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Neue Texte

 

Abschied

6. April 2008 / 29. Juli 2010

 

Die Eintönigkeit der Bahnfahrt wird an jeder Haltestelle, die kurz zuvor ausgerufen wird, für kurze Zeit unterbrochen. Ob wohl der Zug gut besetzt ist, herrscht Ruhe und eine eher eintönige Stimmung. Einige Passagiere haben keinen Sitzplatz und stehen draußen vor dem Abteil. Die meisten der Fahrgäste hören über ihre mp3 – Spieler Musik, sind in eine Zeitung oder in ein Buch vertieft oder dösen vor sich hin.

 

Die Ruhe im Eisenbahnwagen genieße ich zum einen, ein wenig geplaudert aber hätte ich schon sehr gern. So beobachte ich dann die einzelnen Fahrgäste. Die, die schon länger im Zug saßen, kannte ich nun schon einiger maßen gut, so meinte ich wenigstens. Im Abteil mir gegenüber sitzen zwei junge Frauen. Auch sie sind jede für sich mit Musik und etwas lesbarem beschäftigt. Kommunikation scheint heute nicht mehr gefragt zu sein, alle wollen nur noch für sich alleine sein, keine Gespräche, kein Lächeln, nichts, alle sitzen da mit dem gleichen versteinerten Gesichtsausdruck.

 

Auf der linken Seite kann man zwischen den Häuser- reihen und Baumalleen ab und zu den Bodensee erkenne mit dem nahen, gegenüberliegenden Schweizerufer. Der Himmel ist bedeckt, doch die Weitsicht ist dank Föhn vorhanden. Das eintönige Rumpeln und Wiegeln des Eisenbahnzuges wurde kürz vor einer jeweiligen Einfahrt in einen Bahnhof durch hüpfendes dädedämm dädedämm dädedämm, das einen metallischen Nachklang hatte, unterbrochen. Aus dem Lautsprecher ertönt eine eher unpersönliche Durchsage, die im Rattern beim überfahren der Weiche beinah untergeht: “Radolfzell, bitte benutzen sie zum Aussteigen den Ausgang auf der linken Seite„. Die Bremsen quietschen, der Zug hält an. Im Wagen entsteht geschäftiges treiben, einige Passagiere steigen aus, die die bis an hin draußen vor dem Abteil gestanden haben, suchen nun nach einem freien Platz. Draußen auf dem Fahrsteig steht eng umschlungenes und sich heftig küssendes Liebespaar. Er löst sich aus der Umarmung und möchte einsteigen, kann aber nicht loslassen, sie umarmen sich erneut heftig und innig. Sie lösen sich wieder, schauen hoch zu Bahnhofuhr, beide Tränen in den Augen und umarmen sich nochmals heftig. Zwei, drei Worte, ein Kuss, einletzter Händedruck, dann entgleitet der Mann aus der Hand seiner Geliebten und eilt dem Eingang zu. Völlig verweint steht sie nun suchen da und schaut aufgeregt, in welches Abteil er dann einsteigen würde. Er kommt in unser Wagenabteil, hastig eine Träne abwischend und setzt sich mir gegenüber zu den beiden jungen Frauen. Die beiden Liebenden werfen sich nun beständig und beherzt Kusshände zu und versuchen, trotz ihres sichtlich großen Trennungsschmerzes zu lächeln.

 

Langsam beginnt sich der Zug in Bewegung zu setzten. Der Mann stützt sich mit der einen Hand am Fenster ab, mit der schickt er seiner Geliebten nochmals einen letzten Kuss zu und sinkt dann zurück in seinen Sessel, die Hände übereinander gelegt auf das Mitteltischchen. Ein Strom von leisen Tränen rinnt über sein Gesicht. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass die junge Frau, die ihm gegenüber sitzt, ihn mit großen Augen beobachtet. Sie hatte, wie ich auch, diesen Abschied bereits auf dem Bahnsteig beobachtet. Und nun geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte. Sie zieht ihre Ohrhörer raus, stellt den mp3 – Spieler ab und legt ihre Hand auf die Hände von ihrem ihr gegenüber sitzenden fremden Mann. Mit der Anderen reicht sie ihm ein Taschentuch und lächelt ihn verständnisvoll an. Sie scheint selbst von diesem Abschied berührt zu sein.

 

Dädedämm dädedämm dädedämm, der Zug rattert über die letzten Weichen von Radolfzell, draußen flitzen Bäume und Häuser vorbei, ein letztes Aufblitzen des Bodensees, dann eine düster werdende Landschaft mit Wälder und Felder, eine Landschaft, die langsam beginnt einzudunkeln. Mit eintönigem Rumpeln verliert sich der Zug in die eindunkelnde Nacht, dädämm dädämm dädämm...

 

© Hans-Peter Zürcher

 

 

Zwiegespräch zwischen jung und alt

 

19. Juni 2010

 

Warum gibt es immer wieder Kriege, wenn man doch, wie du mir erzählt hast, aus der Weltgeschichte erfahren kann, dass immer wieder Menschen getötet, verletzt und gequält werden und alles rundum zerstört wird?“...schweigend und nachdenklich über diese Frage spazieren Grossvater und Enkel über einen Feldweg…

 

Peterle erinnerte sich an die vielen Geschichten aus dem grossen Krieg, die ihm Grossvater immer wieder einmal erzählte. Wie damals die Menschen immer wieder des Nachts auf die Hügel rund ums Dorf gestiegen sind. Von denen aus hatten sie dann eine freie Sicht bis weit über den Bodensee. Er sprach von dröhnenden Flugzeugen, von Donnerhall der Bomben und vom hellen Schein  brennender Städte drüben in Deutschland. Von weissen Leuchtfeuern, die mit ihrem hellen Lichtkegel den Himmel absuchten nach Flugzeugen. Er erzählte vom Verdunkeln der Häuser und dass alle Strassenlaternen ausgemacht worden sind. Peterle verstand nichts von all dem und trotzdem hörte er den Geschichten gerne zu. Mit seinen 6 Jahren war Krieg für ihn ein Fremdwort, das aber irgendwie schrecklich klang, trotz seiner harmlosen Buchstaben. Verletzen, Quälen, alles Worte die schmerzen. Das verstand Peterle sehr wohl. Denn wie oft war er schon hingefallen, hatte sein Knie oder seinen Arm aufgeschlagen und so verletzt. Das hat ihm dann grosse Schmerzen zugefügt, die ihn wohl sehr gequält hatten. Aber Töten, das verstand er nun wirklich nicht.

 

…Es war Frühsommer, ein warmer, ja schon heisser Morgen kündete einen eben solchen Tag an. „Es wäre doch ein Einfaches, miteinander in Friede zu leben, so wie du und ich. Es gibt doch so viel schönes auf dieser Welt. Schau doch Grossvater, dieser wunderbare Schmetterling, wie er friedlich auf dieser Blüte sitzt, die vielen Blumen,  wie sie sich leicht im Wind bewegen, die vielen Vögel, wie sie wunderbar singen“. Grossvater lächelt und fuhr mit seiner Hand seinem Enkel durchs Haar. „Ach mein Peterle, ja wunderbar ist unsere Welt, friedlich hier auf dieser Wiese. Aber weit von hier, in fernen Ländern, das sieht es anders aus. Ja, in Frieden leben, das wäre wirklich sehr einfach und dennoch, es  ist sehr kompliziert“, er macht eine kurze Pause, „ich glaube, dass sich erst dann Frieden auf dieser Welt einstellen kann, wenn der Mensch mit sich im Einklang ist, also in sich selbst Frieden findet“. „Das verstehe ich nicht, du hast ja auch Frieden in dir, ich habe dich noch nie grob oder streitend gesehen.“ Nach einer kleinen Pause, „Aber den Vater hab ich schon gehört, in einer Nacht, da hat er einmal laut gewettert und die Türe geschlagen hat“. Peterle ist ob seiner Worte erschrocken, nun waren sie aber schon über seine Lippen gekommen, ein Erlebnis, das er eigentlich niemandem erzählen wollte. „Ich weis, Peterle, ich weiss“, entgegnete Grossvater in ruhigem Ton, „brauchst deshalb nun keine Scham zu haben, das habe ich auch mitbekommen. Weißt du, dein Vater hat eine schlimme Jugend gehabt, er durfte nicht zur Schule, sondern musste bei den Bauern streng arbeiten. Ja, im Winter, wenn es im Feld nichts und auf dem Hof nur wenig zu erledigen gab, dann durfte er zur Schule, aber auch nur dann, wenn es keinen Schnee hatte. Sein Schulweg war lang und beschwerlich“. Peterle verstand wohl, konnte es sich aber nicht so recht vorstellen, dass es Kinder gibt, die nicht spielen dürfen, aber dafür arbeiten müssen. Das mit dem Einklang war auch so etwas schweres, das zu Verstehen nicht einfach ist. Aber Frieden, ja, das konnte er sich gut vorstellen, denn er wusste, dass es das Gegenteil von Streiten ist. Und Streiten, das mochte er gar nicht ertragen. „Aber, Grossvater, warum ist der Mensch denn nicht fähig in Frieden zu leben, es ist doch ganz einfach. Wenn ich als Bub das kann, dann sollten es doch die Grossen auch können, die sind doch alle gescheit“.

