Pfarrer Sebastian Kneipp

Das Leben und Schaffen des Wasserdoktors

3. verbesserte Auflage

Nachgezeichnet

von

Roman A. Scherer-Trampert

Teil 2

 

10. Ohne tasten und suchen kein Erfolg

Seit 1891 war Doktor Alfred Baumgarten Sebastian Kneipps guter ärztlicher Freund, und sein beratender Mitarbeiter. In seiner Biographie berichtete er später: „Nicht die Zeit nach 1880, als Kneipp gefeiert und gelobt wurde, sondern die stille Zeit von 1850 bis 1880, in der er sinnend und wägend, prüfend und tastend mit eigener Hand das Wasser, das durch ihn vielen zum letzten Heilmittel werden sollte, handhabte, war eine große Zeit.“

 

Selbst Kneipp erinnerte sich später an diese Jahre: „Ich verfolgte meine Erfahrungen Stufe für Stufe, um Einsicht in die Heilkraft des Wassers und der Kräuter zu gewinnen, und um dieselben für den menschlichen Organismus in passender Form anfertigen zu können.“ Mit einer für ihn eigentümlichen und leicht verständlichen Gegenüberstellung führte Kneipp seine Gedanken weiter aus: „Kein Schneider wird den ersten Rock, den er macht, ganz passend anfertigen können; nach und nach erst gewinnt man Übung und Erfahrung. Ich kann wirklich versichern, dass es mir gegangen ist wie vielen anderen; man wird oft von seinem gewählten Weg abgezogen und auf einen anderen weg gedrängt, den man eigentlich nicht gehen wollte.“

 

Pfarrer Sebastian Kneipp verweist des öfteren auf die kleine Publikation von Johann Siegmund Hahn. Er weist auf die kleine Broschüre, die ihm während seiner Lungenkrankheit in der Studienzeit so viel geholfen hatte. Aber nun - zur damaligen Zeit - wurde Kneipp selbst zum Forscher und Erfinder. In der Waschküche des Pfarrhauses wandte Kneipp bei den Heilungssuchende seine Wassergüsse an. Des weiteren gab Kneipp ihnen gute Ratschläge und Anweisungen, damit sie in Zukunft eine gesündere Lebensweise führen können. Die Heilerfolge wurden von ihm auf das Genaueste beobachtet und Wort für Wort fein säuberlich in eine Glatte geschrieben. Vielleicht flossen sogar ein paar Gedanken seines Zeitgenossen „Vinzenz Prießnitz“ in Kneipps Praktiken mit ein.

 

Kneipp hatte bald erkannt, wie einige Zeit vorher schon Prießnitz und noch etwas früher andere Forscher und Gelehrten, dass das kalte Wasser die menschlichen Blutgefäße zusammenzieht und damit ein zurückfließen des Blutes in größeren, tiefer gelegenen Blutgefäße verursacht. Und dass das Blut sofort wieder an die Oberfläche zurückfließen kann, sobald das Zusammenziehen sich wieder gelöst hat. Er hatte aber auch erkannt, dass sich diese Bewegung des Blutes, also von oben nach unten und wieder zurück nach oben, mehrmals wiederholt und zu einen angenehm wohligen Gefühl der Wärme führt.

 

Der Ruf des „heilenden Pfarrers“, der ja schon zur Zeit des Aufenthaltes in Boos und in Augsburg an Kneipp haftete, war bald über das ganze Land verbreitet. Kranke, die sich von ihm Heilung erhofften, kamen nach Wörishofen zu Kneipp, weil sie felsenfest daran glaubten, er könne sie wieder völlig gesund machen. Oft - nicht immer - waren es die Ärmsten aller armen Leute, die wirklich keine finanzielle Grundlage hatten, um einen Arzt um Heilung aufzusuchen. Ihnen half Kneipp nur, weil er genau wusste, wie schrecklich es ist, in Armut zu leben. Deshalb hatte er es sich auch zu einem seiner obersten Gebote gemacht, in erster Linie dieser untersten Menschenschicht zur Gesundheit zu verhelfen. Kneipp achtete aber auch sehr darauf, dass er aus der Krankheit der Menschen keinerlei persönlichen Nutzen zog, selbst dann nicht, wenn ihm von Seiten des Geheilten ein verlockendes Honorar angeboten wurde.

Verschiedene Leute waren auf den heilenden Pfarrer neidisch, diese blickten auf Kneipp eifersüchtig herab. Schielaugen - oder auch Neider genannt -  das sind die Sorte Menschen, die den anderen Menschen nicht die Spucke im Mund vergönnen. Im Jahre 1860, ebenso im Jahre 1866 musste der heilenden Pfarrer sich zweimal vor Gericht rechtfertigen. Das in dieser Zeit noch bestehende sinnlose Gesetz gegen die Quacksalberei, das, Gott sei 's gedankt, im Jahre 1873 in Bayern abgeschafft wurde, lieferte den strikten Gegnern des Pfarrer Kneipp den rechtlichen Anhaltspunkt gegen ihn. Kneipp hatte jedoch ein gutes Gegenargument, er rechtfertigte seine Handlung nämlich damit, dass er für seine Heilungen nichts als kaltes Wasser und Kräuter verwenden würde, aber auf gar keinen Fall, irgendein anderes medizinisches Arzneimittel. Kneipp verteidigte sich in diesen beiden Verhandlungen genauso wie er sich damals in Babenhausen vor Gericht gerechtfertigt hatte. Die Persönlichkeit Kneipps, seine Sicherheit, die Kraft seiner Überzeugung, und nicht zuletzt seine Erfolge, ließen beide gestrenge Richter von einer Verurteilung absehen.

Die Dominikanerinnen im Nonnenkloster von Wörishofen waren zu Beginn nicht so arg begeistert davon, dass ihr so hoch geschätzter Beichtvater das kleine Waschhäuschen im Garten des Klosters für seine Zwecke benutzte, damit er all den Hilfe und Heilung Suchenden seine Anwendungen mit Wasser verabreichen konnte. Mit seiner Überredungskunst konnte Sebastian Kneipp die Schwestern von der Nützlichkeit der Wasserkuren überzeugen und wie notwendig und nützlich seine medizinische Beschäftigung sei. So nach und nach begann man in Wörishofen zu den Leuten, die zu Kneipp kamen, um sich mit Wasser oder Kräutern behandeln zu lassen, Kurgäste zu sagen. Dem behandelnden Pfarrer jedoch schien die Arbeit allmählich über den Kopf zu wachsen. Er wurde allein der vielen Kurgäste nicht mehr Herr. Denn täglich kamen immer mehr Heilung Suchende zu ihm. Aber letztlich hatte Kneipp ja noch einige andere, wichtigere Arbeiten zu erledigen.

