Pfarrer Sebastian Kneipp

Das Leben und Schaffen des Wasserdoktors

3. verbesserte Auflage

Nachgezeichnet

von

Roman A. Scherer-Trampert

Teil 1


 
 

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 Inhaltsverzeichnis
1. Sebastians Kneipps Geburt und Kindheit
2. Sebastian Kneipps Lehrjahre bei einem Verwandten
3. Sebastian hat das Ziel seiner Wünsche vor den Augen
4. Sebastian Kneipps festliche Primiz in Ottobeuren
5. Pfarrer Kneipp als Nothelfer
6. Sebastian Kneipp kommt erneut nach Augsburg
7. Kneipp kommt als Pfarrer nach Wörishofen
8. Praktischer Lehrer und Erzieher
9. So war die Kneippkur vor 100 Jahren
10. Ohne Tasten und Suchen kein Erfolg
11. Pfarrer in der Gemeinde Sankt Justina
12. Arbeiten und Wirken als Seelsorger
13. Die ersten Kurgäste kommen
14. Der große Festprediger und Wasserheiler
15. Die bewegten Jahre der Besinnung und des Aufbruchs
16. Die Audienz bei Papst Leo XIII.
17. Kneipps Sprechstunde

1. Sebastian Kneipps Geburt und Kindheit

Sebastian Kneipps Elternhaus stand einst in dem kleinen unbekannten, bayrischen Ort namens Stephansried. Stephansried liegt ungefähr drei Kilometer südwestlich von Ottobeuren entfernt im schönen Schwabenland. In dem bis heute noch immer unbekannten Bauerndorf wurde der bis heute wohlbekannte Sebastian Kneipp am 17. Mai 1821, an einem Donnerstag, geboren. Sebastian wurde genau in dem Jahr geboren, als der französische Kaiser Napoleon in der Verbannung auf der Insel Sankt Helena gestorben war. Die Säkularisation der Kirchen und Klöster war etliche Jahre zuvor über Bayern hinweggefegt. Doch Bayerns strenge, katholische Landbevölkerung blieb tief in ihrem Glauben verwurzelt. Sie waren im Allgemeinen fromm und bibelfest, das konnte man selbstverständlich auch dem Geschlecht der Kneipps zu gute halten.

Als Sebastian Kneipp in späteren Jahren über seine eigene erste heilige Kommunion schrieb, hob er besonders hervor: „Welche Freude hatte die Jugend, wenn sie die Heilige Kommunion empfängt, für gewöhnlich bekommt sie an diesem großen Kindertag ein neues Festkleid.“ Für Sebastians Erstkommunion konnten die Eltern leider kein neues Festkleid anfertigen lassen, denn hierzu fehlte ihnen das nötige Kleingeld. Für den Jungen wurde der alte Hochzeitsrock der Mutter ein wenig umgeändert, und als Kopfbedeckung wurde der alte Hut des Vaters dem Buben angepasst. Der Kommunikant Sebastian wusste zwar wieso und warum das so sein musste, andererseits hörte und sah er aber auch das spöttische Lachen seiner Mitkommunikanten und Kameraden, weil doch der Festrock voller Streifen und Falten war und sein schäbiger Hut auf gleiche Weise Falten und Krumpeln aufwies. „So geht es halt den Armen“, stellte Sebastian Kneipp Jahre später mit großer Niedergeschlagenheit fest.

Nicht nur in ärmlichen, sondern auch in sehr primitiven und armseligen Verhältnissen wuchs Sebastian Kneipp in Stephansried auf. Der Vater, als Weber ein armer Schlucker, die Mutter, eine arme Hausfrau, die sich mehr als einmal ein paar Gulden im Monat mehr in ihrer Haushaltskasse wünschte, die sie zum Leben zur Verfügung hatte. Die Mutter Kneipp führte dessen ungeachtet ein strenges Regiment. Als zehnjähriger Bub musste Sebastian schon zum Unterhalt der Familie beitragen. Der kleine „Weber Baschtl“ – wie Sebastian im Volksmund in der Gegend von Stephansried von allen Leute genannt wurde – musste damals das Vieh der Bauern des Dorfes hüten. Das war jedoch noch lange nicht alles, was er tun musste. Denn so ganz nebenbei musste der Weber Baschtl auch noch seinem Vater beim Weben helfen. Im Kindesalter von elf Jahre musste er täglich fünf Ellen Tuch weben, erinnerte Kneipp sich später. Dem Kind war damals selten eine freie Stunde für sich selbst vergönnt, von kindlichem Vergnügen und von spielen ganz zu schweigen. Vergnügen und Zeitvertreib war zur damaligen Zeit sowieso für die Landbevölkerung reine Mangelware, die sich keiner leisten wollte und konnte.

Schon in jungen Jahren keimte im Weber Baschtl der Wunsch auf, später eine Schule zu besuchen, um in späteren Jahren Geistlicher studieren zu können. Es könnte sogar sein, dass der Baschtl schon im Kindesalter von 12, 13 Jahre diesen heimlichen Wunsch hegte.

„Weber Baschtl, du musst unbedingt Priester werden“, so rief ihm – in späteren Jahren nach eigenen Angaben – permanent eine innere Stimme zu. Jedoch dieser heimliche Wunsch stieß bei seinen Eltern immer nur auf ein stures, despotisches „Nein“.

Vater Kneipp hatte mit seinem kleinen Einkommen vier Kinder zu ernähren. Und auf dem kleinen Haus lasteten so viele Schulden, dass das Elternpaar bald keinen Rat mehr wussten, wie sie diesen hohen Schuldenberg jemals wieder loswerden sollten. „Wollte der Herrgott dich zum Studenten, dann hätte er uns auch Geld gegeben“, war die ständige ablehnende Antwort des gestrengen Vaters.

Das Schulabgangszeugnis bestätigte ihm zwar, dass Sebastian Kneipp zu jedermann ehrerbietig, kultiviert und gepflegt sei, dennoch hatten die Lehrer und der Pfarrer von einem Studium ab geraten. Von Tag an hatte die Kreuzeslast auf seinem jungen Körper zu drücken begonnen, da der junge Sebastian Kneipp letztendlich einsehen musste, dass sein so begehrter Herzenswunsch – wegen des chronischen Geldmangels seiner Eltern – sehrwahrscheinlich niemals in greifbare Nähe rücken konnte. Mit 18 Jahren wirkte der junge Mann aus Kummer so alt, dass  mancher Fremde ihn meist für den jüngeren Bruder seines Vaters gehalten hatten.

Ohne dass sein gestrenger Vater auch nur das geringste davon ahnte, machte der Weber Baschtl sich eines schönes Tages auf den Weg und ging auf eigene Kappe nach Ottobeuren. Dort in Ottobeuren wagte er sich zum Herrn Kaplan und bat ihn um Hilfe. Jener Kaplan ging mit dem Buben zusammen nach Stephansried zu dessen Vater, um mit ihm ein ernstes Wörtchen darüber zu reden. Er versuchte Herrn Kneipp davon zu überzeugen, dass der junge Sebastian außerordentliche begabt sei. „Wenn Ihr ihm 2000 Gulden geben könnt“,  schlug der geistliche Herr dem gestrengen Vater Kneipp vor, „so lasst ihn doch studieren. Seid Ihr dazu aber durchaus nicht imstande, so lasst ihn nicht studieren.“ Für Sebastians Vater war der Fall mit diesen Worten erledigt und vom Tisch. Schließlich hatte Herr Kneipp doch keine 2000 Gulden. Er konnte sie ja letztlich nicht aus dem Ärmel schütteln, aber auch nicht aus einem Stein klopfen. Vater Kneipp drehte sich zu seinem Sprössling um. „Fort, geh 'nunter auf dein Platz an den Webstuhl“, sagte er energisch zu seinem Sohn.

