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 Artgerecht
 
Artgerecht = tiergerecht?          Der tiergartenbiologische Ansatz          Artgerecht im Wohnzimmer - eine Utopie?          Forderungen an ein artgerechtes Haltungssystem
Warum halten wir Papageien in der Wohnung?                                       ...dass eine Haltung niemals so gut sein kann wie das Leben in freier Natur

Artgerecht = tiergerecht?

In den letzten Jahren hat sich zumindest in Halterkreisen zunehmend der Begriff „tiergerecht“ durchgesetzt und beginnt den Begriff „artgerecht“ abzulösen (vgl. H. Niemann (2007) , Artgerecht - der Art gerecht? WP 7/2007).Meiner Ansicht nach ist das eine gefährliche Entwicklung.    

Für viele Halter sind „artgerecht“ und „tiergerecht“ austauschbare Begriffe, für manche ist "tiergerecht" nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen. Zweifellos werden die Begriffe von einigen auch synonym gebraucht. Letztlich aber drücken beide Begriffe doch unterschiedliches aus.   

Andere Halter mögen den Begriff „tiergerecht“ bevorzugen, weil bei ihnen ein Missverständnis des Artbegriffes vorliegt:
alle Papageien werden als eine einzige Art angesehen, zugleich aber wird erkannt, dass Wellensittiche und Aras, Amazonen und Edelpapageien etc. höchst unterschiedliche Lebensweisen und daraus abgeleitet sehr unterschiedliche Ansprüche an die Haltung haben (vielleicht vergleichbar mit Hunden, die sich in unterschiedliche Rassen unterteilen lassen; s.  Ein Wellensittich ist ein Papagei)
Unter dieser falschen Prämisse kann es natürlich keine arteigenen Bedürfnisse geben, die zu erfüllen sind, und entsprechend ist eine eine der Art gerechte Haltung im Sinne einer Haltung, die allen Papageien(arten) gerecht wird, nicht möglich. Der Begriff „artgerecht“ vermag die vielen unterschiedlichen Anforderungen nicht abzudecken.

Papageien sind aber eine Vogelordnung, die sich in viele Gattungen aufgliedert (Amazonen, Edelpapageien, Aras, Wellensittiche u.v.a.m.), denen wiederum verschiedene Arten angehören (z.B. Blaustirn- und Königsamazonen , Rotrücken- und Gelbbrustara, bei monotypischen Gattungen wie den Wellensittich dagegen gibt es nur eine der Gattung zugehörige Art, eben der Wellensittich).
Auf dieser Stufe aber lassen sich meiner Ansicht nach durchaus arteigene, d.h. der Mehrzahl der Papageienindividuen einer Art gemeinsamen Ansprüche und Bedürfnisse beobachten.
Wenn man also von einem artgerechten Haltungssystem spricht, so meint dies immer artgerecht in Bezug auf eine bestimmte Papageienart - für eine andere Art kann dasselbe Haltungssystem durchaus nicht artgerecht sein.
Natürlich gibt es auch artübergreifende Ansprüche bei Papageien - diese sind aber so grundlegend, dass sie in letzter Konsequenz für jede Tierhaltung gelten: das sind etwa Ansprüche nach ausreichend Raum, frischer Luft, Licht, qualitativ gutem Futter etc..

Bei der Mehrzahl der Halter und Fachleute liegt die Ursache für die Ablösung des Begriffes "artgerecht" durch den Begriff "tiergerecht" aber in der Kritik an dem Begriff "artgerecht":
die beginnt mit der Frage, ob und wenn ja wie „artgerecht“ eigentlich zu definieren ist über den Umstand, das verschiedenen Interessengruppen den Begriff jeweils anders zu definieren versuchen bis hin zu der Auffassung, das artgerechte Haltung sowieso unmöglich ist, weil man die Natur nicht imitieren oder kopieren kann.

