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Jugenderinnerungen

 

Skischule

 

28. Dezember 2004

 

Es war im Winter 1958, als uns Vater für einen Kurs in die schweizerische Skischule angemeldet hatte. Denn zu Weihnachten haben wir eine Skiausrüstung erhalten. Den finanziellen Gegebenheiten unserer Familie entsprechend, waren sämtliche Ausrüstungsteile gebrauchte, gut erhaltene  Sachen, aber schon älteren Datums. Dies spielte für uns jedoch keine Rolle, wir hatten Freude an dem was wir hatten.

 

Also, es war am Samstag zwischen Weihnachten und Neujahr als wir gut und warm eingekleidet, die Skier wie Profis geschultert, zum Kreuzweg stapften. Wir waren sichtlich stolz. Der Tag versprach schön zu werden und Schnee war auch mehr als genug vorhanden. Sogar die Strassen waren schneebedeckt, mit hohen, an den Seiten vom Pfadschlitten aufgetürmten, Schneemauern.

 

Beim Kreuzweg stand bereits der Autobus vom Fuhrunternehmen Emil Brander bereit. Es war ein alter Berna oder Saurer mit " Schnauze ", in den Farben Beige / Grün. Hinten am Bus ein grosser metallener Korb für die Skier, und ein angekoppelter Zweiradanhänger für die Rucksäcke und anderes Gepäck. Emil selbst als Chauffeur stand zusammen mit dem Leiter der Skischule vor dem Bus und empfing die neu zuzusteigenden Gäste. Das war gut so, denn ich wusste, dass Emil nicht nur ein guter Fahrer war, sondern er konnte mit Witz und Humor die Reisegäste auch hervorragend unterhalten. Als alles verstaut war und wir im Bus unsere Plätze eingenommen hatten, ging die Fahrt in den Winter los. Auch das Witze erzählen von Emil ging los und so war die Fahrt über Waldstatt und Urnäsch im nu vorüber und wir erreichten unser Endziel, die Schwägalp.

 

Das grosse braune Gasthaus mit angebauter Seilbahnstation, das quer zum Säntis stand, dominiert die Schwägalp. Die Alphütten und Viehstallungen, die über die ganze Alp verstreut sind, waren im tiefen Schnee kaum auszumachen. Da waren auch viele Parkplätze, wo all die ankommenden Fahrzeuge durch Polizisten eingewiesen wurden, so auch unser Bus und das war bei weitem nicht der einzige. Schön anzusehen wahren auch die gelben Postautos, die gleich mehrfach wie in einem Umzug den Pass hinauf geschnauft kamen. Denn  die Strasse war zwischen Chräzeren und der Passhöhe wie ein richtiger Bergpass, mit engen, grossen Kurven angelegt.

 

Kaum ausgestiegen, die Skier und Rucksäcke verteilt, wurden wir vom Leiter in Gruppen für  Kinder und Erwachsenen eingeteilt, Appell gemacht und dann hiess es Abmarsch. Die Erwachsenen wahrscheinlich erst mal ins Restaurant und wir Kinder Richtung Alphütten und Säntis. Da war bereits eine Piste mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen angelegt. Nachdem wir unsere Rucksäcke auf einer langen Bretterbank längs einer Stallung abgelegt hatten, ging es mit der Ausbildung los. Die Skier wurden umgeschnallt und von den beiden Leiterinnen bei jedem Kind kontrolliert, dann wurde gelernt und geübt was das Zeugs hergibt, bis nach vielleicht einer Stunde oder so lauter kleine Schneefrauen und - Mannen sich auf der kleinen Piste tummelten. Meinem Bruder gefiel das ganze, so glaubte ich jedenfalls, gar nicht. Er rutscht ständig rückwärts retour, und Fluchte dermaßen lautstark über sein Unglück und die Skifahrerei, dass es vom Säntis als Echo zurückschallte.  " Es gibt heissen Tee! " hiess es plötzlich, aber die Skifahrerei und auch Flucherei wurden erst bei der zweiten Aufforderung unterbrochen.

 

Auf dem Holzbank längs der Hütte war es recht mild an der Sonne. Der Säntis und die tief verschneite Alp mit dem stahlblauen Himmel waren sehr schön anzuschauen und die beiden roten Kabinen der Säntis - Schwebebahn, die zwischen Tal - und Bergstation hin - und herschwebten, zeichneten sich vom blauen Himmel und verschneiten Berg sehr schön ab.

 

Außer unserem eifrigen Geplapper und Gelächter war absolut nichts zu hören. Bergdolen mit ihrem Geschrei flogen und hüpften bettelnd um uns herum. Doch, da war noch etwas. Ab und zu waren noch Hornsignale von einem Postauto aus der Ferne zu hören und mit dessen Echo vom Säntis gleich noch ein zweites Mal.

 

Nach dieser erholsamen Teepause ging’s bis zum Mittagessen wieder an den Übungshang. Es macht den Anschein, dass wir immer besser wurden und vor allem viel sicherer. Auch die Flucherei von meinem Bruder verstummte eigenartiger weise. Bergauf lernten wir seitwärts " Treppensteigen " genannt oder mit vorn offener Skier " Tännle " genannt zu bewältigen. Für Kurvenfahrten waren der " Stemmbogen, Telemark " auf dem Übungsplan.

 

Das Mittagessen wurde wieder bei der Hütte im Freien eingenommen, wofür eigens auf einem grossen Schlitten heisse Suppe, Brot, Käse, Tee und Bieberli gebracht wurden. Kalt hatten wir nicht, denn wir waren ja immer irgendwie in Bewegung und die Sonne leistete ebenfalls ihren Beitrag. Ich kam mir vor wie in einem Wintermärchen, denn so ein schönes Erlebnis war mir nicht jeden Tag beschieden!