Doch den so sehnlichst herbeigeführten Wunsch, Theologe zu werden, konnte und wollte der Baschtl nicht aufgeben. Nach tagelangem und gründlichem Überlegen, war Sebastian Fest dazu entschlossen, auf Schusters Rappen nach Kempten zu gehen. Er hatte sich vorgenommen, an der Kemptener Lehranstalt den maßgeblichen Herrn um Aufnahme zu bitten. Jedoch es war allein bei diesem Bitten geblieben. Dieses Experiment scheiterte an einem nicht Vorhandensein eines Zeugnisses und an dem Einverständnis des Vaters.

Der junge Bursche fügte sich auch diesmal treu und brav in sein ihm vorbestimmtes Schicksal. Schon sehr bald rang Sebastian Kneipp sich dazu durch, das Geld für sein Studium auf irgendeine Weise selbst beizuschaffen, zu verdienen. Das muss doch irgendwie möglich sein, dachte er. Der junge Weber Baschtl wusste auf der anderen Seite aber auch, dass Geldverdienen für ihn kein leichtes Spiel werden wird. Doch in seinem unermesslichen Gottesglauben  ließ er noch nicht einmal einen Fingerbreit von seinem einmal gefassten Entschluss ab. Von diesem Tag an gönnte er sich keine einzige freie Minute mehr. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend schuftete der Bub sehr schwer. Er musst dabei stets und immer an Gottes Worte „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ denken. Großer Gott, das tat der junge Sebastian auch. Bei all seiner großen Mühe hatte er es faktisch fertiggebracht, in ganz kurzer Zeit 70 Gulden in sein Sparstrumpf zu stecken.

Schon Recht bald sollte der junge Bub in Erfahrung bringen, wie erbarmungslos das Schicksal zuschlagen konnte. Im Jahre 1841 – als Sebastian Kneipp zwanzig Jahre alt geworden war, schlug dann das Schicksal wirklich erbarmungslos zu. Was ihn wie ein brutaler Schlag in die Nierengegend traf. In jenem Jahr fiel der kleine Ort namens Stephansried einer verheerenden Feuersbrunst zum Opfer. Durch das Großfeuer wurde der kleine Ort nahezu völlig vernichtet. Auch Sebastian Kneipps Elternhaus war den schrecklichen Flammen zum Opfer gefallen und bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

„Alles war vernichtet, meine Kleider, mein Geld, alles, was ich hatte. Ich habe förmlich aufgeschrieen vor Jammer. Aber ich dachte bei allem Unglück: Bist du berufen, so kann's doch gehen.“ Mit dem Augenmerk auf die damalige verheerende Feuersbrunst, bekannte der alternde Kneipp Jahre später: „Ein Gutes hatte dieses schicksalhafte Unglück für mich doch gehabt: Seit diesem Tag habe ich nie mehr Geld gezählt.“ Der Junge hatte nämlich gelernt, dass aller irdischer Besitz vergänglich sei, und dass nur das Sammeln himmlischer Güter wirklich Reichtum bedeutet. Daraus zog er letztlich und endlich die Lehre, dass für ihn nur der geistliche Weg in Frage kommen konnte.

Sebastian warf wegen dieser neuerlich gescheiterte Hoffnung nicht gleich wieder alles hin. Er  schöpfte wegen seinem übergroßen Glauben an Gott immer wieder neuen Mut. Der junge Kneipp war nun noch fester dazu entschlossen, sich durch nichts und niemanden von seinem einmal sich vorgenommenen Ziel abbringen zu lassen. Das war letztendlich auch der einzige und alleinige Grund, weshalb er bald auf Wanderschaft ging und seine Füße ihn bis hin nach Augsburg und München brachten. Aus eigener Energie heraus startete Sebastian einen groß angelegten Feldzug für seine – wie er glaubte – „Gute Sache“. Auf diesem, seinem Feldzug klopfte er an so mancher Tür hartnäckig an. Er äußerte bei vielen Pfarren und anderen geistlichen Herren seinen lange gehegten Wunsch, selber Pfarrer zu werden. Einer dieser Pfarrern, die er um Hilfe bat, empfahl ihm, er solle es doch mal in Ottobeuren bei den Benediktinern versuchen. Aber Sebastian fiel plötzlich wieder ein, dass er es schon mal in Ottobeuren bei dem Herrn Kaplan versucht hatte. Doch dieser Herr Kaplan hatte ihm sein sehnlichster Wunsch – Priester zu werden – ja schließlich auch nicht erfüllen können.

Ohne Erfolg und mit neuerlich gescheiterter Zuversicht, aber dennoch auf keinen Fall mutlos, kehrte Sebastian nach Stephansried zu seine Eltern zurück. Einige Zeitlang lief er völlig ratlos in der Gegend herum, und konnte sich nicht mehr vorstellen, wie es weitergehen sollte.

Plötzlich kam ihm dann wieder eine ausschlaggebende Idee. Und das Schicksal meinte es wieder gut mit dem inzwischen 21 Jahre alt gewordenen Sebastian Kneipp. Sebastian Kneipp, der sich bekanntlich nichts sehnlichster wünschte, als Priester zu werden. Der junge Bursche erinnerte sich mit einem Mal wieder an einen entfernten Verwandten seines Vaters, an einen Vetter vierten Grades. Es war ein Kaplan namens Merkle, an den Sebastian sich plötzlich wieder erinnern konnte. Dieser Vetter seines Vaters wohnte in einem ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt gelegenen Ort, Grönenbach mit Namen. So schnell Sebastian es vermochte, machte er sich auf den Weg nach Grönenbach und suchte den entfernten Verwandten auf. Er hatte so eine untrügerische Ahnung, dass dieser ihm aus seiner Not heraushelfen könne.

2. Sebastian Kneipps Lehrjahre bei einem Verwandten

Der Verwandte erteilte dem jungen Sebastian Kneipp zuerst mal Unterricht in Latein. Im Spitalhof, dem Hause des Ortsvorsteher Schmid, konnte Sebastian während dieser Zeit essen und schlafen. Weil der junge Bursche zum Bezahlen keine Finanzen hatte, musste er stattdessen seinem Hausherrn bei der Feld- und Stallarbeit behilflich sein. Für Sebastian Kneipp bedeutete dieser gewagte Gang nach Grönenbach die endgültige Wende seines jungen Lebens.

 

Doktor Matthias Merkle, seines Zeichens Moraltheologe und spätere Reichstagsabgeordneter, hatte sehr bald herausgefunden, welche Fähigkeiten in seinem 21-jähriger Verwandten aus Stephansried steckten. Allerdings hatte er aber auch bemerkt, dass der körperlich gesunde und kräftige junge „Weber Baschtl“ – wie er von den Leuten in Stephansried liebevoll genannt wurde – durch nichts, aber auch durch gar nichts von seinem einmal gefassten Vorhaben, Priester zu werden, abzubringen war. „Es wird wohl schwer halten, aber wenn Gott es will, so kann es geschehen“, sagte Kaplan Doktor Merkle, als Sebastian eines Tages an seine Tür anklopfte.