Pfarrer Sebastian Kneipp hatte eine Halbschwester namens Magdalena. Und schließlich hatte seine Halbschwester Magdalena ja auch noch drei fast erwachsenen Töchter. Diese vier Verwandten waren Kneipps erste Helferinnen, die ihm bei den Anwendungen mit Wasser halfen. Sebastian wies sie in ihre Arbeit ein und nannte sie schlicht und einfach: „Gießerinnen“. Eine seiner drei Nichten, Therese mit Namen, wurde bald schon von den Heilung Suchende als Gießerin sehr geschätzt und geachtet.

Wörishofen Bürger beobachteten mittlerweile den von Tag zu Tag größer - fast schon bedrohlich - werdenden Andrang der Kurgästen mit immer kritischeren Augen. Weil die Achtung vor dem  hochwürdigen Herrn Pfarrer Kneipp noch immer sehr groß war, getraute sich niemand von ihnen, ihn in aller  Öffentlichkeit zu kritisieren. Die Patienten kamen nicht nur aus der mittelbaren oder der unmittelbaren Umgebung von Wörishofen, nein, wegen ihrer Krankheiten nahmen sie immer weitere Entfernungen  in Kauf.

Die Patienten brauchten Unterkunft und mussten schließlich auch noch etwas essen. Den Wörishofern, die von all dem Trouble um die Patienten des Herrn Pfarrers nichts wissen und ihre Ruhe haben wollten, sind die Fremden völlig egal. Und die, die etwas moderner, zukunftsorientierter eingestellt waren, sahen eine große Entwicklung für das kleine Dorf voraus, auch in finanzieller Hinsicht. Der Wasserpfarrer Kneipp bat die Leute von Wörishofen im Namen der Großmütigkeit, um ihr volles Verständnis. Aber auch Kneipp konnte damals nicht ahnen, was für eine riesige Menschenlawine seine Arbeit als heilender Pfarrer einmal auslösen würde.

 

In den Tagen bevor der Vorstoß der Heilungssuchende aus dem einst so idyllisch daliegenden Wörishofen ein Dorf machten, das von den Kranken aus ganz Europa und sogar aus Übersee bei Pfarrer Kneipp Hilfe suchte, wurde aus dem Beichtvater der Dominikanerinnen der Nachfolger des Gemeindepfarrers Michael Ziegler, der inzwischen verstorben war.

11. Pfarrer in der Gemeinde Sankt Justina

(Johann?) Michael Ziegler war 20 Jahre lang - von 1860 bis 1880 - Pfarrer der Kirchengemeinde Sankt Justina in Wörishofen. Als der Pfarrer Ziegler Ende des Jahres 1880 verstarb, kam im eigentlichen Sinne nur einer als sein Nachfolger in Frage, nämlich: Sebastian Kneipp.

Kneipp war nun beinahe 60 Jahre alt, wirkte seit nunmehr 25 Jahren in Wörishofen und war von allen akzeptiert, sehr geachtet und überaus gern gesehen. Seine große Beliebtheit hatte er sich nicht nur mit seinen Wasseranwendungen bei den Kranken erworben. Sondern in erster Linie, weil er sich besonders gut mit den Kindern und Jugendlichen verstand. Und weil er es besonders gut verstand, diese auf den richtigen heilbringenden Weg zu bringen. Außerdem war er zwar ein gestrenger, aber auch ein gütiger Beichtvater.

Pfarrer Sebastian Kneipp, der sich nach all diesen langen Jahren wohl längst selber als  Bürger von Wörishofen angesehen haben durfte, nahm das Amt als Ortspfarrer mit großer Freude an.  Am Donnerstag den 7. April 1881 feierlich als Pfarrer von Wörishofen eingeführt, zog er vom Kloster ins Pfarrhaus um. Nur kurze Zeit nach seiner Amtseinführung ließ er die Kirche Sankt Justina - die gleich neben dem Kloster der Dominikanerinnen lag - von Grund auf restaurieren. Professor Doktor Andreas Schmid, der seit geraumer Zeit sein Freund war, übernahm die Leitung der Restaurierung der Kirche. Den Handwerkern aus Wörishofen und den benachbarten Türkheim gelangen die Arbeiten so gut, dass Kneipp  „außer sich vor Freude war, als er das fertige Werk sah“, wie später ein Zeitgenosse darüber berichtete.

Wie selbstverständlich nahm Kneipp auch die Vertretungen in den Nachbarorten Schlingen, Dorschhausen sowie Rammingen wahr. Mit diesen Vertretungen hatte der nunmehr sechzigjährige Pfarrer vier umfangreiche Aufgaben zu erledigen gehabt: Beichtvater im Kloster der Dominikanerinnen, den Unterricht an der Schule für Mädchen in Türkheim, die Betreuung der Vikarien und - Kneipps wichtigste Tätigkeit - das Amt des Wörishofer Gemeindepfarrers.

Nur mit sehr viel Gelassenheit und einem noch viel größerem Einsatz in seiner Berufung als Pfarrer, konnte er das alles bewältigen. Sein Freund Professor Doktor Schmid fand diese rechten Worte dazu passend: „Kneipp verstand seine Zeit zu benützen. Schon früher hasste er jede Zeitverschwendung durch Wirtshausbesuch oder Spiel und oblag zu seiner Unterhaltung und Kräftigung der Gesundheit ökonomischen Arbeiten und bemerkte oft, ein Geistlicher könne darin unschuldige, reine Freude finden.“ Bestimmt war die Arbeit auf dem Felde, an der frischen Luft nicht nur für geistliche Herren von großem Nutzen. Er nahm diese Art von körperlichen Betätigung in seine Therapie auf. „Gesunderhaltung durch viel Bewegung und Arbeit an frischer Luft“, nannte Pfarrer Sebastian Kneipp die zweite Säule seiner neuen Heilmethode.

Als Sebastian Kneipp 1881 sein Amt als Pfarrer des Ortes Wörishofen übernommen hatte, lebten in diesem Ort rund 1000 Menschen. In diesem Jahr feierte er am 17. Mai seinen runden 60. Geburtstag in der ihm eigenen Bescheidenheit. Wichtiger als alles andere waren ihm die ehrlichen Glückwünschen seiner Schäfchen, die Erneuerung der Kirche Sankt Justina war vordringlicher als alle anderen wohl gut gemeinten Geschenke. Ein sechzigster Geburtstag währe im eigentlichen Sinne Anlass genug gewesen, rückblickend auf das bisher geleistete zu sehen, aber doch nicht für Sebastian Kneipp. Mit Schwung und Elan - vielleicht würde man heute sagen, mit „Power“? - ging er seine neuen Verpflichtungen an. Er schaute immer gerade voraus in die Zukunft, und diese wurde immer stärker - stärker denn je - bestimmt durch den zunehmenden massenhaften Andrang der von ihm Heilungsuchende.