 

Am Nachmittag musste dann all das Geübte in die Praxis umgesetzt werden und es wurde fürs erste eine Piste, die weit nach oben, an den Fuss des Säntis reichte, angelegt. Da es zu der Zeit auf der Schwägalp keine Skilifte gab, gab es  überall kürzere und längere Pisten, die auch rege benutzt wurden. Des Weiteren gab es für Profis schwierige Abfahrten vom Säntis, wie auch diverse Skitouren über die alte Passtrasse nach Urnäsch, oder ins Toggenburg. Später am Nachmittag fuhren wir dann hinunter zur Passhöhe wo vor dem Naturfreundehaus bereits ein ganzer Wald Skier im Schnee steckend vorgefunden wurde, denn die konnten ja nicht mit hinein genommen werden. Also machten wir das auch so, in der Hoffnung, dass wir vor der Rückreise wieder die Richtigen finden würden. Aus dem Haus klangen irgendwelche Lieder und es schien hoch her zu gehen. Mir war es nicht ganz behaglich, erblickte aber trotz rauchgeschwängerter Luft unseren Vater, der selig singend und schunkelnd an einem grosse Tisch saß und das ganze sichtlich genoss. Mir wurde es noch unbehaglicher und ich verließ diese dampfende Höhle. Draußen waren noch andere Kinder, mit denen nach kurzer Zeit eine Schneeballschlacht im Gange war.

 

Die Sonne war längst verschwunden, Postautos und Cars machten sich immer mehr Richtung  Toggenburg oder Urnäsch davon. Und da fuhr denn auch plötzlich unser Car vor samt Reiseleiter und Emil, die nun eifrig begannen Skier zu verstauen und Listen mit Namen zu kontrollieren, so dass sicher auch niemand verloren geht. Die meisten und auch wir saßen schon längst im Bus, aber es fehlten immer noch welche, die scheinbar den Ausgang aus dem Naturfreundehaus nicht mehr gefunden haben. Im Bus wurde es langsam ungemütlich, konnte doch nicht geheizt werden. Emil verteilte Wolldecken und der Reiseleiter die letzten Langweiler aus dem Haus. Als nun Emil endlich losfahren konnte, war es bereits am eindunkeln.

 

Ich war Hunde Müde, der Bus ein einziger Eisschrank, und die Wolldeck brachte kein bisschen Wärme in meinen Körper. Ich fand es nun wirklich sehr kalt und wollte nur noch nach Hause ins warme, mit einer Bettflasche vorgeheizte Bett. Nicht einmal die Witze von Emil fand ich mehr lustig und die Skischule verfluchte ich in alle Himmelsrichtungen. Warum muss diese auch im Winter stattfinden? Und das aller größte war, dass kurz vor Herisau unser Bus nun endlich warm wurde.

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

 

 

Nebel

 

21.Januar 2005

 

Der Morgen  begann schon sehr düster, man hätte meinen können, dass der Tag keine Lust aufbringen möge, hell zu  werden. Dieser Tag  war ein Sonntag im Januar und wäre eigentlich Schulfrei, das heisst nicht ganz, wir hätten eigentlich Religionsunterricht gehabt, eben wir hätten, aber ich hatte keine Lust dazu. Also beschloss ich, anstatt den Weg ins Dorf zum Schulhaus einzuschlagen, diesen in Richtung Schochenberg zu wählen und dieser Entscheid war der Richtige und hatte sich auch gelohnt.

 

Es  war frostig kalt und dies zauberte über Nacht zusammen mit dem dichten Nebel eine sagenhafte Märchenlandschaft aus Wald und Flur, die seinesgleichen sucht. Zäune, Wiesen, Sträucher, Bäume, ja sogar die langen Steppengrashalme, die aus den Schneeresten ragten, waren mit einer dicken Schicht von Eiskristallen überzogen. Der Nebel war immer noch sehr dicht und dementsprechend hatte die Stimmung etwas mystisches, geheimnisvolles, an sich.

 

Ich war mit mir und der Natur alleine und das genoss ich in vollen Zügen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Einzig in den Wiesen sah man in dieser Raureifschicht, die wie Schnee aussah, sich nach alle Seiten sich kreuzende Spuren von Wild. Da und dort hörte man Krähen, die hoch oben vom kleinen Wäldchen zum Rosenbergwald oder umgekehrt wechselten. Sehen konnte man die Vögel nicht, denn die Nebelgrenze war zu hoch.

 

Nach dem Schochenberg bog ich nach Rechts in den steilen Weg, der zum Rosenbergwald führt. Das Wäldchen und der Schochenberg selbst lagen nun etwa sechzig Meter weiter unten, waren aber im Nebel nicht mehr sichtbar. Einzelne Schwaden von dieser feuchten Luft schwebten den Hang hinauf und streiften den Wiesenhang und lagerten zusammen mit der Kälte immer wieder neue Eiskristalle ab. Die dem Waldrand entlang laufende Hecke von Hagenbutten war besonderschön anzusehen, denn aus den mit Raureif überzogenen Ästen schauten da und dort noch einige hellrote Beeren, die auch leicht überzuckert waren. Kaum wechselte ich in den Wald hinein, änderte sich das Bild ein weiteres mal. Es war wirklich sehr ruhig, ja fast gespenstisch, nur ab und zu hörte man den Ruf eines  Eichelhähers. Nebelschwaden schwebten zwischen den Bäumen durch, einfach fantastisch diese Stimmung.

 

Der Weg zog wie eine schurgerade Schneise eine halbe Stunde durch den Wald steil nach oben, wo dann weitere hundert Meter höher der Weg sich verflacht und ich nach kurzer Zeit das andere Ende dieses Waldabschnittes erreichte. Bereits im letzten Teil des Anstiegs sah man, dass sich der Nebel lichtet und die Nebelgrenze sich senkt. Was sich mir nun aber beim Verlassen des Waldes zeigte, war atemberaubend! oben reinster, stahlblauer Himmel, purer, blendender Sonnenschein, Raureif auf Zaun, Stauden und Bäumen, einfach Traumhaft schön !