 

Für die Kost und Logis, die er beim Ortsvorsteher Schmid gefunden hatte, musste der Baschtl sehr hart malochen. Bei einem Landwirt waren starke Kerle, wie der junge Kneipp schließlich einer war, gefragte Arbeitskräfte. Abends, wann Sebastian mit seiner gesamten Arbeit, auf dem Felde und im Stall, fertig war, war für den jungen Mann noch lange kein Feierabend angesagt. Denn nach der Arbeit auf dem Feld und im Stall musste er, zusammen mit Doktor Merkle, bis zur Vergasung lateinische Vokabeln büffeln. Wegen dieser unheimlich vielen Arbeit hatte Sebastian für die herrliche Landschaft in und um Grönenbach herum kaum eine einzige Minute Zeit übrig. Sein tiefer Gottesglauben und die Hoffnung, sein Ziel, Priester zu werden, und auch die großartige Hilfe des Herrn Kaplan gaben Kneipp die Kraft und den Mut, täglich mehr als sechzehn Stunden zu malochen und für die Schule zu büffeln.

Sebastian Kneipp blieb fast auf den Tag genau 1 ½  Jahre bei seinem Verwandten, Kaplan Doktor Merkle, in Grönenbach. Im Jahre 1843 wurde Doktor Merkle nach Augsburg versetzt. Den von Gott ihm anvertrauten Zögling nahm er einfach mit nach Augsburg. Der Verwandte, Kaplan Doktor Merkle, quartierte Sebastian einfach bei der alten Frau Zible ein. Frau Zible wohnte in einem Nebenbau des Pfarrhauses von Sankt Moritz zur Miete. Dem jungen Sebastian musste es fast wie ein Wunder des Himmels vorgekommen sein, denn der Domdekan Stadtler und der Fabrikant Platzer sorgte fortan für alle finanzielle Dinge für den etwas älteren Studiosus Kneipp. Doch die Zeit in Augsburg währte nur eine sehr kurze Zeit. Denn schon bald, im Frühsommer des Jahres 1843 wurde Doktor Merkle als Professor für Moraltheologie an die Philosophisch-Theologische Hochschule nach Dillingen berufen. Sebastian Kneipp begann deshalb aber nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen, er ließ sich deswegen auch nicht unterkriegen. Mutig folgte er seinem weitläufigen Verwandten und Lehrmeister nach Dillingen. In Dillingen versuchte er, im Gymnasium aufgenommen zu werden. Aber der Versuch war von vornherein zum scheitern verurteilt und es misslang ihm dann auch prompt in der Hochschule aufgenommen zu werden. Sebastian kehrte daraufhin – so verzweifelt wie er war – nach Augsburg zurück. Aber welch ein Glück? – Im November 1844 klappte es doch noch. Man hatte ihm ein Altersdispens gewährt. Endlich konnte er im Gymnasium von Dillingen aufgenommen werden.

Sebastian Kneipp war nicht nur der körperlich Größte in seiner Klasse, er war auch noch beinahe um das Doppelte älter als alle seine Klassenkameraden im Dillinger Gymnasium. Aber etwas zeichnete Kneipp dennoch aus, er war bei allen seinen Mitschülern der Inbegriff eines Vorbildes. Am Ende des ersten Schuljahr stand in seinem Zeugnis im allgemeinen Durchschnitt ein ‚Sehr gut’.

Jetzt schien dem jungen Sebastian Kneipp kein Stein mehr im Wege zu liegen! ? – Aber denkste? ! – Das Schicksal meinte es auch diesmal nicht besonders gut mit ihm.  Als er 1846 im Dillinger Gymnasium im zweiten Jahr Schüler war, begannen mit einem Mal seine körperliche Kräften schlagartig nachzulassen. Eine ausgewachsene Lungentuberkulose schlug fast von einem auf den anderen Tag erbarmungslos zu. Starke, attackenartige Hustenanfälle mit gelegentlichem blutigem Auswurf kamen das eine um das andere Mal über ihn. Die Hustenanfälle und der Zustand der  Erschöpfung waren quasi die Symptome dieser heimtückischen in damaliger Zeit kaum erforschten Krankheit der Lungentuberkulose. Der Militärarzt, Doktor Krauss, der damals auch die Schüler des Dillinger Gymnasiums medizinisch zu versorgen hatte, meinte nach einer eingehenden Untersuchung, er sähe für Sebastian Kneipp kaum noch eine Hoffnung auf Genesung. Diese grausame Krankheit zehrte und nagte wie irre an Kneipps Kräfte. Er fühlte sich bald körperlich so schwach, erschöpft und abgezehrt, dass er nicht mehr in der Lage war, jeden Tag intensiv am Schulunterricht teilzunehmen. Das war der eigentliche Grund, weil er im dritten Schuljahr die halbe Zeit das Gymnasium nicht besuchen konnte. Hinzu kam, dass der Junge kaum noch etwas Essen konnte. Hauptsächlich vor Fleisch und dessen Erzeugnisse lehnte sein kranker Körper ab.

Als Sebastians Vater, Xaver Kneipp, seinen Buben im Jahre 1847 in den Ferien in Dillingen abholte, damit Sebastian während dieser Zeit seine Ferien zu Hause in Stephansried verbringen konnte, waren sie wegen Sebastians Krankheit gezwungen, unterwegs in einem Gasthaus einzukehren und zu übernachten. Der Wirt, der die beide Kneipps von früher her kannte, musste den schwach und fiebrig wirkenden Buben nur anschauen, um zu wissen, was mit ihm los war. Daraufhin meinte der Wirt flüsternd zum Vater: „Weber, diesmal holt Ihr den Bastian zum letzten Mal.“

Der junge Weber Baschtl selber führte seine schwere Krankheit auf die abrupte Umstellung seiner Lebensweise zurück. Bis zu dem Tag, an dem er nach Dillingen aufs Gymnasium ging, war er schwere körperliche Arbeit – wie sie in der Landwirtschaft vorkam – in allen Lagen gewöhnt. Die kräftige Bauernkost – die er von frühester Jugend und Kindheit an von  zu Hause gewöhnt war – sowie die frische Landluft fehlten ihm inmitten der großen Stadt. Das ständige Lernen und über den Büchern sitzen und dazu noch in diesen kaum – wenn doch, dann schlecht geheizten Räumen, der fast vollkommene Mangel an körperlicher Bewegung und die vitamin-, ballast- und mineralstoffarme Ernährung, den allen gab der junge Kneipp für seine Krankheit die Schuld.

Trotz dieser qualvollen und an den Kräften stark zehrenden Krankheit, war es dem jungen Kneipp schließlich gelungen, im August 1848 das Gymnasium mit Erfolg zu beenden. Der nun zum Professor aufgestiegene Matthias Merkle, sein Verwandter und Gönner aus der Grönenbacher Zeit, hatte Sebastian erneut unter seine väterliche Fittiche genommen. Seit dieser Zeit ließ Matthias Merkle den zeitweilig grenzenlos verzweifelten, völlig erschöpft wirkenden Jungen bei sich wohnen. Der Professor pflegte Sebastian und richtete ihn immer und immer wieder auf. War Sebastian Kneipp dann wieder einmal der völligen Verzweiflung nahe, war Merkle stets und immer mit seelischem Beistand und geistlichem Trost zur Stelle. Dieser geistliche Herr war quasi in der Zeit der völligen Verzweiflung die wichtigste Stütze in Kneipps jungem Leben.

3. Sebastian hat das Ziel seiner Wünsche vor Augen

Sebastian Kneipps Gesundheitszustand war noch immer sehr instabil und ließ noch sehr zu wünschen übrig. Trotzdem entschloss der junge Mann sich, im Frühjahr 1849 nach München zu gehen, um sich für das nächste Semester an der Universität der bayrischen Landeshauptstadt einzuschreiben. Wegen der furchtbaren Lungenkrankheit war er noch immer sehr verzweifelt und hatte wenig Hoffnung auf Heilung. Und mit noch weniger Geld in der Tasche, verbrachte der nunmehr 28-jährige Sebastian Kneipp einen traurigen Sommer in der Landeshauptstadt ohne die geringste Aussicht auf Erfolg und Heilung.