Artgerechte Haltung wird demnach als Kopie des Freilebens definiert und (miss-) verstanden, denn artgerechtes Leben erscheint nur in der Natur möglich. Einer solchen Auffassung scheint oft die Vorstellung von der Natur als ein Paradies zu Grunde zu liegen. Außer Acht gelassen wird, dass es ebenso in der Natur ein Leiden der Tiere gibt: durch Rivalen, Rivalen, Räuber, Krankheit und Verletzungen, verlust des Partners oder der Jungvögel, Naturkatastrophen wie Stürme oder Dürre, Nahrungs- und Wassermangel
(vgl. unten). Hinzu kommen noch die Eingriffe des Menschen in die Natur, die das Freileben unartgerecht machen bis hin zum Aussterben einer Art.

Der Begriff „tiergerecht“ scheint dagegen weniger Kritik ausgesetzt zu sein: tiergerecht wird meist nicht als Kopie des Freilebens verstanden und das, was eine tiergerechte Haltung ausmacht, lässt sich scheinbar leichter bestimmen und verwirklichen.
Entsprechend wird oft behauptet, dass eine artgerechte Haltung zwar nicht möglich ist, eine tiergerechte Haltung hingegen schon.
Warum?

Neben der Unkenntnis dessen, was artgerecht eigentlich ist, bzw. der Leugnung, dass artgerechte Haltung möglich, ist dies meiner Ansicht nach in einer Verschiebung der Perspektive begründet: eine Haltung unter tiergerechten Bedingungen zielt stets nur auf das einzelne Tier und seine individuellen Bedürfnisse.

(Kurzer Exkurs: Beiden Begriffen gemeinsam ist der Terminus "Gerechtigkeit". Für mich ist Gerechtigkeit ein Ideal, eine Idee, eine Wunschvorstellung
oder ein Modell, dass als Ziel anzustreben ist, bei dem aber offen bleiben muss, ob es je verwirklicht werden kann.
Der auch verwendete Begriff „artgemäß“ kommt ohne diese implizite Überhöhung aus, damit fehlt ihm aber auch diese Zielperspektive.
Der Begriff „tiergemäß“ ist mir übrigens bislang noch nicht untergekommen.)

Der Fokus der Betrachtung wird auf das Individuum gerichtet.  
Zweifellos liegt hier auch der große Vorteil des Begriffes, denn er berücksichtigt damit die individuelle Biographie eines Papageien, seine Vorgeschichte, seine (Vor-)Erfahrungen, (Vor-)Erkrankungen etc..
So ist es ja durchaus möglich, dass für ein einzelnes Individuum andere Haltungsbedingungen optimal sind als für die Mehrzahl der anderen Individuen seiner Art.
Ein einfaches Beispiel ist eine Erkrankung, die eine spezielle Ernährung notwendig macht, welche für die übrigen Papageien dieser Art unter Umständen nicht "artgerecht" wäre. 

Und ein weiterer Vorteil des Begriffes scheint es zu sein, dass die Bedürfnisse und Ansprüche eines Papageienindividuums und seine Anforderungen an die Haltung sich leichter bestimmen als die Bedürfnisse, Ansprüche und Anforderungen einer großen Zahl von Individuen, einer ganzen Art.
Maßstab der Haltung sind nicht nicht eventuell diffuse, nicht näher definierte Ansprüche und Bedürfnisse einer ganzen Art, sondern die konkreten, benau bestimmbaren Ansprüche und Bedürfnisse eines einzelnen Papageien. 

Das klingt zunächst nicht schlecht. Aber gerade in diesem Perspektivenwechsel liegt für mich die Gefahr: zu leicht kann der Begriff "tiergerecht" als einziges Kriterium für ein Haltungssystem zu einer Rechtfertigungsstrategie werden.
So, wie ich meinen Jacko halte ist es genau richtig für ihn.
(also tiergerecht)
Mein Jacko interessiert sich ja nicht für Artgenossen und er mag auch keinen Freiflug. Wenn man seinen Käfig öffnet kommt er ja nicht mal heraus ...
 