 

Der Weg führt nun über eine schneebedeckte Wiese, über die Wachtenegg, einem gratähnlichen Bergrücken, hinüber zur Ruine der ehemaligen Rosenburg. Gegen Süden blickend, schaut man über ein riesiges Nebelmeer, unter dem nun Herisau verborgen vor sich hin döst . Nur all die Hügel, die rund um diesen momentan sicher trostlosesten Ort liegen, schauten aus dem wogenden Gebilde aus Nebel heraus, und je entfernter sie sind, desto mehr versanken sie in einem hauchdünnen Schleier aus Dunst. Und all diese Hügel werden vom tief verschneiten Säntis und der ganzen Alpsteinkette  überragt. Auf der Nordseite ragen lediglich die Spitzen der Tannen, die durch den Raureif wie frisch verschneit aussehen , aus dem wogenden Nebelmeer, unter dem Dörfer und Städte verborgen liegen. Nur das Schoss Oberberg ragt heraus, eben weil es, wie sicher die meisten anderen seiner Artgenossen auch, auf einer Anhöhe steht. Die ganze Szenerie war wirklich wie ein Traum, wunder, wunderschön! mir kam es so vor, wie wenn das Nebelmeer atmen würde, es hob und senkte sich leicht in wellenförmigem Rhythmus.

 

Den Weg, den ich an diesem Sonntag gewählt hatte, wird heute als " Robert Walser - Weg " bezeichnet. Denn nicht unweit der Stelle, von der aus  ich  die vorerwähnten Eindrücke, mit der wirklich atemberaubenden Sicht auf die Alpsteinkette mit Säntis beschrieb, eben an dieser Stelle ist an einem solchen Wintertag Robert Walser auf einer Wanderung am Weihnachtstag 1956 verstorben.

 

Dieser Robert Walser war bereits in meiner Jugend einer von meinen Lieblingsschriftstellern, der mich vor allem mit seinen Romanen « der Gehülfe » oder « Geschwister Tanner »  schwer beeindruckt hatte. Und dieser unscheinbare, einfache Mann lebte von 1933 bis zu seinem Tode in der Heil - und Pflegeanstalt Herisau. Der damals überweisende Arzt Dr. Klaesi schrieb in seinem Überweisungsbericht: « Es handelt sich um einen durchaus ruhigen, umgänglichen Schizophrenen, der die Hälfte des Tages seinen Dichtertraum lebt.....». Von hier aus unternahm Robert Walser ständig und bei jedem Wetter tagelange Wanderungen durch sein Heimatland Appenzell. In seinem Roman " Geschwister Tanner " fand ich einen Satz, den ich nie vergessen werde « Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu sterben...»! und das durfte er dann auch an diesem wunderschönen Ort auf der Wachtenegg.

 

Mit diesen oder in ähnlichen Gedanken versunken, saß hier oben auf einem gefällten Baumstamm und schaute lange, vielleicht sehr lange in diese wunderbare Landschaft und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen. Ich war der Überzeugung, dass mir dieser Spaziergang viel mehr brachte, als der Religionsunterricht in dieser trostlosen kalten Nebelkloake.

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

 

 

Dampfschifffahrt

 

30. Dezember 2004

 

Es war ein schöner, nicht all zu heisser Sommertag, als mich Grossvater am späteren Vormittag aus dem Kindergarten holte. Fräulein Looser, so hiess unsere Kindergärtnerin, verabschiedete sich von uns, nachdem Grossvater einige Worte mit ihr gesprochen hatte und wünschte uns einen schönen Ausflug.

Grossvater war sommerlich Gekleidet, das Hemd offen, die Ärmel hochgekrempelt und darüber ein schwarzes Gilet samt silberner Uhrenkette inklusive Taschenuhr. Im anderen Gilettäschchen steckte immer eine kleine Blechdose mit Sprungdeckel. Auf dem Deckel war ein Bild von Wilhelm Tell dargestellt und der Doseninhalt bestand aus Wybertli.  Ein Sommerhut, eine braune lederne Umhängetasche und der obligate Spazierstock gehörten ebenfalls zu seiner Ausrüstung und durften nicht fehlen.

 

Als wir von der Unten Fabrik den Berg hinauf Richtung Kreuzweg liefen, sagte Grossvater " du musst heute nicht mehr in den Kindergarten, wir fahren an den Bodensee und machen eine schöne Schifffahrt ". Dies war etwas völlig neues für mich und ich fragte etwas unsicher, ob denn meine Mutter auch bescheid wisse.

" Selbstverständlich " meint Grossvater. Nun war ich beruhigt und freute mich auf das, was da kommt.

 

Bereits die Zugfahrt nach Rorschach war für mich ein grosses Erlebnis. Ich durfte am Fenster sitzen und Grossvater erklärte mir laufend die an uns vorbeiziehende Landschaft. Höhepunkte der Fahrt waren sicher der Gübsensee, den ich bereits  von Spaziergängen her kannte, die hohe Sittertobelbrück von der aus der Säntis wunderschön gesehen werden kann, wie auch die vier anderen Brücken, die über das Tobel gespannt sind. Wenn man nach rechts schaut, sieht man die sehr hohe und ganz aus Eisen gebaute Fußgängerbrücke über die Sitter, auch " Gangelibrogg " genannt, weil sie, wenn man auf ihr läuft, erheblich schwankt und schaukelt. Dann tief unten, kurz vor dem Zusammenfluss von Sitter und Urnäsch eine alte gedeckte Holzbrücke, dann weiter auf der linken Seite die kombinierte Eisenbahn - und Fußgängerbrücke der SBB und zum Schluss noch die Strassenbrücke aus Beton. In St. Gallen mussten wir umsteigen, sonst wären wir in Romanshorn gelandet. Aber in Rorschach mussten wir, um zum Hafen  zu gelangen,  noch ein weiteres Mal umsteigen.