 

Grossvater wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiss von der Stirn, in dem er seinen Sommerhut abhob, zugleich wischte er auch gleich noch das Schweissband im Hut aus. „Komm Peterle, setzen wir uns da drüben in den Schatten“. Ein wunderbares Plätzchen hatte sich Grossvater ausgesucht, unter einem grossen Baum stand ein wunderbare, hölzerne Sitzbank, von der aus man eine grossartige Aussicht bis hinunter zum Bodensee. „Weist du Peterle, die Erwachsenen können nicht mehr so denken wie die Kinder. Sie meinen, weil sie gross und erwachsen sind, sind sie auch gescheiter. Dabei haben sie die natürliche Denkweise verloren, ausgetauscht gegen ein Wissen, das nicht immer nur gutes in sich hat“. „Ach so, dann möchte ich nie erwachsen werden Grossvater“. Grossvater lächelte und streichelte Peterle übers Haar. Dieser schmiegte sich in Grossvaters Arm und fühle sich dabei sehr behütet und beschützt. Schweigend sassen die beiden so auf dieser Bank, jeder in sich gekehrt, friedlich und gelöst. Rundherum summte und brummte es, Bienen und allerhand anderes Fluggetier erfreute sich diesem schönen Sommertag. Ein leichter Wind liess die Blätter des schattenspendenden Baums leicht erzittern.

 

© Hans-Peter Zürcher

 

 

Wo ein Baum steht gibt es auch Schatten

 

20.  Februar 2010 / 24. Juli 2011

 

Wo ein Baum steht gibt es auch Schatten, wo Leben ist gibt es auch Tod, wo es Tage gibt, gibt es auch Nächte und nach jedem Traum gibt es auch ein Erwachen, die Polarität besteht und bestimmt unseren Lebensrhythmus.

 

Auch die Natur bestimmt diesen Rhythmus. Ein Rhythmus als regelmäßig wiederkehrende Zustände und Veränderungen. Werden-Sein-Vergehen. Unser Leben und das unserer Nachkommen hängt letztendlich von unserem Handeln, vom Umgang mit uns selbst und mit der Natur ab.

 

Nun, das Leben ist kein Traum, dennoch erwachen wir ständig aufs Neue über all dem Wahnsinn, der vom Menschen erzeugt, den Rhythmus des Natürlichen stört oder gar zerstört. Und genau das ist doch der springende Punkt. Der Mensch glaubt, allmächtig zu sein. Er allein kann über Werden-Sein und Vergehen bestimmen. Es ist aber leider ein Trugschluss, er kann eingreifen, dazu ist er wohl in der Lage, das Resultat sehen wir aber täglich aufs Neue. Daraus wachsen Schatten, die wie Trauerflor über unsere Welt schweben. Unter ihm Tod und Verderben, Angst und Schrecken.

 

Dazwischen Lichtblicke wie Hoffnung und Freude, Liebe und Glück. Dies sind Grundwerte die jeder Mensch kennt, zu mindest mehr oder weniger. Wenn der Mensch Fähigkeiten hat solches zu erkennen, einzugreifen, dann sollte er auch die Fähigkeit besitzen und nutzen und all das zu schützen, was Leben bedeutet. Sei es nun all die Lebewesen auf dieser Erde, aber auch die Natur, seine Lebensgrundlage. Der Mensch besitzt die Fähigkeit zu denken, sich eigenständig zu bewegen und zu handeln. Er allein ist für sich und sein Handeln verantwortlich. Aber er hat ebenso Verantwortung zu tragen, was er seinen Nachkommen weitergibt, was er seinen Nachkommen hinterlässt. Nur, Verantwortung zu tragen scheint leider ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. In der Endlichkeit seines Daseins, ja da könnte der Mensch Verantwortung tragen, zumindest redet er davon. Einhalten wird er es aber kaum können. Denn die Wirklichkeit überrennt ihn, holt ihn ein und überrollt ihn. Also muss es die nächste Generation ausbaden, was ihre Vorfahren hinterlassen haben. Bekanntlich werden aber aus Vergangenem keine Lehren gezogen, der Rhythmus hat seinen Takt gefunden, man redet weiter von Verantwortung tragen, leider redet man nur davon. Ein ewiger Kreislauf des menschlichen Wahnsinns...

 

Somit schließt sich für mich ein Kreis, ein Kreislauf der wie unsere Natur sich immer wieder auf's Neue durchlebt. Nur ein kleiner Unterschied wäre zu vermerken, Was der Mensch zerstört hat, ausgerottet hat, ist diesem Kreislauf entzogen. Sein Handeln aber hat sich längst in diesen Kreislauf eingebunden und die Zerstörung frisst sich weiter um den Planeten Erde wie ein Feuer, das alles verbrennt.

 

Die Natur braucht uns Menschen nicht zum Leben, aber wir Menschen brauchen die Natur zum Leben.

 

© Hans-Peter Zürcher

 

Weg der Tugend

 

13. Februar 2010

 

Wohin des Weges?“ ein wenig aufgeschreckt aus seinen tiefen Gedanken sieht ein junger Wanderbursche einen alten, ergrauten Mann am Wegesrand sitzen.  „Ach“ antwortete der junge Wanderbursche, „ich wandere auf dem Pfad der Tugend“. „Das ist sehr weise von dir“, der Alte machte eine kurze Pause, „weißt du, wer keine innere Haltung besitzt, kann diesen Weg nicht beschreiten. Er ist nicht immer einfach zu begehen, ab und zu kann er auch sehr beschwerlich sein“. „Ja, das hast du vollkommen recht. Weißt du, ich durfte auf meinem Weg bereits zwei Tugenden kenne lernen. Der Glaube und die Liebe. Die Hoffnung ist die dritte Tugend, die ich noch erlernen möchte. So einfach das Wort Hoffnung auch klingt, es ist gar nicht so einfach, diese zu erlangen“. „Oh“ antwortete der Alte, „das ist wahrlich so. Die Hoffnung ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt, ohne dass eine wirkliche Gewissheit darüber besteht. Und genau im Letzteren liegt die Erschwernis, diese Tugend zu erlernen“. Er machte wiederum eine Pause, betrachtete den Jüngling und lächelt. „Schau“, redet er weiter, „du hast den Glauben gefunden und auch die Liebe kennengelernt, also wird es dir leicht fallen, auch der Hoffnung zu begegnen“. Nun lächelt der Jüngling zurück, ein strahlen und leuchten erhellt seine Augen. „Oh ja, jemand hat mir einmal gesagt, dass Glaube und Liebe getragen werden von Hoffnung“. „Genau so ist es mein junger Freund, Glaube beruht auf Willen und ist absolute Wahrheit und die ist wiederum dem Glaubensinhalt unterstellt. Glaube unterscheidet sich aber von Wissen. Er beruht auf Vermutung, welche die Wahrheit des vermuteten Sachverhalts wohl annimmt, aber  gleichzeitig vieles offen lässt, was sich letztendlich als Tatsache oder Erkenntnis widerlegt. Somit wandelt sich Glauben zu wissen“. Nach einer kurzen Pause fährt es fort, „Glauben kann aber auch die Bedeutung haben, jemandem zu vertrauen“. „Dann ist es also so, dass Hoffnung uns Menschen positiv stimmen, kann in die Endlichkeit unserer Existenz“ antwortet der Jüngling in etwas fragender, aber doch bestimmender Haltung. „Ja, genau, mein junger Freund, genau so wie die die Liebe, die du ja ach bereits kennengelernt hat“. Er lächelt dem Jüngling verschnitzt zu. „Ja, sicher“ antwortet der junge Bursche, „ ich habe erfahren dürfen, und das schon als Kind, dass die Liebe mit schönen Gefühlen und innerer Wärme verbunden ist. Eine starke Zuneigung, das Lebewesen zu empfinden fähig macht. Es entstehen mächtige Gefühle, eine innere Haltung positiver und inniger Verbundenheit“.

 

Der Alte steht auf, legt seinen Arm über die Schulter des Jungen und geht so einige wenige Schritte mit ihm des Weges. Dann bleiben sie stehen, „siehst du, so wenig braucht es, und du erlangtest die Grundwerte der Tugend. Ja, du hast diesen wichtigen Weg auf dich genommen und das ist auch recht so. Denn Tugend ist ja nichts anderes als Besitz einer positiven Eigenschaft. Nämlich eine Fähigkeit, die innere Haltung und das Gute mit innerer Neigung zu verbinden. Dieses Teilstück deines Lebensweges hast du nun erfolgreich hinter dich gebracht und bist bereit, den Weg der Weisheit zu begehen. Über den Weg der Tugend zum Baum der Erkenntnis“...

