die Wipfel des Waldes ragend, den neuen Tag. Nun lachten auch wieder die helläugigen Sommerblumen und die alte Allee schien zwischen ihren Weiden und Erlen ein Sonnenfeuer zu Gast zu haben. Dort, wo gestern noch die Blütenspitze dicht gerollt aus grüner Schale geblinzelt hatte, hing nun dünn und gelb ein junges Blatt, suchte tastend seine Form und Wölbung, von der es lange geträumt, und zu unterst, wo es noch im stillen Kampf mit seiner Hülle lag, da ahnte man schon feine, gelbe Gewächse, lichte geäderte Bahn und fernen, duftenden Seelenabgrund bereitet. Bestimmt am Mittag schon zeigt sie ihr feines Seidenzelt und ihre ersten Träume, Gedanken und Gesänge kommen still aus zauberhaftem Abgrund hervorgeatmet. Es war ein Tag mit neuem Duft und neuem Klang und unter durchsonntem Grün strahlt der Kelch der milden Seerose. Jetzt wo alles sich verschiebt, der Wind kalt in den Wäldern lärmt und das welke Laub fahl und erstorben unter den Füßen klirrt, bringt ein altes Lied vergangenen Glockenklang, dass alles sichtbare ein Gleichnis sei und hinter jedem der Geist und das ewige Leben wohne.
© Wolfgang Scholmanns