 

In Rorschach - Hafen angekommen, ging's erst einmal ins Bahnhofbuffet. Dies befand sich im ersten Stock vom Bahnhofgebäude, direkt über den Geleisen. Die grossen Fensterscheiben waren geöffnet und man hatte einen schönen Blick über den Hafen und den See, aber auch auf die Bahnanlage. Grossvater bestellte, nachdem er die kleine Speisekarte studiert hatte, ein dreier Rotwein und das Mittagsmenü, für mich einen Himbeersirup mit einem zweiten Gedeck.

 

Draußen vor dem Bahnhof herrschte derweilen ein reges Treiben, Güterwagen wurden mit dampfenden, schnaubenden Dampflokomotiven verschoben, Gepäckwagen wurden ent - und beladen und Fahrgäste stiegen um, ein, oder aus. Denn hier kommen drei Bahnlinien zusammen, nämlich die SBB - Linie von Schaffhause - Kreuzlingen - Romanshorn, die SBB - Linie von Zürich - St. Gallen und die Rorschach - Heiden - Bahn. Auch ein Postauto mit Gepäckanhänger stand bereit, um Fahrgäste aufzunehmen.  Vom See her wehte ein leichter Wind und es roch nach Seewasser, wenn nicht gerade eine Dampflok vorbei fuhr. Dann kamen für kurzen Moment noch Düfte von verbrannter Kohle, Schmieröl und Russ dazu. Auch im Hafen und draußen auf dem See war einiges los, gerade lief ein grosses Motorschiff ein, kleine Ausflugsboot und Ruderboote, aber auch Segelschiffe, welche vom leichten Wind angetrieben wurden, kreuzten auf dem See.

 

Nachdem wir gegessen hatten und die Rechnung von Grossvater bezahlt war, meinte er, dass ein kleiner Spaziergang dem See entlang noch gut wäre und wir könnten dabei noch ein bisschen dem Treiben im Hafen, auf dem See, und im Rangierbahnhof zuschauen. Und  da war auch einiges los. Für mich war das alles neu, denn ich war noch nie auf einer so grossen Reise und am Bodensee. " Nun wird es aber Zeit, dass wir zum Hafen gehen, sonst fährt das Schiff ohne uns ab ", meint Grossvater. Und schon hörten wir ein lautes tiefes Pfeifen ". Schau, da kommt sicher unser Schiff durch die Hafeneinfahrt ". Eine riesig grosses, rauchendes Dampfschiff mit grossen seitlichen Schaufelrädern bewegt sich Richtung Schifflände, wo sich bereits eine grosse Anzahl Menschen, darunter auch eine Schulklasse mit grossen Kindern, zum einsteigen bereitgestellt haben.

 

Das Landemanöver war ein Schauspiel für sich und flösste mir auch entsprechend Angst ein. Denn es zischte und dampfte nicht nur aus dem grossen Kamin, sondern auch aus den seitlichen Schaufelradkästen und Wasser spritzte und schäumte rund ums ganze Schiff auf. Das Dampfschiff war wirklich riesig gross, hatte nebst dem mächtigen Kamin zwei grosse Rettungsboote, viele Masten, viele Seile und hinten eine riesige Schweizerfahne. " Fährt das Schiff nach St. Gallen " fragte ich Grossvater und zeigte auf den Schaufelradkasten, auf dem  in grossen Buchstaben < St. Gallen > stand. " Nein, das ist der Name vom Dampfschiff " meinte Grossvater, "wir machen eine grosse Rundfahrt und werden dann in Romanshorn wieder aussteigen ". Wenn das Schiff bis dahin nicht untergegangen ist, ging es mir durch den Kopf. Ganz oben auf der Kommandobrücke stand ein Mann, Grossvater meinte, es sei der Kapitän, der irgendwelche Befehle in ein grosses Rohr hinein spricht.

 

Mit einem lauten, ohrenbetäubenden Pfiff  machte sich das Schiff nochmals akustisch bemerkbar und die Angst in mir wurde noch grösser. Ich nahm die Hand von Grossvater und hielt sie so fest, wie ich nur konnte ". Wenn das Schiff denn untergeht und wir ertrinken, bist du daran schuld " sagte ich zu Grossvater und gab noch weiter dazu " dann kannst du das denn heute Abend der Mutter erzählen "! aber er gab nur gelassen zur Antwort " hetocht, da wird sicher nichts passieren, wirst dann schon sehen wie schön es auf einer solchen Schiffsreise ist ". Also nahm mich Grossvater an die Hand und stieg mit mir über einen Steg auf dieses grosse Ungetüm, ob wohl mir dazu eigentlich der Mut fehlte.

 

Das Schiff kam mir auch von innen unendlich gross vor. Wir haben uns vorne auf dem Oberdeck unter dem Sonnenzelt hingesetzt. Ich klammerte mich immer noch krampfhaft am Grossvater fest und erschrak ziemlich ab einem noch lauteren Pfiff. " So, jetzt geht’s los " meinte Grossvater, und fügte hinzu " wenn wir dann aus dem Hafen auf dem offenem See sind, schauen wir zusammen das Schiff an und zwar von Oben bis Unten ". Das Schiff bewegte sich nun vibrierend rückwärts, rüttelte und schüttelte, zischte und dampfte so heftig, dass mir ganz mulmig wurde. „ Hast immer noch Angst, Hans - Peter? „ fragt Grossvater " wirst sehen, so eine Schiffsfahrt ist wunderschön, und wenn wir das Schiff angeschaut haben, werden wir im 1. Kl. Salon ein feines Glacé essen ". Rund ums Schiff herum kreisten kreischend Möwen. Wir hatten nun abgedreht und fuhren in stetig stampfenden Rhythmus vorwärts. Ich glaube, dass ich mich ein wenig beruhigt hatte. Das hatte auch Grossvater bemerkt, und meinte: " siehst du, jetzt gefällt es dir schon besser, komm, wir inspizieren jetzt unser Schiff und schauen uns alles an", also nahm er mich an der Hand und wir zogen los.