Ungefähr die Hälfte aller Vorlesungen konnte Sebastian Kneipp wegen seiner heimtückischen Krankheit nur besuchen, mehr Besuche war im besten Willen für ihn zur Zeit nicht drin. Wegen chronischem Geldmangel, an dem Sebastian meistens litt, musst er oft genug Hunger schieben. „Meine damalige Tagesnahrung war morgens nichts. Mittags brauchte ich vier Kreuzer, entweder drei Kreuzer für saure Lunge oder Kuttelflecken oder eine ähnliche Kost und einen Kreuzer für Brot“, schrieb der ältere Sebastian Kneipp später in seinen Erinnerungen. Trotz der schrecklich hohen Fieber und der bösen Lungenkrankheit legte der junge Mann das Absolutorium über Philosophie in weniger als die Hälfte der vorgeschriebenen Zeit ab.

„Dieses Büchlein war mir ein wahrer Morgenstern für eine bessere Zukunft“, erinnerte Kneipp sich später an seine erste Begegnung mit dem Werk »Unterricht von Kraft und Wirkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen, besonders der Kranken bey dessen innerlichen und äußerlichen Gebrauche. Aus Vernunftgründen erläutert und durch Erfahrung bestätigt von Johann Siegmund Hahn, Medicinae Doctor und Practicus in Schweidnitz.«

Das kleine Büchlein, das der Medicinae Doctor Hahn mit dem sonderbaren langen Titel verfasste hatte, hatte es Sebastian auf irgendeine Art und Weise angetan. „Ich kaufte mir das Büchlein sofort bei dem Antiquar Zipperer und studierte es in meiner knappen Freizeit ausgiebig.“ Das Büchlein von Hahn mit den genauen Auslegungen der Kraft und die Wirkung des Wassers kam im Jahr 1743 heraus. Und auf die Beschreibungen dieses Bändchens baute Kneipp seine spätere, von ihm entwickelte Hydrotherapie (Heilbehandlung mit Wasser) auf.

Mit Sicherheit hatte der junge Bursche sich in der großen Stadt München auch seine Beobachtungen aus der Kindheit als Hütebub in das Gedächtnis zurückgerufen. Damals stellte Sebastian während er die Tier auf dem Feld hütete fest, dass die kranken Kühe stets und immer kaltes Wasser suchten, um sich darin auf irgendeine Art und Weise Erleichterung zu verschaffen. Immer noch von der fürchterlichen Krankheit schwer gebrandmarkt und gequält ging er im Spätherbst des Jahres 1849 von München nach Dillingen zurück. Kneipp hatte ja schließlich vor, das Studium der Theologie fortzusetzen und letztlich auch erfolgreich zu beenden.

Aber er fand auch die Zeit für günstig, die in dem kleinen Bändchen von Johann Siegmund Hahn beschriebenen Wasseranwendungen in der Praxis ganz genau zu untersuchen und zu analysieren. Schließlich wollte der junge Baschtl wissen, was die Anwendung, wie beschrieben, auf sich hatte. Deshalb stahl Kneipp sich im November 1849 zwei-,  dreimal die Woche hinunter zum großen Fluss, zur  Donau, und nahm zwei bis drei Minuten lang in den eiskalten Fluten des Flusses ein Bad. Nachdem er wieder aus den Fluten herausgestiegen war, zog er sich, ohne vorher abgetrocknet zu haben, schnell seine Kleider wieder an, und machte sich im schnellen Laufschritt auf den Heimweg. In der Waschküche, welche die Stadt Dillingen für seine Bürger bereitstellte, verabreichte Sebastian sich selbst Heilbäder und kalte Gießungen. „Aufgefrischt und von Grund auf gestärkt“, so Kneipps eigene Worte, „ging ich aus den mir selbst verordneten Anwendungen hervor.“

Die eisigkalten Wasseranwendungen, die Bäder in der Donau und die Güsse in der Waschküche der Stadt Dillingen, musste Kneipp vor den anderen Studenten und den Ärzten geheim halten. Bestimmt hätte die damalige Ärzteschaft solche radikalen Kuren als lebensgefährlich angesehen und sie ihm strikt verboten. Dennoch ließen sich diese radikalen Anwendungen vor seinen Kommilitonen nicht lange verbergen. Selbst wenn Sebastian irgendwie versuchte, seine Mitstudenten vom Nutzen dieser kalten Anwendungen des Wassers zu überzeugen, so erntete er eher Spott, Hohn und Missachtung als irgendein Interesse daran. Aber eins war dem jungen Baschtl gewiss, wegen solchen und ähnlichen Gelegenheiten erntete er von seinen Mitstudenten den Spitznamen „Doktor Hydrophilos“. Dieser Name begleitete ihn während der ganzen Zeit, die er in Dillingen verbrachte. Fast schien es so, als verlief, nach Kneipps Selbstheilung nach Doctor Johann Siegmund Hahns Methode, von da an sein Leben irgendwie besser, günstiger.

Im Jahr 1850 bekam Sebastian Kneipp im theologischen Seminar „Georgianum“ in der bayerischen Landeshauptstadt München ein Freiplatz, der ihn für die restliche Zeit seines Studiums von allen Geldsorgen befreit hatte. Während der Zeit in München vertraute er voll und ganz auf die Wirksamkeit der Wasseranwendungen. Fast jede Nacht stand Sebastian auf und schlich auf leisen Sohlen in den Hof des Georgianums, ging auf Zehenspitzen an den Wasserbassin, verabreichte sich selbst kalte Güsse und nahm kalte Bäder. Hierbei kam ihm die Tuberkulose eines Kommilitonen gerade recht. Sebastian überredete diesen Studenten, dass er sich von ihm mit kaltem Wasser – mit Güsse und Bäder – behandeln ließ. Sebastian Kneipp konnte den studierenden Kameraden behandeln. Er hatte sogar Erfolg damit vorzuzeigen. Diese Behandlung war im Gegenzug auch ein – wenn auch nur ein klitzekleiner – Fehlschlag, denn dadurch wurde Kneipps Tun überall bekannt. Deswegen wiederum musste er sich vor dem Gremium der Studienleiter der Lehranstalt einem langen, fast unerträglichen Verhör stellen. Die Anstaltsleitung erkannten seine Heilerfolgs zwar in jeder Hinsicht gänzlich an, doch sie wiesen den jungen Studiosus Kneipp scharf zurecht.

Sie verlangten von dem Studiosus trotz seines Erfolgs, die Versuche mit dem Wasser widerstandslos einzustellen. Sie drohten ihm sogar damit, den Freiplatz im Seminar zu entziehen, sollte er ihnen nicht bedingungslos gehorchen.

4. Sebastian Kneipps festliche Primiz in Ottobeuren

Gott sei es gedankt, die Abmahnung der Studienleiter hatte für den Rest seines Studiums keine Folgen nach sich gezogen. Inzwischen war Sebastian Kneipp 31 Jahr alt geworden. Im August 1852 hatte man ihm endlich das Abschlusszeugnis des Georgianums ausgehändigt. Daraufhin wurde er am 5. August 1852, an einem Donnerstag,  von Bischof Peter von Richards zum Diakon geweiht und nur einen Tag danach feierlich zum Priester. Jetzt war Sebastian Kneipp endgültig an dem sich selbst gesteckten Ziel angekommen.