 

© Hans-Peter Zürcher

 

 

Stumme Minuten

 

24. Januar 2010

 

Das Zugabteil ist noch fast leer an diesem frühen Herbstmorgen, was mir nur recht ist, so kann ich die Eisenbahnfahrt geniessen. Auf dem gegenüberliegenden Geleise fährt ein Zug ein. Die schwere Lock schiebt ein Rumpeln und Vibrieren vor sich hin, im Schlepp ebenso schwere Wagen nach. Menschenschlangen stehen im Zwischengang, bereit zum Aussteigen. Jeder möchte der Erste sein, eine menschliche Angewohnheit. So zieht dann draußen auf dem Perron es eine grosse Menge Menschen in Richtung Ausgang. Dazwischen Menschen, die zum Einsteigen in den eingefahrenen Zug  bereit stehen. Umarmungen und Küsse, Tränen und Lächeln von Wegreisenden. Winken und Rufen, Umarmen und Küssen von Ankommenden. Durchsagen dringen in Wortfetzen in mein Zugabteil. Ein Kommen und Gehen draußen auf dem Perron, Ruhe hier im Wagen. Nur ab und an das Rascheln einer Zeitung, die umgeblättert wird.

 

Doch die angenehm dumpfe Ruhe im Abteil wird kurz vor der Abfahrt durch eine ausgelassene Schulklasse jäh unterbrochen. Lachend und schwatzend, voller Übermut stürzt sie in munterem durcheinander ihren Wunschsitzplätzen im Wagen zu. In dieses überhitzte Treiben, das voller Freude über ihren Schulausflug entsteht, mischt sich nun das metallische, rhythmische Fahrgeräusch des anfahrenden Zuges. Ein leichtes hin und her Wiegen über Weichen und Kreuzungen, das sich allmählich in ein ruhiges, gleichmassig dumpfes Rattern auflöst. Draußen flitzen in rascher Abfolge Fahrleitungsmaste, nahe stehende Bäume und Häuser vorbei. In dessen sich die Hügel, Wälder und Häusergruppen in der Ferne nur langsam aus dem Blickfeld meines Fensters entfernen.  Meine Gedanken folgen meinen Blicken, die sich in die vorüber ziehende Landschaft verlieren.  

 

Die Schüler scheinen sich beruhigt zu haben, ab und zu dringen einige Wortfetzen oder Lacher an mein Ohr. Die Zeit zog dahin wie die Landschaft vor meinen Augen. Die Zeit, das unbekannte Wesen...

 

Die Wahrheit steckt im Kleinen, die Zeit schreitet unaufhörlich in die Weite des Universums

und wir folgen ihr.

 

Die Zeit ist unabdingbar, die Wahrheit auch,

das Echo kommt aus dem Universum.

Wenn wir dort angelangt sind, wissen wir mehr,

mehr über die Zeit und deren Wahrheit.

Unsere Seele wird sich in die Unendlichkeit verlieren...

 

und wir mit ihr.

 

Der gleichmäßige Gesang der rollenden Räder wird nun durch das hin und her Wiegen abgelöst. Weichen und Kreuzungen werden überfahren. Der hohle Klang einer Flussbrücke, dann wieder das Rattern und Rumpeln über Schienenstränge die kreuzen, verzweigen und zusammenführen. Der Zug wird langsamer. Parallel fährt ebenfalls ein Zug dem Bahnhof entgegen, mal ein wenig schneller als wir, dann wieder langsamer. Menschen schauen sich gegenseitig an, die einen lächeln oder schicken ein freundliches Nicken herüber. Da winkt ein freudestrahlendes Kind, das seine Nase an der Fensterscheibe platt drückt. Dann trennen sich die beiden Züge wieder, um auf verschiednen Perrons in den Bahnhof einzufahren. Während dieser Einfahrt sind auch die Schüler wieder lauter geworden und drängeln dem Ausgang zu. Erwartungsvoll und neugierig, wie ihre Reise wohl nun weitergehen wird. Draußen auf dem Bahnsteig stehen nur wenig Menschen, Lautsprecherdurchsagen dröhnen mit einem kalten Echo aus der großen Bahnhofhalle, Bremsen quietschen und mit einem kurzen, aber heftigen Ruck steht der Zug still. Das muntere Durcheinander der Schüler verklingt und eine fast unheimliche Ruhe macht sich hier im Wagen breit.

 

Die Hoffnung, dass sich im gegenüberliegenden Abteil wiederum niemand niederlässt verblasst. Noch während sich der Zug nun wieder langsam in Bewegung setzt,  macht es sich ein jüngeres Paar in den Sitzbänken bequem. Ihr Reisegepäck ist schnell verstaut. Ruhig und ohne Worte sitzen sie sich gegenüber, beide ihren Blick hinaus in die vorüber ziehende Landschaft gerichtet. Er das Kommende sehend, sie das Vergangene. Stumme Minuten verfließen so zu einer stummen Stunde. Ab und zu kreuzen sich ihre Blick, ein schwaches Lächeln huscht über ihre Gesichter, das aber so schnell wie es gekommen war, wieder verschwindet und einem gleichgültigen Gesichtsausdruck platz macht. Ihre Augen suchen wieder das Weite in der Landschaft. Was mag in ihren Köpfen wohl vor sich gehen? Er das Kommende sehend, sie das Vergangene?

 

Auch ich lass wieder meinen Blick in die Ferne schweifen, meinen Gedanken freien Lauf gewähren... 

 

Der Herbst ist die Blüte des Sommers,

entstanden aus einer erwärmenden Liebschaft

aus Winter und Frühling.

Denn ohne diese würde dem Herbst der goldene Glanz fehlen.

 

Und so ist es auch, die Farben der überschwänglichen Blättervielfalt der Bäume sind großartig. Da und dort in den Rebhängen werden noch Trauben gelesen, obwohl es schon gegen Ende Oktober geht. Während über dem Fluss, der nun eine Zeit lang uns begleitet, ein Hauch von Dunst sich breit macht, strahlt aus dem tiefem blau des Himmels eine wärmende Sonne, von der man sich sehr gerne ein wenig verwöhnen lässt.

 

Das Paar im gegenüber liegenden Abteil schweigt sich immer noch aus. Aus stummen Stunden werden wieder stumme Minuten, während er das Kommende sieht und sie das Vergangene...

 

© Hans-Peter Zürcher    

 

 

Sternennacht

 

25. Dezember 2009

 

Ein frostig eisiger Wind lässt die ohnehin schon kalte Nacht erstarren. Sternenklar und mit unheimlicher Tiefe zeigt sich der Nachthimmel. Da und dort steigt Rauch aus Kaminen, dessen weißliche Dampffahne sich sehr schnell in der trockenen Luft verflüchtigt. Aus einigen Fenstern, die noch nicht mit Läden der Käte wegen verschlossen sind, schimmert gelblich wärmendes Licht in die unendliche Kälte der Nacht.

 

Der Bursche, der in seinem Kämmerlein am Fenster steht und seinen Blick gleich seinen Gedanken hinaus in diese unwirtlich kalte Nacht schickt, fröstelt es ein wenig. Nein, nicht die Kälte von draußen ist es, das ihn in seinem warmen Stübchen frösteln lässt...

 

„Ich hol dir die Sterne vom Himmel“ flüstert ihm sein Schatz ins Ohr. Es war eine kühle Sommernacht in den Bergen. Sie saßen Hand in Hand auf dem Bänklein vor der Hütte und schauten gemeinsam in den klaren Nachthimmel. „Weißt du mein Schatz, oft sitze ich am Abend, wenn sich der Himmel öffnet und all die vielen Sterne und der Mond sich mir zeigen, am Fenster in meiner Stube. Ich fühle, dass du in der Fremde gleiches tust. So sind wir uns dann immer ganz nah, wie jetzt, gell“.

 

...Ja, genau so empfindet er auch jetzt, in dieser hellen, kalten Nacht. Gerade jetzt, wo er in seinem Stübchen in der Fremde am Fenster steht und in den klaren tiefen Himmel schaut. < Ja, jetzt steht auch mein schatz am Fenster und blickt in denselben Himmel, zu denselben Sternen >, geht ihm durch den Kopf. - Ich hole dir die Sterne vom Himmel - Ein Gefühl von Freude und Trauer, von tiefer Liebe und Sehnsucht steigt in ihm hoch. Mit diesen Gefühlen steigt auch eine Träne in ihm hoch, eine Träne, die sich mit vielen weiteren auf seinem Gesicht verflüchtigen und in ewige Gedanken an seine Liebste entschweben wie Sternschnuppen am Firmament...

 

„Weißt du mein Schatz, wenn ich dann mit deinen Briefen in meiner Hand so am Fenster stehe, muss ich oft weinen. Ich vermisse dich all die lange Zeit die uns trennt. Wir sind uns so nah und so weit. Ab und zu kullert eine Träne von mir auf Deine Briefe, vermischt sich mit der Tinte deiner Worte und verschmilzt so zu einem Ganzen, genau so, wie unsere Liebe“.

 

...Er fühlt, dass auch sein Schatz jetzt zur gleichen Zeit in den gleichen, kalten Nachthimmel schaut. Wie sich seine Gedanken mit denen von seiner Liebsten sich im Universum verlieren, wo sie sich verbinden zu einem Ganzen, einer innigen, großen Liebe.