 

Kaum waren wir im Innern, kam uns der vermeintliche Kapitän entgegen, begrüßte uns und sagte zum mir " willst du einmal mit mir ganz nach oben kommen? " und bevor ich antworten konnte, hatte er mich bereits auf den Arm genommen. Ich schaute Grossvater fragend an, er lächelte nur und nickte, und ohne dass ich etwas erwidern konnte stieg der Kapitän mit mir die Leiter hoch. Wir waren jetzt zu oberst und da befand sich auch die Kanzel mit dem komischen Rohr. Er nahm einen Deckel ab und meinte, dass ich " hallo " hinein rufen soll, was ich auch machte und es kam prompt ein hallo zurück.“ Über dieses Rohr, man nennt dies ein Sprachrohr,  kann ich mit dem Maschinisten reden, der zu unterst im Schiff ist und nicht sieht, wohin wir fahren. Auf der anderen Seite ist ein gleiches Sprachrohr. Diese werden vor allen beim an - und wegfahren von Haltestellen benutzt. Und in dieser Kabine in der Mitte steht der Steuermann, der das Schiff steuert ". Wir betreten, das heisst, eigentlich nur der Kapitän, denn mich trug er immer noch auf dem Arm, das Steuerhaus. Ich staunte nicht schlecht, da waren gleich zwei fast mannshohe Steuerräder vorhanden, nämlich eins nach vorn für die Vorwärtsfahrt und eins nach hinten für die Rückwärtsfahrt, wie mir erklärt wurde. Da waren aber noch weiter Sachen, die man Instrumente nennt. Ob denn auf denen Musik gespielt werden könne, hab ich gefragt. " Nein, die sind für die Arbeit des Steuermanns notwendig, aber hier " antwortete der Kapitän und zeigte auf eine an der Decke durchhängende Schnur " hier, zieh mal fest daran ". Ich schrak sichtlich zusammen, denn die Pfeife ging ohrenbetäubend los. Und, ich fühlte mich plötzlich gross und stark, durfte ich doch das Schiff ertönen lassen. Das gibt morgen im Kindergarten etwas zu erzählen! aber nur dann, wenn das Schiff nicht untergeht. " Kann dieses Schiff untergehen. " habe ich fast etwas schüchtern gefragt. " Wo denkst Du hin, das Schiff ist jetzt bald 50 Jahre alt und es ist noch nie etwas passiert  ", antwortet der Kapitän, der immer noch mit mir auf dem Arm, aber bereits wieder unten bei Grossvater, angelangt war.“ Wir sehen uns noch ", meinte er, nach dem er mich abgesetzt hatte. Ich erzählte Grossvater stolz von meinem erlebten und vor allem, dass ich pfeifen durfte. " Aha, du warst das, ich dachte schon, was denn da auf dem See los ist, wenn die pfeifen " und lachte dabei. " Jetzt gehen wir noch die Maschine anschauen " meinte Grossvater, als wir die breite Treppe hinunter stiegen. Jetzt sah ich erst das grosse Loch im Boden, das mit einem Geländer umgeben war. Ei, in diesem Loch war aber einiges los, da bewegten sich Räder und grosse Stange, auf denen lauter Flaschen mit gelber Flüssigkeit angebracht waren. Da gab’s auch ein Steuerrad, jede Menge Hebel, Leitungen und andere Geräte. Auch zwei Männer waren in dem Raum, wovon einer mit einer kleinen Kanne mit langem Ausguss die Flaschen füllte. " Das sind Öler, die braucht es zum schmieren der Lager, und die müssen immer wieder Nachgefüllt werden". " Warum ", fragte ich, " damit die Lager nicht heiss laufen ", sagte Grossvater, ich verstand kein Wort von der ganzen Geschichte, aber es war sicher Gut, dass diese Lager nicht heißlaufen. " So, jetzt gehen wir ins Restaurant, um unser verdientes Glacé zu essen ".

 

Das 1. Kl. Salon wirkte nicht nur vom Namen her fremd auf mich, sondern auch von seiner Ausstattung her. Es war alles so anders als in einem Restaurant und sah eher wie ein riesiges Wohnzimmer aus, so wie bei Tante Anneli, nur viel, viel grösser. Ist ja eigentlich auch egal, mir waren im Moment nur noch zwei Sachen wichtig, das Glacé, und dass es mir plötzlich auf diesem grossen Schiff gefiel!

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

  

 

 Schwänberg

 

20. April 2004

 

Ein sonntäglicher Spaziergang war nicht immer der Wunschtraum von uns Buben, aber wenn eine Wanderung zum Schwänberg auf dem Programm stand, sah das ganz anders aus. Es war Frühling, ein milder sonniger Tag und alles grünte und blühte. Wir konnten nicht verstehen, dass vorher noch ein Mittagessen, wenn auch mit viel Liebe von Mutter und Gotte vorbereitet und gekocht, eingenommen werden musste. Zu dieser Zeit bewohnten wir eine grosse Fünfzimmerwohnung an der Sonnhalde in Herisau und waren so etwas wie eine Kommune oder Großfamilie, zusammen mit Grossvater und meiner Gotte.

 

Nun war es endlich soweit und wir waren bereit, Grossvater und Vater mit Hut und alle im Sonntagsgewand. So marschierten wir denn los und wurden gleich zu beginn noch von Mutter belehrt " macht ja nicht die schönen Kleider schmutzig und auch nicht kaputt und seid anständig, so dass man sich nicht schämen muss „! Na ja, diese Litanei kannten wir Buben in - und auswendig und fragten uns, warum wir denn immer so herausgeputzt werden, wenn es über Land ging.

