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© URHEBERRECHT

Impressionen

 

Ein Hauch von Sommer

 

Die Natur blühte in ihren schönsten Farben auf, wie wenn alles normal verlaufen würde. Kirsch- und Apfelblüten versetzten die Bäume in ein Hochzeitskleid mit zartesten Weiß- und Rosafarben, in denen Hummeln und Bienen brummend und summend ihre Nahrung suchten. Die Wiesen zeigten sich in sattem Hellgrün, das Gras schon recht hoch gewachsen und boten so den Rindern reichlich Futter. Erste Rosen begannen Knospen zu bilden, auf dessen Ausbruch der ersten Blüten nicht lange gewartet werden musste. Und dann ging es explosionsartig los, schlag auf schlag schossen sämtliche Vorfrühlings- und Frühlingsblumen gleichzeitig aus dem Boden. Ein ungewohntes, aber denn noch ein einmalig schönes Spektakel. Oben blauer Himmel und eitel Sonnenschein, unten allerschönste Blumen- und Blütenpracht. Ein flimmern über dem heißen Asphaltboden und die lauen Nachmittagswind ließen lustige kleine Wirbelchen auf den trockenen Naturbodenwegen entstehen. Auch die Vögel spielten an dieser Verrücktheit mit, geschäftig wurden Nester gebaut, wurde gebalzt. Früh morgens, über Mittag und abends wurden ihre schönsten Gesänge zelebriert. Die Temperaturen spielten eben so verrückt und kletterten in sommerliche, ja, zeitweilig sogar hochsommerliche Bereiche. Im Dorfbrunnen fanden die Kinder dankbar ihr erstes Badevergnügen, kreischten während dem plantschen, spritzten einander an und sprangen vom Brunnenrand in ihr köstlich kühles Reich.

 

Grillen zirpen gehörte ebenso zu diesem Schauspiel, wie die Düfte der lauen Nächte. Düfte blühender Sträucher und Bäume. Sternenklare Nächte, in deren trockenen Luft ein unglaublich klares glitzern und funkeln zu beobachten war. 

 

Ein April, wie ihn kaum jemand je gesehen noch je erahnt hätte, bescherte uns mit einer Wetterpracht, die eigentlich an nichts zu wünschen übrig gelassen hätte, wenn da nicht diese seit langem andauernde Trockenheit, ein stiller aber extremer Geselle, gewesen wäre. Und eben diese Trockenheit bescherte der Natur und uns Menschen einiges an Kopfzerbrechen. Noch hatten wir hier genug Wasser, wenn auch die Pegelstände von Flüssen und Bächen enorm gesunken waren. An den trockenen Südhängen machte sich bereits verdorrtes Gras bemerkbar und die Bäume ließen in der Mittagshitze müde ihre Blätter hängen. Der morgendliche Tau vermochte jeweils die genügsamen Pflanzen ein wenig zu befeuchten, die Parkanlagen und die Gärten wurden bewässert und gegossen. Ein behördlich verfügtes Feuerverbot im Freien zeigte deutlich auf, wie bedrohlich diese Trockenheit inzwischen geworden war.

 

© by Hans-Peter Zürcher

 

 

Frühlingstraum

Es ist ein sehr kalter Nachmittag im Januar. Der Schnee vom Dezember, der doch eine beachtliche Decke stricken konnte, ist inzwischen geschmolzen. Einzelne Reste dieser  ehemals weißen Pracht liegen noch an schattigen Plätzen, als wollten sie mir zu verstehen geben: „freu dich nicht zu früh, der Winter ist noch lange nicht vorbei“. Der Boden im Garten ist hart gefroren und lässt somit den Pflanzen keine Chance, sich an den Sonnenstrahlen zu erwärmen, um so einen Hauch von Frühling zu spüren. Und dennoch haben es die Primeln, die in Hausnähe eingepflanzt sind, geschafft, mit ihrer farbigen Blumenpracht dem Winter ein Schnippchen zu schlagen. Auch ein letzter Herbstenzian konnte es nicht lassen, seine letzte Blütenknospe unter dem Schnee weiter zu entwickeln und zeigt sich jetzt mit offenem, tiefblauem Blütenkelch. Ein eisiger Wind aus Ost bläst eine steife Bise über die Landschaft und mit ihm fallen die letzten braunen Blätter, die bis Heute standhaft waren. Der Himmel zeigt sich in milchigem Blau, durchzogen mit vom Wind getrieben Federwölkchen, die eher Föhn anzeigen und an kleine, schaukelnde Schiffchen erinnern.