 

© Hans-Peter Zürcher

 

 

Herbstgefühle

 

11. Oktober 2009

 

Düster schon am Morgen, doch auch später gegen Mittag wollte es einfach nicht richtig Tag werden. Die Sonne versucht vergebens, das dicke Graumelierte des Himmels mit ihren Strahlen zu durchdringen. Dennoch fühlt man ihre Milde, im seichten Schimmer, der durch diese graue Masse dringt. Die goldgelb- und rotgefärbten Blätter der Bäume sind die einzigen Lichtblicke, die mit ihren Farben den Tag aufzuhellen vermögen. Ihre Schönheit verliert sich aber rasch einmal im seichten Nebelgebilde, das sich über die nahe Wiese gelegt hat und sich nun in lauen Wellen über Wald und Feld verteilt. Eine meditative Ruhe verspinnt sich mit diesen Nebelchen, die wohl einem Sonntag entspricht, aber mit dieser traurigen Düsterheit eher bedrückend wirkt. Noch habe ich die Gesänge der Vögel im Bewusstsein, das farbenfrohe Auf und Ab der Schmetterlinge vor Augen, das Summen von Bienen und Hummeln in Erinnerung. Aus diesem grauen, feuchtnassen Etwas sind nur ab und zu Krähen mit ihrem Geschrei und das zaghafte Glockengebimmel von einigen Rindlein zu vernehmen. Die Krähen sind auf dem Weg zu ihren Futterplätzen, die Rindlein nehmen das letzte frische, saftige Grün zu sich, bevor ihnen dann im Winter nur noch trockenes Heu zur Verfügung steht…

 

Die Schwere eines solchen Herbsttages lastet nicht nur über der Landschaft, sondern sie setzt sich auch in uns Menschen nieder. Ungefragt, sie ist einfach da. Eine passende Musik auflegen um so meinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu gewähren, scheint mir das Richtige zu sein. Das flackern einer Kerze, die mit ihrem schwachen Lichte ein wenig Wärme vermittelt, lässt Schatten an den Wänden in meinem Kämmerlein tanzen, als wollten diese mich ein wenig aufheitern.

 

Mozarts Requiem scheint mir bestens geeignet, meine Herbstgefühle zu ergänzen und zu untermalen. Berührende Trauergesänge vermischt mit hoffnungsvoll stimmigen Choreinsätzen, ein stetes auf und ab der Gefühle. Ein Kaleidoskop menschlicher Empfindungsfähigkeit hat uns dieser Mozart geschenkt. Helle Arien, farbig wie die Blätter an den Bäumen. Ein aufflackern von Herzlichkeit und Freude, wie die tanzenden Schatten an meinen Wänden. Wärme und Liebe vermittelnd, die eine schwerlastige tiefe Trauer aufzuhellen versucht wie der sanfte Lichterschein der Kerze auf meinem Tisch. Klänge der Verzweiflung, so kraftvoll und stark, dass sie unmittelbar berühren. In diesem  Requiem finden sich Phasen von Aufbegehren, Furcht, Hoffnung und Erlösung, einfach grossartig und befreiend. Diese wunderbare Musik setzt Gedanken in Schwingungen, die mehr zu vermitteln vermögen, als meine Worte es ausdrücken können, ein steter Wechsel zwischen persönlichem und überpersönlichem. Zufriedenheit und Glückgefühle stellen sich ein, die sich tröstend über vergangenes legen. Sauber und fein duftend wie ein frisches Laken, in das man sich gerne wohlig einwickelt, um sich dann in wunderbare Träume sinken zu lassen. Träume, die neues und wunderbares vermitteln, genau so wie das sanfte Frühlingserwachen nach einem kalten, strengen Winter.

 

…Nun hat es die späte Nachmittagssonne doch noch geschafft, die graue, nasse  Schicht aus Wolken und Nebel zu durchdringen. Freundlich lächelnd lässt sie Ihre milde über eine ausgekühlte, von Feuchte durchsetzte Landschaft gleiten. Eine Libelle scheint die Gunst der Stunde zu nutzen und schwebt über die feuchte Wiese, auch ein einzelner Kohlweissling flattert vergnügt durch dieses Milde des Spätnachmittags. Da und dort schimmert ein blasses Blau durch und verleit so,  zusammen mit dem wärmenden Licht der Sonne, den bunten Herbstfarben noch mehr Glanz. Ein leichter Wind, der nun ebenfalls aufgewacht zu sein scheint, lässt da und dort Blätter zur Erde schweben. Müde geworden legen sie sich nun zur letzten Ruh in den Schoss von Mutter Erde.

 

© Hans-Peter Zürcher

 

 

Wie die Sterne in den Himmel kamen

 

8. August 2009

 

Es gab einmal eine Zeit, da war es auf unserer Erde dunkel, so dunkel, dass man unten und oben nicht voneinander unter- scheiden konnte. Alles war einfach nur schwarz und kalt war es, so kalt, dass alles Stein und Bein gefroren war, denn ein eine dicke Eisschicht umhüllte Berg und Tal.  Nichts war zu hören außer das Heulen des Windes.

 

So ging es viele, viele Jahre, bis sich  plötzlich ein Rumpeln und Krachen in dieser unendlichen Dunkelheit bemerkbar machte, das immer heftiger wurde. Der Boden begann zu erzittern und zu beben und plötzlich, mit einem lauten Knall, öffnete sich der Selbige. Mit immenser Kraft wurde ein heller, grosser Feuerball in die Höhe geschleudert. Der war so rissen gross, hell und heiss, dass in seiner Nähe alles Eis zu  schmelzen begann und die weite Umgebung in hellem Lichte erschien. Eine große, trostlose Einöde, aus Eis und eben, wo dies geschmolzen, nichts als harter Fels. Die feurige, grosse Kugel flog hinauf in die grosse Dunkelheit  und erhellte, je höher sie flog, die Erde.

 

Und so gab es nun ein Unten und Oben, ein Hell und ein Dunkel. Licht und Schatten, letztere immer kleiner, desto höher die heiße Kugel flog. Als dann nach langer Zeit das grosse Licht sich nicht mehr weiter bewegte und immer am selben Ort in der Weite des Universums stillstand, begann das viele, grosse Eis zu schmelzen. Es bildeten sich  Bäche und Flüsse, die zu Seen heran wuchsen und zu großen Meeren. Die felsigen, kahlen Bergflanken wurden grün, Blumen und Bäume begannen zu wachsen und die Weite der Berge und Täler erblühte in den schönsten Farben.

 

Das grosse Licht, das die Erde nun erwärmte und die Blumen erleuchten liess, stand immer am selbigen Punkt still, bewegte sich nicht von der Stelle. Die Wasser- oberflächen der Bäche, Flüsse und Seen begann zu glitzern und zu funkeln. Die Abermillionen Glitzerpunkte gross und klein begannen derart hell zu Leuchten, dass selbst das grosse Licht in der Weite des Universums geblendet wurde.  Es wollte diesem Geflunker ausweichen und begann sich langsam abzuwenden. Die Schatten der Berge und Bäume wurden immer länger, je weiter sich das grosse Licht auf die Seite bewegte und plötzlich wurde es immer dunkler. Das glitzern und funkeln auf den Wasseroberflächen wurde, je dunkler es wurde, schwächer. Dafür begannen die Abermillionen Glitzerpunkte, die sich aus den Flüssen, Seen und Meeren erhoben haben,  in der weite des Universums zu funkeln. 

 

Als hätte das grosse Licht  Freude an diesem Spiel bekommen, begann es auf der entgegen gesetzter Seite sich wieder am fernen Horizont zu zeigen und als es festgestellt hatte, dass es nicht mehr geblendet wurde, stieg es höher und höher.  Die Glitzerpunkte im Universum begannen wieder langsam hinunter auf unsere Erde zu schweben und liessen die  Wasseroberflächen aus Neue erstrahlen, dass es blitze und Funkelte, bis sich das helle Licht geblendet wieder zurück zog. Dieses Spiel begann nun in gleichmäßigem Rhythmus  sich zu wiederholen.  So entstanden die Tages- und Nachtzeiten auf unserer Erde. Und wenn man bei schönem Wetter die Oberflächen der Seen, Flüsse und Meere betrachtet, kann man erkennen, wie sich die Sterne erneut auf den Weg nach oben in den Himmel bewegen. In der Nacht erfreuen sie mit ihrem glitzern dann erneut unsere Herzen.