Vor lauter Freude übers ganze Gesicht strahlend und Gott sehr dankbar, kehrte Sebastian Kneipp von einem langen, auf ein einziges Ziel ausgerichteten Weg in sein Elternhaus zurück. Am 24. August 1852, an einem Dienstag, wurde in der Basilika von Ottobeuren feierlich seine Primiz gefeiert. Hierzu kamen viele Freunde, Bekannten und andere Einwohner aus Stephansried, aus Grönenbach und aus vielen Nachbardörfern. Alle wollten sie mit Sebastian Kneipp zusammen den Erfolg feiern. Auch Sebastians alternder Vater, Xaver Kneipp, konnte noch dieses feierlich und würdevolle Ereignis zusammen mit seinem Sohn erleben. Sebastians Mutter war bereits 1841 – elf Jahre vor seiner Priesterweihe und Primiz – zu Gott heimgegangen. Aber Vater Kneipp hatte die Priesterweihe und Primiz seines Sohnes nur ein paar Wochen überlebt.

Für den jungen Sebastian Kneipp musste es ein feierlicher Augenblick gewesen sein, als er erleben durfte, dass sein unerschütterliches Gottvertrauen tatsächlich Berge versetzen konnte. Welcher Mann und welche Frau in Stephansried oder in der näheren Umgebung hätte jemals daran geglaubt, dass eines Tages aus dem in seiner Ausdrucksweise ordinären „Weber Baschtl“ wirklich einmal ein geistlicher Herr werden würde? In Anbetracht der Dankbarkeit und in Ergebenheit dachte Kneipp, gerade in dieser Stunde, an seinen Verwandten, Lehrherrn und Gönner, an Doktor Mathias Merkle und an dessen Worte, die er einmal ihm gegenüber geäußert hatte: „Es wird wohl schwer gehen, aber wenn es Gott will, kann es geschehen.“ Der junge Priester Kneipp hätte zu gerne das Angebot des Münchener Waisenvereins, für sie als Kaplan, als Seelsorger und Erzieher tätig zu werden, angenommen. Seit Anfang Oktober des Jahres 1852 war er als dritter Kaplan in der Wallfahrtskirche Biberbach, ungefähr zwanzig Kilometer nördlich von Augsburg, tätig. Das Kapitel in Augsburg hatte ihm die Dispens verweigert. Stattdessen wurde der junge geistliche Herr nach Boos, ungefähr 12 Kilometer nördlich von Memmingen gelegen, versetzt. In diesem kleinen Ort hatte er am 20. Januar 1853, an einem Donnerstag, die Stelle als Kaplan und Pfarrvikar angetreten.

5. Pfarrer Kneipp als Nothelfer

In der Pfarrgemeinde von Boos wartete auf Kneipp bestimmt keine leichte Arbeiten, denn der Ortspfarrer, sowie der Benefiziat lagen schon seit längerer Zeit krank darnieder. Das allein war der Grund, dass Kaplan Kneipp für ein langes Jahr die gesamte Tätigkeiten der Seelsorger ganz allein ausführen musste. Pfarrer Kneipp war felsenfest entschlossen, sich eingehend auf sein ihm von Gott anvertrautes Amt zu konzentrieren. Bevor er hierher nach Boos kam, hatte er sich vorgenommen, keine Kranken mehr mit seinen Wasseranwendungen zu heilen. „Ich lebte hauptsächlich in der Überzeugung, dass ich für den Priester- und nicht für den Medizinstand von Gott bestimmt sei“, bekannte Kneipp in späteren Jahren, „doch ich stellte es mir nicht so schwierig vor, zu einem Kranken gerufen zu werden, die Kranken jammern zu hören und nicht helfen sollen. So habe ich meine selbst gestellten gute Vorsätze von Zeit zu Zeit gebrochen.“

Kaplan Kneipp schenkte den Kranken also nicht nur den geistlichen Beistand, sondern er gab ihnen auch konkrete Anweisungen, wie diese medizinisch zu behandeln seien. Kneipp legte in einer Verordnung für die Magd Columba Haas fest, dass die Magd Wickel zu nehmen habe, ferner verordnete er ihr Ganzkörperwaschungen und Sitzbäder. Eine etwas ältere Frau, die an einer ziemlich schlimmen Krankheit – an  Cholera – erkrankt war, heilte er genauso wie die Magd Columba Haas. Seine Methode, Kranke zu heilen war ziemlich einfach, so dass es ihm beinahe jedes Kind nachmachen konnte: Ein großes, in heißes Essigwasser getauchtes und leicht ausgewrungenes Leintuch wurde der zu behandelnden Kranken auf den Leib gelegt. Mit dieser sehr einfachen Art der Heilbehandlungen erreichte Kaplan Kneipp in der Pfarrei der Gemeinde Boos nicht nur etwas Erleichterung, sondern sogar eine vollständige Heilung von der damals in der Gegend grassierenden Choleraepidemie.

Die Leute in der Gegend nannten Sebastian Kneipp beinahe schon liebevoll nur den „Cholera-Kaplan“. Es war fast nicht verwunderlich, dass sich die medizinische Aktivität dieses „Cholera-Kaplans“ inzwischen beinahe im ganzen Land herumgesprochen hatte. Genauso war es in der damaligen Zeit nicht abzuwenden, dass seine für die Schulmedizin etwas abstruse Behandlungsweise der Kranken auf harte Kritik stieß. Die Ärzte und Apotheker der Gegend in und um Boos mussten sich letztlich wegen Kneipps gute Heilergebnisse vor den Kopf gestoßen fühlen. Einer der Apotheker aus der Gegend von Boos hatte Kaplan Kneipp sogar vor Gericht gebracht. Weil Kneipp sein Gewerbe und das seiner Berufskollegen durch die Erfolge der Kuren, die Kaplan Sebastian Kneipp mit Wasser durchführte, gefährdet sah. Daraufhin bekam Kaplan Kneipp von hoher Amtsstelle eine schriftliche Aufforderung, worin es hieß, er habe zum Verhandlungsprozess gefälligst vor Gericht zu erscheinen. Mit der Frage: „Darf man eigentlich einen Kranken nicht mehr heilen, wenn ihm kein Arzt mehr helfen kann oder will oder wenn der Kranke mittellos ist?“ versuchte Sebastian Kneipp sich vor dem Landrichter Bacherle in Barbenhausen selbst zu verteidigen. Nach dieser Frage seitens Kaplan Kneipp nahm der Fall eine überraschende Wende. Landrichter Bacherle ließ sich zur Heilung seines Rheumatismus einige Ratschläge vom Kaplan Sebastian Kneipp geben. Zum Schluss der Landgerichtverhandlung fällte Bacherle über Kaplan Kneipp folgendes Urteil: „Kurieren Sie all die, die keine Hilfe von Ärzte mehr bekommen oder kein Geld haben, um Hilfe zu suchen und seien Sie ein Helfer in der Not.“

6. Sebastian Kneipp kommt erneut nach Augsburg

November 1854, nachdem Kneipp knapp zwei Jahre in Boos als Kaplan tätig war, erreichte ihn von höherer Amtsstelle der Ruf, nach Augsburg zurückzukehren. Und das, obwohl er nach des Pfarrers Tod in Boos, als Ersatzpfarrer eingesetzt worden war. Kneipp machte sich Sorgen darüber. Denn es könnte ja gut möglich sein, dass seine medizinische Tätigkeit und der Prozess Mitschuld für diese Versetzung nach Augsburg gewesen war. Für ihn wäre es – nach seiner eigenen Meinung – sehr wahrscheinlich viel besser gewesen, wenn er als Ortspfarrer in Kirchengemeinde Boos hätte bleiben können.