Viele Halter wissen, das ihre Haltung nicht artgerecht ist und glaube, dass das auch nicht möglich ist. Aber ihrem Papageien geht es ja (scheinbar?) gut. Und da beruhigt es das Gewissen, dass die Haltung damit ja tiergerecht sein muss.

Ich möchte damit keinem Halter irgendwelche böswilligen Absichten unterstellen.
Ich habe selbst - wie eingangs beschrieben - in meiner „Vogelhalterkarriere“ meine Papageien in den unterschiedlichsten Haltungssystemen gepflegt und war anfangs immer überzeugt, dass das jeweilige Haltungssystem für meine Vögel das „richtige“ war - auch zu dem Zeitpunkt, als ich Einzelhaltung in viel zu kleinen Käfigen betrieb. 
Als Halter fehlen einem oft die Informationen, Vergleichsmöglichkeiten und der Maßstab, an dem sich die Qualität des eigenen Halstungssystems messen läßt.
Man weiß nicht, wie sich Papageien unter anderen Haltungsbedingungen verhalten und glaubt dann leicht, seine Haltungsbedingungen seien für die eigenen Vögel das beste, also tiergerecht. Damit aber verstellt der Begriff mit seiner ausschließlichen Fokussierung auf das Individuum den Blick auf eine mögliche Verbesserung des eigenen Haltungssystems. Doch wir können Zustand und Verhalten eines Papageien nicht angemessen beurteilen, wenn wir nichts über Lebensweise, Ansprüche und Bedürfnisse der Art, dem der Papagei angehört, wissen oder diese als unerheblich außer Acht lassen.
Und viele individuellen Eigenheiten eines Papageien, die veränderte (tiergerechte) Haltungsanforderungen notwendig machen, sind oft erst die Folge der vorangegangenen nicht ausreichend artgerechten Haltungsbedingungen. Deshalb dürfen allgemeine, der gesamten Art, zumindest der Mehrzahl der Individuen dieser Art gemeinsame Ansprüche und Bedürfnisse nicht unberücksichtigt bleiben - ebenso aber auch nicht die individuellen Besonderheiten des einzelnen Papageien.

So verstanden widersprechen sich "artgerecht" und "tiergerecht" nicht, sondern ergänzen einander.

Ohne die Vorstellung von einer "artgerechten Haltung" bei einer ausschließlichen Fokussierung auf das einzelne Tier ist es unmöglich, Regeln oder Forderungen für eine "richtige" Haltung von Tieren aufzustellen oder gar Vorschriften zu erlassen wie z.B. die Mindestanforderungen.  Außer, der Begriff "tiergerecht" ist gar nicht auf das Individuum fokussiert - was unterscheidet ihn aber dann noch von dem Begriff "artgerecht"? 

All das nutzt uns aber wenig, wenn wir nicht wissen, wie artgerecht definiert werden kann.

Der tiergartenbiologische Ansatz

Der Begriff "artgerecht" wird, abhängig von den verschiedenen Interessen derjenigen, die definieren oder definieren lassen, sehr unterschiedlich bestimmt. So bevorzugt ein Produzent von Hühnereiern eine andere Definition als jemand, der zur Arterhaltung eine seltene Wildhühnerart im Zoo pflegt, oder jemand, der Papageien im Wohnzimmer hält und dann eher dem Begriff "tiergerecht" zuneigt.
Angesprochen wurde bereits, dass artgerechte Haltung oft als eine möglichst exakte Kopie des Freilebens definiert wird. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass die Verwendung des Begriffes Artgerecht nur dann einen Sinn hat, wenn es um die Haltung in Menschenobhut geht. Freileben ist nicht artgerecht, es ist natürlich.
Pragmatischer, wissenschaftlicher und für den Halter und Pfleger von Papageien nützlicher ist meiner Meinung aber der tiergartenbiologische Ansatz für ein artgerechtes Haltungssystem.
 