 

© Hans-Peter Zürcher 

 

 

Rosaweißchen

 

2. März 2009

 

Es war an einem regnerischen Tag, anfangs März. Schon am Morgen wollte es nicht hell werden. Die Wolken hingen tief, grau und düster schauten sie übers Land. Die milde Temperatur und der Duft frischer, sauberer Regenluft konnten diesen Tag auch nicht aufwerten. Die Bäume waren noch kahl, das Gras glich eher einem Grüngelben Stoppelfeld mit erdigbraunem Untergrund als einer Wiese. Vereinzelt stehen Büschel von Schneeglöckchen, die traurig ihr Köpfchen hängen liessen. Nur das Treiben der Vögel, vornehmlich der Amseln und Meisen deutete zaghaft auf den kommenden Frühling hin. Geschäftig flogen sie von Strauch zu Strauch, von Baum zu Baum und suchten sich die besten Nistplätze aus. Gleichmäßig rieselte der Regen, eben so gleichmäßig tropfte es von Ästen und vom Dachrand. Ab und zu ertönte der schrei eines Eichelhäher oder das Gekreisch von weit oben vorbeiziehenden Saatkrähen und unterbrach so die eintönigen Tropfgeräusche des Regen. So, wie der Tag angefangen hatte, so hörte er auch auf, es wurde dunkel und selbst davor hatte der Regen keinen Respekt. Im Gegenteil, es begann heftiger zu Regnen, als ob der Himmel sämtliche Schleusentore geöffnet hat. Mit dieser regelmäßigen Eintönigkeit fiel es mir leicht, in einen ruhigen tiefen Schlaf zu versinken...

 

Silbersterne und eine schmale, liegende Mondsichel bereichern den tiefschwarzen Himmel, wobei das Leuchten der Venus weit im Nordwesten alles übertrifft, was da am Firmament glitzert und funkelt. In der Ferne da und dort eine Straßenlaterne, die ihren rötlichgelben Lichtkegel in die vom Nass des Regen dampfende Landschaft wirft. Außer der Ruf eines Käuzchen im nahen Wald ist nichts zu hören. Ab uns an tropft es vom Dach auf ein Pflanzenblatt. Stille, man getraut sich kaum zu atmen, denn dieses Geräusch scheint alles aufzuwecken, was rundherum in tiefem Schlaf liegt. So beobachte ich den wunderbaren Nachthimmel, der ab und zu von Sternschnuppen berieselt wird, die sich dann von Blauweiß in Rosaweiß  verfärbenden Schweifen der Erde nähern um sich plötzlich dann ins Leere des Universums zu verlieren. Irgendwo in der Nähe bellt ein Fuchs mit hoher jappsender Stimme, der auf Brautschau aus ist. Dann herrscht wieder schwere, dunkle Stille. Wieder zieht ein ganzer Schwarm Sternschnuppen über den weiten Himmel, als würden eine Handvoll Blüten von Rosaweißchen über unsere Erde geworfen. Leider ist es aber noch nicht Frühling, denn sonnst hätte man meinen können, dass sich die Sternschnuppen in wunderbare Kirschen- und Apfelblüten verwandelt haben.

 

...Aber meine Azalee in meiner Wohnstube öffnete genau in diese Nacht viele ihrer  Knospen und zeigt nun in ihrer ganzen Pracht rosaweiße Blüten, eben Rosaweißchen.

 

© Hans-Peter Zürcher 

 

 

Einsam

 

21. Januar 2009

 

Ernst war schon immer ein Einzelgänger gewesen, schon als Kind. Obwohl er mit seinem kleinen Bruder im selben Kinderzimmer gewohnt hatte, fand es den Zugang zu ihm nicht. Er spielte alleine, saß verklärt auf dem Boden und führte sein rotes Blechauto belanglos über seine gedachten Strassen. Den Motor nachahmend blubberte es vor sich hin. „Komm, wir spielen Post“ wurde er etwa von seinem Bruder aufgefordert. „ Nein“ war seine lakonisch knappe Antwort. „Ja“, „nein“, „ich weiss nicht“, das war sein ganzer Wortschatz und das mit 5 Jahren. Im Kindergarten wurde er als aufgeweckter Bub, aber auch als Einzelgänger taxiert. Redete kaum oder gab nur eine knappe Antwort. Das änderte sich auch später in der Schule nicht. Er war fleißig, hatte gute Schulnoten im Zeugnis, aber auch Vermerke wie - Ernst träumt -, oder - Ernst ist ein Einzelgänger -. Lehrer und Eltern machten sich Gedanken, der Schulpsychologe meinte aber nur, „Ernst ist intelligent, gescheit, und der Rest kommt dann schon noch, er wird seinen Knopf sicher noch öffnen“. Auch sein Studium als Mathematiker schloss er mit Bravour ab und bekam schon bald mal eine Anstellung in einem großen Konzern.

 

Viele Jahre vergingen, Ernst lebte allein und zurückgezogen in einem schönen, ruhigen Quartier in der Stadt. Verließ morgens pünktlich seine Wohnung, ging zur Arbeit und kam abends ebenso regelmäßig und pünktlich wieder nach Hause. All seine Schul- und Studienkollegen waren bereits verheiratet, oder sie hatten eine Freundin. Nicht so Ernst, alleine, in sich zurückgezogen lebte er vor sich hin, macht seine Arbeit zur besten Zufriedenheit seines Vorgesetzten. Entsprechend seiner Einzelgängerart, wurde ihm denn auch die Arbeit zugeteilt. Diese Arbeit bestand darin, dass er komplexe Berechnungen von noch komplexeren Aufgaben lösen musste, eine Arbeit, die keinen Kontakt zu anderen Menschen erforderte. Kontakt zu seiner Familie pflegte er eben so minimal, wie seine Antworten immer waren. Wenn er etwas gefragt wurde, gab er nach wie vor nur ein knappes  „ja“, „nein“ oder „ich weiss nicht“ zurück.

 

Ferien machte er zurückgezogen in seinem Reich, der kleinen Wohnung im ruhigen Quartier in der Stadt. Da er keine Freunde hatte, kam er auch nie Besuch in seine Wohnung. Der Familie verweigerte er durch seine Zurückgezogenheit ebenfalls den Zugang in seine Räume. Gegenüber seinen Mitbewohnern im Haus verhielt er sich eben so verhalten und zurückgezogen, dass die schon gar nicht merkten, dass in dieser Wohnung jemand lebte. Er war nie krank, kam immer pünktlich zur Arbeit und war seit nunmehr über dreissig Jahren so zuverlässig wie am ersten Arbeitstag.

 

Doch eines Tages geschah das unerklärliche, das keiner fassen konnte. Ernst erschien nicht zur Arbeit. Das machte seinen Vorgesetzten wohl stutzig. Er dachte sich aber im Moment nicht all zu viel, außer: - Ernst hat kein Telefon zu hause, war wohl krank geworden und wird sich dann morgen Früh schon melden, so zuverlässig er ja auch ist -. Als nach zwei Tagen immer noch nichts von ihm zu hören war, klingelte sein Vorgesetzter wieder an der Wohnungstür von Ernst, einmal, zweimal, doch niemand öffnete. Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal, nichts, kein Laut, nur Stille. Nun öffnete er zusammen mit dem Hauswart die Wohnungstür. Stille und Dunkelheit strömte ihnen aus dem Wohnungseingang entgegen und ein süßlich-muffiger Geruch. Küche und Bad waren fein säuberlich aufgeräumt, Ordnung auch im Schlafzimmer, das Bett unterrührt. Sämtliche Läden und Fenster geschlossen und …im Wohnzimmer, auf dem Boden sitzend, in sich zusammengesunken fanden sie Ernst, tot, vor sich ein rotes Blechauto…

 

© Hans-Peter Zürcher 

 

 

Engelgold

 

22. Dezember 2008

 

Ein früher, stiller Weihnachtmorgen, der noch in das Dunkel der ausklingenden Nacht gehüllt ist, die nur von einem sanft säuselnden Wind begleitet wird. Aus weiter Ferne erklingt ein lieblicher Chor, einmal stärker, dann wieder schwächer wahrnehmbar. Jubilierend, gleich einer Engelschar, ziehen die wunderbaren Stimmen den Berg hinauf. Man kann sie immer deutlicher wahrnehmen, die Melodie und die Worte "Dona Nobis Pacem". Als ob dieser liebliche Gesang ein Leuchten und Strahlen in die schlummernde Trunkenheit des frühen morgens bringen will, beginnt es am Himmel ostwärts zu Lichten. Die leicht schwebenden, weißlichen Wolkenfetzen, die sich aus dem Dunkel des Firmaments heraus lösen, schimmern wie ein zarter Hauch warmer Atemluft, der sich in die kalte Morgenluft verliert. Aus ihnen hervor schimmert ein bleicher Wintermond und glitzern die letzten noch sichtbaren Sterne. Kalt schimmern sie aus dem Schwarz des Universums zu uns herab und verbreiten draußen eine Winterkälte, die einem gerne im warmen Stübchen zurückhält, wäre da nicht der jubilierende Gesang, der immer näher kommt.

 

Die Luft draußen ist frisch und klar wie der durchschimmernde Sternenhimmel. Der Boden ist fest gefroren, der Schnee hart und eisig. Jeder Schritt lässt ein leises Knirschen unter den Schuhen ertönen. Abertausende kleinster Schneeeiskristalle schimmern und glitzern in den erwachenden Morgen. Das werdende Tageslicht und das warm schimmernde Licht der Straßenlaternen aufnehmend, funkelt und glitzert sie reflektierend in verzaubernder Weise hinaus in die Unendlichkeit.