 

Als Kneipp kaum ein oder zwei Tage später als dritter Kaplan der Kirchengemeinde von St. Georg in Augsburg seine neue Stelle angetreten hatte, wurde er auch schon von seinem Vorgesetzten, dem Pfarrer Doktor Wankmüller, mit hocherhobenem Zeigefinger ermahnt: „Bitte machen Sie kein Ärger mit Ihren unerlaubten Behandlungen von Kranken!“

 

Kaplan Kneipp gelobte seinem hohen Vorgesetzten daraufhin hoch und heilig, sich in Zukunft von dieser Art von Krankenheilung fernzuhalten. Aber sein Ruf schien ihm vorausgeeilt zu sein. Denn auch in Augsburg konnte Kneipp sich nicht zurückhalten und hilfesuchenden Menschen immer und immer wieder gute Ratschläge geben, wie sie sich selbst mit Wasser behandeln können. Kaplan Kneipp blieb nicht sehr lange – nur ein paar Monate – in Augsburg. Schon mitte April des Jahres 1855 bekam er von hoher kirchlicher Amtsstelle mitgeteilt, dass er als Beichtvater zu den Dominikanerinnen nach Wörishofen ins Kloster versetzt werde. Über  Kaplan Kneipps plötzliche Versetzung war man in der Gemeinde St. Georg anfänglich etwas entsetzt. Denn in der Gemeinde hatte Kneipp sich während seinem kurzen Wirken ziemlich verdient gemacht. Nur wenige Tage nach dem offiziellen Bekannt werden der Versetzung Kneipps nach Wörishofen erschien beim Generalvikar eine sechsköpfige Delegation der Gemeinde St. Georg. Diese sechs Leute baten den Generalvikar im Namen aller Gemeindeglieder, das Dekret, den Herrn Kaplan zu versetzen, wieder aufzuheben. Diese Bitte war jedoch völlig umsonst, denn der hohe Herr, der Generalvikar, lehnte ihre Bitte von vornherein und ohne lange Anhörung strikte ab. Er ließ die sechs Herren der Delegation wissen, Kneipp müsse nach Wörishofen versetzt werden, denn seine Versetzung mit dem sehr wahrscheinlichen späteren Aufstieg(?) sei schon vor längerer Zeit von höherer Stelle beschlossene worden.

 

Diese Versetzung des nun knapp 34-jährigen Kaplans erweckte unter der Bevölkerung den unmissverständlichen Eindruck, als habe man den lästigen Herrn Kaplan, der stets und immer wieder mit seinen ständigen Wasseranwendungen für Schwierigkeiten gesorgt hatte, ins Hinterland versetzen wollen. Nach außen hin schien es gerade so, als wäre Kneipp als Beichtvater der Nonnen im Kloster aus den Augen der Öffentlichkeit verschwunden und würde seinen Dienstherren keine größere Sorgen mehr bereiten. Zudem kam noch hinzu, dass das Dorf Wörishofen so winzig klein war und von der Öffentlichkeit weitab im aller hintersten Winkel Bayerns lag. Scheinbar glaubten die Kleriker, in diesem kleinen, kaum nennenswerten Ort müsse man endlich Ruhe vor dem „Cholera-Kaplan“ haben, der letztlich allen Vorschriften und Maßregelungen, mit seinen Wasserkuren letztlich und endlich Schluss zu machen, zuwider gehandelt hatte.

7. Kneipp kommt als Pfarrer nach Wörishofen

Es war Mittwoch, der 2. Mai Anno 1855, genau zwei Wochen vor Sebastian Kneipps 34. Geburtstag. Als sich am besagten 2. Mai gegen elf Uhr der Pferdewagen, mit Kaplan Sebastian Kneipp samt seinem kleinen Gepäck, dem besagten Ort Wörishofen langsam näherte, zählte das Dörflein kaum mehr als 1000 Einwohner. Ein paar Bauern und etliche Handwerker aller Richtungen hatten sich mehr als 800 Jahren zuvor hier angesiedelt. Das Nonnenkloster, das von diesem Tag an für eine lange Zeit Kneipps Heimat werden sollte, lag ziemlich genau in der Mitte des kleinen ländlich wirkenden Dorfes. Um das Jahr 1718 wurde das Kloster gegründet. Die Gräfin Christina von Fronehoven – die Witwe Heinrichs von Wellenburch – schenkte  Anno 1243 ihre gesamten Besitztümer, zu denen auch Wörishofen gehörte, dem damaligen Predigerorden des Heiligen Dominikus. Es musste so ungefähr um das Jahr 1250 gewesen sein, als von dem Orden das Frauenkloster St. Katharina in Augsburg gebaut wurde, um von dort aus nun das kleine Örtchen namens Wörishofen zu verwalten. Alle Einkünfte dieses Dorfes flossen ausnahmslos nach Augsburg in den Predigerorden des Heiligen Dominikus. Für die sachgemäße Eintreibung der Steuergelder hatte ein Amtmann vor Ort Sorge zu tragen. Papst Clemens XI. erließ Anno 1717 ein Dekret, das der Grund zur Schaffung des Klosters der Dominikanerinnen verfügt hatte.

In diesem vom Papst Clemens erlassene Beschluss hatte er verfügt, dass Sankt Katharina die eingeführten strengen Regeln strikt befolgen müsste. Das bedeutete für die Klosterfrauen alle Einschränkungen, wie das Schweigegebot, das befolgen der strengen Fastenvorschriften, das Verbot jegliches Fleisch zu verzehren, sowie die völlige hermetische Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Aber die Klosterfrauen des  Ordens St. Katharina in Augsburg weigerte sich, den strengen Anordnungen des Papst Clemens zu gehorchen. St. Katharina umging mit der Gründung eines Tochterordens in Wörishofen das päpstliche Dekret. Die ersten vier Ordensfrauen zogen am 24. Juli 1718 in Wörishofens Kloster ein.

Während der ersten Zeit mussten die vier Ordensfrauen im ehemaligen Schloss wohnen. Aber der Bau des Klosters schritt rasch voran, und konnte bereits am 12. September Anno 1723 würdevoll eingeweiht werden. In einer beglaubigten Urkunde wurde dem neu erbauten Frauenkloster bestätigt, dass das Mutterkloster in Augsburg, St. Katharina, dem neu erbauten und eingeweihten Kloster die gesamte Herrschaft Wörishofen überlassen hatte, nur das Kirchenpatronat war davon ausgenommen. Das neu errichtete Tochterkloster in Wörishofen musste dem Mutterhaus in Augsburg die entsprechenden Abgaben in Naturprodukte; Obst, Gemüse, Getreide et cetera, et cetera, zukommen lassen.

In diesem Kloster von Wörishofen lebten damals ungefähr 20 Nonnen, Laien- und Chorschwestern. Die zu Beginn eingeführten Verhältnisse des Besitzes blieben fast 70 Jahre lang unangetastet bestehen. Mit der Säkularisation (Verweltlichung) im Jahre 1802 änderte sich das bisherige Leben der Dominikanerinnen prompt über Nacht. Der damalig bayerische Kurfürst Max Josef gab ein Dekret heraus worin es hieß: „Das Kloster in Wörishofen ist mit sofortiger Wirkung aufzuheben. Der gesamter Besitz fällt an das Land Bayern, der Grund und Boden ist entweder zu verpachten oder gar gewinnbringend zu verkaufen!“ Die seit dieser Zeit neuen Besitzer dieses Klosters forderten die Schwestern auf, binnen der nächsten drei bis vier Wochen das Haus vollständig zu räumen und zu verlassen. Aber die Dominikanerinnen leisteten diesem Dekret unnachgiebigen Widerstand, sie blieben der kleinen Gemeinde Wörishofen treu erhalten.