In der Tiergartenbiologie wird ein Haltungssystem dann als artgerecht (oder artgemäß) angesehen, wenn es fünf Kriterien vollständig erfüllt:

1. Eine gute Kondition, ein guter Gesundheitszustand der Vögel;

2. Eine durchschnittlich höhere Lebenserwartung als Tiere der gleichen Art im Freileben;

3. Die Tiere müssen in der Lage sein, sich fortpflanzenzu können;

4. Ein starkes Immunsystem, so das infektiöse Krankheiten selten auftreten;

5. Keine auffälligen Verhaltensabweichungen, keine Verhaltensstörungen.

Diese Kriterien sind für die Haltung von Wildtieren in Tiergärten und Zoos entwickelt worden.
Für die Papageienhaltung werden sie vorrangig deshalb als Maßstab angesehen, weil es sich nach überwiegender Fachmeinung bei den Papageien mit Ausnahme des Wellensittichs und des Nymphensittichs nicht um domestizierte Tiere (Haustiere wie Hund und Katze, Nutztiere wie Schwein und Huhn) handelt, sondern um wilde Tiere wie Adler oder Löwe)

Um diese Kriterien zu erfüllen, muss ein Haltungssystem folgende Merkmale aufweisen: 

a. Keine Käfighaltung, sondern die Haltung in einer Voliere im wörtlichen Sinne - die Vögel müssen darin fliegen können.
    Weitergehend resultiert daraus auch die Haltung in einer Außenvoliere.
 
b. Keine Einzel- (Isolations-) haltung, sondern mindestens eine Paarhaltung;

c. Eine ausgewogene, auf die Haltungsbedingungen abgestimmte und reichhaltige Ernährung;

d. Eine "reizvolle" Umwelt, d.h. die Vögel müssen Umweltreizen ausgesetzt sein, bspw. durch Spielzeug, Naturästen, Klimareizen, Bewegung im Umfeld, wechselndes Futter, Anwesenheit von Artgenossen (vgl. Stefan Luft, Der Graupapagei - Lebensweise, artgemäße Haltung und Zucht, Naturbuch Verlag Augsburg 1994, S.48f.; s.a. Lantermann a.a.O., S.54).

Es wird durchaus die Meinung vertreten, dass diese Kriterien bei der Haltung von (Groß-)Papageien in Privathand im Regelfall nicht erfüllt werden können und deshalb sogar die Privathaltung verboten werden sollte (vgl. Papageienschutzzentrum Bremen).

In der Literatur findet sich aber ebenso die Auffassung, dass ein artgerechtes Haltungssystem nicht nur auf Zoos beschränkt sein muss, sondern nach tiergartenbiologischen Ansätzen auch auch bei Privathaltern zu realisieren ist, und dort nicht nur in Außenvolieren, auch wenn sie meist als günstigste Form der Unterbringung angesehen wird (vgl. Lantermann a.a.O., S.67f., Luft, a.a.0., S.52 f).

Artgerecht im Wohnzimmer - eine Utopie? 

 

Ich bin ebenfalls überzeugt davon, dass es artgerechte Haltung in Privathand und sogar in der Wohnung,  in Ausnahmefällen ím Wohnzimmer bei kleineren Arten,  geben kann, wenn der Begriff wie oben nach tiergartenbiologischen Ansatz definiert wird und nicht als den Versuch einer 1 zu 1 Kopie der Natur und des Freilebens.
Bei artgerechter Haltung geht es vielmehr darum, die verschiedenen Elemente eines Haltungssystems so aufeinander abzustimmen, dass sie die oben genannten Kriterien erfüllen.
Beispiel: Viele freilebende Papageien ernähren sich im Freileben von sehr fetthaltigen Nüssen.
Im Freileben macht das durchaus auch Sinn, da sie einen hohen Energieverbrauch bei der Nahrungssuche, Flucht vor Feinden, Nistplatzsuche und -verteidigung gegen Rivalen und Konkurrenten, bei der Jungenaufzucht etc. haben oder weil sie nicht wissen, wann sie das nächste Mal Futter finden.
Unter den Bedingungen einer Haltung in Menschenhand wäre eine Fütterung mit diesem natürlichen Nahrungsmittel allerdings fatal und hätte schnell Übergewicht, Fettleibigkeit, Leberschäden und den baldigen Tod zur Folge.