Anno 1884 bekam Kneipp hohen Besuch aus Beuron, nämlich den Besuch vom Erzabt Maurus Wolter. Und der Besuch des Erzabtes Maurus Wolter in Wörishofen war der eigentliche Grund für den Beginn der Kneippkur.

12. Arbeiten und Wirken als Seelsorger

Wenn man wollte, könnte man Kneipp gut und gerne mit einem starken Baum vergleichen. Ein starker Baum hat seine starken, knorrigen Wurzeln. Wer nur das Äußere eines starken Baumes sieht, die Äste, die Blätter und die Früchte daran, der hat das aller Wichtigste des Baumes übersehen. Natürlich erhält der Baum seine für das Leben wichtige Nahrung und seinen Halt aus den tief, für das menschliche Auge fast unsichtbar, in die Erde verschlungenen Wurzeln.

 

Auch der Mensch hat seine Wurzeln und gleicht in gewisser Beziehung einem Baum. Denn auch er erhält seine lebenswichtige Nahrung - seine geistige lebenswichtige Nahrung - aus dem Tief seiner Wurzeln. Man muss tief in seine Wurzeln eindringen und erforschen, will man die Früchte seines Lebens verstehen. Pfarrer Kneipp hatte während seines verhältnismäßig langen Erdenleben der Menschheit viele wertvolle Früchte, von denen wir noch weit über hundert Jahre später zehren können, gebracht.

 

Zuerst war Kneipp tief in seinen christlichen Glauben, in seiner katholischen Kirche, wie man so schön sagt, verwurzelt. Aus seiner Familie sogen seine Wurzeln das Licht seines Glaubens, dass ihn von seiner Geburt, während seines ganzen Lebens, bis hin zu seinem Tod begleitet hatte. Während diesem Erdendasein war Gott stets und immer die dominierende Größe. Manchmal sprach er von der Vorsehung, oft von der Religion. „Ohne Religion ist das Leben undenkbar.“ Weil er sich von Gott reich beschenkt wusste, wollte er Gottes Gabe wieder den Menschen zurück schenken. Und Priester wollte er werden, weil ihm „das Wohl der unsterblichen Seele eines jeden Menschen am Herzen“ lag.

 

Seine Abstammung war seine zweite Wurzel, seine Familie, sein Dorf. Die Not und das Elend hatte Kneipp am eigenen Leib erfahren müssen, denn er stammte aus bescheidenen, ärmlichen Verhältnisse. Sein Herz hatte er für die Armut und Not seiner Mitmenschen stets bewahrt. Pfarrer Kneipp blieb ein Freund derer, die den finanziellen Reichtum des Lebens nie erfahren durften, sozusagen der Freund der sozial Schwachen.

 

In der Zeit, während er als „Klosterfrauen-Beichtvater“ - wie er in den Matrikelbüchern stets genannt wurde (1855 bis 1880) - tätig war, hatte Kneipp in der Kirche Sankt Justina bereits 13 Taufen, eine Trauung und 44 Beerdigungen gehalten. Dies ließ deutlich werden, dass er über den Tellerrand des Klosters hinausgeschaut, dass er stetigen Kontakt mit der Pfarrei Sankt Justina gepflegt hatte. Der im Dorf Wörishofen sehr beliebte Pfarrer Johann Michael Ziegler wurde bettlägerig Krank, so dass Kneipps Einsatz in der Pfarrei Sankt Justina eindringlicher wurde. Am 31. Oktober 1880 fand man Pfarrer Ziegler tot in seinem einfachen Schlafzimmer im Bett liegend. „Der Leichenzug war ungewöhnlich groß und nicht weniger die Trauer“, kann man heute noch im Sterbebuch lesen.

 

Pfarrer Sebastian Kneipp war für dieses Amt lange im Voraus von seinem Bischof bestimmt, aber es war auch das ausdrückliche Verlangen der Wörishofer Bürger. Mit großer Freude und Schwung sah Kneipp am 7. April 1881 seiner neuen Aufgabe entgegen. Er krempelte die Ärmel hoch, spuckte - wie man so schön sagt - in die Hände, und tat, was getan werden musste. Zusammen mit einem ihm vom Bischof zur Seite gestellten geistlichen Mitarbeiter - Kaplan -, ging er an die Restaurierung der etwas heruntergekommene Pfarrkirche Sankt Justina. Die hohe Kosten hierzu übernahm er aus seinem eigenen Geldbeutel. Die arg verdreckten und verstaubten Fresken wurden mit ungefähr 14 Laib altem Bauernbrot gründlich von Schmutz und Staub gereinigt. Kneipp legte immensen Wert auf Pünktlichkeit. Er stand morgens in aller Frühe auf und ging an sein Tagewerk. „Die heilige Messe ist in Zukunft an Werktagen im Kloster um 6.00 Uhr“, schrieb er später. Während seiner Amtszeit als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Justina zu Wörishofen taufte er insgesamt 89 Kinder. Kneipp gab etwa 118 Brautpaaren den Segen Gottes mit in den ehelichen Alltag und begleitete 244 Männer und Frauen auf ihrem allerletzten Weg. Diese geistliche Amtshandlungen schrieb Pfarrer Kneipp mit eigener Hand in die Matrikelbüchern ein. Oft schrieb Kneipp noch „rite provisus“ (provisa) dahinter, was soviel heißt: Er hatte vorher die Schwerkranken besucht, sie getröstet, mit ihnen zusammen gebetet und ihnen die Sterbesakramente gespendet.