Erst 40 Jahre nach der Säkularisation, im Jahre 1842, war es dann doch so weit, dass die acht Schwestern, die noch immer in Wörishofen anzutreffen waren, eine Neugründung des Klosters erreichten. Aber die Neugründung war mit einer Verfügung, das König Ludwig I. persönlich verfasst und unterschrieben hatte, verbunden, nämlich eine Schule für Mädchen zu eröffnen und an das Kloster der Dominikanerinnen anzubinden, sowie eine Erziehungsanstalt und ein Heim für weibliche Waisenkinder, die von den Nonnen geführt werden müssen.

Die Klosterschwestern, die sich von nun an vor eine völlig neue und schwere Aufgabe gestellt sahen, kehrten nur allmählich wieder in den normalen Alltag zurück. Trotzdem kamen in den neuen Zeiten, neue Lebensaufgaben auf sie zu. Sie mussten sich an den neuen Aufgaben neu orientieren, und zu sich selber finden. Damals war es durchaus nicht selbstverständlich, zu behaupten, sich in einer sich allmählich ändernden Gesellschaft, in der die technische Revolution, den Beginn einer schnell fortschreitenden Wertvorstellung einleitete, zurecht zu finden.

Inmitten dieser Zeit der Neuerung trat Kaplan Sebastian Kneipp seinen Dienst als Pfarrer in Wörishofen an. Mit der Kirchengemeinde Sankt Georg hatte Kneipp ein sehr großer Beschäftigungskreis zu bewältigen gehabt. Allein aus diesem Grunde wäre er zu gerne in Augsburg als Pfarrer geblieben. Doch auf irgendeine Weise hatte sein Dienstherr, Bischof Peter von Richartz, doch eine richtige Entscheidung getroffen, als er ihn nach Wörishofen versetzt hatte. Pfarrer Kneipp sollte nämlich nicht nur der Beichtvater der Nonnen des Ordens werden, er sollte sich nebenbei nämlich auch um das gemeinnützige und geschäftliche Wohl des Klosters bemühen. Das Frauenkloster wurde über 40 Jahre lang – bedingt durch die Säkularisation – völlig  unrentabel geführt, (heute würde man sagen: Es hatte in diesen 40 Jahren nur rote Zahlen geschrieben). Kneipp bekam deshalb von seinem Bischof den Auftrag, die Rentabilität des Ordensklosters wieder auf Vordermann zu bringen und zu normalisieren. Die Erfahrung hierzu brachte Sebastian Kneipp aus seiner Kinder- und Jugendzeit von zu Hause mit. Letztlich hatte er in seiner Kindheit und Jugend daheim in Stephansried und später in Grönenbach in der Landwirtschaft arbeiten und sich damit sogar einen Teil seines Studiums verdienen müssen.

Fortan kümmerte sich Pfarrer Kneipp, um die Ländereien des Klosters . Er ließ auf den Wiesen und Feldern Gräben zur Entwässerung anlegen, steigerte die Erträge der Ernten mit völlig neuartigem Saatgut, besorgte besseres Düngemittel, förderte auf solche Art und Weise den Obst- und Gartenbau und war mit seinem Rat und seiner Tat im Stall und auf den Feldern, wenn er gebraucht wurde, stets und immer zur Stelle. „Weil ich mich früher mit Ökonomie viel abgegeben habe“, schrieb Kneipp später über seine ersten Jahre in Wörishofen, „leitete und verbesserte ich die Wirtschaftlichkeit des Landwirtschaftsbetriebes im Kloster, um mich gehörig zu beschäftigen und auch um mich besser zu erholen.“ Später schrieb Kneipp sogar Fachbücher über die Landwirtschaft und über die Viehzucht. Er verfasste Fachbücher mit so einfallsreichen Titeln wie: „Fritz, der fleißige Landwirt“, „Fritz, der fleißige Futterbauer“ und „Fritz, der eifrige Viehzüchter“. Wenn es bei dem einen oder anderen Bauern im Stall oder auf dem Felde einmal nicht so florierte wie es sollte, holten sie sich schon mal bei Pfarrer Kneipp einen nützlichen Rat ein.

8. Praktischer Lehrer und Erziehung

Das Abkommen das der Orden mit dem Bayerischen Staat beschlossen hatte, in dem der Staat sich verpflichtete, die Gebäuden des Klosters instandzuhalten und zu renovieren, war gegen Ende des Jahres 1858 abgelaufen. Deshalb war es auch für das Frauenkloster von großer finanzieller Wichtigkeit, vernünftig und wirtschaftlich zu haushalten und geführt zu werden. Die Ordensschwestern erwarben sämtliche Gebäuden, die einmal zu dem Kloster gehörten, die Kirche, die Gärten und die Felder für einen Gesamtpreis von 8744 Gulden zurück. Von diesem Zeitpunkt an waren die Nonnen allein dazu verpflichtet, dass sich der riesige klösterliche Besitz auch wirklich rentierte und wirtschaftlich selbst trug. Es wäre definitiv noch um vieles lukrativer, daraus einen besseren, ertragreicheren Gewinn zu schlagen. Kneipps Versuch, die Erträge der Ernten um einiges zu steigern, lohnten sich letztendlich doch, denn ein kleines Plus hatte er letztlich doch damit erzielen können.

 

Pfarrer Sebastian Kneipp verstand es ausgezeichnet, die Klosterfrauen für die Garten- und Feldarbeit zu gewinnen, denn schließlich mussten alle mithelfen, weil er die riesigen Felder, die zu dem Kloster gehörten, nicht vollkommen allein bestellen und bewirtschaften konnte. Zudem war die körperliche Arbeit für die Gesundheit der Schwestern ja auch von großem Nutzen. Kneipp verspürte persönlich auch an seinem eigenen Körper, dass der genaue Gleichklang von geistiger und körperlicher Strapaze seiner Gesundheit gut tat. Die schreckliche Lungentuberkulose, die ihn während seiner Studienzeit so sehr gequält hatte, war jetzt vollständig abgeklungen. „Was ich früher nicht zu glauben wagte, wurde mir dabei zur Überzeugung, nämlich, welche große Einwirkung das Arbeiten auf den menschlichen Körper habe“, sagte der Pfarrer über seine Erfahrungen, während seiner ersten Jahre in Wörishofen.

 

Pfarrer Sebastian Kneipps Wirken als Lehrer und Erzieher begann in den späten 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Für den Religionsunterricht in der Mädchenschule des Klosters, den er übrigens selbst hielt, schrieb er eigens einen Katechismus. Den Religionsunterricht bei den Knaben hielt er in wöchentlichem Wechsel mit dem Pfarrer der Kirchengemeinde St. Justina in Wörishofen. Aber wenn es einmal Not am Mann war, half er auch gerne mal anderweitig, zum Beispiel bei dem Rechenunterricht, aus. Die Dominikanerinnen wurden im Jahre 1859 darum gebeten, die Mädchenschule im benachbarten Ort Türkheim mit zu übernehmen. Pfarrer Kneipp willigte freudigen Herzens die Übernahme der Schule ein. Kneipp stand 17 Jahre lang der Schule als Beichtvater vor. Um seine dortige Verpflichtungen nicht zu versäumen, fuhr er sogar zweimal die Woche hinüber nach Türkheim.

 

Pfarrer Kneipp lehrte die jungen Dinger nicht nur schreiben und rechnen, nein, damit hatte er sich durchaus nicht begnügt. Er legte enormen Wert darauf, dass die weiblichen Kinder in der Schule erfuhren, wie ein guter Haushalt geführt wird, wie man Früchte einweckt beziehungsweise Früchte konservierte und vor allen Dingen, wie Kinder zu erziehen waren. Natürlich ging Kneipp mit den weiblichen Kindern auch hinaus in Gottes freie Natur. Er zeigte ihnen nicht nur Gräser und Kräuter, der gute Mann erklärte ihnen auch, welches Kraut für was nützlich sei und wie man es anzuwenden hatte. So wie der junge Baschtl es im heimatlichen Stephansried von seiner Mutter und diese wiederum von ihrer Mutter gelernt hatte, gab er es an die Schülerinnen weiter.