 

Also, wir zogen frohen Mutes die Gossauerstrasse hinunter, dann hinaus über Wiesen - und Feldwege durch die Teufe an stattlichen Bauernhäusern vorbei zum Lieseli vom Loch, so wurde unsere Tante genannt, die auf halben Weg zum Schwänberg, eben im - Loch - wohnte, und wie jedes mal, wenn wir hier vorbei kamen, vor ihrem Haus auf der Bank saß, als hätte sie bereits auf uns gewartet. So ist es mir jedenfalls vorgekommen. Heute glaube ich, dass es einfach ihr sonntäglicher Zeitvertreib bei schönem Wetter war, der sie auf die Bank getrieben hat, man sieht von da aus ja auch bestens alle die Spaziergänger, die da vorbei gehen und da liegt da und dort dann sicher auch ein Schwatz drin. Nun, Tante Lieseli hatte sichtlich Freude an uns und offerierte sogleich etwas zum Trinken. Ihr - Eigennutz - war natürlich nicht im Sinne von uns Buben, aber wir mussten es über uns ergehen lassen und langweilten uns jeweils gehörig. Grossvater hat dies sicher bemerkt, oder entsprach dies etwa auch nicht seinen Vorstellungen? jedenfalls ging er mit uns um das Haus herum und schnitt mit seinem Sackmesser zwei gerade Stücke vom Haselstrauch weg und bastelte für uns gleich zwei Hasel - Gu - Gu - Flöten.

 

Bis zum Schwänberg wäre es eigentlich nicht mehr allzu weit gewesen, aber unsere kindliche Ungeduld lies uns vorwärts springen, aber anstatt zu warten, rannten wir wieder retour und machten so den ganzen Weg mindestens zweimal. Und dann kam plötzlich der Weiler Schwänberg, der unter anderem das alte Rathaus zu Herisau, ein stattliches, grosses Gebäude, sowie Wohn – und Bauernhäuser aufweist, in Sicht. Uns interessierte aber nur ein Haus, nämlich die Bäckerei und Wirtschaft zum  " Sternen ".

Warum der " Schwänberg " Schwänberg genannt wird, war uns völlig  unklar, denn ein Berg, auf dem dieser Weiler stehen soll, war weit und breit nicht auszumachen.

 

Also, wir Buben rannten ums Haus herum zur Gartenwirtschaft. Aber dem gut gemeinten Rat unserer Mutter entsprechend, mussten wir in der Wirtsstube platz nehmen, draußen könnte man sich ja erkälten. Wir haben dies jedoch nicht ganz begriffen, denn an diesem milden Frühlingstag waren bereits einige Tische mit Gästen besetzt.

 

Im Eingang zum Wirtshaus wurden wir schon vom Duft frischer Backwaren empfangen. Und genau dies war ja auch unser eigentliches Ziel. In der Wirtsstube dominiert ein großer, weisser Kachelofen. Gegen die Strasse hin befinden sich die Fenster, die eins neben dem andern als einziges Band angeordnet sind. Unter diesem Fensterband verläuft eine Sitzbank mit rohen Holztischen davor. So  bildet diese Anordnung nebst einzeln platzierten Tischen ein großer Teil des Gastraummobiliars. Da war aber auch noch ein Buffet für Gläser und Geschirr, eine Pendeluhr aus Holz mit ihrem langsamen, andächtigen tick – tack, sowie einen kupfernen Caldor, der in die Wand eingelassen ist. Einige Bilder mit alten Fotos vom Turnverein und Gesangsverein Ramsen, und von den Vorgängern der heutigen Besitzer, waren im Raum aufgehängt.

 

Frau Ramsauer, so hieß die Wirtin, begrüßte uns herzlich und gab dabei jedem die Hand. Schließlich waren wir ja keine unbekannten Gäste, denn dieser Ausflug wurde mehrmals im Jahr und dies sicher seit Jahren durchgeführt.

 

Nun ging es ans Bestellen und dies wurde meist von den Männern vorgenommen und enthielt nebst den Getränken auch all die feinen Sachen, die noch warm und direkt aus der Backstube aufgetischt wurden. Da waren einmal einzelne Stücke von " Rohm - und Bereflade " und natürlich die feinen Nussgipfel. War das ein Festschmaus, zu dem wir Kinder auch einem Himbeersirup serviert bekamen. Wir Buben hätten noch stundenlang so weitermampfen können, aber die Grossen waren sich bereits vom Wirtepaar am zu verabschieden.

 

Natürlich wurde noch ein obligates " Berebrot " mit auf den Heimweg eingekauft, das dann vielleicht in einer Woche als Dessert, zusammen mit Butter und Kaffee, aufgetischt wurde.

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

 

 

Reise nach Ersigen

 

20. Mai 2004

 

Ende Juli, zur Ferienzeit, kam es mitunter vor, dass wir für zwei Wochen zur Großmutter ( das war die Mutter von meinem Vater ) nach Ersigen in die Ferien fuhren. Dies war immer ein grosses Ereignis, das nicht jedes Jahr von statten ging. Deshalb kamen bereits Tage vor der Abreise Hektik und Nervosität auf, die arg auf die Stimmung und auf unser Familienleben drückten, und das ausgerechnet während der Ferien !

 

Man hätte meinen können, dass eine Auswanderung für mindestens fünf Jahre bevor stand, so viele Koffer und Taschen mussten hergerichtet und gepackt werden. Zwei Tage vor der Abreise musste alles fein säuberlich in den kleinen Leiterwagen verstaut und zum Bahnhof gekarrt werden. Die ganze Bagage wurde als Passgiergut am Gepäckschalter aufgegeben, nach dem die Billete gekauft wurden.

 

Für uns Kinder wurde es nun fast unerträglich bis zum Abreisetag. Am frühen Morgen dieses Tages kam nochmals Hektik auf, obwohl nur noch Handgepäck vorhanden war, und das war lediglich die Handtasche! von unserer Mutter.