 

Je näher der Gesang kommt, desto heller wird es. Zarte Rosatöne färben die weißen Wolkenfetzen, die sich inzwischen ein wenig verdichtet haben. Je heller es wird, umso kräftiger werden die Farben am Himmel, ein wunderbares Wechselspiel von Gesang und Licht, harmonisch aufeinander abgestimmt. Nun beginnt der Himmel zu leuchten und zu flammen, als ob tausend Engel Goldglimmer über die Welt streuen würden. Die Landschaft, der Schnee, alles ist in rotgoldene Farbe gehüllt. Auch die Sängerinnen und die Sänger des Chors, die Menschen an den Fenstern und auf der Strasse werden von diesem sonderbar anmutenden, mystischen Licht eingehüllt. Engelgold, verstreut über eine weihevolle Szenerie. Über dem vorüber schreitenden Chor schwebt eine zartes Wölkchen feuchter Atemluft, gülden schimmernd, der den Jubelgesang in eine Sanftmut von Gedanken einhüllt und weiter trägt. Dona Nobis Pacem, gib uns Frieden!

 

Zügig schreiten die Singenden weiter, und verlieren sich, so wie sie gekommen waren, in die Kälte der morgendlichen Winterlandschaft. Einer Landschaft, die nun die Nacht endgültig in den Tag verabschiedet hat. Das Leuchten des Himmels hat sich in ein kaltes helles Tageslicht verwandelt, blassblau, Wolken durchsetzt. Mit dem entschwundenen Gesang hat sich auch das rotgoldene Farbenspiel in eine frostige Helle aufgelöst. Eine kalte Stille beherrscht nun den Tag, selbst die Vögel haben sich in ihr aufgeplustertes Federkleid verkrochen und äugen so, gut geschützt, in die Umgebung.

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

 

Eine kleine wahre Geschichte

oder

Impression zur Depression

 

18. Oktober 2008

 

Ein milder Oktobermorgen kündigt sich mit sanftem Morgenrot an. Diesen schönen Morgen nutzten viele Menschen für einen Ausflug. Ein kommen und gehen, ein heftig Treiben wie schon lange nicht mehr. Eine Stimmung der besonderen Art scheint die vielen Menschen in ihren Bann zu ziehen. Schroffe Bergesflanken mit dramatisch wirkenden, steil nach unten fallenden Kanten. Im letzten Morgenrot schimmert der Berg noch dramatischer. Diese einmalige Stimmung treibt dem Einen oder Anderen Tränen in die Augen, die still und leise über seine Wangen kullern.

Gefangen von dieser dramatischen Aussicht herrscht eine schon fast andächtige Ruhe, die nur ab und zu von den in der Nähe herumflatternden Vögel unterbrochen wird. Nichts scheint all die hier staunenden Menschen, zu denen sich im laufe der Zeit immer mehr dazugesellten, aus der Ruhe zu bringen, außer dass auch vielen Neuankömmlingen bald einmal Tränen aus ihren Augen laufen und sich in ihre verkrampften, heulenden Gesichten verteilten.

Wie angewurzelt stehen sie da, und weinen über ihren großen Verlust, der ihnen widerfahren ist. Einem Absturz ins Ungewisse, vom Glanz der großen, mächtigen Höhentouren in ein dunkles, unergründliches Tal sind ihre Liebsten gestürzt. Ein unüberwindliches Drama, das sich der Witterung entsprechend aber schon seit einiger Zeit angekündigt hat. Da nützt auch ein sanftes Morgenrot, wie sie es die letzten Tage erfahren haben, nichts. Zu glitschig ist es geworden auf dem schmalen Grat, die Unvernunft trieb sie aber weiter. Trotz aller Warnungen, die sie in den Wind schlugen, mit einem ungebremsten Erfolgszwang treiben die den Weg nach oben voran. Selbst bröckelnde Massen, die von weit oben nach unten stürzten, und den einen oder anderen mit in die Tiefe riss, liess sie nicht vernünftig werden. Und nun sind alle abgestürzt, vernichtet und am Ende.

Einige der Weinenden lösen sich aus der Masse, sie können dieses Drama nicht weiter mit ansehen. Mit hochroten, vom Weinen benetzten Gesichtern, gehen sie davon, ihr Ausflug fand ein jähes Ende. Dass ihr Ausflug so beendet würde hätte nun wirklich keiner gedacht, nein, sie alle glaubten an einen breiteren, sicheren Weg, der immer und stetig nach oben führt. Und nun so was.

Am nächsten Morgen lesen sie in der Zeitung, von den Menschen, die durch Bombenattentate ums Leben gekommen sind, von den Naturkatastrophen, die viele Opfer gefordert haben, von einer Kindesentführung, von Überfällen und Morden. Unberührt über all diese Vorkommnisse, lesen sie auch die Wetterprognosen, die Regen und einen Kälteeinbruch voraussagen. Auch dieses lesen sie eher gelassen und unberührt. Die Seite mit den Börsenkursen aber, die stürzt sie in eine völlige, tiefe Depression.

Sie tanzten viele Jahre ihren Gurus folgend ums goldene Kalb und liessen sich glitzernder Staub in ihre Augen streuen, der sie blind machte. Sie sahen nicht, wie diese Gurus immer mehr von ihrem Reichtum für sich abzweigten, denn sie waren ja geblendet und blind. Nun haben sie all ihren Reichtum, ihr ganzes Geld verloren.

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

Eine Bergwanderung

 

5. Oktober 2008

 

Nebel so weit ich blicken kann und das ist wahrlich nicht weit. Mein Blick wandert über eine Landschaft, die gestern Abend noch da war und nun weggezaubert zu sein scheint. Im schönsten Abendlicht zeigte sie sich, auch wenn von den Bergen nur da und dort Spitzen zu sehen waren, zu tief ist der Talboden, der von Wäldern umringt ist, zwischen denen sich nackter Fels zeigt, aus dem sich ein grosser stiebender Wasserfall seine Freiheit nach unten sucht, der Aare entgegen, die hier im Tal munter gurgelnd dem Brienzersee zufließt. Ein trübes Flüsschen, graubraun seine Farbe von Sand und Geschiebe aus den Bergen ringsherum. Kalt ist sie, diese Aare, die sich weiter oben durch die Enge der Aareschlucht zwängt. Gletscherwasser von hoch oben, von Gletschern, die einmal weit in die Täler vorgestoßen sind. Nun scheint es, als ob sie auf der Flucht vor der Zivilisation sich immer weiter auf die höchsten Berggipfel zurück ziehen, arg gebeutelt durch die immer wärmer werdenden Jahreszeiten, verursacht von eben dieser Zivilisation.

 

Kurz entschlossen packe ich meinen kleine Rucksack und fahre mit Bahn und Postauto in höhere Gefilde, mit dem Wunsch, dass es weiter oben schöner und milder zu und her gehen würde als hier unten im Tal der kalten Aare. Und richtig, schon oben im Bergdorf  werde ich von einer freundlich scheinenden Sonne umarmt, nur hinten in der Gletscherschlucht dampfen Nebelschwaden empor. Als wollen sie der Sonne zeigen, wer da nun den Herbst einführen möchte. Die Berge rings um leuchten in blendend weißem Neuschneegewand. Ab und an streift ein kühles Lüftchen mir die milde Wärme aus dem Gesicht. Aufs Postauto wartend, das mich noch weiter nach oben bringen wird, setzte ich mich im nahen kleinen Park auf eine Bank und lass mich von der Sonne verwöhnen. Es dauert nicht lange und ich werde von einer munteren Schar Spatzen umringt, die wohl zu einem Bettelvolk gehören, das hier von den vielen Touristen hier feistgefüttert wird. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass bei mir nichts zu holen ist und flattern mit gehässigem Gekreische in die in der Nähe stehende Tanne, um von hier aus ein nächstes Bettelopfer anzufallen.

 

Im Postauto sitzen nur wenige Passagiere, scheinbar trauten sich nur wenige Menschen aus dem Flachland hier hinauf in die Berge. Dem Nebel sei Dank, mir ist es recht so. Langsam windet sich das gelbe Fahrzeug die enge Bergstrasse hinauf. Kurve um Kurve, langsam, schnaufend, immer höher und höher. Vor besonders unübersichtlichen Stellen lässt der Chauffeur, zur sichtlichen Freude der Fahrgäste, das wohlbekannte Posthorn im Dreiklang ertönen - düü,daa,doo....düü,daa,doo -, genau so wie in der Ouvertüre zu Rossinis Oper „Wilhelm Tell“. Die Berge rund herum kommen immer schöner zur Geltung, weit unten das Dorf, ab und zu Erklärungen vom Chauffeur über die Berge und ihre Namen, den Adler der gerade seine Runden zieht oder ein Murmeltier, das sich am sonnigen Berghang wärmt. Steile Wiesenhänge mit Herbstblumen wechseln mit Wald ab, drüben aus der Gletscherschlucht dampft immer noch Nebel, aber eher licht und sanft. Auch hoch oben, dem Wetterhorn entlang, schweben Nebelchen, verspielt und leicht, als ob sie den Berg necken wollten. Der Eiger und die Jungrau strahlen in blendendem Weiss, unschuldig und keusch, vor allem der Eiger, der sich vom Menschen nicht immer alles gefallen lässt und ihm mächtig was auf den Kopf fallen lässt. Auch die Jungfrau ist nicht so harmlos wie sie ausschaut. Nun haben wir die Waldgrenze erreicht, weidendes Vieh mit Glocken und Glöckchen, Alphütten, Felsbrocken und weit oben, vor einer Berghütte, flattert im leichten Wind eine Fahne. Das Ziel dieser Postautofahrt, das Bergrestaurant Bussalp. Noch ein paar enge Kurven, einen Bergbach querend und mitten durch Alphütten und schon ist die Reise zu ende.