...An diesem milden, ja schon fast warmen Frühlingstag lag ich inmitten sprießendem, noch leicht feuchten Gras vor dem Haus und ließ mir, von den Gesängen und dem munteren Gezwitscher der Vögel, meine Gedanken entschweben, entschweben in die Unendlichkeit des weiten, tief blauen Himmels, der mit kleinen Wölkchen durchzogen war, als wäre auf einem See eine Segelregatta in Gang. Genau die richtige Stimmung um ein Gedicht zu erdenken, das ich mir in meinem Appenzeller – Dialekt aufnotierte :

            

Wolke

 

Wolkeschiffli wiiss ond liis

züched am Himmel sanft ond fiin

verändereret of wonderlechi Wiis

erni Form ond au eren Sinn

 

Emol sönds gross und chräftig

gliiched enere Flotte wie zhuuf

denn wider chlii ond schmächtig

ond lösed sich denn plötzlech uuf

 

Wolketörm so gross und mächtig

entladet sich mit Sturm ond Rege

dröberabe schint d’Sonn so prächtig

als wär nütz gsee ossert ebe

 

Blaue Himmel ond’Wölkli fii

die träg ond langsam züchet fromm

wie Schiffli of em Meer so chlii

verändert öppe eren Sinn ond d’Form

 

So enderet denn au d’Mensche

im lauf vo erner chorze Lebenszyt

ständig erni Art ond Wiis wie ebe

no de Charakter de ischt ond bliibt

 

Ja,  genau so ist es mit den Menschen, sie ändern sich beständig, nicht wie die Natur im Kreislauf der Jahreszeiten, nein, eher wie die kleinen und großen Wolken am Himmel. Sind rastlos, ständig in Bewegung und verändern ständig ihre Art und Weise. Nur ihr Charakter, der bleibt beständig, ob gut oder schlecht, der ist einfach so wie er ist. Einen Charakter ändern zu wollen entsprich derselben Unmöglichkeit, als wollte man Berge versetzen. Letztendlich ist dies auch gut so.

 

Die Reise in die Unendlichkeit des Himmels machte mich müde. Ich ließ dies über mich ergehen, schloss die Augen und ließ mich in die unendliche Tiefe des Wohlseins tragen. Federleicht schwebt man hinab, die Töne und Geräusche verschmelzen sich zu einer Melodie des frei seins, der Schwerelosigkeit. Das Plätschern des Brunnen vereint mit dem jubilieren der Vögel gaben mir ein Gefühl von Ruhe und Entspannung, die Sonne erwärmte mich bis Tief in mein Innerstes und ließ in mir etwas entstehen, das zu beschreiben fast unmöglich scheint. Schmetterlinge im Bauch die wie toll herumflattern, tiefes Wohlergehen, Frühlingserwachen...

 

Rastlos sind auch die Vögel, die im Garten und den nahen Hecken geschäftig herumfliegen, um Nahrung zu suchen. Die Sonnenstrahlen dieses schönen Wintertages verführen sie in eine Vorfreude auf den kommenden Frühling, auf einen Neubeginn in der erwachenden Natur. Mir wird langsam kalt, der Biswind wird stärker. Der Enzian an seinem Stängel bewegt sich leicht im Wind und das Glockenspiel, das am Deckenvorsprung der Terrasse aufgehängt ist, ertönt in feinstem Klang, als wären es die ersten Schneeglöckchen, die den Frühling einläuten wollen.

 

© by Hans-Peter Zürcher

 

 

Ein Tag nicht wie jeder Andere

 

15. Juli 2007

 

Schon beim Aufwachen am frühen Morgen sah es aus, als ob tausend Engel weinen würden. Die Vorhänge am Fenster meines kleinen Kämmerleins waren weit geöffnet, so wie immer in dem Zimmer, in dem ich zu schlafen pflege, denn zum Einschlafen und Aufwachen schaue ich gerne in die Weite und in den Himmel. Eigentlich wünschte ich mir schönes Wetter, wollte ich Doch eine Dampfschifffahrt auf dem See unternehmen. Aber ein unermüdlicher leichter Landregen ergoss sich über das Dorf. Ich begab mich, nur mit einem Hemd bekleidet, vor die Tür meines Kämmerleins, das ebenerdig in einem Holzchalet, mitten in einer parkähnlichen Anlage, einige duzend Meter über dem Dorf gelegen ist. Die Aussicht auf die Berge und den See ist berauschend, die Ruhe, erholsam. Der Duft nach nassem Holz und nassem Gras und nach reinem Regen ist erfrischend. Tief nahm ich all das in mich auf und verweilte einige Minuten in dieser Herrlichkeit, bis es mich leicht fröstelnd wieder ins Kämmerlein zurückzog, in dem ich mich zum aufwärmen nochmals tief in das flauschige Deckbett kuschelte.