 

Ohne mit den Wimpern auch nur zu zucken, förderte Kneipp nebenbei auch noch Musik und Theater. Alljährlich studierte er mit den Kindern ein Krippenspiel ein, das zum Weihnachtsfest aufgeführt wurde. Daneben studierte er mit ihnen zu mancherlei Gelegenheiten auch noch kleinere und größere Theaterstücke ein. Diese Abwechslung war für ihn, so wie für die Kinder, ein willkommener Zeitvertreib und stärkte zudem noch den Sinn für die Gemeinsamkeit. Pfarrer Kneipps Tag war von morgens an bis zum Abend voll und ganz, also lückenlos, ausgefüllt. Als Beichtvater der Dominikanerinnen und der Mädchenschule in Türkheim, als Erzieher im Waisenhaus und in der Mädchenschule und auch als kräftig zupackender Landwirt hatte er das ganze Jahr über viel zu tun. Aber er fand zwischendurch immer noch etwas Zeit, um eigene Werke zu verfassen. Sicherlich wäre hiermit seine Pflicht weitgehend erfüllt gewesen, doch seine zweite Berufung - wie er die Wasseranwendung stets zu nennen pflegte - ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Er konnte und wollte den Kranken auf seine Weise helfen.

9. So war die Kneippkur vor 100 Jahren

Eigentlich hatte Sebastian Kneipps Buch „Meine Wasserkur“ daran große Schuld, dass der Kurbetrieb in Wörishofen vor etwas länger als hundert Jahre begonnen hatte. Es sollte aber noch ein paar Tropfen Wasser die Wörthbach hinunterfließen, bis es letztlich so weit war, dass sich Wörishofen zu einem Heilbad mauserte. Der allmähliche Wandel von einem bedürfnislosen Bauerndorf in einen in der ganzen Welt bekannten piekfeinen Kurort nahm seinen Anfang erst in den 80er Jahren des vergangenen 20. Jahrhunderts. Die paar Gäste, vorwiegend Amtsbrüder, die Kneipp Jahre zuvor um Heilung aufsuchten, und denen er in ihrer Not Rat und Tat erteilte, hatte er entweder im Kloster oder im geräumigen Pfarrhof unterbringen können. Die Wasseranwendungen und -kuren erteilte er ihnen im Badehäuschen des Klosters und in der geräumigen Waschküche des Pfarrhofes.

 

Ziemlich genau 183 Häuser mit ungefähr 1030 Einwohnern zählte das Dorf namens Wörishofen damals. Über den Daumen gepeilt mussten damals pro Haushalt zirka sechs Personen leben. Der Chronist berichtete: „Die Omnibusse der Post halten bei der Postexpedition, die Stellwagen beim ‚Rössle’, wo auch bereits der offizielle Quartiermacher bereitstand, um dem Ankommenden je nach seinen Bedürfnissen, beziehungsweise. nach dem Inhalt seines Geldbeutels ein Quartier zu beschaffen. Damals konnte man bei einem längeren Aufenthalt ein Bett für die Nacht durchschnittlich noch für 50 bis 80 Pfennig bekommen. Aber der immer stärker werdende Fremdenverkehr lässt für die kommende Saison wesentlich höhere Preise befürchten.“ Im Frühjahr des Jahres 1890 waren laut amtlicher Bestätigung rund 185 Häuser mit ziemlich genau 350 Fremdenzimmern, in denen es 472 Betten gab, gemeldet.

Pfarrer Kneipp hatte alle die Glieder der Pfarrgemeinde dringend darum gebeten, Betten für Kurbedürftige und Heilung suchende zur Verfügung zu stellen. Wenn er es für notwendig hielt, griff er sogar finanziell ein. Trotzdem hatte man bald schon nicht mehr genügend Platz, um alle zu erwartenden Kurgäste unterzubringen. Sebastian Kneipp musste sich sogar persönlich in den benachbarten Weiler und Dörfern, ja sogar in Türkheim, Mindelheim und Kaufbeuren darum bemühen, um Zimmer für all die vielen Kurgäste ersuchen.

Ein etwas betagter, ungefähr 60-jähriger Kurgast aus München riet seinen Zeitgenossen, was sie mitzubringen hatten, wenn sie Pfarrer Kneipp in Wörishofen aufsuchen wollten, nämlich Lebensmittel! - Eine geschäftstüchtige Firma für Nahrungsmittel stellte sogar Sortimentspakete für drei oder vier Wochen Aufenthalt in Wörishofen zusammen. Andere Firmen wiederum stellten den Kurgäste preisgünstige Decken zur Verfügung, weil sie wahrscheinlich in Scheunen auf Heu oder Stroh übernachten müssten. Andere Firmen stellten Becher preisgünstig zur Verfügung, damit die Gäste im Falle eines Spazierganges zum Brunnen Wasser trinken können. Auf jeden Fall bräuchte man eine Laterne, stellten andere verkaufstüchtige Händler fest, denn es könnte ja gut möglich sein, dass sie des nachts Hilferufe von späten Heimkehrer hörten, die im Sumpf der Dorfstraße zu ertrinken drohten.

Weil einige Bürger von Wörishofen sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlten, waren sie am Anfang überhaupt nicht begeistert von dem riesigen Spektakel um die Wasserkur des Herrn Pfarrer Kneipps. Die Kurgäste sorgten für Störungen, sie lärmten herum, und das nicht nur am Tage, sonder besonders in der Nacht. Diese wildgewordene Kurgäste sorgten aber auch für Schäden, die sie den Einheimischen anrichteten, indem sie Sachen kaputtmachten und zertrümmerten. Waren die Bürger von Wörishofen auch anfänglich von ihrem Herr Pfarrer überaus begeistert, hatten sie bald schon kein Verständnis mehr für seine Anordnungen.

Den Damen riet Kneipp, hinunter auf den Flur zum Bach zu gehen, die Schuhe und Strümpfe von den Füßen und ihre langen Röcke über die „sündhaften“ Knie zu ziehen, damit sie schließlich Wassertreten können. Beim Wassertreten der Damen fanden sich stets haufenweise neugierige, meist männliche Gaffer ein, denn sie mussten ja schließlich sehen, was da los sei. Und nicht nur das, blutjunge Burschen konnten sich ja auch am Anblick hübscher Beine gütlichst laben. Auch die Presse hatte einen guten Aufhänger, den sie hatten zu berichten, was aus dem einstigen so sittsamen Wörishofen für ein „sündiges Dorf“ geworden war.

Dann empfahl Sebastian Kneipp seinen Patienten schließlich, dass sie morgens in den Wiesen Taulaufen sollten, wodurch das für die Kühe bestimmte Gras zertrampelt wurde. Bei der Verwaltung der Gemeinde Wörishofen hagelte es nur so Proteste und Ansprüche auf Schadenersatz.. Eine enorme Opposition formierte sich sogar bald im Gemeinderat.

Als man im Gemeinderat später darüber abstimmte, ob Wörishofen ein gemeines Dorf bleiben oder gar ein einfacher, gemeinnütziger Kurort werden sollte, hatte man nur mit einer Stimme Mehrheit für ein Kurort gestimmt. Das veranlasste den damaligen Bürgermeister sogar dazu, mit sofortiger Wirkung sein Amt zur Verfügung zu stellen. Die Entwicklung Wörishofens war aber dennoch nicht mehr aufzuhalten.

 

Ende Teil !

 

Fortsetzung in Teil 2

 

                 

                              

 

 

 



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