 

Eine atemberaubende Aussicht über die grandiose Bergwelt, da genehmige ich sehr gerne erst einmal auf der Trasse ein Gläschen Wein und lasse meinen Blick von links nach rechts gleiten. Von den Engelhörnern bis zum Gspaltenhorn ist hier vor mir alles versammelt, was Rang und Namen hat, die Wetterhörner, das Wellhorn, das Wetterhorn, die Schreckhörner, der Mettenberg, das Fiescherhorn, der Eiger mit seiner berüchtigten Nordwand, die Jungfrau mit ihren Silberhörnern. Nur der Mönch, der versteckt sich beschämt hinter der breiten Schulter der Eiger. Rund herum ein wahres Konzert von Glocken, Treicheln, Tschätteren und Glöckchen aller Tonlagen. Ein Gebimmel und Geläut, Melodie der Berge!. Frische reine Bergluft, ein wenig nach Kuhmist und Milch, nach trockenem Holz und Herdfeuer aus den Alphütten duftend. Einfach nur schön. Dohlen kreisen kreischend um die Terrasse des Berggasthauses, der wenigen Gäste wegen fiel ihre Bettelei aber leer aus. Trotzdem setzen sie sich zwischen durch auf den Zaun der Terrasse und schauen aus ihren listigen, glänzenden Äuglein fröhlich in die Runde. 

 

Auf weiter Flur alleine wandere ich nun zwischen Kühen, den Alphütten auf Bussalp, über den rauschenden Bergbach hinab zum Bergweg Holzmatten, der mich entlang von Hochmooren, durch fein duftende Bergwälder nach Bort führt. Die Berge zeigen sich immer wieder aus neuer Perspektive, Herbstblumen, Schwalbenschanzenziane, Silberdisteln und flockiges Wollgras sind meine Begleiter. Hoch oben spielen zwei Adler ihr Spiel mit der Thermik, lassen sich spiralförmig hoch hinauf treiben, um dann in rasantem Sturzflug hinab zu stechen, in eine unsichtbare Sphäre von herrlicher, frischer Beruft. An den warmen Grashängen sind unzählige Murmeltiere zu beobachten, die sich schon mächtige Fettpolster angefressen haben. Spielend oder faul liegend auf wärmenden Felsbrocken, ein sicheres Zeichen, dass bald der Winter hier oben Einzug halten wird. Der Weg führt mit leichtem auf und ab von einer Alp zur anderen, gurgelnde Bächlein querend, mitten durch weidende Kühe, die einem friedlich und neugierig mit ihren Großen, dunklen Augen betrachten. All die Nebel und Nebelchen haben sich nun in der trockenen Luft vollends aufgelöst. Oben ein tief blauer Himmel, unten das Tal in seichtem Dunst und dazwischen Berge und Gletscher, Wälder und Alpen.

 

Ein wunderbarer Tag, aus dem Nebel hinauf ein eine mild duftende Bergwelt, aus der man nur ungern zurück in den tristen Alltag findet. Wäre da nicht das innere Auge, das all das schöne aufgenommen hat. All das Wunderbare, das man nun beim Anhören der erwähnten Ouvertüre zu Rossinis Oper immer wieder erleben kann. Die zart duftenden Wälder und Alpweiden, Gräser und Blumen im leichten Wind wippend, das Posthorn des Postauto, das Kreisen des Adler, die spielenden Murmeltier, Quirlende Schmetterlinge, das Gurgeln der Bergbäche und zum Schluss die Dramatik des Hochgebirges, dessen Gletscher und das Donnern des Wildbachs in den Tiefen der Schluchten. 

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

 

Nebelgedanken oder Gedanken zu einem Nebelmorgen

 

Eine kleine Impression

 

2. Oktober 2008

 

Nebel verführt mich sehr oft zum Suchen, Nachdenken, Sinnieren und regt meine Vorstellungskraft an. Ich frage mich dann - was ist über dem Nebel, hinter dem Nebel, wie wäre die Landschaft jetzt gerade ohne ihn -. Wenn er dann verwoben und leicht durchsichtig mit meinem Sinnen spielt, erfreue ich mich an ihm und wenn er dann im laufe des Tages freundlich der Sonne sein Zepter übergibt, dann bin ich ihm sehr dankbar. Aber wenn er stur und dicht, egoistisch und eigenbrötlerisch Tage lang sein dichtes Gewand über uns legt, ja, dann werde ich ihm schon ein wenig böse.

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

 

Müde

 

7. September 2008

 

Der heutige Morgen zeigt sich eher von seiner düsteren Seite. Kühl und mit Hochnebel, an dessen lichten Stellen sich immerhin ein wenig Blau erahnen lässt, so präsentiert sich der Himmel über einer müde wirkenden Sonntagslandschaft. Ein Duft von kühler Feuchte und welken Blättern, die lautlos in loser Folge vom dem einen, dann vom einem anderen Baum, zu Boden schweben, liegt in der Luft. Die Bäume und Blumen, die Wiesen und Wälder haben auch diesen Sommer wieder alles gegeben, was sie uns zu bieten hatten. Vom Spriessen der ersten Blätter im Frühling über reichliche Blütenpracht bis hin zum ersten, sachten verfärben ihrer Blätter. Nochmals zeigen sich die Blumen in all ihren herbstlichen Farben und Pracht, nochmals glänzen die reifen Früchte des Spätsommers an den Ästen der Bäume im ersten Tageslicht.

 

Der Hochnebel beginnt sich im ersten Sonnlicht aufzulösen, in einzelne Fetzen zu zersetzen, um sich dann wieder mit anderen gleich gesinnten zu neuen Schwaden zu verweben.  Ein wogendes auf und ab, ein hin und her, gleiche einer Meeresbrandung,  ein Spiel mit Höhenwind und  Thermik. Im Gegensatz zu hier unten auf der Erde keine Spur von Müdigkeit, im Gegenteil, ein munteres Treiben, zu dem sich nun auch das Krähenvolk vom nahen Feld einzulassen scheint. Sie spielen mit lautstarkem Gekreische ihr Spiel mit dem  den Gezeiten am Himmel. 

 

Doch die Sonne scheint noch nicht müde zu sein, sie setzt sich mit voller Kraft durch, löst die Nebelschwaden auf und gibt so den Blick auf die weißen Kaltluftwölkchen frei, die wie kleine Schiffchen übers blaue Meer  dahin ziehen.

 

Die wärmende Sonne verleiht auch der Landschaft neue Düfte. In milden Zauber gehüllt schweben sie als Duftwölkchen daher, vermischen sich mit dem Duft der Morgenfeuchte zu einem ganzen, würzigen etwas, das nach Herbst riecht, nach Müdigkeit. Die nimmermüden Bienenvölker summen und brummen den letzten Blüten entgegn, laben vom süßen Tau, auch letzte Schmetterlinge tun es ihnen gleich. Spielend flattern sie von Blume zu Blume, gefolgt von Libellen, die angelockt von der taufeuchten Wiese gleich kleiner Helikopter über dieselbe schwebt. Keine Spur von Müdigkeit.

 

Und doch, ein welkes Blatt schwebt wieder leise zu Boden und noch eins.   

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

 

Ein Sommerspaziergang

 

24. August 2008

 

Ohne dass ich wollte lief und lief ich einfach immer weiter, erst über abgeerntete Felder, dann über Weideland und durch den Wald. Solche Spaziergänge mache ich sehr gerne, denn ohne Ziel sich einfach durch die Natur treiben lassen ist etwas Erbauliches. Waren es nun zwei oder gar drei Stunden, ich wusste es nicht, eine Uhr hatte ich nicht mit dabei, denn im Sommer ist es lange hell und irgendwie findet man ja immer wieder nach Hause. Aber auch heiss war es an diesem Tag. Mein Pulsschlag ging schnell, im Gleichtakt zu meinem Schritt, der unaufhörlich vorwärts trieb. Das Weideland war kahl gefressen, ob wohl nur wenige Rindlein sich an dem Grass ihre Genugtuung fanden. Unaufhörlich frassen sie von da nach dort und zurück, beständig mit ihren schwänzen nach lästigen Fliegen schlagend. Kleine Glöckchen begleiteten das gefrässige Völkchen, Glöckchen, die mal mehr und dann wieder weniger stark ertönten, je nach dem, wie sie bewegt wurden. Nicht mehr weit und der Schatten des kühlen Waldes konnte mich aufnehmen.