Zur Definition des Begriffes halte ich gerade den tiergartenbiologischen Ansatz für sehr wertvoll. Die aus ihm abgleiteten Forderungen an das Haltungssystem sind auch für die Wohnungshaltung keineswegs zu extrem, wenn sie auch oft ein Umdenken von uns Menschen erfordern.
Als bislang überzeugendste Definition des Begriffes "artgerecht" mit wissenschaftlichen, d.h. objektivierbaren und quantifizierbaren Kriterien sehe ich diese Kriterien und Forderungen als ein Maßstab an, anhand dem ich die Haltung meiner Vögel überprüfen und weiter optimieren kann.
Für mich bedeutet "den Tieren ein schönes Zuhause zu bereiten" eben, dass sie in diesem Sinne möglichst artgerecht gehalten werden.

Allerdings möchte ich keinesfalls behaupten, dass mein Haltungssystem wirklich schon artgerecht ist, das es mir wirklich schon gelungen ist, alle Kriterien der artgerechten Haltung bereits zu verwirklichen. Einige Probleme habe ich noch nicht zu meiner Zufriedenheit (und möglicherweise auch zur Zufriedenheit meiner Papageien) lösen können. Auch ich gehe bei der Haltung meiner Vögel noch Kompromisse ein, mit denen ich und vor allem - wie ich hoffe - meine Vögel leben können.

Solche Kompromisse finden sich vor allem im Bereich Fortpflanzung, Erziehung und in der Tier-Mensch-Beziehung (s.u.).

 

Forderungen an ein artgerechtes Haltungssystem 

Zu den einzelnen aus den Kriterien abgeleiteten Forderungen:

1. Paarweise Haltung ist für mich aus den wohl bekannten Gründen ein Muss.
Allerdings: wenn Fehler in der Vergangenheit passiert sind kann es eben auch sein, das es keinen anderen Weg mehr als die Einzelhaltung gibt oder aber das die Versuche einer Verpaarung die Möglichkeiten des Halters überschreiten. Dies muss aber im Einzelfall genau geprüft werden!

2. Naturbruten sollten es möglichst sein - ich würde mir nicht wieder eine Handaufzucht kaufen.

3. In der Wohnungshaltung ist eine gewisse Erziehung  auch als Selbstschutz des Menschen oft unumgänglich.
Zudem können bestimmte Formen der Erziehung, des Trainings, dazu beitragen, dass ein intelligentes Tier wie ein Papagei geistig beansprucht und rege bleibt. In dieser Form trägt die Erziehung zu einer "reizvollen Umwelt" bei. Schließlich tragen bestimmte Formen der Erziehung dazu bei, das Situationen wie medizinische Untersuchungen für den Vogel stressfreier verlaufen (s. Der Nächste bitte!).
Dennoch sind meiner Ansicht nach die äußeren Bedingungen so zu gestalten, dass sie ihr natürliches Verhalten möglichst ausleben können und ihnen nicht bspw.  antrainiert werden muss, nicht die Möbel anzunagen.


4. Ich bin schon ähnlich wie Lantermann und Luft der Überzeugung, dass unter dem Gesichtspunkt der artgerechten Haltung die für die Vögeloptimale Form die Haltung in einer Außenvoliere ist und in aller Regel einer Wohnungshaltung vorzuziehen ist.
Jedoch denke ich auch, dass eine optimale Wohnungshaltung besser sein kann als eine nicht optimale Außenvolierenhaltung.
Beispiel: Eine Vogelzimmerhaltung empfinde ich besser als die Haltung in einer kleinen, kaum Flugmöglichkeiten bietenden Außenvoliere, ein für die Vögel reizvoll mit Beschäftigungsmöglichkeiten  ausgestattetes Vogelzimmer besser als eine Außenvoliere, in der es nur zwei Sitzstangen gibt.