Am Geburtstag „unseres allerdurchlauchtigsten Prinzregenten, Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen Luitpold“ hielt Pfarrer Kneipp ein feierliches Amt. Und am „hohen Namensfest Seiner Majestät, unseres allergnädigsten Königs“ hielt Sebastian Kneipp einen Festgottesdienst. Wöchentlich zelebrierte er in Sankt Rasso eine heilige Messe und monatlich einen Gottesdienst in Sankt Wolfgang - Schönschach. Natürlich hatte er am 26. Mai 1886 in Obergammenried die Kümmerniskappele nach einer eingehenden Restaurierung wieder eingeweiht. Den neu angelegten Friedhof in der Sankt-Anna-Straße segnete Pfarrer Kneipp am 2. November 1895 ein. Als Vikar musste er die Nachbarpfarreien Dorschhausen, Schlingen und Rammingen ungefähr ein Jahr lang mit versorgen. Kneipp hatte ein großes Maß Religionsunterricht abzuhalten. Man erzählte sich heutzutage noch, dass er ein gestrenger Religionslehrer gewesen sei. Er habe den Unterricht so mit erfrischender Exaktheit zu würzen gewusst, dass seine Schüler davon sehr begeistert waren. Jeden Sonntag hatten alle Kinder und Jugendlichen um 13.30 Uhr in der Christenlehre zu erscheinen. Herr Pfarrer Sebastian Kneipp höchst persönlich hatte sie im christlichen Glauben unterrichtet.

13. Die ersten Kurgäste kommen

Immer wenn Firmung in Türkheim war, hielt Kneipp den Gottesdienst bereit schon um 5.15 Uhr, damit er nur ja pünktlich um 8.00 Uhr (zu Fuß oder mit der Kutsche) in Türkheim sein konnte. Einige Wochen vor der Firmung, mussten die Firmlinge am Sonntagnachmittag in der Kirche darauf vorbereitet werden. Und jedes Jahr unterrichtete er seine Erstkommunikanten in der Schule. Während der Fastenzeit rief er die Erstkommunikanten am Mittwoch- und am Samstagnachmittag um 15.00 Uhr in der Kirche Sankt Justina zusammen. Für die „ledigen Manns- und Weibspersonen“ hatte er eigene Zeiten zur Beichtgelegenheit einberaumt, so ernst nahm Kneipp seine Pflichten als Pfarrer. In der Woche vor Ostern saß er jeden Morgen meistens schon um 6.00 Uhr ihm Beichtstuhl. Es wurde berichtet, dass sein treuer Hund namens „Spitz“ ihm dabei immer als Fußwärmer diente. Seit alters her war es in Wörishofen üblich, dass nach Ostern die Beicht- und Kommunionzettel im Pfarrhaus „gelesen wurden“, so dass man genau wusste, wie viele treue Schäfchen der Hirte hatte.

Zur damaligen Zeit hatte der Ortspfarrer nebenbei noch das Amt des Schulinspektors zu übernehmen. In dieser Funktion oblag ihm nicht nur die Pflicht die Zeugnisse der einzelnen Schüler zu unterschreiben, sondern er hatte auch noch die Sorge des Schulbetriebs zu tragen. Diese Tätigkeit kostet ihn so mancherlei Zeit.

 

Wie ausgefüllt mancher seiner Sonntage war, zeigt der Eintrag vom 22.03.1895: „13.30 Uhr Christenlehre, hernach Andacht, danach Schulsitzung.“ Damals war Sebastian Kneipp beinahe 74 Jahre alt gewesen. Fast zwei Jahre danach, am 16.03.1897 taufte er Rosa Maria Baumgarten, das Töchterchen seines wichtigsten Mitarbeiters Doktor Alfred Baumgarten. Es war seine letzte Taufe, die er hielt. Mit seiner letzten Trauung, die er hielt, zeigte er, dass er zur damaligen Zeit ökumenisch offen war. Eine junge katholische Wörishoferin heiratete einen jungen protestantischen Musiker aus Finsterwalde. Am Mittwoch, dem 17. 03. 1897 hielt Sebastian Kneipp seine letzte Beerdigung, genau drei Monate vor seinem Tode beerdigte er Franz Krietreiber.

 

Pfarrer Sebastian Kneipp hatte mit der neuen Situation auch seine Schwierigkeiten. Das zeigte der Sonntag, des 16. 09.1894, an diesem Tag erließ der Pfarrer folgende Bestimmung: „Die Pfarrkirche ist zunächst bestimmt für die Pfarrangehörigen, die doch ein Recht auf die Benützung der Bänke haben. Für die Kurgäste wird ein eigener Gottesdienst in der Klosterkirche abgehalten. Der Anfang des Gottesdienstes ist präzis um 8.00 Uhr. Um diese Zeit soll alles sich versammelt haben, damit das lästige und störende Zuspätkommen aufhört. Ebenso soll niemand sich entfernen als bis das Weihwasser ausgeteilt ist.“

 

Pfarrer Sebastian Kneipp war ein sonderbarer Priester, er hatte verschiedene Charismen und Gnadengaben, die man wegen seiner guten Tugenden, die Gott ihm mit auf den Lebensweg gegeben hatte schlicht und einfach nur bewundern kann. Seine Liebe zu seinen Schäfchen und die zum Bauen waren die beiden Seiten ein und derselben Münze. Er als Priester war um das Heil der Seelen seiner ihm von Gott anvertrauten Pfarrgemeinde sehr besorgt. Genauso wie der Mensch eine Einheit von Leib und Seele darstellt, so stellte er und seine Gemeinde eine Einheit dar.

14. Der große Festprediger und Wasserheiler

Kaum ein anderer Pfarrer hätte mehr nach dem Heil der Seelen gefragt, als Pfarrer Sebastian Kneipp. Und kaum ein anderer Pfarrer hätte mehr soziale Einrichtungen gebaut, als er. So baute Kneipp während seiner Zeit als Seelsorger in St. Justinia im Jahre 1891 das Sebastianeum, im Jahre 1893 das Kinderasyl und im Jahre 1896 das Kneippianum.

 

Kneipp war sogar als Festredner besonders gefragt und begehrt. Im Jahre 1895 war er in Pfaffenhofen an der Ill bei einer Primiz zu Gast. Dort bat man ihn, eine Festrede zu halten. Aus dem Stehgreif und ohne Mikrophon hielt Sebastian Kneipp im Freien eine lange Festrede von fünfundvierzig Minuten. 1798 wurde sein Vater in Kammlach im Haus Nr. 27 geboren. In diesem kleinen Ort hielt er am heiligen Fest Mariä Himmelfahrt eine sehr interessante Predigt, die heute nach stückweise erhalten ist. Besonders die Kurgäste hörten dem Vortragsredner in der Wandelhalle gerne zu. Kneipp reiste viel in unserem deutschen Land, manchmal aber auch darüber hinaus. Zum Reisen nahm er damals so mancherlei Strapazen in kauf. Man wunderte sich heute, wann er einige Zeit erübrigen konnte, um ganz nebenbei noch Bücher zu schreiben. So hatte Kneipp 1886 „Meine Wasserkur“, 1889 „So sollt ihr Leben“, 1891 „Ratgeber für Gesunde und Kranke“ und 1894 „Mein Testament“ geschrieben.