 

Licht und Schatten spielten auf dem Boden im leichten Wind und wenn ich hoch schaute glitzerte das Sonnenlicht zwischen den vibrierenden Blättern. Die flimmernde Hitze, die mich aufgeheizt hatte, als ich übers Feld und das freie Weideland spazierte, ist wohl noch in mir gespeichert, aber die sanfte Kühle im Wald wird sie wohl langsam in angenehme Erfrischung verwandeln. Ich stand mal kurz still, zog mir den Sonnenhut vom Kopf und wischte mir mit dem Taschentuch die Schweissperlen von der Stirn. Langsam wurde auch mein Atem wieder ruhiger, denn das leichte, aber stete Bergauf lies mich doch eher schwer schnaufen. Hier im Wald herrschte eine wunderbare Stille, die nur von meinem Atem und dem leisen Windeshauch bereichert wurde. Die Vögel haben wohl ihre Stimme verloren, da und dort ist wohl einer zu sehen, sass aber eher in sich gekehrt auf einem Aste und rupften ihr Federkleid.

 

Überall lagen noch von den letzten Gewitterstürmen Äste und Holzstucke herum, die wohl bis zu ihrer vollständigen Verrottung liegen bleiben. Am Wegesrand lagen geschälte, zum Abtransport im Herbst geschichtete Baumstämme, die mir eine ideale Sitzgelegenheit boten. Einen kühlen Schluck Tee aus meiner Trinkflasche, ein Stückchen Brot und Räucherwurst waren meine Brotzeit und zum Dessert ein Apfel liessen mich erfrischen und stärken. Hier konnte ich fast ungestört meinen Gedanken freien Lauf lassen, denn selten verirrte sich eine Menschenseele in diesen Wald. Scheinbar wollen alle hinaus ins Gewühl, ins überfüllte Schwimmbad, an einen überfüllten Strand oder gar in die überhitzte Stadt, oder blieben gar in ihrer abgedunkelten Stube zu Hause sitzen.     

 

Dieser heisse Sommertag zeigte sich aber besonders hier im Wald von seiner schönsten Seite. Das hell blendende Nachmittagslicht verwandelte sich hier im Wald in eine wunderbare fliessend glitzernde Melodie aus Licht und Schatten, wie die Oberfläche eines mit kleinen Wellen schimmernden kühlen Sees. Da der Waldboden hier so schön Licht durchflutet verwöhnt wurde, war auch der Boden mit üppigem Grünzeug bewachsen. Feine Düfte streichen einem entgegen, mal modrig von feuchter Erde und feuchtem, faulenden Holz, mal mild duftend nach aufgewärmten Grünpflanzen und heranreifenden Beeren, mal von frisch geschlagenem Holz. All diese Wahrnehmungen zusammen mit der Melodie der Licht- und Schattenspiele verweben sich zu einer einzigartigen Symphonie. Voller Harmonie und Klangfarben, bereichert vom Klang der Glöckchen von den weidenden Rindern und dem Schrei von Bussarden oder Milanen, die sich mit der Thermik des heissen Nachmittags irgendwo über dem Feld oder Wald in die Höhe treiben liessen und mit dem Aufwind ihr Spiel der Lüfte spielten.

 

Nur ungern verliess ich diesen ruhigen Winkel, aber es zog mich weiter, wollte ich noch vor dem Eindunkeln wieder zu Hause sein. Über lauschige Waldlichtungen querte ich über morsche Holzbohlen ein kleines Sumpfgebiet. Bei jedem Schritt gluckste es unter meinen Schritten, ein Kröte oder ein Frosch, so genau konnte ich es nicht beobachten, sprang ins feuchte Moor. Beim Weiher dann legte ich nochmals eine Rast ein, bevor ich mit reichlich geschenkten Eindrücken den Nachhauseweg antrat. Das Blau des Himmels spiegelte im ruhigen Wasser des Weihers als wäre oben unten und unten oben. Unendlichkeit nach unten und nach oben, nur getrennt durch Linie des Ufers, dessen Schilfbestände ebenfalls von dieser fantastischen Spiegelung aufgenommen wurden.

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

 

Wetterleuchten

 

7. August 2008

 

Dunkelblau der Himmel im Osten, hellblau im Westen, durchsetzt von ersten glitzernden Sternen.  Eine drückende Hitze lastet über der Landschaft, die an diesem Abend immer noch in der flimmernden Hitze vom Nachmittag still zu stehen scheint. Ein sanftes Rauschen von Blättern im nahen Wäldchen begleitet dieses Flimmern, ohne jedoch Kühle aufkommen zu lassen, im Gegenteil, das Lüftchen ist ebenso heiss. Der Föhn zaubert sanfte, weiße Federchen an den Abendhimmel, die von der Sonne noch ausgeleuchtet werden. Immer mehr Sterne werden sichtbar. Ihr glitzern und funkeln mit ihrem hellblauen, silbrigen Licht möchte mir wohl ein wenig frische vermitteln. Von Nordwesten her bauen sich Wolkentürme auf, die vor einigen Minuten noch nicht sichtbar waren. Ihre obersten Ränder nehmen das Licht der längst untergegangenen Sonne auf und lassen sie golden erscheinen.  Mitten in diesen Wolkentürmen, da, wo sie durchsichtiger zu sein scheinen, flammen grelle Lichter auf, mal gelb, mal rot, zuckend, vibrierend, mal hell, mal blass. Wetterleuchten. Ein Gewitter in den Wolken, das sich dort am Firmament abspielt. Ein Gewitter, angeheizt von heiss feuchter Luft, die in ungeheurem Tempo in die Höhe schießt, ohne bei uns auf der Erde auch nur ein wenig  Abkühlung bringt. Eben nur Wetterleuchten. So schnell wie dieses Wetterleuchten entstanden ist, ebenso schnell hat es sich in Nichts aufgelöst. Zurückgeblieben ist die selbige drückende Hitze, die Hitze einer Sommernacht im August.

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 

Ein Morgen im Mai

 11. Mai 2008

 

Süsser Blütenduft lockt, begleitet von der feuchten Kühle, in diesen frühen Morgen. Erste wärmende Sonnestrahlen lassen eben diese feinen Düfte entstehen. Tautropfen zieren Wiesen, Blumen und Blüten. Der Frühling hat sich völlig entfaltet, gleich einem bunten, frisch geschlüpften Schmetterling. Weit öffnet er seine feuchten, in allen Farben bunt schimmernden Flügel - schaut, wie schön ich bin - hört man ihn sagen und die ganze Vogelschar stimmt in ein fröhlich Morgenlied an, denn wer will schon an diesem wunderschönen Frühlinsmorgen sich verstecken. Das wachsende Grün der Wiesen und Blätter in zartesten Farben. Aus dem nahen Wald ertönt der Ruf des Kuckuck, ein Ruf wie aus einer anderen Welt, so selten ist dieser Ruf zu hören. Begleitet vom klopfen eines Spechts, der krampfhaft an seiner Bruthöhle arbeitet.

 

Gemächlichen Schrittes gehe ich über den Feldweg, auf dessen Seiten noch vor wenigen Tagen sich Raps in golden leuchtenden Farben im seichten Windes bewegt haben. Nun zeigen sie sich frisch gepflügt in dunklem Braun. Krähenvölker beackern nun die frischen Furchen. Auch Störche, haben sich unter dieses laut schreiende Federvieh gemischt und laufen mit ihren langen Beinen gemächlich den Schollen entlang, recken ihre eben so langen Hälse und halten nach essbarem Ausschau, dass sie dann mit ihren eben so langen Schnäbel aufnehmen.

 

Das leicht abgedunkelte Sonnenlicht spielt mit den in leichten Wind vibrierenden Blättern ein perlendes Lichtspiel, mal glitzernd, mal funkelnd. Wieder ertönt in den Gesang der Vögel des Kuckuck dumpfer Ruf, auch der Specht ist unermüdlich am hämmern, das im Wald eher einem Rattern mit Echo als einem Klopfen gleicht. Vom Hof Maienbühl klingen Glocken und Glöckchen von Kühen herüber. Der feuchtmoderige Duft vermischt mit all den Geräuschen lässt mich immer wieder tief durchatmen. Wohltuend für Körper und Geist. Aus dem Tal von Inzlingen schwebt Glockenklang, der je nach Windstärke, mal lauter und dann wieder leiser wird, zu mir in den Wald hinauf. Dieser vermischt sich mit dem Glockenklang der Kühe vom Maienbühl. Keine Menschenseele ist mir begegnet.

 

Ein wunderbarer Sonntagmorgen. Die Gedanken genau so schweben lassen, wie die drei Milane, die hoch oben über der Waldlichtung sich von der Thermik in die Höhe treiben lassen. Hinaus in die weite Welt, in die Herzen all jener die man liebt und gern hat. Begleitet von all die vielen Düfte und Geräusche, die Milde der Luft, an diesem Morgen im Mai.

 

© 2008 Hans-Peter Zürcher

 



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