Die Verwirklichung mancher Kriterien ist in der Wohnungshaltung sicherlich schwieriger als in der Haltung in Außenvolieren: Raumklima, beengte Raumverhältnisse, mangelnde Umweltreize, Kunstlicht etc. stehen ihr entgegen. Frischluft und optimales Licht sind in einer Freivoliere weniger ein Problem, in der Wohnungshaltung hingegen oft nur mit einigen technischen und finanziellen Aufwand zu gewähgrleisten. Optische und akkustische Reize für die Vögel ergeben sich in einer Aussenvoliere durch die Umgebung fast von selbst, in einem Vogelzimmer dagegen muß man phantasievoll Lösungen finden. 

Ich gehe davon, das jeder versucht, so gut es geht und nach seinem besten Wissen diese äußeren Rahmenbedingungen im Sinne einer artgerechten Haltung zu optimieren, seinen Tieren also möglichst viel Platz, möglichst viel Freiflug, möglichst helle und farblich ansprechend gestaltete Räume mit möglichst optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit zur Verfügung zu stellen, um ihnen ein langes Leben ohne Krankheiten und Verhaltensstörungen zu ermöglichen - selbst wenn er manche Forderungen, wie sie der tiergartenbiologische Ansatz beinhaltet, vielleicht für übertrieben hält und über das notwendige Ausmaß bspw. einer Voliere unterschiedliche Ansichten vertreten werden.

Meiner Meinung nach ist die Haltung in einem separaten Vogelzimmer meist auch der Haltung in einer Zimmervoliere in einem primär von Menschen genutzten Raum ( der "Wohnzimmerhaltung") vorzuziehen. Wenn denn aber eine Zimmervoliere, so sind schon die im "Mindestanforderungsgutachten" genannten Maße für mich maßgeblich.
Eben aus diesem Grunde habe ich mich auch entschlossen, meine Papageien im Dauerfreiflug zu halten: denn eine Voliere der dort verlangten Mindestgröße würde soviel an Flugraum wegnehmen, so das der Freiflug nicht mehr viel bringen würde.

Fazit: Auch wenn man die Kriterien des tiergartenbiologischen Ansatzes anwendet ist eine annähernd artgerechte Haltung prinzipiell auch in der Wohnung möglich. Der zeitliche, finanziellen und materiellen Aufwand kann aber unter Umständen größer werden als bei der Haltung in Außenvolieren.

Aber, das andere, vielleicht sogar das schwerwiegendere Problem bei der Umsetzung der tiergartenbiologischen Kriterien in der Haltung von (Groß-) Papageien in der Wohnung ist oft die Motivation für die Wohnungshaltung:

Warum halten wir Papageien in der Wohnung?

Kehren wir noch einmal zu den Motiven der Papageienhaltung zurück: Wenn ich so oft von den Vorteilen der Außenvolierenhaltung spreche und dass diese eigentlich artgerechter ist stellt sich natürlich die Frage, weshalb ich und andere Papageien ausgerchnet in der Wohnung halten.

Da gibt es die offensichtlichen Gründe wie kein eigenes oder ein zu kleines eigenes Grundstück und die Gefahr von Konflikten mit der Nachbarschaft auf Grund der Lärmentwicklung.

Dennoch denke ich, greift das vielfach zu kurz, auf jeden Fall bei mir:
Ich möchte jetzt nicht nochmals auf die möglichen psychologischen Motive für die Haltung von Papageien eingehen, doch scheint mir ein ganz wesentlicher Punkt zu sein, dass man die Tiere in seiner unmittelbaren Nähe, in seinem täglichen Lebensumfeld haben möchte und nicht in einer vielleicht 30m entfernten Gartenvoliere, die man einige Stunden am Tag mal besucht.
Man wünscht sich, aus welchen psychologischen Gründen auch immer, eine engere Tier-Mensch-Beziehung.
Zumindest mir geht das so. Auch zu Zeiten, in denen ich eine Freivoliere hatte, habe ich immer auch Papageien in der Wohnung gehalten.