 

Zuerst reisten wir mit der Appenzeller - Bahn von Herisau nach Gossau. Hier wurde auf die SBB umgestiegen, mit der wir dann vorerst einmal bis Zürich sitzen bleiben konnten. Der Zug Richtung Bern stand bereit. Nachdem wir ein freies Abteil häuslich belegt hatten, stürmte unser Vater nochmals aus dem Wagen und Mutter bekam eine Panikattacke, dabei ging es noch mindestens eine viertel Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Als er dann wieder in unserem Abteil auftauchte, kehrte endlich Ruhe ein. Er brachte belegte Brote und Getränke mit, denn eine solch lange Reise gibt auch Hunger, dauert doch die Reise von Herisau nach Ersigen etwa vier Stunden. In Burgdorf mussten wir ein weiteres mal umsteigen und fuhren bis Kirchberg mit Emmental - Bern - Thun - Bahn. Selbstverständlich bekamen wir Buben immer die Fensterplätze zugewiesen. Die Fenster mussten aber, außer wenn der Zug in einem Bahnhof hielt, geschlossen bleiben, - man könnte sich ja erkälten -, meinte sorgenvoll unsere Mutter. Die Reise war trotzdem ein grosses Erlebnis.

 

Am Bahnhof von Kirchberg wurden wir bereits von unserer Großmutter samt Leiterwagen erwartet. Und nun kam die Prozedur, vor der mir den ganzen langen Reiseweg am meisten grauste, nämlich die herzhafte Begrüssung mit einem ebenso herzhaften Kuss mitten auf die Lippen.

 

Vom Bahnhof bis nach Ersigen zur Wohnung von Großmutter, die an der Dorfstrasse wohnte, wäre unter normalen Umständen in einer halben Stund zu bewältigen gewesen, wenn nicht alle paar Meter irgend ein alter Freund oder eine Bekannte, aber für uns Buben alles völlig unbekannte Personen, hätten begrüsst werden müssen. Großmutter und Vater waren sichtlich stolz, " ihre Familie " präsentieren zu können, wir Kinder gelangweilt und Mutter sauer. Das war unser Ferienbeginn!

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

 

 

Ferien bei Grossmutter

 

5. Juni 2004

 

Ersigen war eigentlich gar kein richtiges Dorf. Weder ein Gemeindehaus, noch  eine Kirche waren vorhanden und gehörte somit politisch der Gemeinde Kirchberg an. Eine Streusiedlung mit vielen stattlichen Bauernhäusern im Bernerstil, mit weitausladenden Dächern mit auf der Frontseite abgerundetem Abschluss. Neben diesen meist ein Stöckli, das heisst, ein separates kleines, einfach eingerichtetes Haus, in welchem jeweils die ältere Generation der Bauersleute wohnten. Nebst einer Dorfkäserei gab es noch einen Gasthof mit grosser Gartenwirtschaft und ein Schulhaus. Nicht fehlen durfte natürlich der Dorfbach. Rundherum Felder, Weiden und Wälder, die Landwirtschaftlich genutzt wurden. Über die Dorfstrasse ist diese kleine Gemeinde mit Kirchberg verbunden und zu Fuss in einer halben Stunde erreichbar. Ersigen hat aber nebst den schönen Ferienerlebnissen noch eine grosse zentrale Bedeutung in meinem Leben. Es ist mein Geburtsort, mit dem ich somit auch ein klein wenig verwurzelt bin. Somit ist dieses Dorf auch einen Teil von meinem ich.

 

Unsere Grossmutter wohnte an der Dorfstrasse, im Erdgeschoss eines Stöckli von anno 1728, das zu Schneiders Hof gehört, der ebenso alt ist. All diese Gebäude stehen heute noch, samt Schopf, Garten und Misthaufen. Grossmutter war ein liebenswertes kleines, schlankes Persönchen, immer schwarz gekleidet und kam uns Buben uralt vor. Die Haare grau und zu einem Knoten zusammengesteckt, ob wohl sie nicht älter als fünfundfünfzig Jahre alt war. 

 

Rechts neben dem Stöckli  befindet sich ein stattlicher Gemüse - und Blumengarten, der bis ans Haus reicht und an den der Misthaufen vom Bauernhof angrenzt. Auf der linken Seite befindet sich ein grosser, halboffener Schopf, der am hinteren Ende, im Garten zwischen dem Stöckli und dem Hof, einen Hühnerstall samt einem Freilaufgehege beherbergt. Der Schopf steht längs zum Haus.

 

Zwischen Hühnerhof und Stöckli befand sich die Latrine, ausgestattet mit einem Plumpsklo, das heisst, eigentlich zwei nebeneinander, eines für Erwachsene und ein tiefer gesetztes für Kinder. Zum Reinigen nach dem grossen - Geschäft - war aufgeschnittenes Zeitungspapier vorhanden. Dies war fein säuberlich gebündelt, gelocht und an einer Schnur aufgehängt. Diese WC – Anlage gehörte nicht nur zur Wohnung von Grossmutter, sondern auch zur Wohnung über ihr.

 

Der Wohnraum besteht aus einem grossen Wohnzimmer zur Straßenseite hin orientiert, mit direktem Eingang von draußen, sowie auch aus der Küche zugänglich und war möbliert mit zwei Kanapees, einem grossen Esstisch mit sechs Stühlen und einem Stubenbuffet mit Glasvitrine. Ein altes Radio gehörte auch noch zum Inventar, wie auch ein grüner Kachelofen, der aus der Küche beheizt werden konnte. Auf der Seite zum Garten hin befand sich das Schlafzimmer, ausgestattet mit zwei grossen Betten, einer Kommode und einem Schrank. Nach hinten orientiert befindet sich die Küche mit direktem Zugang zum Hof. In dieser Küche stand nebst einem eisernen Holzherd, ein steinerner Schüttstein mit einem Kaltwasserhahn und einem hölzernen Rüsttisch sowie diverse Tablare mit Geschirr. Die ganze Einrichtung war sehr spartanisch gehalten, Bilder oder anderen Krimskrams gab es nicht.