 

Selbstverständlich kamen seine Sprechstunden, die er fast täglich abhielt, keines Falls zu kurz. Sie nahmen besonders viel Zeit in Anspruch. Denn vor seiner Tür drängten sich massenweise die Patienten, die von ihm geheilt zu werden hofften. Sein vielseitiges Arbeiten kann man heute nur mir großer Hochachtung, sein reichhaltiges Arbeitspensum mit Bewunderung bestaunen. Wie dieser Mann all diese viele Arbeit bewältigen konnte, das ist und bleibt uns heute ein Rätsel.

 

Der berühmte Pfarrer von Wörishofen, Sebastian Kneipp, weilte oft und gern in unserer Pfarrei Kammlach, wie mir sein Freund, Pfarrer Mayer, mein seliger hiesiger Prinzipal, und auch sein treuer Reisebegleiter, Pfarrer Stückle, oft berichten konnten. Stammte doch das ganze Kneipp’sche Geschlecht väterlicherseits von Kammlach, wo damals, wie heute noch, nicht wenige Cousins und Cousinen des Pfarrers Kneipp gelebt und heute noch leben. Zum Beispiel die Familie Josef Kneipp, Mathias Kneipp, Mathias Albrecht, Josef Demler, Mathias Zettler, Josef Weser und andere.

 

So mancher unter ihnen hatte ihn noch in guter Erinnerung, wie er des öfteren auf der Kanzel der Oberkammlacher Pfarrkirche stand, eine robuste, kräftige Gestalt, gutherzig, aber hin und wieder mit scharfen Adleraugen unter den erstaunlich großen Augenbrauen auf seine Zuhörer schauend, um hier, das Wort Gottes in kräftiger und volkstümlicher Weise zu verkündigen, weniger in  kultivierter und „gschtudierter“ Form.

 

Seine Predigt, die er Ende der Achtziger Jahre am Feste Mariä Himmelfahrt in Oberkammlach hielt, blieb lange unvergessen. In seiner Einleitung sprach er von der an diesem Tage üblichen Kräuterweihe, die man aber heutzutage nicht mehr so nennen könne, weil es ja in unseren Gärten gar keine Kräuter mehr gäbe, dafür aber so mancherlei Blumen, Gewächse und Geplunder, die wohl schön fürs Auge, aber sonst hinten und vorne keinerlei Wert und keinen Nutzen hätten. Dafür empfahl er in seiner Betrachtung gerade die vergessenen und verstoßenen Kräutlein, in welche unser Herrgott soviel Heilkraft gelegt zur Gesundheit unseres Leibes und die auch ihre symbolische Bedeutung hätten für die Gesundheit unserer Seele.

 

Und dabei brachte er besonders neun Kräuter in empfehlende Erinnerung, die man in unseren Hausgärten pflanzen und auch in übertragener Form in unseren Seelengärtlein pflegen sollte:

 

1.      die Pfefferminze, die Pflanze zur Erfrischung des ganzen Organismus, besonders für den Kopf: Symbol des himmlischen Sinnes.

2.      Salbei: gegen die gefürchteten Krankheit des Halses. Symbol für das Atemholen der Seele, das Gebet.

3.      Schafgarbe: für die Lunge; war einmal sein Heilmittel für seine tuberkulöse Lunge und seine Rettung; Symbol der Hoffnung.

4.    Rosmarin: fürs Herz das Beste. Mit Rosmarin kommen die Brautleute an den Traualtar; Symbol der Liebe im Herzen.

5.      Wermut: Heilmittel für den Magen; scheidet schlechte Stoffe aus; seine Bitternis „heilt“, Symbol der Buße und Beichte.

6.    Melisse: für die Nerven beruhigend. Symbol; das Bewusstsein eines guten Gewissens.

7.     Kamille: für alle Arten von Entzündungen und Fieberhitze. Symbol: Geduld und Gottergebenheit.

8.     Ringelblume: Salbe aus den Blumen lindert die Schmerzen an wehen und wunden Gliedmaßen und mildert die Entzündung. Symbol: das vertrauensvolle Gebet heilt manche Wunden.

9.      Königs- oder Wetterkerze: gehört mitten in den zu weihenden Kräuterbüschel, Heilmittel für Asthma und Atemnot. Symbol des aufwärtsschauenden Glaubens und Vertrauens auf den Himmel, seinen Herrgott und seine Heiligen.

Zum Schluss seiner Predigt erzählte er seinen Zuhörer aus seinem eigenen Leben, wie er als todkranker junger Mensch in den Heilkräften der Natur, nicht zuletzt in ihren Heilkräutern, seine Gesundung gesucht und gefunden habe, vor allem aber in den Heilkräften unserer heiligen Religion: in unerschütterlichem Gottvertrauen und in nie vergehender Hoffnung auf die Hilfe des Himmels.

                            (aus dem Tagebuch von Alfons Herb, bis 1961 Pfarrer in Oberkammlach)

15. Bewegten Jahre der Besinnung und des Aufbruchs

Abt Maurus war einer von Kneipps vielen Amtsbrüder, die in den 80-ger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Wörishofen kamen. Der Abt hatte es erreicht, das Kneipp seine in den Jahren gesammelten Erkenntnisse aufschrieb und somit verewigte. Der Amtsbruder Maurus schickte Kneipp sogar seinen persönlichen Sekretär, Pater Ildesfons Schober, damit Kneipp Schober sein Buch „Meine Wasserkur“ diktieren konnte. Pater Ildesfons und Pfarrer Kneipp schafften das umfangreiche Werk in etwas mehr als zwei Monaten.

 

Als das Buch fertig geschrieben war, verhandelte Abt Maurus Wolter mit der Kösel'sche Verlagsanstalt in Kempen, die das Buch 1886 auch veröffentlichte. Die anfänglich ungefähr 500 Exemplaren waren in knapp sechs Wochen vergriffen. Sechs oder sogar sieben Auflagen folgten in kurzen Abständen.