 

Nach dem Frühstück, das ich kurz vor Mittag eingenommen hatte, schlenderte ich unentschlossen durch das malerische Schnitzlerdorf, dem man hier so zu sagen pflegt, denn hier gibt es eine weltweit bekannte und anerkannte Schnitzlerschule, in der begabte junge Leute dieses schöne Handwerk erlernen und studieren können. Der Regen hatte sich in die Berge zurückgezogen, die Wolken standen hoch und einige Sonnestrahlen versuchten den Tag aufzuheitern. Der See war eher unruhig, Wellen schlugen an die Kaimauer, weiter draußen bildeten sich klein Schaumkrönchen. Den See entlang spazierte ich dann auch zurück bis zu Schifflände, wo ich mich nach den Fahrmöglichkeiten mit dem Dampfschiff erkundigte, dann setzte ich auf eine Bank und betrachtete das Wasser, die Wellen und das Spiel der Möwen im leichten Wind. Ein Hauch von Freiheit erfüllte mich mit Genugtuung. Die Unendlichkeit des Sees, wenn man hinunter ans andere Ende schaut, dessen Ufer nur ansatzweise Sichtbar ist. Die mächtigen Wolken, das Licht eines Sonnenstrahls, das ab und zu die Wolkendecke durchbrach. Die Berge gegenüber dem See lassen diesen eher einem großen Strom gleichen. Die Farbe des Wassers zeigte sich Smaragdgrün mit einer leicht weißlichen Trübung, die von feinstem Sand aus den Bergbächen rundherum stammt.  

 

Der Himmel verdunkelte sich wieder, Wolken quellten auf, verformten sich zu Türmen, Drachen und anderen Figuren. Immer wieder öffneten sich größere und kleinere Löcher, durch die sich einige Sonnenstrahlen auf die fantastisch aussehende Landschaft verirrten und ihr ein Farbespiel entlockte, das sicher nur ein guter Maler nachvollziehen könnte. Ab uns zu wurden einzelne Regentropfen mir übers Gesicht gefächert, als würde eben dieser Maler seinen Malpinsel über mir ausschlagen. Der Wind begann aufzufrischen, mich begann es leicht zu fröstelte, so entschloss ich mich, zurück zu meinem Kämmerlein zu spazieren. Über die Hauptstrasse, dann hinauf über ein schmales Sträßchen, zwischen duftenden Gärten und Holzhäusern hindurch den Berg hinauf, heim nach Hause. Ja, ich fühlte mich bereits nach dieser kurzen Zeit hier oben wie Zuhause. Ein Glas Wein in der Hand, eine Decke über meine Schulter geschlagen, lasse ich meine Augen über den See und die Berge gleite, atme tief und genüsslich die reine Bergluft ein, ein Duft von feuchtem Holz und Gras, von verbranntem Holz eines Kaminfeuers und genieße so den sich langsam eindunkelnden Abend. In die werdende Dunkelheit leuchtete ein Lichtlein nach dem anderen auf, leicht flimmernd, rund um das Seeufer, am gegenüber liegenden Berghang, eins nach dem anderen. Die Wolken hoch, einige Regentropfen, die sich langsam zu einem leichten Regen vermengten, der sanft in die Nacht zu rieseln begann und so auf den Blättern des nahen Baumes einem tropfenden  Rhythmus gleich ein Lied anstimmte.  

 

Dieser Tag war wirklich nicht wie jeder andere. Trotz des eher trüben Wetters ein wunderschöner, erholsamer Tag der Muse, in den man sich gerne treiben ließ. Zeit spielte keine Rolle, einfach sich gehen lassen, von den Eindrücken, Düften und Klängen rund herum berauschen lassen, mehr wäre zuviel gewesen.

 

© bei Hans-Peter Zürcher

 

                                 

 

 

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