 

Die Böden in Küche und Wohnstube bestanden aus gestampftem Lehm, lediglich das Schlafzimmer hatte einen eher rohen Holzboden. Entsprechend dunkel, modrig und feucht - muffig war es im Haus, trotz ständig offener Türen und Fenster. Wie ungemütlich muss es denn erst im Winter gewesen sein.

 

Nun, ich habe festgestellt, dass sich im Sommer das Leben eher im Freien abspielte als in der Wohnung, selbst das Mittag - und Nachtessen, wenn das Wetter entsprechen trocken und nicht zu kühl war, wurde im Freien eingenommen. Grossmutter schlief über die Zeit, wo wir bei ihr in den Ferien weilten, nicht im Stöckli, sondern in einer Kammer bei Schneiders. Tagsüber wechselten wir jeweils unsere Position, Grossmutter kam ins Stöckli zurück und wir Kinder zu Schneiders auf den Hof. Da gab es jeweils eine menge zu entdecken. Nebst Kühen, Kälblein, Schweinen und Pferden war da auch „ Barri „ ein grosser Bernersennhund, der für uns natürlich nicht ein Wachhund, sondern ein Spielkamerad war. Meistens hatten wir auch mit Schneiders zu Mittaggegessen und waren auch bei Feldarbeiten mit dabei. Abends zur Melchzeit war dann im Stall einiges los, die Kühe standen schon eine längere Zeit ungeduldig an der Koppel um in den Stall gelassen zu werden, drinnen wurden die Kälblein ungeduldig, weil sie Hunger hatten. Beim melchen durften wir ebenso mithelfen wie auch bei allen anderen Arbeiten im Stall. Entsprechend haben wir dann auch abends gerochen. Ein großes Erlebnis war dann, wenn die Milchtansen zur Käserei gebracht werden mussten. Da wurde jeweils Barri wie ein Pferd vor einen Kleinen Wagen gespannt, zwei Tansen aufgeladen und natürlich auch einer von uns Buben, und dann ging es in frisch fröhlichen Trab zur Käserei. Interessant, dass Barri weder hin noch zurückgeführt werden musste, er kannte offenbar den Weg bestens. Anschliessend musste noch unser ach so übler Geruch entfernt werden, in dem wir kurzerhand und natürlich Nackt in den grossen Brunnen, der neben dem Bauernhof und Garten vom Stöckli steht, gesetzt, und mit einer Kernseife sauber und „ geruchsfrei „ gewaschen wurden. Also mir war eigentlich der Stallgeruch lieber als der von der Kernseife.

Nach dieser Prozedur gab es ein währschaftes Nachtessen, das jeweils aus einer Speckrösti oder gebratenen Teigwaren mit Kaffee und einem grossen Stück Brot bestand. Anschliessend wurde noch bis zum eindunkeln zusammen mit Schneiders und zeitweilig auch mit Besuchern aus dem Dorf geplaudert und Erinnerungen ausgetauscht, die vor allem unseren Vater sehr bewegten. Ist er doch hier in Ersigen aufgewachsen, und leider als Verdingbub zu den Bauern in der ganzen Umgebung zu harter Arbeit ausgeliehen worden. Von seiner hier verlebten Jugend hatte er glaube ich nicht viele gute Erinnerungen. Da für die meisten, außer uns Feriengästen, am andern Morgen wieder arbeiten angesagt war, wurde im Allgemeinen früh zu Bett gegangen.

 

Eines Morgens nahm mich Grossmutter mit auf die Stör, den sie war noch nebst ihrer Tätigkeit als Grossmutter auch noch Waschfrau. So zogen wir Frühmorgens, nach dem wir Kakao und Butterbrotschnitten gegessen hatten, mit dem mit Kernseife und verschiedenen anderen Pulvern und Flocken beladenen Leiterwagen los. Die anderen Familienmitglieder waren noch nicht aufgestanden, also es war sicher nicht später als 06:00 Uhr. Wie ich dann aber bald feststellte, mussten wir grosse Strecken zu Fuss zurücklegen, denn die einzelnen Bauernhöfe waren teilweise recht verstreut aufgestellt worden, und deren Anmarschweg war nicht selten eine Stunde lang. Pro Tag wurden von Grossmutter höchstens zwei Höfe angelaufen, denn erst musste der Waschkessel angeheizt, die Wäsche aussortiert und je nach dem in grossen Zubern eingeweicht oder vorgewaschen werden. Zwischen durch gab es auch Znüni, Mittagessen und Zvieri und auf den fremden Höfen für mich allerlei zu entdecken. Bei der Wäsche zu helfen war nicht so meine Sache, denn es wurde auch noch andere „ Wäsche „ gewaschen. Ich weiss nun auch nach diesem Erlebnis, woher der Name „ Waschweiber „ stammt. Am Abend war ich dann so müde, dass ich bereits nach dem Nachtessen und dies erst noch freiwillig, zu Bett gehen wollte.

 

Im nu und viel zu schnell sind so diese zwei Wochen Ferien verstrichen und es musste ans packen gedacht werden. Die für uns Kinder wohl bekannte aber völlig unbegreifliche Nervosität und Hektik kam dann wie erwartet zwei Tage vor der Rückreise auf, also flüchteten wir uns nochmals tüchtig Richtung „ Arbeit „ auf den Hof von Schneiders, und haben die tolle Atmosphäre mit den vielen Tieren nochmals herzhaft genossen. Eines hat mich aber trotzdem noch beschäftigt, wie kann ich den Abschiedskuss meiner Grossmutter verhindern? zu einer Lösung kam ich leider nicht, aber ich habe es scheinbar überlebt.

 

© 2008 bei Hans-Peter Zürcher

 

                                  

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