 

Bald hatte Pfarrer Kneipp schon erkannt, dass er einen weltweit erfolgreichen Bestseller herausgebracht hatte. Alle großen Zeitungen, die zu dieser Zeit auf dem gesamten europäischen Kontinent erschienen, berichteten auf mehreren, groß aufgemachten Seiten von einem Wasser-Pfarrer namens Sebastian Kneipp, der in dem kleinen, unscheinbaren bayrisch-schwäbischen Dorf „Wörishofen“ Kranke mit Wasser heilte. Die europaweite Presse, die damals wie heute den Sensationsberichte hinterher jagte, scheute sich nicht, von einem „Wasserdoktor“ der wahre „Wunder“ vollbringen konnte, also auch ein „Wunderheiler“ sei, zu berichten. Sebastian Kneipp freute sich zwar über das große Echo auf die Zeitungsartikel, andererseits hatte er jedoch große Schwierigkeiten damit, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit immer und immer wieder betonen zu müssen, dass er weder ein „Wasser-Doktor“ noch ein „Wunderheiler“ sei. Sondern er würde nur die seit Jahrtausenden bekannte heilende Kraft des Wassers benutzen, um die Kranken zu heilen.

 

Kneipps Beteuerungen konnten jedoch die Menschen nicht davon abhalten, trotzdem massenweise aus allen Himmelsrichtungen nach Wörishofen zu strömen. Er fragte sich immer öfter, wie und wo er diese Masse von Patienten in dem kleinen Ort unterbringen und behandeln könnte.

 

Im Frauenkloster war längst nicht mehr soviel Platz, um alle behandeln zu können. Deshalb ließ er Badehäuser bauen, und ließ einige Bademeister mit seiner Methode vertraut machen. Er fragte sich immer öfter, ob es nicht vielleicht besser sei, ein Kurhaus zu bauen. Aber diese Überlegung verlief zunächst im Sande. Einige Jahre später ließ Kneipp unter seiner eigenen Leitung das Sebastianeum und das Kneippianum, die zwei ältesten Wörishofer Kurkliniken bauen.

 

Die Geschehnisse schienen ab dem Jahr 1888 den nunmehr 67-jährigen Pfarrer Kneipp zu überwältigen. Die nahezu unerschöpfliche Kraft des alternden Mannes hatte vielleicht etwas nachgelassen. Es könnte sogar sein, dass er sich zu viele Aufgaben auf einmal zugemutet hatte. Viele junge Ärzte kamen nach Wörishofen gereist, einige von ihnen, weil sie allen Ernstes etwas von Kneipp über seine Methode lernen wollten. Einige andere wiederum hofften, an der Seite des Pfarrers reich zu werden und zu Ehre zu gelangen. Aus dem benachbarten Türkheim kam als erster Doktor Bernhuber, damit er Kneipps Methode studieren konnte, und um mit ihm zusammen die Sprechstunden abzuhalten. Es gab aber noch ein paar andere Ärzte, die mit Kneipp zusammenarbeiteten, zum Beispiel: Dr. Kleinschrod, Dr. Bergmann, Dr. Tacke und Dr. Baumgarten. Sie alle arbeiteten eine längere Zeit mit Sebastian Kneipp zusammen. Später ließen diese Ärzte sich irgendwo anders nieder, um das bei Pfarrer Kneipp gelernte bei ihren Patienten anzuwenden.

 

Die ersten Kneipp-Bewegungen entstanden weltweit, die auf Pfarrer Kneipps Lehren beruhten. Die Briefe, die Patienten aus jener Zeit schrieben waren euphorisch, Kneipp wurde in diesen Briefe als von „Gott begnadet“ und als eine außergewöhnlich begabte Persönlichkeit beschrieben. Kneipp, der das einfache Leben im Einklang mit der Natur lehrte, wurde nun auf einmal auf einen Sockel der Ehre gestellt. Er sah sich täglich von tausenden aber tausenden Fans umringt, die wahre Wunder von ihm erhofften. Der Trubel, den seine Anhänger und Verehrer um Kneipp machten, ging auch an Wörishofen nicht, ohne Spuren zu hinterlassen, vorüber. Immer und immer mehr Leute des Dorfes machten sich den steigenden Wohlstand zum Nutzen. Einige investierten, andere wiederum bauten. Eines Tages hatte man die Straßen des Dorfes, die vorher nur für die bäuerlichen Fuhrwerken gebraucht wurden, gut ausgebaut und befestigt. Ein paar ganz clevere Kaufleute bauten neue Gasthäuser. Ausgefuchste und schlitzohrige Bauern verschafften sich mit dem Vermieten von Kammern an Patienten ein ganz schönes zweites Standbein. Seit einigen Wochen wurde ganz offiziell statt von Patienten nur noch von Kurgästen geredet. Selbst auf Stroh und auf Heu und in Scheunen übernachteten die Gäste, sie waren schließlich froh, überhaupt irgendwo unterzukommen. Kneipps zweites Buch mit dem Namen „So sollt ihr Leben“ erscheint 1889. In diesem Buch stellte er seine Lehrsätze von der gesunden Lebensweise dar. Kneipp hält es von Grund auf für angebracht, um Krankheiten vorzubeugen, dass man zuerst seine ethische und moralische Lebensweise in die Reihe bringt.

 

In der Zeit des Aufbruchs ist Pfarrer Sebastian Kneipp täglich gefordert. Auf Druck des Bischofs von Augburg sieht Kneipp sich gezwungen, ein Kurhaus zu bauen. Der Grundstein für das neu zu errichtende Sebastianeum, das als Kurklinik für Priester gedacht war, wurde 1890 gelegt. Auch im Jahre 1890 wurde der erste Kneippverein gegründet. Der Pädagoge und Verleger, Ludwig Auer, konnte Kneipp von der Wichtigkeit eines Kneippvereins überzeugen. Auer meinte, dass ein solcher Verein und die entsprechenden Veröffentlichungen der Gedanke Kneipps unsentimental und nicht verklärt, vor allen Dingen noch mehr unter dem Volke verbreite würde. Im Jahre 1891 erschienen die ersten Kneippblätter, die unter dem Mitwirken des Mediziners Dr. Kleinschrod entstanden waren. Persönlichkeiten und Prominenz aus dem gesamten Europa gratulierten Kneipp, als er am 17. Mai 1891 seinen 70. Geburtstag feierte. Aus diesem Grund erschienen einige Bücher, die Ludwig Auer veröffentlicht hatte: „Kinderpflege“ und „Ratgeber für Gesunde und Kranke“; und Friedrich Mayer veröffentlichte in Linz ein Buch mit 32 Vorträge, die Kneipp irgendwo gehalten hatte. Die Welt rief nach dem Wasserpfarrer Kneipp. Kneipp hatte Wörishofen innerhalb 35 Jahren fast nie verlassen. Aber jetzt wollte man den Pfarrer und Wasserheiler sehen und hören. Sebastian nahm die neue Herausforderung an und ging auf Reisen.