Die fünfte, aus den Kriterien des tiergartenbiologischen Ansatzes abgeleitete Forderung an die Papageienhaltung habe ich bislang unterschlagen: 
Die Forderung, das man

5. als Besitzer nur als Beobachter und Pfleger fungiert.

Die ist für mich die am schwersten zu verwirklichende Forderung, denn die enge Tier-Mensch-Beziehung ist eine wesentliche Triebfeder meines Handelns.

Leider aber liegt gerade in der engen Tier-Mensch-Beziehung auch die Ursache für viele Probleme, die wir mit unseren Vögeln haben und die dazu führen, dass das Kriterium 5 des tiergartenbiologischen Ansatzes - keine auffälligen Verhaltensabweichung / Verhaltensstörungen - oft nicht erfüllt wird.
Es werden an die Vögel Erwartungen und Anforderungen gestellt, die sie als Wildtiere nicht erfüllen können.
Es werden Maßnahmen ergriffen, damit sie es doch tun wie bspw. durch Einzelhaltung oder das "Antrainieren" bestimmter Verhaltensweisen.
Sicherlich und unzweifelhaft hat der Wunsch, Papageien in der Wohnung zu halten, seine Quelle in einem egoistischen Bedürfnis des Menschen. Und da viele Papageienarten ungeheuer anpassungsfähige Tiere sind, scheinen sie in unser Obhut auch nicht zu leiden.
Dennoch sollte und darf der Egoismus nicht soweit gehen, das man die Kriterien einer artgerechten Haltung außer Acht lässt, sondern Ziel muss stets sein, sie zu verwirklichen, auch wenn man nicht nur als Pfleger und Veobachter fungiert.

Für mich stellen die an die Haltung von (Groß-)Papageien aus dem tiergartenbiologischen Ansatz abgeleiteten Forderungen dabei eine wichtige Richtschnur dar.
Zweifellos bleibt es jedem selbst überlassen, ob und wann er Kompromisse eingeht - ich habe (s.o.) meine Entscheidung dazu gefällt und dazu gehört bspw. auch, das ich um der Graupapageien willen jahrelang auf ein gemütliches, ästhetisch ansprechendes Wohnzimmer verzichtet hatte und jetzt ein eigenes Zimmer für sie eingerichtet habe.

... dass eine Haltung niemals so gut sein kann wie das Leben in freier Natur?

Ist das wirklich so?  
Andernorts wurde einmal die Frage gestellt, ob unsere Papageien, hätten sie die freie Entscheidung, das Leben in der freien Natur dem Leben bei uns Menschen tatsächlich vorziehen würden.
Instinktiv antworte ich da mit einem lauten ja!  

Aber ist das bei näherer Überlegung wirklich so einfach?
Ist diese Auffassung nicht bereits eine Vermenschlichung?
Gehen wir da nicht von uns selbst aus, von unseren Begriff von Freiheit? 

Gehen wir jedoch davon aus, dass Papageien "triebgesteuert" sind und das ihnen menschliche Begriffe wie Freiheit nichts sagen, sondern dass sie vorrangig wie andere Tiere auch einmal auf der individuellen Ebene an der Weitergabe ihrer Gene interessiert sind und auf der allgemeinen Ebene an der Erhaltung der gesamten Art.
Haben sie im Vergleich zu freilebenden Artgenossen dann nicht Vorteile durch die Haltung in Menschenhand?

Unter der Voraussetzung der Möglichkeit zur Fortpflanzung wäre das doch wohl zu bejahen:
Solche Vorteile wären das Fehlen natürlicher Feinde, ein ständiges Nahrungsangebot, ein ausreichendes Nistplatzangebot, keine "Naturkatastrophen", sondern ein ausgeglichenes Klima, Behandlung bei Krankheit etc.
Vielleicht würden sich Papageien dann doch für die Haltung in Menschenhand "entscheiden", soweit diese gewissen Anforderungen genügt und eben diese Vorteile bietet, und das heißt im gewisssen Sinne auch, das diese Haltung artgerecht sein muss.

Nur ein Gedankenspiel- wer weiß es schon?

 


 





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