16. Die Audienz bei Papst Leo XIII.

Zunächst fuhr Kneipp im April 1892 nach Wallerstein und hielt einen Vortrag. Danach reiste er von Wallerstein aus weiter nach Graz und Wien. Ungefähr 3500 interessierte Menschen waren in Graz gekommen, um zu hören, was der Wasserpfarrer Kneipp ihnen über die Erhaltung der Gesundheit zu sagen hatte. In Wien kamen fast genauso viele Menschen, um den unscheinbaren Pfarrer aus Bayern zuzuhören. Im Juli des Jahres 1892 reiste er nach Biberach, um vor einem begeisterte Volk über seine Wassermethode zu reden. In Biberach erreichte ihn eine Nachricht, worin man Sebastian Kneipp bat, er möge, wenn möglich, gleich nach Ungarn kommen, um den Habsburger Erzherzog Joseph von seinem Ischiasleiden zu heilen. Erzherzog Joseph war in der damaligen Doppel-monarchie Österreich-Ungarn eine der bedeutungsvollsten Persönlichkeiten und in Ungarn war er der Oberbefehlshaber der Armee. Kneipp reiste sofort nach Ungarn, um den Erzherzog mit seinen Anwendungen zu behandeln. Pfarrer Kneipp konnte den Erzherzog von seinem Leiden, das ihn seit Jahren quälte, vielversprechend behandeln. Deswegen fühlte der Erzherzog sich Kneipp aus Dankbarkeit sehr verbunden. Seine Dankbarkeit drückte er nicht nur in einer großzügigen anschaulichen Unterstützung aus, die Kneipp für den Bau des Sebastianeums und des Kneippianums anlegen konnte, sondern auch noch in einer direkten Mund zu Mund Propaganda beim europäischen Hochadel. Seit dieser Zeit sah der kleine Ort namens Wörishofen mehr gekrönte Häupter und Adlige, als all die Jahre zuvor in seiner langen Geschichte. Damit er sich von seinem langjährigen Leiden an Ischias völlig heilen ließ, kam der österreichisch-ungarische Erzherzog Joseph drei- oder viermal mit seinem Hofstaat nach Wörishofen gereist.

 

Dr. Alfred Baumgarten, der sich 1892 in dem inzwischen zum Kurort gewordenen Wörishofen niederließ, wurde für Sebastian Kneipp der wichtigste ärztliche Mitarbeiter und fachliche Ratgeber. Auf Kneipps Idee hin kam Prior Bonifaz Reile aus Neuburg an der Donau nach Wörishofen gereist. Reile sollte als möglicher Nachfolger Kneipps ausgebildet werden. Kneipp wollte noch zu seinen Lebzeiten alles ordnen, denn die Lehre vom Wasser - die er erarbeitet und weiter entwickelt hatte -, sollte auch noch nach ihm seiner Nachwelt  weitergegeben werden und erhalten bleiben. Heute ist es fraglich, ob Kneipp damals schon ahnte, dass er nur noch einige Jahre auf der Erde hatte?

Kneipp zusammen mit seinem jüngeren Amtsbruder Pfarrer Alois Stückle, aus dem Nachbarort Mindelau, machten im Jahre 1893 eine ausgedehnte Reise. Diese Reise führte beide in verschiedene europäische Hauptstädte und Metropole: Prag, Budapest, Breslau, Köln und nach Berlin. In der Provinzhauptstadt Bozen und in dem Winterkurort Meran in Südtirol hielt Kneipp vor vielen Leute verschieden Vorträge, genauso wie auch in den deutschen Städte Stuttgart, Düsseldorf und Nürnberg. Die Eisenbahn, die inzwischen weite Teile des deutschen Reiches und Europas miteinander verband, war zwar kein allzu schnelles, aber dennoch ein etwas bequemeres Reisen, als mit den damaligen, durchaus noch üblichen Pferdekutschen. Es war ganz egal wo Kneipp auftrat, um vor dem Volk zu reden, da kam es zu regelrechten Massenversammlungen. Viele Vorträge führten zu immer mehr neuen Gründungen von Kneippvereine.

Im Oktober des Jahres 1893 wurde Pfarrer Sebastian Kneipp vom damaligen Papst, Leo XIII., zum päpstlichen Geheimkämmerer ernannt. Zur gleichen Zeit bekam er den Titel ehrenvollen „Monsignore“ vom Bischof von Rom und Papst verliehen. Man kann durchaus annehmen, das diese Ernennung auf Grund einer Fürsprache des Erzherzog Joseph geschah. Für Pfarrer Kneipp war der Titel Prälat nicht so wichtig, wie die Bestätigung seines Wirkens durch Papst Leo XIII. die durch diese Verleihung zum Ausdruck kam.

Zusammen mit Alois Stückle unternahm Sebastian Kneipp 1894 eine erneute Reise, die sie auch diesmal in die „Ewige Stadt“ nach Rom führte. In Rom traf  Kneipp Dr. Paul Maria Baumgarten, der Bruder von Alfred Baumgarten. Paul Maria Baumgarten hatte Monsignore Kneipp bei Papst Leo XIII. eine Audienz vermittelt, die Kneipp auch in Anspruch nahm. Diese Gelegenheit nahm  Monsignore Kneipp wahr, nicht zuletzt, um sich persönlich beim Heiligen Vater zu bedanken. Papst Leo XIII. und Monsignore Sebastian Kneipp trafen des öfteren in dem päpstlichen Audienzsaal zusammen. Bei dieser Gelegenheit sprachen sie über manche belanglose Dinge. Sie tauschen beide ihre persönlichen Gedanken aus. Der Heilige Vater spornte Sebastian Kneipp sogar dazu an, auch in weiter Zukunft zum Wohle der Kranken tätig zu bleiben.

Monsignore Sebastian Kneipp schöpfte aus der Begegnung mit dem Heiligen Vater noch einmal neue Kraft. Kneipp besuchte noch im selben Jahr Genf, Salzburg, Frankfurt am Main und noch mehrere andere Städte. Im Jahre 1895 machte er sich zu einer längeren Reise nach Frankreich auf den Weg. In Paris, der Landeshauptstadt von Frankreich, wurde er mit einer besonders großen Begeisterung empfangen.

Im Jahre 1896 unternahm noch einmal eine längere Reise. Während dieser Reise
besuchte er unter anderem Berlin, Hamburg, Münster, Aachen, Kaiserslautern und Speyer. Diese Reise führte ihn auch nach Österreich und in die Schweiz.

Es war die letzte Reise des inzwischen 75 Jahren alt gewordenen Sebastian Kneipp. In drei Jahren hatte Monsignore in fast unzähligen Vorträgen vor zirka knapp einer Million Menschen gesprochen. Die Reihe seiner Fachbücher hatten bis zum Jahr 1896 Rekordauflagen erreicht. Die 60. Auflage seines Buches „Meine Wasserkur“ war auf dem Büchermarkt erschienen. Und das neueste Buch „Mein Testament“ war soeben als Erstauflage erschienen. Das Kneippianum und das Kinderasyl wurden im selben Jahr fertiggestellt und ihrer Bestimmung übergeben. Die „Mallersdorfer Schwestern“ und die „Barmherzigen Brüder“ übernahmen deren Leitung.

17. Kneipps Sprechstunde

Sein Sprechzimmer hatte der Wasserpfarrer Sebastian Kneipp im Erdgeschoss des Sebastianeums einrichten lassen. Von morgens ab 8.00 Uhr und nachmittags ab 13.00 Uhr hielt der große Menschenfreund darin seine Sprechstunden. Zu seiner Zeit war der Wasserpfarrer einer der meist besuchten Helfer der Menschheit. Innerhalb von zehn Monaten sprachen im Jahre 1891 nicht weniger als 14 000 Hilfe suchende Patienten bei ihm vor. Vier Jahre später, 1895, waren es in einem einzigen Monat nicht weniger als 1900 Hilfe nach Heilung suchende Menschen. An einem breiten blanken Holztisch, der in dem großen, knapp eingerichteten Ordinationszimmer stand, saß in seinem hohen Lehnstuhl Sebastian Kneipp. Der Badearzt, der auch der Leiter der Ordination war, saß ihm genau gegenüber. Ein Schreiber saß direkt neben Kneipp und um den gewaltigen Tisch herum verteilt saßen zumindest zehn Ärzte, welche die Behandlungsmethode Kneipps genau unter die Lupe nahmen. Das zurückhaltende und sehr bescheidene Fräulein Ruda hatte in der hintersten Ecke des Zimmers seinen Platz. Sie war dazu bestimmt, den ratesuchenden Patienten weiter zu helfen, die bereits abgefertigt waren.

 

Den Sprechstunden gab Kneipp keinerlei Feierlichkeit, alles wurde in einem strengen Rhythmus und ohne jeden Schnickschnack abgehalten. Es gab bei den Behandlungen auch keine Geheimniskrämereien (keine Arztgeheimnisse); alles lief unter den Augen der Öffentlichkeit und dem Beisein der kritischen Ärzteschaft ab. Kneipp erfasste sofort jeden Vortretenden mit seinem scharfen Blick seiner klugen Augen. Er redete jeden mit gelassenem Ton an und forschte nach dessen Gebrechen. Der Arzt, der meist in Kneipps unmittelbarer Nähe stand oder hockte, stellte meistens die Diagnose. Stellte Kneipp ausnahmsweise wirklich einmal selbst eine Diagnose, dann augenblicklich mit dem einschränkenden Zusatz: „I moin halt so!“ Obwohl Kneipp viel erbarmungsloses Elend zu sehen bekam, und sich manches mal innerlich zu ekeln schien, bewahrte er sich doch seinen bayrischen, schlagfertigen Humor.

Einige Humoresken

Eine Frau tritt an den Tisch zu Kneipp und klagt, dass ihr Husten in Wörishofen nicht besser, eher schlimmer geworden sei. Kneipp beruhigt sie: „Das isch schon recht. A bissle Dreck hat jedr im Haus und der muss halt raus.“

Eine andere Frau glaubte, trotz des Abratens auf den geliebten Bohnenkaffe nicht verzichten zu können. Dann konnte Kneipp schon knurren: „Dan gehen’s halt und sterben S’!“
 
Und einen feisten Herrn, der eine gewaltige „Hypothek“ mit sich herumschleppt, lässt Kneipp erst einmal etwas schmoren. Auf die ängstliche Frage, was er denn meine, dass ihm fehle, konterte Kneipp trocken: „Wissen S’ was Ihnen fehlt? Nix als a zwoitr Maga!“

Da kommt mit einem jammervollen Gesicht eine Frau aus dem Böhmerwald zum zweitenmal. Kneipp: Na, hat's gholfa, des Pulvr?”

rau: „A, Herr Pfarrer, das Mus von dem Fönum dreckum...“

Kneipp: „Graecum!“

Frau. „Na, jo, des Mus bring i nimmer nunter. Zwei Tag hab i's in der Fruah und am Abend auf's Brot gestrichen und g'essen. Aber der Bauch halt's net aus. Ha'ms den ka anderes Mittel nit?“

Kneipp: „O du heilige Simplizitas! Hat der Herrgott doch an großen Tiergarten! Gut aufg'strichen hab ich's verordnet und sie frisst des Zeug wie a Kindsmus! o Weiberleut!“

Frau: „Sie habe'n doch von 'em Breile oder Mus gsprochn, Herr Pfarrer. Und weil man a Mus isst, hab i's halt g'gessen. Soll i's denn auf den Fuß lege?!“

Kneipp: „Noi, auf's Hiera, wen d'überhaupt oins hascht! Pfüat die Gott und guate Besserung!“

Wie großzügig und selbstlos Kneipp war, bezeugen folgende Schilderungen. Eine aufgetakelte Schöne kommt ins Sprechzimmer gerauscht und will wissen, was sie schuldig sei.

Kneipp: „Was sind S' denn?“ – „Näherin!“ – „So, eine Näherin und dann aufgeputzt wie eine Dreiviertelsgräfin. So eine müsste man ordentlich zahlen lassen. Jetzt will ich Ihnen mal was sagen: Zu zahlen brauchen S' nichts. Wenn Sie aber eine Näherin sind, dann schauen S', dass S' gsund bleiben. Sparen S' Ihre Groschen und hängen S' nicht alles an sich herum! Wenn Sie mir wieder so hereinkommen, dann kriegen S' von mir kein Rezept mehr.“

Und wieder fragt eine Dame nach ihrer Schuld. „Was sind S' denn?“ – „Ich bin Hofdame.“ – „A, wenn Sie eine Hofdame sind, sind S' auch nichts weiter als ein halber Dienstbot und für die kostet's bei mir nichts.“

Ein Student aber, der nach seiner Schuldigkeit fragte, wird verabschiedet: „Ein Student sind Sie? Mein Gott, dann bin ich schon ganz froh, wenn Sie mich nicht auch noch anpumpen!“

 

Ende

 

  

 

 



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